Wer öffnet die Tür zur ISS?

Trotz vielfältiger Blockadeversuche der USA ist China auf dem Weg zur Raumfahrt-Großmacht

Von Jacqueline Myrrhe *

Mit der Abreise der chinesischen Regierungsdelegation aus Berlin hat sich auch die subtropische Hitze gelegt. Den Berliner Sommer zu prognostizieren ist schwierig, den Chinesen allerdings steht ein heißer Raumfahrtsommer bevor.

Im August wird das Reich der Mitte an Bord einer verbesserten Version der einheimischen Trägerrakete »Langer Marsch« die Miniraumstation »Tiangong-1« ins All starten. »Tiangong« dient als Kopplungsziel für die unbemannte Mission »Shenzhou-8«, die für den 30. Oktober geplant ist. Funktioniert das, ist 2011 mit »Shenzhou-9« die erste bemannte Kopplung geplant. Bislang verfügt nur Russland über die Technologie zum automatischen Koppeln von Raumschiffen im Weltall. China kann nun Vizeweltmeister werden. Das Land will bis zum Jahr 2020 eine voll funktionsfähige, aus mehreren Modulen bestehende Raumstation aufbauen. Dafür ist die Beherrschung der Kopplungstechnologie unabdingbar. Zwischen 2013 und 2015 sollen deshalb zwei weitere Weltraumlabors und vier bemannte Raumschiffe starten.

Skeptiker bemängelten die geringe Startfrequenz der bemannten chinesischen Raumflüge. So flog der erste »Taikonaut« im Oktober 2003 in die Erdumlaufbahn und machte China zur dritten bemannten Raumfahrtnation der Welt. Aber die zweite Mission ließ bis zum Oktober 2005 auf sich warten. Und erst im September 2008 konnte China während der Mission »Shenzhou 7« mit einer dreiköpfigen Mannschaft und einem Ausstieg in den Kosmos punkten.

James Lewis, Direktor für Technologie und Politik am Zentrum für internationale und strategische Studien in Washington, meint deshalb: »Im Ganzen betrachtet ist China sowohl technologisch als auch auf dem Gebiet der Weltraumforschung nicht so weit wie die USA. Der eigentliche Grund zur Sorge (der USA – d. Red.) ist der Trend: Chinas Fähigkeiten nehmen zu, während die USA, trotz milliardenschwerer Ausgaben für die Raumfahrt, in einer Sackgasse zu stecken scheinen.« Mit Blick auf die Einstellung der Shuttle-Flüge, des NASA-Programms zur Mondexploration und des Constellation-Projekts für bemannte Flüge zu Mond und Mars fügt Lewis hinzu: »Ich sehe das als eine Bestätigung für Amerikas Verfall.«

China dagegen verfolgt nicht nur seine Raumstationspläne. Das Land hat auch ein Programm zur Erkundung des Mondes. Diese Entwicklung sollte besonders in den USA niemanden überraschen. Die Blockadehaltung der USA gegenüber China hat bislang den gegenteiligen Effekt gehabt. Bereits 1950 hatten die USA den in China geboren Mitbegründer des Jet Propulsion Laboratoriums Qian Xuesen kommunistischer Sympathien verdächtigt und faktisch unter Hausarrest gestellt. Folgerichtig kehrte Qian den USA 1955 den Rücken und wurde in China zum »Vater der Raumfahrt«. Noch 2003 wollten Europa und China beim europäischen Navigationssystem Galileo kooperieren. Nach prompten Protesten der USA erteilte Europa dem asiatischen Partner widerwillig eine Absage. Seitdem hat China die Errichtung des eigenen Systems als nationale Priorität mit Erfolg vorangetrieben.

In den vergangenen Jahren hatte China mehrmals betont, Interesse an einer Beteiligung an der Internationalen Raumstation ISS zu haben. Konservative Kräfte in den USA, allen voran der Republikanische Abgeordnete Frank Wolf, wussten dies bis heute zu verhindern.

Gregory Kulacki, China-Experte bei der Vereinigung Besorgter Wissenschaftler, hält diese Blockade für kontraproduktiv: »China hat gezeigt, dass es die Talente und Ressourcen hat, um es allein hinzubekommen. Die Sanktionen haben nur den Beziehungen zwischen den Ländern geschadet und dazu geführt, dass die neue Generation chinesischer Intellektueller die USA mit Argwohn betrachtet.«

Es sollte darum nicht verwundern, dass China ein eigenes Raumstationsprogramm verfolgt und die internationale Wissenschaftsgemeinde obendrein dazu einlädt, Experimente mitfliegen zu lassen. Erst im vergangenen Monat hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) angekündigt, dass der deutsche SIMBOX-Inkubator mit biologischen Versuchen die erste nicht-chinesische Experimentieranlage an Bord von »Shenzhou-8« sein wird. Das DLR schätzt an der Kooperation mit China die kostengünstige Logistik.

Berndt Feuerbacher ist seit 2008 Präsident der Internationalen Astronautischen Föderation IAF. Der Deutsche sieht der chinesischen »Shenzhou-8«-Mission ebenfalls mit großen Erwartungen entgegen. »Wir haben in der vergangenen Woche unseren Partnern in der Chinesischen Gesellschaft für Astronautik ein kleines Paket mit 300 IAF-Flaggen überreicht. Die Fahnen sind bereits mit dem russischen ›Sojus‹-Raumschiff zur ISS geflogen und kamen mit dem US-amerikanischen Space Shuttle ›Endeavour‹ zurück zur Erde. Nun werden sie mit ›Shenzhou-8‹ zum chinesischen Raumlabor starten und haben dann alle derzeit existierenden bemannten Raumflugsysteme absolviert. Die Flaggen werden nach ihrer Rückkehr als Geburtstagsgeschenk zum 60. Jahrestag der IAF an deren mehr als 200 Mitglieder übergeben.« Feuerbacher sieht seine Organisation als Brückenbauer: »Die IAF ist eine unabhängige, politisch neutrale, internationale Organisation, die sich als Mittler zwischen den Raumfahrtnationen versteht. Natürlich möchten wir es gern sehen, dass die Raumfahrt Chinas Anschluss an die westlichen Bemühungen auf diesem Gebiet findet. Die Aktion mit den IAF-Flaggen ist daher Teil einer weitreichenden Strategie. Wir haben bereits vergangenes Jahr einen Kongress zur Monderforschung in China organisiert und werden unseren Jahreskongress im Jahr 2013 ebenfalls in China ausrichten.«

Nach dem Staatsbesuch von Wen Jiabao wäre es ebenso denkbar, dass Deutschland als treibende Kraft in der bemannten europäischen Raumfahrt ein gutes Wort für Chinas Einbeziehung in das ISS-Programm einlegt. Feuerbacher macht klar, dass er noch ein paar Fähnchen für Persönlichkeiten reserviert hat, die sich für die Förderung der internationalen Raumfahrt verdient machen. Angela Merkel hätte eine Chance, sich dafür zu qualifizieren.

* Aus: Neues Deutschland, 2. Juli 2011

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