David Harveys neues Buch, 10.09.2013 (Friedensratschlag)
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Neues Kampffeld

David Harveys neues Buch ist sein vielleicht wichtigstes

Von Thomas Eipeldauer *

Seit sich 2011 massenhaft »Indignados«, »Empörte«, auf öffentliche Plätze in Spanien setzten und ankündigten, nicht mehr gehen zu wollen, bis sich an der Gesamtscheiße aus Kapitalismus, Krise und Austeritätsdiktat etwas ändert, hat die Aktionsform der Platzbesetzung an Popularität gewonnen. Die zentralen öffentlichen Orte sind zu Symbolen eines Aufbruchs geworden: Der Tahrir-Platz in Kairo, der Taksim-Platz in Istanbul oder der Syntagma-Platz in Athen entwickelten sich in den vergangenen Jahren zu Kristallisationspunkten neuer Massenbewegungen, bei denen sich unterschiedliche Milieus und Klassen der Gesellschaft zusammenfanden, um ihre Interessen wahrnehmbar zu artikulieren.

Weil die Klassenkämpfe hier oft »indirekt«, also nicht unmittelbar in der Sphäre der Produktion, stattfinden, ist auch bei vielen Linken der Irrglaube entstanden, es handle sich hier bloß um »Bürgerproteste« für diesen oder jenen Teilbereich. Weder Versuche, Zwangsräumungen zu verhindern, noch direkte Aktionen gegen nicht gewollte Stadtumstrukturierungen finden in der Fabrik statt. Dennoch sind die urbanen sozialen Beziehungen durch den Klassenwiderspruch bedingt. »Ist die Ausbeutung des Arbeiters durch den Fabrikanten so weit beendigt, daß er seinen Arbeitslohn bar ausgezahlt erhält, so fallen die anderen Teile der Bourgeoisie über ihn her, der Hausbesitzer, der Krämer, der Pfandleiher«, schreiben Marx und Engels im »Kommunistischen Manifest«.

Dem US-amerikanischen Humangeographen und Soziologen David Harvey kann man – zusammen mit anderen Theoretikern wie Henri ­Lefèbvre – attestieren, das Kampffeld Stadt für den Marxismus erschlossen zu haben. Sein Buch »Rebellische Städte« ist nicht weniger als eine systematische Untersuchung der ökonomischen und sozialen Beziehungen, die den Organismus Stadt ausmachen sowie der Widersprüche und Konflikte, die in ihm ausgetragen werden.

Er situiert Auseinandersetzungen um das »Recht auf Stadt«, wie es Lefèbvre in seiner klassischen Abhandlung »Le droit à la ville« von 1968 nannte, in dem weiteren Rahmen einer antikapitalistischen Perspektive. Harvey bewegt sich souverän an verschiedenen Orten und verschiedenen Entwicklungsepochen des Kapitalismus und zeigt auf, daß und wie Urbanisierung mit Akkumulation von Kapital und der Absorption von Kapitalüberschüssen zu tun hat.

Eine der wenigen Schwächen des Buches ist allerdings, daß er einen zu engen Begriff des »Proletariats« verwendet. Weil er unter »Arbeiterklasse« nur direkt in der Fabrik beschäftigte Kernarbeiterschichten versteht, vertritt er die Auffassung, daß in der »fortgeschrittenen kapitalistischen Welt« das »sogenannte ›Prekariat‹ (…) das traditionelle ›Proletariat‹ ersetzt« habe. Das verleitet Harvey leider zu einer Geringschätzung von Fabrikkämpfen gegenüber urbanen Rebellionen, während ein möglicherweise fruchtbarer Ansatz darin bestehen könnte, das »Prekariat« als besonderen Teil des »Proletariats« mit eigenen Kampfbedingungen aufzufassen und so städtische Kämpfe und Kämpfe in der Produktion zu verbinden, die Einheit von Platz und Fabrik herzustellen.

Dennoch: Das Großartige an Harveys »Rebellischen Städten« ist, daß es engagierte Theorie ist, Theorie, die auch jenen, die in urbanen Kämpfen aktiv sind, einen tatsächlichen Erkenntnisgewinn bringen kann. Er schafft es, daß man mit dem Buch wirklich etwas anfangen kann, denn er schreibt nicht aus dem akademischen Elfenbeinturm für den akademischen Elfenbeinturm, sondern für diejenigen, die in den Banlieus von Paris, im Gezi-Park in Istanbul oder auch in Berlin-Kreuzberg genug davon haben, permanent von dem urbanen Leben, das sie selbst schaffen, ausgeschlossen zu werden.

Erfreulich ist, daß Harvey oft – leider nicht immer – mit dem in Teilbereichskämpfen üblichen Reformismus bricht. Er ist weit über sozialdemokratische Befriedungsstrategien hinaus, wenn er schreibt: »Zudem ist das Recht auf Stadt ein leerer Signifikant. Alles hängt davon ab, wer ihn mit einer Bedeutung füllen darf. Die Finanziers und Bauunternehmer können darauf Anspruch erheben und haben auch jedes Recht dazu. Es gilt aber ebenso für die Obdachlosen und die sans-papiers. Wir müssen uns unvermeidlich die Frage stellen, wessen Rechte identifiziert werden, wobei wir anerkennen, wie Marx es im » Kapital« ausdrückt, daß zwischen gleichen Rechten die Gewalt entscheidet. Die Definition des Rechts selbst ist Gegenstand eines Kampfes, und dieser muß den Kampf um die Verwirklichung dieses Rechts begleiten.«

David Harvey: Rebellische Städte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 283 Seiten, 18 Euro

* Aus: junge Welt, Montag, 9. September 2013


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