Freie Heide: Modell für weitere Standorte, 13.07.2009 (Friedensratschlag)
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Wachsende Hoffnung auf Modell Freie Heide

Protestbewegungen gegen die Bombenabwurfplätze in Nordhorn (Niedersachsen) und Siegenburg (Bayern) fordern Ende der Kriegsübungen

Von René Heilig *

Während man rings um die Kyritz-Ruppiner-Heide den Sieg über die Bombodrom-Pläne der Bundesregierung feiert, wächst an den beiden verbleibenden Luft-Boden-Übungsplätze in Nordhorn und Siegenburg das Verlangen, dem »Freie-Heide-Modell« zu folgen.

»Ich bin sauer, nein richtig wütend«, sagt Nordhorns Bürgermeister Meinhard Hüsemann. Dieses Gefühl, das er mit der großen Mehrheit seiner Nachbarn teilt, ist durch den Sieg der Brandenburger FREIen HEIDe stärker geworden. Denn auch bei Nordhorn in Niedersachsen gibt es einen Luft-Boden-Übungsplatz. Seit 62 Jahren. 1608 lärmintensive Einsätze sind im Jahr 2008 gezählt worden. Die Forderung sei unmissverständlich: Die Nordhorn-Range muss weg! Das verlangt seit 1971 auch die regionale Notgemeinschaft der Anwohner.

Der Übungsplatz, fast 2200 Hektar groß, ist nach dem Manöverfeld bei Wittstock der zweitgrößte der Luftwaffe in Deutschland. Hier hat Krupp Kanonen eingeschossen, die Nazis bauten einen Flugplatz, nach dem Krieg kam die Royal-Air-Force. 2001 übernahm die Bundeswehr. Seither üben im NATO-Verbund deutsche Tornados aus Jagel, Nörvenich und Büchel, US-Jagdbomber aus Spangdahlem sowie Militärjets der niederländischen, belgischen und französischen Luftstreitkräfte.

Im vergangenen Jahr habe er ein »gutes Gespräch« mit dem Verteidigungsminister gehabt, sagt Bürgermeister Hüsemann und erinnert sich genau, dass Franz Josef Jung (CDU) ihm einen »gerechten Lastenausgleich« zwischen der Nordhorn-Range, dem Bombodrom und dem dritten Übungsplatz im bayerischen Siegenburg versprach. Nun sehen die Nordhorner sich betrogen. »Irgendwer«, Hüsemann zeigt auf die Kanzlerin, habe den Minister umgestimmt. »Was soll man von solchen Politikern halten?!«

Zu »solchen Politikern« zählt der Bürgermeister auch seinen SPD-Parteifreund und Bundestagsfraktionschef Peter Struck. Der habe wie fast die ganze sozialdemokratische Führung 17 Jahre lang für das Bombodrom gestimmt und nichts für die Nordhorner unternommen.

Der Rückzug vom Brandenburger Bombodrom, so hofft man in den zwei unmittelbar vom Tiefflug-Terror betroffenen Landkreisen Grafschaft Bentheim sowie Emsland, könnte eine Signalwirkung haben. Denn: Wie nach dem Rückzug der Sowjetarmee aus der Heide bei Wittstock habe man auch im Nordwesten nach dem Abzug der Briten »vergessen«, ein ordentliches Planfeststellungsverfahren zu eröffnet. Die Bundeswehr setzte sich widerrechtlich als Erbe ein.

Aus diesem und Umweltgründen sind drei Klagen eingereicht worden. Dabei sei man in engem Kontakt mit den »Lärm-Leidensgenossen im bayerischen Siegenburg« und stimme jeden Schritt ab. Nach der »Bundeswehr-Kapitulation« im Osten wird man die Klagen wohl um den ausbleibenden Lastenausgleich erweitern. »Der muss kommen und zwar auf Null-Niveau«, heißt es aus dem Rathaus im nahen Lingen. Hinzu kommt Einspruch gegen den Ausbau des niederländischen Airports Enschede/Twente, der weiteren Fluglärm bringt und den die Luftwaffe bislang nicht einmal zur Kenntnis nahm.

Doch diese Art Lässigkeit ist nicht die einzige, die Angst erzeugt. 2005 schlug eine Übungsbombe vor der Schule der Gemeinde Klausheide ein. Auch dass die Piloten beim Anflug das Atomkraftwerk in Lingen als Orientierungspunkt wählen, verunsichert.

Bürgermeister Hüsemann hat Verständnis dafür, dass seine Nachbarn ebenso partei- wie wahlverdrossen sind, meint jedoch, dass die bevorstehende Abstimmung zum nächsten Bundestag der Protestbewegung zusätzlichen Schwung bringt. »Ich darf als Stadtoberhaupt keine Demonstrationen organisieren, aber ich werde dabei sein. In der ersten Reihe.«

Verteidigungsminister Jung will derweil – so kurz vor der Wahl – eine Erhöhung der Belastung für die Luft-Boden-Schießplätze in Siegenburg und Nordhorn »nicht hinnehmen«. Doch eine Verlagerung ins Ausland sei mit Mehrbelastungen für das Personal und höheren Kosten verbunden.

Derweil kümmert man sich bei Wittstock um die weitere wirtschaftliche und touristische Erschließung der nun freien Heide. Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) hat eine Studie, mit der ein zusätzliches Umsatzpotenzial von 50 Millionen Euro jährlich errechnet wurde. Dazu notwendig ist die Beräumung des Bombodroms. Kirsten Tackmann, brandenburgische Bundestagsabgeordnete der Linksfraktion, fordert die sofortige Freigabe der im Bundesetat bereitgestellten 220 Millionen Euro. »Es kann nicht sein, dass die Bundeswehr den Platz seit 17 Jahren blockiert und sich jetzt als Eigentümer aus der Verantwortung stiehlt.«


Wenn wir fordern: Kein Bombenabwurf hier und andernorts, sondern Brot und Wasser für alle Menschen auf der Erde – dann sind wir nicht wahnsinnig, sondern normal. Es sei denn, wir hielten es für die Normalität, uns den eigenen Wohlstand zu erhalten und bereiten uns darauf vor, das Privileg, zu den Reichen dieser Erde zu gehören, gegen den Ansturm der armen Völker dann auch mit militärischen Mitteln zu verteidigen. Ich komme nicht umhin zu vermuten, in den Köpfen von Politikern und Militärs, aber auch Wirtschaftsführern werde dieser Ernstfall bedacht.
Pfarrer Horst Kasner, Vater von Kanzlerin Angela Merkel, bei einer Bombodrom-Protestwanderung 1994



* Aus: Neues Deutschland, 11. Juli 2009


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