Jugendoffizier vergrault

Eine Schulklasse in Frankfurt am Main konnte den Gastreferenten der Bundeswehr mit kritischen Fragen zum Rückzug bewegen

Von Gitta Düperthal *

Am schönsten sind Grillpartys, wenn es ein gemeinsames Erfolgserlebnis zu feiern gibt. So sieht es jedenfalls die Klasse 12/5 der beruflichen Fachoberschule, Zweig Wirtschaft und Verwaltung Gelnhausen. Am Mittwoch (25. Mai) hatte Lehrer Gundolf Hambrock seine ehemaligen Schülerinnen und Schüler mal ganz privat in seinen wildwüchsigen Garten im Frankfurter Stadtteil Ginnheim eingeladen – nicht nur, um deren Abschluß nach zwei Jahren mit Bier oder Limo zu begießen: Den 17- bis 25jährigen war es kürzlich gelungen, mit ihren der Bundeswehr in Wetzlar zugemailten kritischen Fragen zur Vorbereitung einer Podiumsdiskussion den dortigen Ansprechpartner, Jugendoffizier Thomas Klein, zu vergraulen. Trotz hartnäckig wiederholter Einladung seitens der Schüler hatte dieser plötzlich keine Lust mehr verspürt, mit der Klasse über die Ziele der Bundeswehr zu diskutieren. Die Unlust hatte sich noch verstärkt, weil die Klasse zur Diskussion weitere Gäste eingeladen hatte: Den Irak-Kriegsveteranen und Deserteur der US-Armee, Chris Capps-Schubert von der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) Hanau sowie den ehemaligen Widerstandskämpfer gegen den Hitlerfaschismus, Lorenz Knorr, der sich nach dem Krieg gegen die Wiederbewaffnung engagiert hat.

»Für Ihre Veranstaltung habe ich seitens meiner Vorgesetzten keine Zustimmung und Genehmigung erhalten«, heißt es in der Absage, die die Schüler beim Gartenfest stolz junge Welt präsentierten. Eine weitere Zusammenarbeit sehe er »nach den Vorkommnissen beschädigt«. Und: »Kein ausgewogenes Podium«, befand der Jugendoffizier. Das telefonisch übermittelte Angebot, weiteres Personal hinzuzuziehen, habe ihn nicht umstimmen können, berichteten die Schüler. »Die DFG-VK als Gesprächspartner auf dem Podium, das paßte wohl nicht ins Werbeprogramm«, meinte einer. »Aber wir lassen uns doch nicht damit ködern, mal im Kampfanzug durchs Klassenzimmer laufen zu dürfen, wie sie das an Schulen durchexerzieren«.

Der Fragenkatalog, der am 10. März bei der Bundeswehr in Wetzlar eingegangen war, hat es in der Tat in sich. Zum Beispiel wollten die Schüler wissen, warum die Bundeswehr Mißstände in der Ausbildung zuläßt, zum Beispiel rohe Leber essen. Außerdem fragten sie, »warum die Bundeswehr in ihrem Aussehen der Wehrmacht ähnelt«.

»Aus der Traum vom netten angepaßten Schüler, der wissen will, ob man bei der der Bundeswehr den Führerschein machen kann«, amüsierte sich Matthias Horstkamp beim Grillen. »Sie führen Krieg, nicht um den Frieden zu sichern, sondern um die Wirtschaft anzukurbeln«, konstatierte Ines Nachtigal. »Ich habe keine Lust, mich anschreien zu lassen und auf Befehle zu hören«, so Alexander Schreiner. Sein Mitschüler Kai Knoll übte beim Garnieren seines Schnitzels mit Remoulade scharfe Kritik an der Werbung der Bundeswehr in den Kreiswehrersatzämtern: Dort zeige man rollende Panzer und lächelnde Kinder.

Auch die selektive Gastfreundlichkeit der Schulleitung war ein Gesprächsthema: »Jeder Handwerker wird mit einem Büffet empfangen«, so Alexander Schreiner. Als jedoch die Antifaschisten Capps-Schubert und Knorr kamen, habe sich die Schulleitung nicht einmal blicken lassen. Der stellvertretende Rektor Hartmut Bieber habe zudem untersagt, die junge Welt an der Schule auszulegen. Nur die Frankfurter Rundschau, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Gelnhäuser Neue Zeitung habe man dort abonniert.

Trotz Kooperationsabkommen der Kultusministerien mit der Bundeswehr sind Schulleitungen übrigens nicht verpflichtet, Jugendoffiziere einzuladen.

* Aus: junge Welt, 30. Mai 2011


Schulen verweigern sich den Streitkräften

Immer mehr Bildungseinrichtungen erklären sich zu bundeswehrfreien Zonen und erteilen Jugendoffizieren Absagen

Von Michael Schulze von Glaßer **


Um sich den Zugang zu den potentiellen Rekruten von morgen zu sichern, gibt es mittlerweile in acht Bundesländern Kooperationsvereinbarungen zwischen dem jeweiligen Kultusministerium und der Bundeswehr: in Nordrhein-Westfalen (Oktober 2008), dem Saarland (März 2009), Baden-Württemberg (Dezember 2009), Rheinland-Pfalz (Februar 2010), Bayern (Juni 2010), Mecklenburg-Vorpommern (Juli 2010), Hessen (November 2010) und Sachsen (Dezember 2010). Die vom Militär forcierten Abkommen sichern den Jugendoffizieren der Armee – jungen, rhetorisch geschulten Soldaten – den Zugang an die Bildungseinrichtungen. Allerdings sind die Abkommen nicht bindend. Noch immer kann jede Schule für sich entscheiden, ob sie Soldaten im Unterricht zuläßt. Zwar gibt es bereits in mehreren Bundesländern Initiativen, die sich für ein Verbot der Bundeswehr an Schulen einsetzen, der politische Weg über die Landesregierungen war bisher aber nirgends erfolgreich – auch nicht in den »rot-rot« regierten Ländern Berlin und Brandenburg. Parallel wird daher Graswurzelarbeit betrieben: Immer mehr Schulen beschließen ein Hausverbot für das Militär. Neben Friedensaktivisten, Kinderrechtlern, Lehrern und Schülern sprechen sich auch Elternverbände – etwa der Landeselternverband Bayern – gegen Bundeswehr-Besuche im Klassenzimmer aus.

An der Hulda-Pankok-Gesamtschule in Düsseldorf war es die Schülervertretung, die im Oktober 2010 einen Antrag für eine »Schule ohne Bundeswehr« an die dortige Schulkonferenz stellte. Darin wurde die Nichtumsetzung der für Nordrhein-Westfalen geltenden Kooperationsvereinbarung gefordert. Der Antrag wurde einstimmig von Eltern, Lehrern und Schülern angenommen. Einige Tage vor dem Beschluß wurde die Bundeswehr durch die Schulleitung von einer an der Schule stattfindenden Berufsmesse wieder ausgeladen – Schüler und Friedensaktivisten hatten Proteste angekündigt.

Die Käthe-Kollwitz-Schule in Offenbach beschloß am 24. März 2011, die für das Land Hessen geltende Kooperationsvereinbarung nicht umzusetzen. Auf Initiative von in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft organisierten Lehrern wurde seitens der Schulkonferenz eine Begründung abgegeben: »Die Bundeswehr ist keine Verteidigungsarmee mehr, wie vom Grundgesetz vorgesehen. Sie ist eine Armee im Einsatz und dient den Interessen der Wirtschaft, wie der ›Sicherung der Rohstoff- und Warenströme, der Transportwege‹ und vielem mehr – so als offizielle Regierungspolitik festgeschrieben im Weißbuch der Bundesregierung im Jahre 2006.« Weiter heißt es: »Wir wollen nicht, daß unsere Schülerinnen und Schüler für einen Krieg gegen andere Völker rekrutiert werden. Und wir wollen auch nicht, daß sich die Bundeswehr als friedensschaffende Kraft anpreisen kann.« Auch die Martin-Buber-Schule im südhessischen Heppenheim hat der Bundeswehr bereits ein Hausverbot erteilt.

Doch auch in Bundesländern ohne Kooperationsabkommen sind die Bundeswehr-Werber aktiv – und Friedensaktivisten ebenfalls. Die Schulkonferenz des Robert-Blum-Gymnasiums im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg stimmte Ende März einem Antrag für eine »Schule ohne Militär« zu: »Das vermeintliche Lösen von Konflikten mit militärischer Gewalt widerspricht der an unserer Schule gepflegten Kultur und unseren Erziehungsidealen«, heißt es im Beschluß. Zudem sei die im Berliner Landesschulgesetz festgeschriebene Erziehung der Schüler zum Frieden und zu einer »friedlichen Verständigung der Völker« mit Bundeswehr-Besuchen nicht vereinbar. Der Berliner Landeslehrerausschuß forderte Anfang April alle Schulen des Landes auf, dem Vorbild des Blum-Gymnasiums zu folgen und »in den Gremien der Schulen entsprechende Beschlüsse zu fassen«.

** Aus: junge Welt, 27. Mai 2011


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