Offener Brief an DGB-Chef Sommer wegen Bundeswehr, 13.02.2013 (Friedensratschlag)
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"Gewerkschafter und Friedenbewegte treten der Militarisierung der Politik entgegen" - Und DGB-Chef Sommer übt mit de Maizière den Schulterschluss

Offener Brief vom Friedensrat Markgräflerland an den DGB-Vorsitzenden


Von einem „Schulterschluss“ zwischen Gewerkschaften und Bundeswehr sprachen die Medien nach einem Gespräch zwischen DGB-Chef Michael Sommer und Verteidigungsminister Thomas de Maizière. Dieses Gespräch fand am 5. Februar 2013 statt und war offenbar auf Wunsch des DGB zustande gekommen.
In Gewerkschaftskreisen, die enger mit der Friedensbewegung zusammen arbeiten, stieß dieses Gespräch auf Unverständnis und wurde kritisiert. So auch in einem sehr persönlichen "Offenen Brief" des Betriebsrats und Gewerkschaftskollegen Ulrich Rodewald vom Friedensrat Markgräflerland, den wir im Folgenden dokumentieren.



Dokumentiert: Offener Brief an Michael Sommer

Friedensrat Markgräflerland
Ulrich Rodewald

Deutscher Gewerkschaftsbund
Bundesvorstand
Bundesvorsitzender Michael Sommer
Henriette-Herz-Platz 2
10178 Berlin


Müllheim, 12. Februar 2012

Lieber Michael Sommer,


sicherlich erinnerst du dich. Mai 1975. Freie Universität Berlin. Du studiertest am OSI (Otto Suhr Institut), ich an der WiSo (Wirtschaftwissenschaftliche Fakultät). Du warst bei der ADSPol, ich bei der ADSÖk. ADS stand für Aktionsgenmeinschaft von Demokraten und Sozialisten.

Wir waren – na klar – jünger. Und: Wir wollten die Welt verändern. Nicht irgendwie, sondern zum Besseren für die Vielzahl der Menschen in unserem Land. Gemeinsam mit ihnen. Vor allem wollten wir: Eine Welt ohne Krieg und: Von Deutschland solle nie wieder Krieg ausgehen.

30 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, der zuviele Opfer forderte, stritten wir gemeinsam für eine Welt in Frieden. Deshalb war/ist uns ein Tag wie der 1.September bedeutsam: Nie wieder Krieg. Deshalb heißt es im Grundsatzprogramm unseres DGB: „Soziale, ökonomische und ökologische Konflikte müssen auf zivilem Wege ohne militärische Gewalt gelöst werden.“

Inzwischen haben wir uns aus den Augen verloren. Du wurdest Vorsitzender des DGB. Ich bin Betriebsrat und stellvertretender Vorsitzender des DGB Kreises Markgräflerland.

Du lebst in Berlin, ich in Müllheim. Allerdings stehen beide Orte - und so auch wir - in unmittelbarer Beziehung: In Müllheim ist der Stab der Deutsch-Französischen Brigade stationiert. Dieser militärischer Grossverband ist dafür aufgestellt, Kriege in aller Welt zu führen. Wenn denn die Oberen in Berlin so verfügen, dann werden blutjunge Menschen von Müllheim aus in neue Krieg geschickt.

Gewerkschafter und Friedenbewegte treten in Müllheim der Militarisierung der Politik entgegen. Sie (wir) wollen keine Politik, die Kriege als Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln begreift. Umso mehr haben uns deine/die Verlautbarungen nach deinem Treffen mit dem Bundesverteidigungsminister De Maizière, zu dem du Initiative ergriffen hast, entsetzt.

Nicht reflexartig, weil es nicht statthaft ist, mit Kriegsbefürwortern Gespräche zu führen. Man (wir) müssen immer Gespräche führen. Entsetzt hat mich, dass nun auch für dich Kriege als Fortsetzung der Politik zwar nicht schön, aber unumgänglich erscheinen. Und sie zumindest der Mitbestimmung unterliegen sollten.

Wie sich dies mit der gewerkschaftlichen Forderung: Nie wieder Krieg! Vereinbaren lassen soll, ist mit unverständlich.

Lieber Michael Sommer,

dich erreicht dieser Brief als öffentlicher, weil ja auch du vor die Presse getreten bist, ohne mich zu fragen, was ich denn von deinen Äusserungen zu Fragen von Krieg und Frieden halte.

Vielleicht (hoffentlich) habe ich deine Ausführungen überhaupt falsch verstanden. Um die möglichen Mißverständnisse auszuräumen, lade ich dich herzlich nach Müllheim ein, damit wir diese Problematik durchaus öffentlich bereden können.

Mit kollegialen Grüßen
Uli Rodewald
Betriebs- & Friedensrat



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