Luftfahrtmesse "Airtec" in Frankfurt zeigt Drohnen, 07.11.2012 (Friedensratschlag)
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"Sie begehen Greueltaten per Joystick"

Auf der Luftfahrtmesse "Airtec" in Frankfurt am Main werden Drohnen gezeigt – dagegen gibt es Proteste. Gespräch mit Matthias Blöser *


* Matthias Blöser ist hauptamtlicher »Friedensarbeiter« der Pax-Christi-Bistumsstelle Limburg. Sie protestiert im Bündnis mit anderen Organisationen gegen die Rüstungsschau »Airtec« in Frankfurt am Main.


Gegen die Präsentation von Kriegstechnologie bei der Luft und Raumfahrtausstellung Airtec in Frankfurt am Main haben am Montag verschiedene Friedensorganisationen protestiert – unter anderem Pax Christi. Welche militärischen Flugobjekte werden dort gezeigt?

Wir wenden uns gegen die bei dieser Fachmesse präsentierten unbemannten Flugobjekte, sogenannte Drohnen, die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können. Drohnenangriffe durch die US-Streitkräfte gibt es beispielsweise in Pakistan: Seit 2004 wurden dort durch diese Waffe über 800 Zivilisten getötet und mehr als 1300 verwundet. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, denn der Einsatz entzieht sich praktisch jeder Kontrolle. Die Schätzungen stammen aus einer Studie der Stanford und New York University aus dem September dieses Jahres.

Während der Präsidentschaft George Bushs gab es allein in Pakistan 52 solche Luftangriffe – sein Nachfolger Barack Obama brachte es bis September allerdings schon auf 292. Die wissenschaftliche Untersuchung »Living under drones« (Leben unter Drohnen) weist zudem auf das Bedrohungsgefühl der Bevölkerung hin und darauf, welch ein politischer Schaden auf längere Sicht angerichtet wird. Völkerrechtlich gesehen sind die Angriffe nicht legitimiert, da sich die USA und Pakistan nicht im Krieg befinden. Auch Deutschland will Angriffsdrohnen haben, bisher werden von der Bundeswehr in Afghanistan lediglich drei dieser Flugkörper zur Aufklärung eingesetzt.

Sind deutsche Firmen an der Herstellung von Drohnen beteiligt?

Gebaut werden sie in den USA, Großbritannien oder Israel. Zulieferungen für die Antriebssysteme stammen aber von den Firmen Rolls Royce oder Honeywell, die auch in Deutschland produzieren. Diese Konzerne übernehmen auch Wartungsaufgaben.

Wie erklären Sie sich, daß die USA waffentragende Drohnen in Pakistan einsetzen, ohne daß der US-Kongreß zugestimmt hat oder ihre Verwendung überwacht?

Es bedarf keines Beschlusses zur Kriegsführung in Pakistan, weil es keinen Einmarsch gibt. Die Strategie lautet: »No boots on the ground« (Keine Stiefel auf dem Boden). In Afghanistan gibt es eine Besatzung, nicht aber in Pakistan. Nach unserer Auffassung sind die Drohnenangriffe dort völkerrechtswidrig. Sie sind ein illegaler Eingriff in den Luftraum eines souveränen Staates.

Das US-Militär nennt diese Aktionen gezielte Tötung von Terrorverdächtigen – bei diesen Angriffen werden aber auch unbeteiligte Zivilisten getötet, darunter häufig Kinder. Dafür wird das unsägliche Wort »Kollateralschaden« verwendet. Auch die Bundeswehr will nun bewaffnete Drohnen anschaffen. Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) meint, solche solche Waffen seien »ethisch neutral«.

Rund 60 Rüstungsgegner haben am Montag an der Frankfurter Katharinenkirche protestiert – wie ist die Aktion verlaufen?

Wir haben vor der Kirche eine Art Mahnwache abgehalten und Friedenstauben aufsteigen lassen. Vom Turm haben wir Papierflieger mit Informationen herabgeworfen, die begründen, warum wir uns gegen die Rüstungsausstellung wenden.

Wer wirkt in dem Bündnis mit?

Die Proteste gegen militärische Drohnen auf der »Airtec« unterstützen unter anderem die ATTAC AG Globalisierung und Krieg, die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), die Friedens- und Zukunftswerkstatt und das Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Und wir natürlich von der Pax-Christi-Bistumsstelle Limburg.

Die Partei Die Linke hat sich den Protesten ebenfalls angeschlossen. Sie kritisiert die Tötung von Terrorverdächtigen als »extralegale Hinrichtungen«. Wie beurteilen Sie das?

Wir sehen das genauso. Wir kritisieren aber auch, daß diese Einsätze wie ein Computerspiel funktionieren: US-Soldaten sitzen irgendwo auf einem Stützpunkt in Nevada in ihrem Büro und begehen solche Greueltaten per Joystick am Computer.

Interview: Gitta Düperthal

* Aus: junge Welt, Mittwoch, 07. November 2012


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