Bundeswehr wegtreten, 01.04.2010 (Friedensratschlag)
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Bundeswehr weggeputzt

Kölner Initiative zur Störung von Militär im öffentlichen Raum wird bundesweit aufgegriffen

Von Steffi Holz *

Die antimilitaristische Initiative »Bundeswehr wegtreten« kritisiert die schleichende Militarisierung des Alltags und prangert die Kriegspolitik der Regierung an.

Eigentlich sollte das Bundeswehr-Werbematerial an möglichst viele AbiturientInnen verteilt und im persönlichen Gespräch für den Soldatenberuf geworben werden. Aber dann stürmte eine »schnell eingreifende Putztruppe«, ausgerüstet mit Staubwedeln, Mülltüten und Reinigungsmitteln, an den Messestand und innerhalb weniger Minuten hatten die Offiziere weder Material noch Zuhörer. Denn die jungen BesucherInnen der Berufsmesse waren mit den Putzkräften im Gespräch darüber, dass der Soldatenberuf eben kein »normaler« Beruf wie jeder andere sei.

Seit mehr als drei Jahren stört die Kölner Initiative »Bundeswehr wegtreten« solche militärischen Auftritte in der Öffentlichkeit mit fantasievollen Aktionen des zivilen Widerstandes. »Die Bundeswehr versucht seit Langem, massiv in zivile Bereiche einzudringen und ihre Kriegspolitik immer noch als humanitäre Friedenseinsätze zu verkaufen«, erklärt ein Mitglied der Initiative die Strategie der Bundeswehr. Unter dem Motto: »Wer die Öffentlichkeit sucht, muss sie auch ertragen«, kritisieren die AktivistInnen diese Entwicklung; manchmal überraschend, wie als antimilitaristische Putzkolonne, manchmal angekündigt wie beim letzten Soldatengottesdienst mit Kardinal Meissner Ende Februar im Kölner Dom.

»Die Bundeswehr ist längst im zivilen Alltag präsent«, sagt der Kölner Aktivist und zählt auf: Bundeswehrkrankenhäuser, die in die Unfallversorgung integriert sind; Verbindungskommandos in Kreisen und Städten, die sich mit Feuerwehr und Katastrophenschutz vernetzen; Militärorchester, die auf öffentlichen Veranstaltungen spielen oder Arbeitslose, die zu Infoveranstaltungen ins Arbeitsamt geladen werden. »Gegen diese Militarisierung des Alltags richten sich unsere Aktionen, das Militär muss raus aus unserem Leben«, so der Antimilitarist weiter.

Gerade an Schulen finden immer mehr Werbeveranstaltungen der Bundeswehr statt. Zwischen Schulministerien und der Bundeswehr werden häufig Kooperationsverträge geschlossen. Diese habe mit Imageproblemen als Arbeitgeber zu kämpfen und bemühe sich händeringend um Nachwuchs.

Neueste Zahlen der Bundesregierung sprechen eine deutliche Sprache: Demnach wurden im Jahr 2009 insgesamt 400 000 Jugendliche von Offizieren der Bundeswehr an Schulen beeinflusst; beispielsweise durch Referate über Sicherheits- und außenpolitische Fragen von Jugendoffizieren oder durch sogenannte Wehrdienstberater, die über das Berufsfeld Bundeswehr informieren. Auch an Universitäten bestimmt die Bundeswehr immer mehr Forschungsbereiche. 50 Ausbildungsberufe und 20 Studienfächer sind mittlerweile im Angebot.

Eine Entwicklung, die die Kölner AntimilitaristInnen nicht unbeantwortet lassen wollen. Mit der im vergangenen Jahr initiierten Kampagne »Schule ohne Bundeswehr« soll den Werbeoffizieren der Zutritt zu Schulen und Hochschulen verwehrt und eine öffentliche Diskussion vorangetrieben werden. Sie unterstützen SchülerInnen mit Argumenten und Infomaterialien, die Aktionen gegen die Werbeveranstaltungen planen. Neben Köln forderten Jugendliche bereits in Berlin, Bernau, Weimar, Hamburg, Duisburg und Göttingen »Ausbildungsplätze statt Auslandseinsätze«.

Unter dem Namen »Bundeswehr wegtreten« finden mittlerweile bundesweit Aktionen statt, was ganz im Sinne der »Erfinder« ist, denn: »Unsere Arbeit endet erst, wenn die Köpfe entmilitarisiert und das Militär aufgelöst sind«, so der Kölner Vertreter.

Vorerst arbeiten sie weiter daran, die Bundeswehr aus dem öffentlichen Raum zurückzudrängen und feiern erste Erfolge: »Durch unsere immer wiederkehrende Präsenz am Kölner Arbeitsamt gegen die Wehrdienstberater lassen diese jetzt ihre bewaffneten Feldjäger zu Hause und die Jagd nach den Ausbildungsplätzen suchenden Jugendlichen wird eher versteckt betrieben.«

* Aus: Neues Deutschland, 31. März 2010


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