Campen gegen Krieg

Sachsen-Anhalt: Bündnis "War starts here" plant Aktionen gegen Ausbau von Gefechtsübungszentrum

Von Susan Bonath *

Feind hinterm Fenster! Deckung – Orientieren – Schuß. Ein Lasersimulator informiert die Soldaten, wer getroffen wurde und liegenbleibt in der »Steppe« Sachsen-Anhalts. Das ist ein normales Szenario im Gefechtsübungszentrum (GÜZ) Altmark. Auf dem 232 Quadratkilometer großen Truppenübungsplatz in der Colbitz-Letzlinger Heide – laut Bundeswehr der modernste Europas – werden jährlich etwa 25000 Soldaten gezielt auf Kriegseinsätze vorbereitet. Sie trainieren dort, beliebige Städte in der Welt zu überfallen und zu besetzen. Das läßt man sich einiges kosten: Noch in diesem Herbst wird auf dem Areal mit dem Bau einer kompletten, rund sechs Quadratkilometer großen »Stadt« begonnen, in der der Häuserkampf geprobt werden kann. Kosten: bis zu 100 Millionen Euro (jW berichtete am 14. Mai, siehe: "Stadt zum Krieg üben").

Das Bündnis »War starts here« ruft jetzt zu zivilem Ungehorsam gegen die Pläne auf. Vom 12. bis 17. September will es am Rand des Geländes in der Nähe von Hillersleben (Landkreis Börde) ein Camp errichten. Geplant sind verschiedene Aktionen unter dem Motto »Der Krieg beginnt, wo er geübt wird. Dort wollen wir ihn blockieren.«

»Die Übung findet nicht nur virtuell statt, wir meinen es ernst«, betonte GÜZ-Leiter Dieter-Uwe Sladeczek, als er Ende Juni das »Projekt« der Öffentlichkeit vorstellte. »Bis 2030 werden mehr als 60 Prozent der Weltbevölkerung in Städten wohnen. Das bedeutet, daß internationale Missionen – von humanitär bis friedenserzwingend – nur in einer solchen Umgebung realitätsnah geübt werden können«, sagte er der Magdeburger Volksstimme. Die Vorbereitungen für den Baubeginn sind bereits getroffen. Vor gut drei Wochen unterschrieb das Baumanagement Sachsen-Anhalt den Vertrag; Auftragnehmer ist das Planungsbüro ICL aus Oschersleben (Landkreis Börde). Demnach soll die »Stadt« im Jahr 2017 komplett sein. Bis zu 1500 Soldaten sollen dann gleichzeitig hier den Einsatz im »urbanen Umfeld« trainieren können. Erste Übungen könnten aber schon 2015 stattfinden.

Ernst ist es auch dem Bündnis. »Unser Camp soll dazu dienen, antimilitaristische Kräfte zu bündeln, Analysen zu diskutieren und praktische Erfahrungen zu sammeln«, heißt es in dem Aufruf. Das GÜZ sei ein »zentraler militärischer Ort in Deutschland«. Während im Bereich der sozialen Daseinsvorsorge gekürzt werde, verschlinge die Erweiterung des Truppenübungsplatzes Unsummen an Steuergeldern. Den Bau der Geisterstadt »Schnöggersburg« mit 600 Wohnhäusern, mit Einkaufszonen, U-Bahnstationen, Stadtautobahn, Elends- und Bankenviertel, Industriegebiet und einem Flugplatz sieht das Bündnis als Indiz dafür, daß »die zunehmende Militarisierung offenbar auch der künftigen Bekämpfung von sozialen Unruhen dient«. Die Antimilitaristen planen einen zentralen Aktionstag am 15. September: »An diesem Samstag wollen wir mit möglichst vielen Menschen das GÜZ friedlich entern und den Übungsbetrieb der Bundeswehr unterbrechen.«

Anliegende Gemeinden haben den Bau der Kampfstadt in den regionalen Medien befürwortet. Ihr Argument sind die dabei abfallenden temporären Arbeitsplätze. Jobs waren 2009 auch für Norbert Eichler, Bürgermeister von Haldensleben (Landkreis Börde), Grund genug, einen »Patenschaftsvertrag« mit dem GÜZ zu unterzeichnen. Die Bürgerinitiative »Offene Heide« setzt sich hingegen seit fast 20 Jahren für die zivile Nutzung des größten mitteleuropäischen Heidegebietes ein. Jeden ersten Sonntag im Monat lädt sie ein, einen Friedensweg zu gehen; die Treffpunkte gibt sie jeweils auf ihrer Internetseite bekannt.

* Aus: junge Welt, Montag, 16. Juli 2012


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