50 Jahre Göttinger Erklärung, 14.04.2007 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

1957: Wissenschaftler als Verweigerer und politische Mahner

Die "Göttinger Erklärung" hat einen neuen Typus des engagierten Wissenschaftlers hervorgebracht und der Friedensbewegung wichtige Impulse verliehen

Mit dem "Göttinger Manifest" haben 18 renommierte Atomwissenschaftler am 12. April 1957 gegen die Aufrüstung der Bundeswehr mit Kernwaffen protestiert. Die Erklärung ist auch heute noch lesenswert. (Hier geht es zur Göttinger Erklärung im Wortlaut.)
Im Folgenden dokumentieren wir interessante Hintergrundartikel sowie ein Interview zum 50. Jahrestag des Ereignisses.



Aufstand der Physiker *

Wegbereiter für die Antiatombewegung: Mit der "Göttinger Erklärung" verhinderten Wissenschaftler vor 50 Jahren, daß die Bundeswehr mit Kernwaffen aufgerüstet wird

Von Reimar Paul *

Die Bundeswehr war kaum gegründet, die Bundesrepublik gerade in die NATO aufgenommen, als Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß (CSU) bereits die Ausrüstung der westdeutschen Streitkräfte mit Atomwaffen forderten. Es sollten nur »taktische«, also kleinere Bomben beschafft werden, versuchte der Kanzler auf einer Pressekonferenz am 12. April 1957, die noch unter Kriegs­eindrücken leidenden Deutschen zu beruhigen: »Nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie«.

Die führenden Kernphysiker waren anderer Ansicht. Carl Friedrich von Weizsäcker, der Bruder des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, trommelte am Telefon seine Kollegen zusammen und verfaßte einen Entwurf für ein Manifest. 18 Top-Wissenschaftler, unter ihnen mehrere Nobelpreisträger, unterzeichneten den Text – viele von ihnen waren schon während der Nazi-Diktatur im sogenannten Uran-Verein an der Atomforschung beteiligt gewesen. Über das Büro von Otto Hahn ging der Appell an die Redaktionen – als »Göttinger Erklärung«, obwohl damals nur vier Beteiligte in Göttingen forschten.

Die Akademiker formulierten ihre »tiefe Sorge« über die Absichten der Bundesregierung. Sie erklärten, daß auch taktische Atomwaffen die »zerstörende Wirkung normaler Atombomben« hätten. Und »klein« seien diese Waffen nur im Vergleich zu den »strategischen« Bomben, vor allem den Wasserstoffbomben: »Jede einzelne taktische Atombombe oder -granate hat eine ähnliche Wirkung wie die erste Atombombe, die Hiroshima zerstört hat« (vollständiger Wortlaut siehe Seite 8).

Die Regierung wurde aufgefordert, auf die atomare Bewaffnung der Bundeswehr zu verzichten, um die Menschen in der Bundesrepublik nicht weiter zu gefährden. Die Unterzeichner lehnten selbst jede Mitarbeit an der atomaren Bewaffnung ab, sprachen sich gleichzeitig aber ausdrücklich für die friedliche Nutzung der Atomenergie aus.

Die »Göttinger Erklärung« erzielte in Deutschland gewaltige Resonanz und stieß auch weltweit auf ein großes Echo. Sie hatte Signalwirkung für die »Kampf dem Atomtod«-Bewegung, die in der Folgezeit die gesamte Bundesrepublik erfaßte, und beeinflußte erste zögerliche Abrüstungsdebatten zwischen den Großmächten wie die »Pugwash-Konferenzen« in der gleichnamigen kanadischen Stadt.

Von der Bundesregierung kam zunächst der Vorwurf, die Physiker betrieben Vaterlandsverrat und seien inkompetent. Doch weil zwei Drittel der Bevölkerung mit der Meinung der Physiker übereinstimmten und Adenauer seine Wiederwahlchancen gefährdet sah, lenkte der Kanzler ein. Über eigene Atomwaffen verfügt die Bundeswehr bis heute nicht.

In Göttingen allerdings blieben Reaktionen auf das Manifest weitgehend aus. Weder Rat noch Verwaltungsausschuß nahmen Stellung, es kam zu keinen Demonstrationen oder sonstigen öffentlichen Kundgebungen. Wie bereits 120 Jahre vorher bei den »Göttinger Sieben«, die gegen die Suspendierung der Verfassung durch König Ernst August rebelliert hatten, zeigte sich die Stadt seltsam unberührt von einem universitären Protest, der ihren Namen überall in der Welt bekannt machte.

Politisches Engagement von Forschern und insbesondere von Naturwissenschaftlern ist nach der »Göttinger Erklärung« selbstverständlicher geworden. Das Dokument trug auch dazu bei, daß das auf angeblicher Wertfreiheit basierende Image dieser Disziplinen zu bröckeln begann. Kritische Wissenschaftler-Initiativen, die seit den 70er und 80er Jahren die Ökologie- und Friedensbewegung begleiten, haben mit ihren Analysen häufig viel öffentliche Wirkung erzielt. Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW erhielt für ihr Engagement 1985 sogar den Friedensnobelpreis.

* Aus: junge Welt, 12. April 2007




Kampf dem Atomtod

Vor 50 Jahren: Die »Göttinger Erklärung« von 18 Wissenschaftlern

Von Frauke Klinge **

Eine Falschmeldung? Ein von der Sowjetunion lanciertes Manifest? Die Deutsche Presse Agentur (dpa) ist verunsichert, ruft im Sekretariat von Otto Hahn in Göttingen an, fragt nach. Der Chemie-Nobelpreisträger und Präsident der Max-Planck-Gesellschaft hatte der dpa soeben über sein Büro eine »Erklärung der 18 Atomwissenschaftler« übermittelt. Der Text, der am 12. April 1957 diese Irritationen auslöste, ist als »Göttinger Erklärung« in die Geschichte eingegangen. In ihr stellte sich die Elite der bundesdeutschen Atomforschung gegen die Bewaffnung der Bundeswehr mit Nuklearwaffen. Darunter Otto Hahn, Carl Friedrich von Weizsäcker und die Nobelpreisträger Max Born, Werner Heisenberg und Max von Laue. Die Erklärung war eine Initialzündung.

In den Jahren 1957/58 erlebte die Bundesrepublik ihre erste außerparlamentarische Opposition. Die Massenproteste gegen die nukleare Aufrüstung und einen drohenden »Atomtod« bildeten die Keimzelle für die bundesdeutsche Friedensbewegung der achtziger Jahre. Bis 1956 war die westdeutsche Wiederbewaffnung trotz einer weit verbreiteten antimilitaristischen »Ohne-mich-Haltung« der Bevölkerung Realität geworden: Es gab wieder eine Wehrpflichtigenarmee und die Bundesrepublik trat der NATO bei. Um ihre Position im nordatlantischen Bündnis zu stärken, wollte die Bundesregierung im Rahmen der NATO die Aufrüstung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen durchsetzen. Bundeskanzler Konrad Adenauer versuchte die Atombewaffnungspläne zu verharmlosen. Auf einer Pressekonferenz am 5. April 1957 überspannte er den Bogen. Mit jovialer Unverfrorenheit erklärte er die taktischen Atomwaffen kurzweg zu einer bloßen »Weiterentwicklung der Artillerie«. Diese Äußerung gab den Anlass für das Göttinger Manifest.

Die Atomwissenschaftler erklärten der Öffentlichkeit, dass die taktischen Atombomben eine mindestens ebenso zerstörerische Wirkung hätten wie die Hiroshima-Bombe. Die Forscher verurteilten die nukleare Abschreckungsdoktrin der Großmächte USA und UdSSR. Ein kleines Land wie die Bundesrepublik, so die »Göttinger Achtzehn«, diene sich und dem Weltfrieden am besten, wenn es keine atomaren Waffen besitze. Der Text schließt mit einer konkreten Handlungsabsicht: Die Wissenschaftler kündigten an, sich nicht an Herstellung, Erprobung und Einsatz von Atomwaffen zu beteiligen. Die Bundesregierung war über die Göttinger Erklärung ebenso irritiert wie die dpa. In einer ersten Stellungnahme sprach Verteidigungsminister Franz Josef Strauß den Atomforschern »eine ausreichende Kenntnis der politischen und militärischen Zusammenhänge« ab. Dieser Diskreditierungsversuch misslang wegen des außerordentlich hohen Renommees der Wissenschaftler. Es gelang der Regierung nicht, die Wissenschaftler als »kommunistisch gesteuert« darzustellen, denn die Göttinger Achtzehn stammten mehrheitlich aus dem konservativen Lager.

Ihr ethisch motivierter Protest war Vorbild für den neuen Typus eines »politischen Wissenschaftlers«, der nicht nur Forscher, sondern auch kritischer Staatsbürger ist. In unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen führte die Göttinger Erklärung zu einer Auseinandersetzung mit der Atombewaffnung der Bundesrepublik: Gleich nach der Veröffentlichung schickten Gewerkschaftsverbände, Kirchenvertreter, Studierende, Kommunalparlamente und Frauenorganisationen den Göttinger Achtzehn Danktelegramme und offene Briefe.

Die Initiative der Wissenschaftler hatte Langzeitwirkung. Der Protest gegen die Atombewaffnung artikulierte sich ein Jahr nach der Veröffentlichung der Erklärung nicht mehr nur in Resolutionen, sondern auch auf der Straße. Im März 1958 entstand mit Unterstützung von SPD und DGB das bundesweite Aktionskomitee »Kampf dem Atomtod«. Arbeiter, Intellektuelle und Kirchenvertreter engagierten sich gemeinsam gegen die atomare Aufrüstung. Im April 1958 kam es zu Demonstrationen in mehreren westdeutschen Städten: »Hamburg ruft aus vollem Hals – Atombewaffnung keinesfalls!« In der Hansestadt nahmen 150 000 Menschen an der zentralen Kundgebung auf dem Rathausmarkt teil. Die Menge forderte sogar einen Generalstreik. Die DGB-Führung nahm diese Forderung aber nicht auf. In einigen Städten kam es dennoch zu Warnstreiks gegen die Atomrüstungspolitik der Bundesregierung. Bereits im Frühsommer 1958 begann die Bewegung an Kraft zu verlieren. Die CDU stimmte mit ihrer absoluten Mehrheit im Bundestag der Aufrüstung der Bundeswehr mit »den modernsten Waffen« zu, damit auch Nuklearwaffen.

Doch der Protest ging, in anderer Form, weiter: in der Ostermarschbewegung. Anfang der 80er Jahre entstand die Friedensbewegung. Was 1957 zur Verunsicherung bei dpa geführt hatte, stieß eine gesellschaftliche Diskussion an, die bis heute nachhallt.

** Aus: Neues Deutschland, 12. April 2007




"Mit der Mauer verschwanden auch die Atomwaffen aus dem Bewußtsein"

Die "Göttinger Erklärung" 1957 war der – unvorhergesehene und unbeabsichtigte – Beginn einer der größten außerparlamentarischen Bewegungen der Bundesrepublik

Ein Gespräch mit Reiner Braun *

(Interview: Arnold Schölzel)

Welche Bedeutung hatte die Göttinger Erklärung vor 50 Jahren?

Man muß sich in die Zeit zurückversetzen: Tiefer Kalter Krieg, Koreakrieg, Ungarnaufstand, Verbot der KPD im Jahr zuvor. In dieser Situation beabsichigte Bundeskanzler Konrad Adenauer, die Militarisierung der jungen Bundesrepublik zu vervollständigen. In der NATO war sie bereits, jetzt sollte sie Zugriff auf Atomwaffen erhalten. Das war höchst unpopulär, und Adenauer formulierte gegenüber der Presse am 5. April, Kernwaffen seien eine »Weiterentwicklung der Artillerie«. Diese Pressekonferenz empörte einige Atomphysiker, vor allem Otto Hahn, Carl-Friedrich von Weizsäcker und Werner Heisenberg derart, daß sie die Initiative für einen Appell ergriffen, der am 12. April, veröffentlicht wurde. Es war die erste Erklärung deutscher Wissenschaftlern gegen die Politik der eigenen Regierung, und zwar von Wissenschaftlern, die als Mitglieder der Atomkommission selbst sehr eng mit der Bundesregierung zusammenarbeiteten – Heisenberg war Berater von Adenauer. Auch deswegen erregte diese Erklärung sehr viel Aufsehen.

Danach entstand eine der größten Massenbewegungen in der Geschichte der Bundesrepublik, die Antiatomtodbewegung. Warum spielen heute Atomwaffen in der Friedensbewegung eine geringe Rolle, obwohl die Situation gefährlicher ist als damals?

Die Göttinger 18 verstanden sich nicht als Teil der Friedensbewegung, trugen aber mit ihrer Erklärung zu deren Politisierung und Verbreitung bei. SPD und DGB engagierten sich stark in der Antiatombewegung und stützten sich auf die Argumente der Göttinger 18. Heute sind Wissenschaftler und ihre Organisationen fester Teil der Friedensbewegung, das ist schon ein wichtiger Unterschied.
Damals lag Hiroshima-zwölf Jahre zurück, aber – salopp gesagt – mit der Mauer 1989 sind auch die Atomwaffen aus dem Bewußtsein der Menschen verschwunden. Dennoch gibt es sehr wichtige Zeichen einer Gegenbewegung. An vorderster Stelle steht für mich die Initiative der Majors for Peace, das sind etwa 700 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister weltweit, die dem Aufruf des Bürgermeisters von Hiroshima gefolgt sind, gegen Atomwaffen aufzutreten. Wir haben zweitens aktuell die Erklärung von amerikanischen Polit-Konservativen, die im Alter schlau werden und sich die für Abschaffung der Atomwaffen einsetzen. Henry Kissinger, William Perry, George Shultz und Sam Nunn veröffentlichten am 19. Januar den Appell »Für eine atomwaffenfreie Welt« im Wallstreet Journal. Wir haben außerdem nach wie vor die Initiativen, das Netzwerk Atomwaffen abschaffen etwa. Was wir nicht haben, ist eine Massenbewegung.

Hat die Bundesrepublik mit der Teilhabe an US-Atomwaffen Adenauers Ziel erreicht?

Wenn die Bundesrepublik Deutschland bis heute keine Atommacht ist, so ist das ein Erfolg der Göttinger Erklärung. Aber wir haben seitdem die nukleare Teilhabe, die 1957 mit dem Training deutscher Soldaten für amerikanische Atomwaffen begann und bis heute in der atomaren Bewaffnung deutscher Tornados mit amerikanischen Nuklearbomben im Krisenfall besteht. Die Tornados werden in den nächsten fünf bis sieben Jahre verschrottet, und es wird nach meiner Meinung eine ganz große Auseinandersetzung darum geben, was mit den militärisch völlig sinnlosen Nuklearwaffen auf deutschem Boden geschehen soll. Ich glaube, die Friedensbewegung ist gut beraten, den Druck zu verstärken, daß diese Atomwaffen als erster Schritt hin zu einer atomwaffenfreien Welt verschwinden. Hier sind auch neue gesellschaftliche Koalitionen denkbar, die ein atomwaffenfreies Deutschland als realistisches Ziel nicht mehr aussichtslos erscheinen lassen

Die Göttinger 18 haben damals eine Selbstverpflichtung zur zivilen und auf Frieden gerichteten Forschung im Atomsektor ausgesprochen. Wie sehen Wissenschaftler das heute?

Das ist heute sehr umstritten. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft oder die Max Planck Gesellschaft sprechen sich nach wie vor für die sogenannte friedliche Nutzung der Atomenergie aus. Historisch darf man nicht vergessen, daß einige der Nuklearphysiker von damals am Hitlerschen Uranbombenbauprojekt beteiligt waren. Sechs der Unterzeichner waren 1945/46 in Farmhall bei Cambridge interniert. Insofern war die Erklärung von 1957 auch so etwas wie ein Sühnezeichen für das, was sie getan hatten. Desweiteren gab es den Begriff Dual Use – doppelte Nutzung damals noch nicht. Daß man zivile und militärische Nutzung der Atomenergie nicht trennen kann (siamesiches Zwillinge), war keine wissenschaftliche und auch keine politische Erkenntnis der 50er Jahre. Es herrschte gerade auch bei waffenkritischen Forschern eine unheimliche Euphorie: Wir müssen weg von der militärischen, wir wollen nur die friedliche Nutzung. Daß das ein Irrweg war, ist eine Erkenntnis, die sich auch in der kritischen Wissenschaft, unterstützt und verstärkte durch die Antiatombewegung, erst mit der Zeit durchgesetzt hat.

* Reiner Braun ist Geschäftsführer der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler

Aus: junge Welt, 12. April 2007



Zurück zur Seite "Atomwaffen"

Zur Seite "Friedensbewegung"

Zur Seite "Friedenswissenschaft, Friedensforschung"

Zurück zur Homepage