Antikriegsbewegung in den USA, 03.01.2005 (Friedensratschlag)
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"Anti-War-Movement? I don’t understand"

Auf Spurensuche nach der Antikriegsbewegung in den USA

Im Folgenden dokumentieren wir zwei Beiträge, die sich mit dem gegenwärtigen Zustand der US-amerikanischen Friedensbewegung befassen. Wir haben sie der ochenendbeilage der "jungen Welt" vom 31. Dezember 2004 entnommen.


Die blassen Spuren der US-Friedensbewegung

Von Tim Schaffrick

New York nach der Wahl: Die Proteste gegen den andauernden Krieg der Bush-Regierung in Irak sind kaum mehr wahrzunehmen. Aber sind sie verschwunden? Eine Spurensuche

»Anti-War-Movement? I don’t understand.« Der Mitarbeiter im Büro des US-Enthüllungsjournalisten Wayne Barrett reagiert mit Unverständnis auf die Anfrage. Der Krieg im Irak? Der sei doch schon vor zwei Jahren gewesen. »Das ist doch jetzt kein Thema mehr«, meint er. Barrett, der für seinen kritischen Journalismus in dem New Yorker Magazin Village Voice bekannt ist, wäre wahrscheinlich mehr auf die politischen Hintergründe der Flaute in der US-Friedensbewegung eingegangen. Momentan ist er jedoch anderweitig beschäftigt. Er arbeitet an einem Buch und ist »nicht erreichbar«.

Rückkehr zum Alltag

Die Reaktion seines Mitarbeiters steht jedoch stellvertretend für die Stimmungslage in der »Mitte« der New Yorker Gesellschaft. Für Proteste ist aus diesen Kreisen derzeit kaum jemand zu begeistern. Die Wahl ist verloren – immerhin haben siebzig Prozent der New Yorker für Kerry gestimmt –, die Miete ist teuer. Und so wendet man sich wieder dem zentralen Lebensinhalt zu: Geld verdienen. »We Shall Overcome«, titelte das New Yorker Stadtmagazin Time Out über dem Porträt des wiedergewählten Präsidenten und empfahl »43 Möglichkeiten, das Nach-Wahl-Trauma zu besiegen«: Yoga und Wellness-Kurse, der Besuch einer Comedy-Show, gut essen gehen oder schlicht nach Kanada auswandern.

»Wenn hier die Wehrpflicht wieder einführt würde, gingen wir zurück nach Italien«, meint Robert, der in der zweiten Generation eine Druckerei in Long Island besitzt. Der Mann meint es ernst. In Italien wähnt er seine drei Kinder im Alter von sechs, zehn und zwölf Jahren in größerer Sicherheit. Andere fordern, New York solle sich selbständig machen: »Sezession«, entgegnet Linda Tseng knapp. Tseng arbeitet in New York als Produktdesignerin eines internationalen Unternehmens. Autonomie sei der einzige Ausweg für die liberale Stadt. Schließlich verfüge New York über eine Polizeimacht, die, wenn sie in ein Heer umfunktioniert würde, numerisch auf Platz fünfzehn der Weltrangliste rangiere. »Über Abwanderung von Unternehmen braucht man sich da keine Sorgen zu machen«, sagt sie, die könnten schließlich mit Steuersenkungen gehalten werden. »Das wäre der perfekte Freistaat – und wir brauchten uns nicht länger für diese Regierung zu schämen«, schwärmt Tseng. Die Flucht ins Utopische, ins Private und ins typisch New Yorker Neurotische ist allgegenwärtig.

Politische Differenzen

Auch Eric Garris, Direktor der Internetseite antiwar.com, bezeichnet die New Yorker Antikriegsbewegung im landesweiten Vergleich als eher schwach. Diese sei von einer Konkurrenz zwischen verschiedenen Gruppen geprägt, was sich alles andere als positiv auswirke. Garris: »In anderen Gebieten des Landes sieht das anders aus. Es gibt in den USA lokale und regionale Antikriegsbewegungen, die von einer breiten Basis getragen werden. New York steht da eher hintenan.«

»Ja, das stimmt schon«, meint Claudia die an der City University New York studiert, müde vom Lesen. Vor ihr liegt Edward Saids Buch »Freud und das Nicht-Europäische«, auf ihrem Oberteil prangt das Logo des »World Tribunal on Iraq« (www.worldtribunal.org). Die 22jährige Studentin ist in dieser Organisation aktiv, die während des Weltsozialforums in Mumbai ins Leben gerufen wurde. Politische Differenzen zwischen den Antikriegsgruppen herrschten in New York vor, sagt auch sie – »und außerdem sind sie natürlich weiß und männlich dominiert«. Claudia ist sich als Einwanderin aus Puerto Rico des amerikanischen Kolonialismus bewußt. Als Immigrantin besitzt sie zwar einen amerikanischen Paß, aber kein Wahlrecht.

Kopfzerbrechen bereiten ihr vor allem jene Amerikaner, die Bush wiedergewählt haben. Ob das amerikanische Volk überhaupt reif für eine wirkliche Alternative gewesen wäre? Kerry sei ja kein »Anti-Bush« gewesen, sondern ein »Bush light«. Als Kandidat der Demokratischen Partei habe er die gesamte Bush-Agenda legitimiert. »Der hat hinausposaunt, die Terroristen besser zu jagen als Bush«, empört sie sich. Kerry habe sich nur als härterer Terroristenjäger und Kriegsfeldherr präsentieren wollen.

Es sei traurig, daß vor allem Farbige, Schwarze, Puertoricaner und Angehörige anderer Minderheiten in diesen Krieg geschickt werden. »Aber andererseits ist das keine Überraschung, weil der Staat diese Bevölkerungsgruppen von vernünftigen Jobs systematisch ausschließt«, beklagt Claudia.

»Bis dieser Krieg vorbei ist«

Die Dunkelziffer der Kriegsgegner dürfte relativ hoch sein. Höher ist aber die Zahl der Gleichgültigen und der Unpolitischen. Fast mitleiderregend gering ist hingegen die Zahl jener Unentwegten, die direkt auf der Straße ihren Protest kundtun. »200 Kriegsveteranen engagieren sich in New York, davon sind 30 bis 50 aktiv«, weiß Pete Bronson, der mit seinem Partner Bill Steyert mit einem Transparent der »Veterans for Peace« vor der imposanten Stadtbibliothek von New York steht. Neben den Männern protestieren schweigend sechs schwarz bekleidete Frauen von der Organisation Women in Black. Die Frauen in schwarz versuchen, mit ihrem stummen Protest auf das Unrecht aufmerksam zu machen, das Frauen in Kriegen angetan wird. Sie reden mit niemandem. Pete hingegen, der Kriegsveteran, ist gerne zur Auskunft bereit. Er war im Korea-Krieg, sein Partner Bill hat in Vietnam drei »Purple heart«-Auszeichnung erhalten.

Die extremen Meinungsunterschiede zwischen den Aktivisten sieht auch er. »Viele von uns lehnten schließlich auch vehement die Positionen Kerrys ab«, sagt er zitternd vor Kälte. Zu keinem Zeitpunkt seit dem Bürgerkrieg seien die USA politisch derart gespalten gewesen wie heute. »Man muß sich auf der Karte nur die diejenigen ansehen, die Bush gewählt haben«, sagt er. Das seien exakt die alten Sklavenhalterstaaten.

Der Veteran und aktive Kriegsgegner ist pessimistisch. Bis zu einem Wechsel werde es Jahre dauern, und Tausende würden noch sterben, meint Pete: »Aber wir werden hier stehen, jeden Montag und jeden Mittwoch, bis dieser Krieg vorbei ist«.


»Out now! – das sollte unser Slogan sein«

Interview mit Eric Garris*

Die US-Friedensbewegung ist landesweit unterschiedlich organisiert. Ein Konsens ist ebenso notwendig wie eine neue Perspektive nach der Wiederwahl Bushs. Ein Gespräch mit Eric Garris

F: Wenn man sich in New York auf Spurensuche nach der Antikriegsbewegung begibt, braucht man viel Zeit. Könnte es sein, daß im Kampf um Frieden eine landesweite Resignation vorherrscht?

Momentan gibt es tatsächlich nur sehr sporadisch Aktionen. Die Leute sind durch den Wahlerfolg Bushs und den fortdauernden Krieg in Irak desillusioniert. Es hängt nun viel davon ab, ob und wie es die Bewegung schafft, sich neu zu positionieren und zu organisieren. Es ist notwendig, die US-amerikanische Antikriegsbewegung für einen langfristigen Widerstand auszurichten.

F: Vom Vietnamkrieg war nahezu jede US-Familie betroffen, weil damals noch eine Wehrpflicht existierte. Trägt die Tatsache, daß die USA jetzt eine Berufsarmee haben, dazu bei, die Gesellschaft zu entpolitisieren?

Die Wehrpflicht zur Vietnamkriegszeit machte schon einen wesentlichen Unterschied zur heutigen Situation aus. Man sollte aber auch die Tatsache nicht unterschätzen, daß es dieses Mal vom Anfang des Krieges an eine massive Gegenbewegung gab. Solch eine Protestbewegung gab es 1965, im Jahr der Vietnam-Intervention durch die US-Truppen, nicht. Damals wurden lediglich ein paar Bedenken gegen eine mögliche Eskalation des Krieges vorgebracht. Dann hat es mehrere Jahre gedauert, bis aus dieser vorsichtigen Kritik eine große Bewegung gewachsen ist.

F: Können Sie sich einen ähnlich schweren Start der Antikriegsbewegung im Fall des andauernden Irak-Krieges vorstellen?

Ja, unglücklicherweise. Aber nicht nur im Fall des Irak-Krieges. Die außenpolitischen Vorstellungen der Machthaber in Washington laufen darauf hinaus, in weitere Regionen des Mittleren Ostens vorzudringen. Die Antikriegsbewegung muß das – besonders nach der Wiederwahl von George W. Bush – als langfristige Herausforderung betrachten.

F: In der Öffentlichkeit scheint die Meinung zu dominieren, die Bush-Administration solle jetzt das Schlamassel ausbaden, in das sie die amerikanische Nation getrieben hat, und den »Job« zu Ende führen.

Aber welchen »Job«, bitte? Dieser »Job« ist das Töten. Es gibt und es gab keinerlei Rechtfertigung für diese Invasion, und genausowenig Rechtfertigung gibt es für uns, dort zu bleiben. Die irakische Bevölkerung will keine US-Soldaten. Das ist so, als ob ein Ehemann seine Frau verprügelt und als Entschuldigung vorbringt, er könne sie nicht verlassen, weil er sich ja um sie kümmern müsse.

F: Colin Powell wird ein geflügeltes Wort zugeschrieben: »You break it, you own it« (etwa: Wenn du etwas kaputt machst, dann mußt du auch dafür zahlen) ...

Einige Leute stellen sich tatsächlich auf den Standpunkt, daß wir wieder in Ordnung bringen müssen, was wir kaputt gemacht haben. Dem kann ich nur entgegenhalten: Schickt denen das Geld und laßt sie in Ruhe. Unsere Einmischung in den Irak-Iran-Krieg in den achtziger Jahren hat doch erst dazu geführt, daß Saddam solange kontinuierlich an der Macht blieb. Eine regionale Folge war die Konservierung des Machtgefüges in den Golfstaaten. Unsere Einmischung in Afghanistan hat den Aufstieg Bin Ladens zur Folge gehabt. Wir sind für diese Entwicklungen selber verantwortlich. Eine notwendige Konsequenz wäre deswegen, künftig die Finger von anderer Leute Regierungsangelegenheiten zu lassen. Keine Sanktionen mehr, keine Gewaltandrohungen mehr. Die amerikanischen Truppen sollten sofort zurück in die Vereinigten Staaten geholt werden.

F: Das scheint im Augenblick jedoch eine sehr utopische Forderung.

In den Protesten gegen den Vietnamkrieg gab es auch eine Spaltung: Eine Fraktion der damaligen Friedensbewegung forderte Verhandlungen und eine langsame »Vietnamisierung« des Kriegs. Diese Position hatte viele Unterstützer. Die andere Gruppe hat konsequent einen Rückzug der US-Truppen gefordert. Ihre Hauptforderung war: Out now! Diese Position setzte sich schließlich durch und wurde von der Masse der Antikriegsbewegung in diesem Land vertreten. Out now! – das sollte auch unser Slogan sein. Um diese Forderung herum sollten wir uns organisieren.

F: Wie stellen Sie sich die Umsetzung dieser Forderung vor?

Es geht darum, eine breite Koalition von Menschen zu motivieren, die aus einer Vielzahl an Gründen heraus diese Intervention ablehnen. Es gibt in den Vereinigten Staaten zum Beispiel auch viele Konservative, die gegen den Irak-Krieg sind. Sie haben nicht die gleichen Gründe wie die Linke, aber das sollte zunächst keine Rolle spielen. Wir müssen uns zusammenschließen, um den Krieg zu stoppen und die Truppen nach Hause zu bringen.

* Eric Garris ist seit fast vier Jahrzehnten politisch aktiv. Lange Zeit war er Mitglied der »Libertarian Party«. 1983 verließ er diese Partei und ist heute Direktor der Internetseite www.antiwar.com

Interview: Tim Schaffrick, New York

Aus: junge Welt, 31. Dezember 2005



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