Angst ist Alltag für die Roma in Varnsdorf

Hassaufmärsche in einer tschechischen Kleinstadt

Von Till Mayer *

Seit Monaten herrscht regelmäßig Belagerungszustand vor dem ehemaligen Hotel »Sport«: Roma im tschechischen Varnsdorf verbarrikadieren sich in dem Gebäude, draußen marschieren die Ultrarechten auf. Angst haben die Belagerten auch vor Hasstouristen aus dem Ausland - den Neonazis aus Deutschland.

Die Angst treibt seltsame Blüten: Die Kinder aus dem »Sport« spielen nach, was sich vor ihrer Tür ereignet: »Demonstranten und Polizei«. »Zigeuner ins Gas« rufen sie dann, weil sie es schon viel zu oft gehört haben.

Beim ersten Mal ging Julius Danko noch ans Fenster. »Hört auf! Wisst ihr eigentlich, was ihr da sagt«, rief der 49-Jährige den Kindern zu. Die spielten »Demonstranten und Polizei« unten im Hof. Vor den grauen Mauern des abgelebten ehemaligen Hotels. Vor dem zugemauerten Tor auf rissigem Beton. Zuvor hatten sie ausgelost, wer Demonstrant sein muss. Wer will schon den »Bösen« spielen? Auch wenn man dabei aus vollem Hals krakeelen kann. Also losen die Kinder die Rollen aus.

Zu viele Nieten im Leben der Dankos

Das Leben hat für Julius Danko und die Seinen zu viele Nieten bereitgehalten. Vor gut drei Jahren hatte der Familienvater einen Herzinfarkt. Damit begann der Abstieg, der mit dem Umzug ins »Sport« vor einem Jahr sein Ende fand. So sitzt er am Sonntagmorgen mit seiner fünfköpfigen Familie in der 55-Quadratmeter-Wohnung mit der gefliesten Einsparung für das Waschbecken als Badersatz, samt Spiegeln mit zwei Engeln und dem Gemälde mit einer lächelnden Nackten. Das hängt über dem alten Sofa. Auf dem Schrank stehen mächtige Plastikblumen, die seine Frau Verona platziert hat. Ein Handtuch mit buntem Urwaldvogel hat sie als Schmuck an die Wand gehämmert. »Wir haben nicht viel, aber wir machen das Beste daraus«, wischt Verona Dankova über die Diskrepanz zwischen der üppigen Nackten und dem schreibunten Tukan darunter hinweg.

Die Familie Danko hat schon bessere Zeiten erlebt. Damals, als sie und ihr Mann einen Job hatten und in einem Haus mit Garten wohnten. »Ich hatte sogar eine kleine Tomatenzucht«, erzählt Verona Dankova. Sie lächelt dabei, aber es ist ein angespanntes Lächeln. In kaum zwei Stunden wird vor dem Haus das geschehen, was die Kinder im Hof so oft lautstark nachspielen. In Varnsdorf wird an diesem Wintersonntag wieder marschiert.

Eigentlich haben die Demonstranten längst erreicht, was sie wollen. Die Dankos wünschen sich nur eines: dass sie hier endlich weg können. Aber eine Wohnung weit weg vom »Sport« - wie soll sich Julius Danko die Miete mit seiner kleinen Invalidenrente leisten? Und vielleicht kommen dort auch wieder die Rechten?

Die Rechtsaußen arbeiten grenzübergreifend

Der zwölfte Hassaufmarsch seit September beginnt Ende Januar mit fröhlicher, fast südländischer Note. Das gilt zumindest für die Musik, die aus Lautsprechern schallt. Ein Blick in die Runde lässt Urlaubsgefühle jedoch schnell erkalten. Stiernackige Glatzköpfe, dumpfe Blicke, blank gewienerte Springerstiefel, DSSS-Fahnen. Die Marschierer tragen Uniformteile aus dem Army-Laden, Pullover mit markiger Szeneaufschrift. Das übliche Szenario, wenn eine rechtsextreme Partei mobil macht.

Doch Angst macht der Familienvater mit der modischen Jacke und dem Kleinkind auf den Schultern. Das junge Pärchen im bunten Partnerlook, die »Gerechtigkeit ist kein Rassismus« auf ein Schild gemalt haben. Normalbürger mitten im Aufmarsch der Ultrarechten. Die »Arbeiterpartei für soziale Gerechtigkeit« (DSSS) bläst auf dem Marktplatz des 16 000-Einwohner-Städtchens zum Demonstrationszug, wie so oft ...

Wie so oft auch mit NPD-Funktionären aus dem benachbarten Deutschland. Eine Stadträtin ist dieses Mal aus Zittau angereist. Tschechische und deutsche Rechtsaußen arbeiten seit Jahren grenzübergreifend zusammen.

Das schäbige Gebäude am Stadtrand hat traurigen Symbolcharakter erlangt. Im Sommer vergangenen Jahres überfielen Roma in einer Kneipe gut 30 Kilometer von Varnsdorf entfernt einen Gast und verletzten ihn mit Macheten. Kneipenschlägereien, die war man gewohnt. Aber ein Streit mit Messern, das war eine neue Qualität der Gewalt. So hatte alles begonnen.

Die DSSS wusste den »Volkszorn« zu nutzen. Was nützte es, dass die Bewohner aus dem »Sport« nichts mit dem Überfall zu tun hatten. Das vergammelte Hotel wurde in den Augen der Rechten zum Haus des Bösen. Bei den folgenden Demonstrationszügen marschierten zeitweise über 1500 Menschen vor dem Gebäude auf.

DSSS-Chef Tomaš Vandas hat auch für den zwölften Aufmarsch wieder einen Anlass gefunden. Diesmal gab es eine Schlägerei zwischen »weißen Tschechen« und Roma. Eine der Anwesenden, eine ältere Frau, starb Wochen später. »Ob ihr Tod etwas mit der Schlägerei zu tun hat, ist noch völlig unklar. Sicher ist, von der Unterkunft ›Sport‹ war niemand beteiligt«, erklärt Markus Pape. Der in Prag lebende Bürgerrechtler und Journalist versucht mit dem Netzwerk »Hass ist keine Lösung« den Bewohnern beizustehen.

Für die DSSS sind Roma eben Zigeuner, und so wird wieder zum »Sport« marschiert, vermutlich nicht zum letzten Mal, befürchtet auch Julius Danko. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie die Demonstranten versuchten, das Haus zu stürmen. Die Polizei griff ein. Steine und Feuerwerkskörper flogen. Im Gebäude waren alle wie gelähmt vor Angst. »Ich dachte, jetzt kommen sie und nehmen alles auseinander«, sagt Danko. Seitdem überwachen Kameras die Umgebung des Hauses. Gegenüber, in einer heruntergekommenen ehemaligen Disco, ist eine Polizeiwache eingezogen.

»Irgendwann werfen sie uns einen Molotow-Cocktail durchs Fenster«, ahnt Denissa, die 14-jährige Tochter. Ihr Vater will sie beruhigen. »Die Leute aus Varnsdorf werden das nicht machen«, meint er. Aber die Nazis von außerhalb, die machen ihm Sorgen. »Was kommen diese Menschen immer zu uns? Wir haben niemandem etwas getan. Bis zu meinem Infarkt habe ich gearbeitet. Wir sind keine ›Sozialschmarotzer‹«, erklärt er. Danko erzählt, wie er seine zweijährige Dienstzeit in der tschechoslowakischen Armee abgeleistet hat. »Wenn da jemand was Rassistisches gesagt hat, dann kam er in den Bau. So war das, keine Probleme.« Er berichtet von seinem Job bei der Bahn und als Hilfsarbeiter in einer Textilfabrik. »Seit 30 Jahren lebe ich in Varnsdorf. Geboren wurde ich in einem Nachbardorf. Das hier ist meine Heimat«, sagt Danko.

Aussichtslos, auf eine Arbeit zu hoffen

Doch viele »weiße« Tschechen in Varnsdorf klagen über einen dauernden Roma-Zuzug aus anderen Teilen der Republik, über einen Anstieg der Kriminalität. Roma aus den Großstädten sollen von Immobilienhaien Geld bekommen, wenn sie aus schick werdenden Altstadtgebieten fortziehen. Endstation ist oft eine schäbige Unterkunft in der Provinz.

Markus Pape schüttelt nur den Kopf: »Im ›Sport‹ leben derzeit ausschließlich Roma aus der Region, dem Schluckenauer Zipfel, der an Sachsen grenzt. Familien wie die Dankos, denen das Sozialamt hier Zimmer zugewiesen hat. Ich glaube, das Hauptproblem von Varnsdorf sind 15 Prozent Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven für viele Bewohner.« Auf einen Job zu hoffen, hat sich Verona Dankova verboten: »Bei der Arbeitslosigkeit, als Romni? Hoffnungslos. Nicht, dass ich es nicht weiter versuchen würde. Immer wieder und wieder. Ich habe wirklich gern gearbeitet.« Doch seit den Märschen dürfte es für sie noch schwieriger geworden sein. In der Kleinstadt kennt man sich, aber der Unfrieden wächst. »Am Wochenende marschieren sie vor unserem Haus vorbei, rufen ›Zigeuner ins Gas‹. Am nächsten Tag grüßen sie im Supermarkt, als wäre nichts gewesen. Da sind Kollegen darunter, mit denen ich jahrelang zusammengearbeitet habe«, brummt Julius Danko.

Seine Tochter hat genug von der Roma-Häme, die selbst mancher Lehrer nicht mehr zu verbergen sucht. Die Teenagerin würde gern nach England auswandern. »Da würde ich in einem Hotel arbeiten, ich meine natürlich, in einem richtigen, schönen Hotel.«

Mittlerweile werden die Kinder ins Haus gerufen und die Türen verbarrikadiert. Der Marsch vom Marktplatz auf das ehemalige Hotel hat begonnen. Studentinnen von »Hass ist keine Lösung« fangen mit ihrem Kinderprogramm im Gebäude an. Aus einer kleinen Stereoanlage wummern die Chartbrecher. Die jüngsten Bewohner vergessen beim Malen den Aufmarsch völlig. Stattdessen malen sich die Mädchen große Justin-Bieber-Plakate. Und die Jungs mehr was Graffitimäßiges. »Muss zu unser Breakdance-Gruppe passen«, erklärt der zwölfjährige Mischa, der Sohn der Dankos.

Draußen marschieren schon die Demonstranten vorbei, schwenken ihre Plakate mit der Aufschrift »Stoppt den schwarzen Rassismus«. Auch das Pärchen im Partnerlook blickt wütend die Hausfassade empor. Keine 300 sind es dieses Mal. Genug aber, dass die Kinder es wieder einmal von einem Schreier hören: »Zigeuner ins Gas.«

* Aus: neues deutschland, 23. Februar 2012


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