Tschechiens Rentner bangen um ihr Auskommen

Staatliche Rentenkasse verzeichnet Defizit von 1,16 Milliarden Euro

Von Jindra Kolar, Prag *

Tschechiens Rentner fürchten um ihr Alterseinkommen. Zu Recht. Denn wie andere Staaten Europas leidet auch Tschechien unter der demografischen Entwicklung, hoher Arbeitslosigkeit und Krise. Als Ausweg wird »Eigenvorsorge« empfohlen.

»Die Renten sind sicher« – mit diesem Slogan wollte einst ein deutscher Arbeitsminister das Volk beruhigen. Ähnliches glaubten auch die tschechischen Bürger bislang. Doch die Zeiten haben sich gewandelt: Die Staatliche Rentenkasse verzeichnet ein riesiges Defizit, das Finanzminister Eduard Janota auf etwa 30 Milliarden Kronen (1,157 Milliarden Euro) bezifferte. Er beauftragte seinen einstigen Ministeriumskollegen Vladimir Bezdek, der heute den Finanzfonds der Aegon-Versicherung leitet, mit der Bildung einer Kommission, die nicht nur die Perspektiven der Rentenkasse untersuchen, sondern auch Auswege aus der Misere finden sollte.

Auch Tschechien steht also vor einer Rentenreform. Von der amtierenden »Expertenregierung« unter Premier Jan Fischer wird sie allerdings kaum mehr in Angriff genommen werden. Schon im Mai sollen Parlamentswahlen wieder eine reguläre Regierung ins Amt bringen.

Doch eine Lösung muss gefunden werden. Die Bezdek-Kommission wies darauf hin, dass künftige Generationen Renten lediglich bis zur Höhe des Existenzminimums erwarten können. Sowohl die demografische Entwicklung als auch die Einflüsse der Finanz- und Wirtschaftskrise schmälerten die Einnahmen der Rentenkasse. Die hatte in den Jahren 2007 und 2008 noch leichte Überschüsse erwirtschaftet, aber für die Zukunft sieht Eduard Janota ein steigendes Defizit voraus. Der Finanzminister wies darauf hin, dass wegen der wachsenden Arbeitslosigkeit infolge der Krise die Zahlungen in die Sozialversicherungen sinken. Zugleich stiegen aber die Rentenansprüche, weil mehr Menschen in Frührente gingen.

Die Lösungen der Bezdek-Kommission dürften deutschen Lesern bekannt vorkommen: Vorgeschlagen wird, das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre heraufzusetzen. Zum anderen schlug die Kommission vor, ein umfassendes System von Betriebsrenten zu entwickeln, um neben den staatlichen Zahlungen eine zweite Quelle zu erschließen.

Nicht zuletzt appellierte Vladimir Bezdek an jeden Einzelnen, privat vorzusorgen. »Die heute Dreißigjährigen müssen eine private Vorsorge treffen, wenn sie im Rentenalter nicht am Existenzminimum leben wollen«, erklärte Bezdek in einem Gespräch mit der Prager Tageszeitung »Lidove noviny« unumwunden. Zu solcher Vorsorge gehörten der Abschluss von Lebensversicherungen und der Kauf von Aktienfonds und Kapitalbeteiligungen. Vor allem aber sollten sich die heute Arbeitenden Wohneigentum zulegen, das – wenn sie eines Tages ins Rentenalter eintreten – abbezahlt ist und kostenreduziertes Wohnen ermöglicht. In diesem Zusammenhang plädierte der Finanzexperte für ein hohes Maß an Flexibilität. »Ein 25-jähriger Single braucht nur eine kleine Wohnung im Stadtzentrum, nahe zur Arbeit, nahe zu seiner Stammbar, zu den Kinos und so. Familien dagegen bevorzugen Häuser am Rande der Stadt oder auch eine große städtische Wohnung. Von denen kann man sich im Alter aber wieder trennen, man kauft sich eine kleinere und kann von den erzielten Gewinnen leben«, schlägt Bezdek salopp vor.

Der 35-jährige Finanzmanager ist selbst verheiratet und hat drei Kinder. Gefragt, ob der von ihm vorgeschlagene Weg nicht ein zu riskanter sei, gerade die Hypotheken- und Aktienkrise habe doch den schnellen Wertverfall gezeigt, antwortete Bezdek mit einer alten Bauernregel: »Man legt nicht alle Eier in einen Korb.« Vielfältiges Anlegen sichere die Werte. Im Übrigen könne man sich ja auch nicht darauf verlassen, dass das staatliche Rentensystem seinen Wert bewahrt, wie sich gerade zeige. Nebst einer Reform sei also private Vorsorge dringend geboten.

* Aus: Neues Deutschland, 20. Januar 2010


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