"Aussteigen aus dem System der Gewalt"

Friedensgemeinde San José präsentiert ihre Konzepte erstmals in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá

Von Leila Dregger *

Vom 1. bis 9. November 2010 unternahmen rund 100 Bewohner des Friedensdorfes San José de Apartadó gemeinsam mit internationalen Aktivisten eine Friedenspilgerschaft, die nach Bogotá führte. Ihre Botschaft: »Aussteigen aus dem System der Gewalt, Modelle schaffen für den Frieden.«

Ungewöhnliche Klänge in Ciudad Bolivar, dem Elendsviertel von Bogotá: Die Samba-Musik gehört zur Grace-Pilgerschaft. Etwa 100 Einwohner der Friedensgemeinde San José de Apartadó machten damit auf die Situation ihres Dorfes aufmerksam und trugen ihre Botschaft vor den Obersten Gerichtshof und den Präsidentenpalast: »Für das Recht auf Erinnerung, Leben, Wahrheit und Gerechtigkeit.« Begleitet wurden sie von einer täglich wachsenden Gruppe aus Menschenrechtsaktivisten, Naturschützern, Musikern, Vertretern von indigenen Gruppen und internationalen Begleitern. Geleitet wurde die Pilgerschaft von der Theologin Sabine Lichtenfels und dem Menschenrechtsanwalt Padre Javier Giraldo.

»Erstmals zeigte sich die Friedensgemeinde in der Hauptstadt, das war sehr wichtig«, sagte die Oppositionspolitikerin Gloria Cuartas. »Sie ist mittlerweile international bekannt, doch im Land selbst wird sie beschuldigt, mit der Guerilla zusammenzuarbeiten. Vorwürfe wie diese gehören zum Kampf des Systems gegen seine Gegner.« Selbst sie als UNESCO-Friedensbürgermeisterin muss sich derzeit dieser Anklage stellen.

Die Friedensgemeinde trug kleine Särge aus Pappe mit sich, einen für jeden Bewohner, der in den 14 Jahren ihrer Existenz von Paramilitär, Militär und Guerillas umgebracht wurde. »Es sind 196, darunter viele Kinder«, sagte Eduard Lanchero, Mitglied des Rates von San José. »Wir wollen den Schmerz in Hoffnung verwandeln. Hoffnung bedeutet, nicht mehr mit Hass zu reagieren. Und haben wir nicht die Welt schon ein Stück verändert, indem wir uns als Gemeinschaft zusammengeschlossen haben?«

Die Vertreibung von Kleinbauern hat Tradition in Kolumbien: Fünf Millionen mussten in 40 Jahren ihr Land verlassen. Im Grenzgebiet zu Panama kommen geostrategische Überlegungen hinzu: Dort sollen künftig Containerterminals Kolumbien zum Aufschwung verhelfen. Das Gebiet wird seit 15 Jahren systematisch entleert. 1997 gründeten hier 1300 Bauern ein neutrales Dorf gegen die Vertreibung. Sie gaben sich Regeln der Gewaltfreiheit und des Gemeinschaftseigentums, dulden keine Waffen, Drogen oder Alkohol und kooperieren nicht mit bewaffneten Gruppen. Auch nicht mit Soldaten, denn viele Überfälle auf das Friedensdorf wurden von der Armee geduldet, wenn nicht sogar mitgeplant.

Auch jetzt bestanden die Campesinos darauf, nicht von bewaffneter Polizei durch Bogotá geleitet zu werden, was erst nach langer Verhandlung der Internationalen mit den Behörden durchgesetzt werden konnte. Sabine Lichtenfels: »Die Friedensgemeinde macht ein Thema sichtbar, das sonst in den Slums verschwindet, der Endstation für vertriebene Campesinos.«

Das von ihr mitgegründete Friedensforschungszentrum Tamera in Portugal arbeitet seit Jahren eng mit San José zusammen, um eine Friedensschule und ein ökologisches Zukunftsdorf als Friedensmodell für ganz Südamerika aufzubauen. Die Anfänge davon sind bereits zu sehen, in Mulatos, einem Weiler der Friedensgemeinde. Dafür brauchen sie den Schutz der Öffentlichkeit.

Die Pilgerschaft war nicht nur eine Demonstration, sondern auch ein Gang zu Kraft- und Naturplätzen, so etwa dem Naturschutzgebiet Sumapaz auf 4000 m, ein Trinkwasserreservoir von der Größe der Schweiz. Auch hier droht Campesinos und den Moisca-Indianern die Vertreibung. Die Wasserrechte der Region sollen privatisiert werden, Coca Cola hat sich beworben.

Die Abschlusskundgebung am 9. November wurde von Indianerführer Taita Orlando, Sabine Lichtenfels und Padre Javier Giraldo gehalten. »Jesus zu folgen« sagte der Jesuit, »heißt, das System der Gewalt zu verlassen. Um das zu können, brauchen wir Alternativen. Eine zeigt uns das Friedensdorf, eine andere die Indianer, die in diesem Land lebten, ohne die Natur zu zerstören.«

* Aus: Neues Deutschland, 16. November 2010

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