"Wir haben nicht mehr viel Zeit, um Frieden zu stiften"

Adam Keller (Gush Emunim) zu den Friedensaussichten in Nahost


Adam Keller ist Sprecher von Gush Shalom (Friedensblock), einer israelischen Friedensbewegung mit mehreren hundert Aktivisten. 1992 gegründet, klärt sie die Öffentlichkeit über Israels Besatzungsregime in den palästinensischen Gebieten auf. Johannes Zang sprach für das "Neue Deutschland" (ND) mit dem 55-jährigen Historiker in Tel Aviv über die Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern und die Friedensaussichten im Nahen Osten.

ND: Händeschütteln zwischen Yasser Arafat, Bill Clinton und Yitzhak Rabin – vor 17 Jahren schien der Frieden greifbar nahe zu sein. Was lief damals schief?

Keller: Wir in der Friedensbewegung hatten die Illusion, unsere Arbeit wäre fast getan. Aber der israelische Siedlungsbau ging weiter, Gleiches galt für palästinensischen Terror. All das zerstörte das Vertrauen auf beiden Seiten. Ministerpräsident Rabin ließ die Siedler weiterbauen und expandieren. Er dachte, das mache nichts, in einigen Jahren gebe es ja ohnehin ein Abkommen. Er wurde aber ermordet, ein Abkommen kam nicht zustande, und die Siedlungen verdoppelten sich.

Im Februar 1994 massakrierte der Siedler Baruch Goldstein 29 Muslime beim Gebet in Hebron. Das hatte zur Folge, dass Hamas Selbstmordattentate und Bombenexplosionen in israelischen Bussen inszenierte. Niemand erinnert sich heute, dass so etwas bis zum Goldstein-Massaker niemals geschehen war.

Wie steht die heutige israelische Gesellschaft zu Frieden?

Vereinfacht gesagt: Etwa zehn Prozent der jüdischen Israelis wollen wirklich Frieden schließen und sind willens, die nötigen Zugeständnisse zu machen. Weitere zehn Prozent haben das Gefühl, dass das ganze Land uns gehört, weil Gott es uns versprochen hat. Sie vertreten den Standpunkt: Sollten die Araber nicht bereit sein, auf dieser Grundlage Frieden zu schließen, werden wir sie eben weiter bekämpfen. Und die Mehrheit von 80 Prozent ist neutral. Sie unterstützt im Prinzip Frieden, ist aber sehr skeptisch, dass er tatsächlich erreicht werden kann.

Im Moment hören wir sehr wenig über die Verhandlungen, die erst kürzlich nach langer Pause wieder aufgenommen wurden. Ein israelischer Kommentator meinte, Benjamin Netanjahu folge »Rabins Weg«, ein Politiker behauptete, Netanjahu habe den Rubikon überschritten – im guten Sinne. Stimmen Sie solchen Äußerungen über Ihren Premierminister zu, der in den 90er Jahren zu der hasserfüllten Stimmung beigetragen haben dürfte, die auch zur Ermordung Rabins führte?

Ich muss sagen, dass Netanjahu keine einzige dieser Zuschreibungen verdient. Bis jetzt hat er sehr zweideutige Äußerungen von sich gegeben wie zum Beispiel, dass er die Zwei-Staaten-Lösung unterstützt. Er sagte aber nicht, unter welchen Bedingungen und wie die Grenzen Palästinas aussehen würden. Deshalb bewerte ich alles, was er dazu äußert, als reine Lippenbekenntnisse. Barack Obama und Hillary Clinton verlangen jetzt, dass Netanjahu innerhalb von drei Monaten die Grenzfrage klärt. Wenn die Grenzen, denen er zustimmt, vernünftig sind, das heißt, dass es in etwa die Grenzen von 1967 sind, dann würde ich sagen, dass er tatsächlich den Rubikon überschritten hat. Bis jetzt aber weigert er sich, überhaupt ernsthaft über die Grenzen zu reden.

US-Präsident Obama hatte bei seinem Amtsantritt auch im Nahen Osten eine Menge Hoffnung ausgelöst. Wie beurteilen Sie ihn jetzt?

Auch wir sind enttäuscht. Als er gewählt wurde, dachten wir: 2010 werden wir viel weiter sein, als wir es im Moment sind. Er hat viele Fehler gemacht, aber er hat immer noch die Chance, etwas zu bewirken. Die entscheidende Phase ist zwischen jetzt und etwa Januar 2012. Bewegt sich in diesem Zeitrahmen nichts, wird möglicherweise die letzte Gelegenheit verpasst, Frieden zu schließen. Der Zeitplan wird sehr durch die Wahlen in den USA bestimmt. Anfang 2012 beginnt der nächste Wahlkampf. Deshalb haben wir nur ein reichliches Jahr Zeit, um Frieden im Nahen Osten zu stiften.

Was könnte Deutschland dazu beitragen?

Wenn Sie einen Freund haben, der Drogen nimmt, Alkoholiker oder spielsüchtig ist – sehen Sie da tatenlos zu? Natürlich nicht. Dasselbe sollte für Israel gelten. Ja, Deutschland sollte Israels Freund sein, ihm helfen, Frieden zu erreichen, und es davon abhalten, in den Abgrund zu fallen.

* Aus: Neues Deutschland, 25. November 2010


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