Friedensratschlag in Kassel, 02.12.2002 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Im Schatten des drohenden Irak-Krieges

Friedensratschlag tagt am 7. und 8. Dezember 2002 in Kassel. Presseerklärung

Im Folgenden dokumentieren wir eine Presseerklärung der AG-Friedensforschung und des Bundesausschusses Friedensratschlag vom 2. Dezember 2002.

Pressemitteilung
  • Der große Treff für die Friedensbewegung
  • "Friedenspolitischer Ratschlag" mit breitem Programm
  • Im Schatten des drohenden Irak-Krieges
  • Ratschlag soll friedenspolitische Akzente setzen

Am kommenden Wochenende findet in Kassel der neunte "Friedenspolitische Ratschlag" statt. Diese Kongresse werden seit 1994 jährlich an der Universität Kassel abgehalten und stellen das größte und wichtigste Diskussionsforum dar, das Vertreter der Friedensforschung, der Friedensbewegung und der Politik zusammenführt. Veranstaltet wird der "Ratschlag" von der Arbeitsgruppe Friedensforschung an der Uni Kassel in Zusammenarbeit mit dem Bundesausschuss Friedensratschlag, einem bundesweiten Zusammenschluss der Friedensbewegung.

Obwohl der diesjährige Friedensratschlag ganz im Zeichen bzw. im Schatten des drohenden US-Krieges gegen Irak steht, kommen auch andere Themen nicht zu kurz. In drei Plenarveranstaltungen und 18 Arbeitsgruppen wird am Samstag und Sonntag über zahlreiche Aspekte des Terrorismus und des sog. "Krieges gegen den Terror" gesprochen.
So wird etwa am ersten Tag eine kritische Bilanz des Afghanistan-Krieges gezogen, es werden die militärstrategischen Planungen von NATO, USA und EU untersucht, und es wird - unter verschiedenen Gesichtspunkten - über die wirklichen Hintergründe und Anlässe von "Terrorismus", islamischem Fundamentalismus und der Ideologie des "gerechten Krieges" nachgedacht. Hinzu kommen Foren über die Friedensfähigkeit der Kirchen und die politische Macht (oder Ohnmacht) weltweiter Koalitionen zur Abschaffung der Atomwaffen.

Am zweiten Tag liegt der Schwerpunkt der Arbeitsgruppen und Foren auf den positiven Alternativen, welche die Friedensforschung und eine friedensorientierte Politik "von unten" anzubieten haben. Globalisierungskritische und ökologische "Nachhaltigkeits"-Ansätze werden hier genauso vorgestellt und diskutiert wie konkrete Alternativen zur Gewalt im israelisch-palästinensischen Konflikt oder spezifische Arbeitsformen mit kriegstraumatisierten Frauen und friedenspädagogische Vorschläge zur zivilen Konfliktbearbeitung und Bürgerbeteiligung. Hinzu kommen Expertenforen, die sich mit der Rolle der Medien im Krieg (aber auch im Frieden), mit Perspektiven gewerkschaftlicher Friedensarbeit oder mit dem Konzept eines "sozialistischen Pazifismus" befassen.

Besondere Akzente setzen die Referenten der drei Plenarveranstaltungen. Am Samstag referiert die Europa-Abgeordnete Dr. Sylvia-Yvonne Kaufmann über die Chancen Europas, eine "Friedensmacht" zu werden und somit einen anderen Weg einzuschlage als ihn zur Zeit die USA gehen. Prof. Dr. Werner Ruf (AG Friedensforschung der Uni Kassel) beschäftigt sich mit der gegenwärtigen Lage einer aus den Fugen geratenen Welt, die offenbar nur die Wahl hat, entweder im Schlepptau der USA in einer dauerhaften und höchst brisanten "Welt-Un-Ordnung" zu versinken oder sich unter Berufung auf das Völkerrecht und die UN-Charta zu einer wirklichen Weltgemeinschaft souveräner und gleicher Staaten zu entwickeln, die dereinst nicht mehr an ihrer militärischen Stärke, sondern an ihrer Gewährleistung bürgerlicher und sozialer Menschenrechte gemessen werden sollten. Dr. Reinhard Voß, Generalsekretär von pax christi, wird über ein Leitbild christlicher Friedensarbeit sprechen, in dessen Zentrum die Begriffe "gerechter Friede" und "Gewaltfreiheit" stehen müssen. Am Sonntag heißt das Thema für den einleitenden Vortrag von Prof. Dr. Jörg Huffschmid (Uni Bremen und Mitglied des Beirats von Attac): "Alternativen zur neoliberalen Globalisierung". Die Veranstalter gehen davon aus, dass Friedenspolitik sich heute mehr denn je der strukturellen Ursachen und Bedingungen für einen nachhaltigen Frieden vergewissern muss, will sie erfolgreich sein. Dazu gehören das Aufdecken und die Überwindung ökonomischer und sozialer Ungerechtigkeit insbesondere zwischen "erster" und "dritter Welt". Zum Abschluss des "Ratschlags werden Vertreter der Friedenswissenschaft, der Kirchen, der Gewerkschaften, der globalisierungskritischen und der Friedensbewegung über Möglichkeiten und Perspektiven ihrer Arbeit diskutieren.

Ein Novum gibt es mit dem Angebot eines ökumenischen "Politischen Nachtgebets", das am Samstagabend im Anschluss an das Satireprogramm in der nahe gelegenen Kreuzkirche stattfindet.

Das vorläufige Programm zum "Ratschlag" entnehmen Sie bitte unserer Homepage:
Programm und Einladung
Leider hat Herr Uri Avnery seine Teilnahme absagen müssen, da die politischen Verhältnisse in Israel einen längeren Auslandsaufenthalt nicht zulassen - wie er uns gestern (1. Dezember) bedauernd mitgeteilt hat.

Parallel zu den genannten Foren und Arbeitsgruppen wird aus aktuellem Anlass ein Forum angeboten, das im ursprünglichen Programm nicht vorgesehen war: In ihm beraten Vertreter/innen aus zahlreichen Friedensinitiativen und Organisationen über gemeinsame politische Aktivitäten gegen den drohenden Irak-Krieg.

Die beiden Organisatoren des Friedensratschlags, Prof. Dr. Werner Ruf und Dr. Peter Strutynski gehen davon aus, dass der diesjährige Ratschlag sowohl praktisch verwertbare Impulse für die Friedensbewegung geben wird als auch Grundlagen für eine längerfristige friedenspolitische Orientierung erarbeiten wird, die auf dem Gedanken der nicht-militärischen, zivilen Konfliktprävention und -bearbeitung beruht. Hiervon sind die USA, die von Europäern gern als Alleinschuldige einer Brutalisierung der internationalen Politik hingestellt werden, genauso weit entfernt wie die europäischen Staaten (einschließlich Russland), die auf die Herausforderung des internationalen Terrors auch nicht anders als mit Militär und Krieg antworten. Der vermeintliche Kampf gegen den Terrorismus ist weltweit geradezu zu einem Freibrief für alle möglichen Regime geworden, mit unliebsamen Gegnern ein für allemal "aufzuräumen". Russland praktiziert das in Tschetschenien, die Philippinen auf Mindanao, Kolumbien gegen die Partisanenbewegung FARC, Israel gegen die Palästinenser und die USA demnächst gegen Irak.

Organisatorische Hinweise:
Medienvertreter/innen sind herzlich eingeladen am Friedensratschlag teilzunehmen. Wir werden versuchen, Ihnen - soweit vorhanden - Manuskripte oder Thesenpapiere der Referenten zur Verfügung zu stellen. Auch sind wir gern behilflich, wenn Sie Interviewünsche mit bestimmten Teilnehmer/innen haben.
Am Sonntag, den 8. Dezember, werden wir um 11.00 in einer Pressekonferenz am Tagungsort die bis dahin vorliegenden Ergebnisse des "Ratschlags" zusammenfassen. Hierzu sind Sie jetzt schon ganz besonders herzlich eingeladen.

Kassel, den 2. Dezember 2002
F.d. AG Friedensforschung und den Bundesausschuss Friedensratschlag:
Dr. Peter Strutynski (Sprecher)


Zur Seite "Friedensratschlag"

Zurück zur Homepage