Israel, Palaestina, Nahostkonflikt, Aufstand, Friedensbewegung (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

"Wir wollen keine Wohltätigkeit. Was wir brauchen, ist politisches Handeln"

Rede von Prof. Sumaya Farhat-Naser auf dem Friedensratschlag in Kassel

Es war ein bewegendes Zusammentreffen zwischen der Israelin Dafna Hirsch (Universität Tel Aviv) und der Palästinenserin Sumaya Farhat-Naser (Universität Ramallah) auf der Podiumsveranstaltung des Friedenspolitischen Ratschlags am 1. Dezember 2001 in Kassel. Wir dokumentieren im Folgenden den Beitrag von Prof. Sumaya Farhat-Naser. Sumaya bezog sich auf die unmittelbar vor ihr sprechende Dafna Hirsch.

Sumaya Farhat-Naser

Danke Dafna. Es ist das erste Mal, dass ich von Dafna höre und dass ich weiß, dass sie existiert. Zum ersten Mal treffen wir uns hier und ich freue mich über diese Begegnung. Eigentlich ist es bei uns in Palästina zur Zeit nicht erlaubt, dass Palästinenser und Israelis zusammen auf einem Podium sitzen. Ich hatte zugesagt, weil ich glaubte, Uri Avnery wäre hier. Als ich vor zwei Tagen erfuhr, dass nicht er, sondern dass eine Frau kommt, habe ich gesagt: "Mein Gott, ich muss unbedingt wissen, was diese Frau für Ansichten." Sonst ist es nämlich sehr schwer und auch sehr gefährlich für mich. Aber nun muss ich sagen: Ich kann mit dieser Frau und finde es gut, dass sie hier ist.

Über eines müssen wir uns aber im Klaren sein: Die Stellungnahme von Dafna, das, was sie uns hier vorgetragen hat, ist nur eine der wenigen, wenigen Stimmen, Stimmen, die nur ganz am Rand vorkommen. Mit solchen Stimmen haben wir kein Problem. Unser Problem ist vielmehr, dass die allgemeine Meinung, die allgemeine Stimmung in Israel, eine andere ist. Natürlich freuen wir uns, dass es solche Stimmen und solche Menschen gibt, wir sind stolz auf sie und können auch sehr viel von ihnen lernen. Sie geben uns auch Hoffnung. Nur: Die Realität ist eine andere.

Ich glaube, wir als Friedensbewegung haben in vielen Dingen versagt. Wir haben manche Dinge nicht beim Namen genannt und wir waren zu feig zuzugeben, dass wir auch Fehler machen. Wir haben uns über die kleine Schritte, die wir erreicht haben, immer so gefreut, dass wir sie als große Fortschritte dargestellt haben. Auf diese Weise haben wir die Menschen begeistert. Dabei sind wir blind geworden gegenüber der Wirklichkeit. Die Folge davon ist, dass wir in einer Krise wie der jetzigen die ersten sind, die zusammenbrechen, kollabieren, und zwar weil wir das alles nicht wahrhaben wollen.

Als der Aufstand vor über einem Jahr begann und als schon über 200 Palästinenser getötet und Hunderte verletzt waren und bis dahin keine einzige meiner israelischen Partnerinnen oder Partner angerufen hatte, habe ich selber zum Telefonhörer gegriffen. Ich habe gebeten, ruft doch an, sagt doch etwas, schreibt doch etwas, die Menschen warten auf euch. Ich weiß natürlich, dass sie nicht deshalb schwiegen, weil sie nicht sprechen wollten, sondern weil sie irritiert waren, weil sie psychisch "geknickt" waren, weil sie buchstäblich krank geworden waren. Sie wussten einfach nicht, was sie machen sollten. Als mich dann endlich einmal Nawa anrief - Nawa war früher Büroleiterin von Rabin - und sagte: "Sumaya, es tut mir so leid, dass es heute so ist. Aber, mein Gott, ich kann auch nicht verstehen, warum ihr den Aufstand macht. Wir haben doch Frieden!" Da habe ich zu ihr gesagt: "Genau deshalb machen wir den Aufstand, weil ihr nicht wahrhaben wollt, weil ihr euch nicht eingestehen wollt, dass das, was bisher gewesen war, gar kein Friede war sondern ein Diktat."

Friedensarbeit ist sehr, sehr schwer, viel schwerer als Krieg. Bei einem Krieg ist alles schon vorbereitet, man braucht nur einen Beschluss zu fassen und schon kann es losgehen. Aber niemand will wahrhaben dass Friedensarbeit wie eine Mosaikarbeit ist, deren Wirkung, deren Erfolg und deren Resultate vielleicht erst in 20 bis 30 Jahren sichtbar werden. Als der Oslo-"Friedensprozess" begann, hieß es: "Los, ihr Leute an der Basis, fangt an zusammenzuarbeiten und gemeinsame Projekte durchzuführen." Und was ist in Wirklichkeit geschehen? Statt Landrückgabe ist der Landraub weitergegangen, statt dass die Besatzung aufgehört hätte, sind wir heute besetzt wie nie zuvor, aufgeteilt in lauter "Bantustans": Die Westbank ist in 48 voneinander getrennte Einheiten mit 291 Checkpoints unterteilt. Mein eigener Bewegungsraum in Ramallah erstreckt sich auf gerade einmal ein bis zwei Kilometer, dann beginnt eine sogenannte Pufferstraße, auf der man sich nur zu Fuß bewegen darf. Alle Sachen müssen in der Hand oder auf dem Rücken getragen werden, selbst die Kranken müssen getragen werden. Der Transport per Esel hat wieder Hochkonjunktur. Und bei all dem kann man noch von Glück sagen, wenn die Soldaten nicht schießen. Diese Situation hat mit dazu beigetragen, dass Scharon schließlich an die Macht gekommen ist. Und deshalb sagen viele: Ist das das Resultat des Friedensprozesses? Deshalb sind viele Menschen zutiefst enttäuscht, ja, sogar so verzweifelt und ohnmächtig, dass sie nicht mehr an das Wort Frieden glauben. Sobald aber der Glaube an den Frieden nicht mehr da ist, stoppen auch jegliche Kontakte, und das ist fatal.

Zur Zeit befinden wir uns in einer solchen Situation. Ich kenne die Gruppe Ta'ayush, zu der Dafna gehört und von der sie gesprochen hat. Es ist eine palästinensische Gruppe in Israel, die mit Israelis zusammenarbeitet. Der Mehrheit sind Palästinenser - man nennt sie dort Araber, aber sie kämpfen für ihre nationale Identität. Die Aktivisten der Gruppe können in die palästinensischen Dörfer gehen, weil Palästinenser dabei sind. Sonst wäre es zur Zeit ganz und gar unmöglich, dass Israelis zu uns in ein Dorf kommen. Aber wir wollen euer Essen nicht, wir wollen keine Wohltätigkeit. Was wir brauchen, ist politisches Handeln. Und darunter verstehen wir mehr als Proteste. Natürlich war man begeistert über die Peace-now-Bewegung, die seinerzeit Hunderttausende gegen den Krieg auf die Straße gebracht hat. Doch was haben sie danach gemacht? Sie haben phantastisch demonstriert in Tel Aviv an Rabins Todestag, als sie weiße und schwarze Särge hingestellt haben, womit an die Toten auf beiden Seiten erinnert wurde. "Großartig!" Man freut sich für ein paar Momente, aber dann? Wo ist das politische Handeln danach?

Unsere Leute sagen: Wir wollen nicht nur hören, dass ihr euch mit uns solidarisiert. Ihr müsst auch eindeutig sagen: Was in Jerusalem geschieht, ist eine systematische Vertreibung der Palästinenser. Diese Vertreibung gehört zum israelischen System. Sie geschieht nach israelischem Recht. Ich nenne nur ein Beispiel. Alle Palästinenser im Raum Jerusalem sind aufgrund einer Militärverordnung zu Ausländern erklärt worden. Demnach dürfen sie nicht die israelischen Gesetze in Anspruch nehmen, israelische Gesetze, welche Gerechtigkeit, Würde und Respekt für alle Menschen gewährleisten. Aber die Gesetze für die Palästinenser legalisieren die Diskriminierung. Entsprechend diesen Gesetzen muss z.B. jeder "Ausländer", jeder Palästinenser, der im Ausland studiert, arbeitet oder lebt oder zu Besuch ist, jedes Jahr vor Ablauf eines bestimmten Termins zurückkehren, um das Recht auf sein eigenes Zuhause zu bestätigen. Wenn man das nicht machen kann, weil man z.B. in der Prüfung steht oder aus gesundheitlichen Gründen, verliert man für immer das Recht auf sein Zuhause. Mein Bruder hatte einen Autounfall und war im Krankenhaus, mein anderer Bruder hatte den Termin vergessen, er dachte sein Termin wäre im Mai, aber der Termin war schon im April, und mein dritter Bruder hatte kein Geld für ein Flugticket: Alle verloren sie ihr Recht auf das Zuhause. Besitz und Erbe gehen in solchen Fällen automatisch auf den israelischen Staat über. Deshalb sagen die Israelis: Wir haben das Land mit legalen Mitteln "erworben". Solche Sachen müsste man hervorheben und verurteilen.

Ich arbeite seit vielen Jahren mit israelischen Frauen und Männer für den Frieden zusammen. Die letzten vier Jahre habe ich ein Frauenzentrum in Ost-Jerusalem geleitet. Dessen Ziel war es, nicht nur zu protestieren, sondern gezielt politische Bildung zu vermitteln. So etwas haben wir schon 1989 begonnen, als es verboten war miteinander zu arbeiten oder auch nur miteinander zu sprechen. Israel hatte es ihren Bürgern und die PLO hatte es den Palästinensern verboten. Wer mit den anderen sprach, galt als Verräter. Wenn in den achtziger Jahren Israelis und Palästinenser im Fernsehen an einem Tisch saßen - mir ging es zum ersten Mal 1986 so -, dann hieß es immer: jeder Vertreter an einem eigenen Tisch und nicht an einem - gemeinsamen - Tisch. Und trotzdem haben wir zusammengearbeitet.

Für uns ist es ganz wichtig, damit wir miteinander arbeiten können, müssen klare Linien gezogen werden. Warum wollen wir miteinander arbeiten? Wollen wir zusammen protestieren? Wollen wir miteinander Kaffee trinken gehen? Ist unser Problem wirklich, dass wir uns von Geburt an nicht mögen? Oder sind es nicht vielmehr Grundprinzipien, politische Gründe, existenzielle Gründe, die uns zusammenführen. Genau das ist es und deshalb haben wir als Frauengruppen gemeinsame Grundprinzipien erarbeitet, die für beide Seiten gelten: Wir sind zwei Völker mit demselben Wert und mit denselben Rechten, uns beiden gehört das Land, deshalb treten wir ein für zwei Staaten, für zwei Völker. Jerusalem gehört uns beiden, es ist eine offene Stadt, gilt aber als zwei Hauptstädte für zwei Staaten. Wir lehnen jegliche Art von Gewaltanwendung zur Durchsetzung unserer Ziele ab und wir haben nicht nur das Recht sondern die Verpflichtung, uns politisch einzumischen, aktiv zu sein und so die politische Zukunft mitzugestalten - gemeinsam mit den Männern. Und wir glauben, eine Basis für den Frieden können nur die UNO-Resolutionen sein. Sie sind das Einzige, was wir an "Legitimität" in der Hand haben.

So haben wir an diesen Prinzipien gearbeitet. Und wir haben Trainingskurse gemacht in "Dialog", haben also gelernt, wie man miteinander spricht und sich zu überzeugen versucht. Die Frauen, mit denen ich in einem Kuratorium gearbeitet habe, waren - auf beiden Seiten - politische Vertreterinnen auf höchster Ebene: Abgeordnete aus dem palästinensischen Parlament aus der Knesseth. Wir haben aber auch Kurse mit Frauen "an der Basis" veranstaltet. Und nun möchte ich Ihnen erzählen, welche Probleme dabei aufgetaucht sind, damit Sie wissen, wie schwer es bei uns ist Friedensarbeit zu machen. Schon vor den Verhandlungen in Camp David und lange vor dem Aufstand, nämlich im August 1999, haben wir uns so schlimm gestritten, dass wir den politischen Dialog gestoppt haben. Worum ging es? Wir Frauen haben immer schon heiße Eisen angepackt. Beispielsweise waren wir die ersten, die sich seinerzeit für die Anerkennung der PLO eingesetzt hatten. Als wir das erreicht hatten, sind wir weiter gegangen und haben für einen selbständigen Palästinenserstaat plädiert, haben auch von Jerusalem als zwei Hauptstädten für zwei Staaten gesprochen usw. Im August 1999 haben wir, bevor die offizielle Politik damit begonnen hatte, das Recht auf Rückkehr, die Siedlungen und die Grenze zum Thema gemacht. Und da stellten wir plötzlich fest, dass wir total aneinander gerieten. Solange eine Sache allgemein bleibt, sagen alle: Ja, natürlich sind wir für Frieden. Alle sind auch für zwei Staaten. Aber wenn es konkret wird, wenn es darauf ankommt, dann ist es mit der Einheit schnell vorbei. In der Diskussion über Jerusalem argumentierten die israelischen Frauen plötzlich, Ost-Jerusalem sei doch Jerusalem, und Jerusalem gehöre den Isrealis. Ein anderer Punkt waren die "roten Linien". Dazu muss man wissen, dass wir mit Siedlerinnen nicht verhandeln. Siedlerinnen sind von unserer Arbeit ausgeschlossen und nehmen auch nicht Teil an unseren Gesprächen. Plötzlich musste ich feststellen, dass eine Frau im Kuratorium des anderen Zentrums eine Siedlerin ist. Mein Gott, habe ich zu ihr gesagt, weiß du, was das für mich heißt, mit einer Siedlerin zusammenzuarbeiten? Das bringt mich in Lebensgefahr! Doch sie antwortet mir, sie verstehe sich nicht als Siedlerin. Sie verstehe sich vielmehr als "neighbourhood", als Nachbarschaft. Man brauche für den Raum Jerusalem doch nur das Wort "Siedlung" in "neighbourhood" umzuändern, und schon sind es keine Siedlungen mehr! Gilo z.B. ist keine Siedlung mehr. Und auch die vielen UN-Resolutionen werden nicht mehr akzeptiert. Israel hat über 90 UN-Resolutionen, insbesondere die bekannte Resolution 242, nicht respektiert. Und plötzlich sagen auch die Frauen, warum sollen wir die Resolution 242 heranziehen, die sei ja schon so viele Jahre alt. Es war darüber wirklich keine Einigung möglich. Also haben wir gesagt, unter diesen Umständen geht es eben nicht. Eindeutig besetzte Gebiete sind und bleiben besetzte Gebiete. Auch in der Jerusalemfrage kamen wir nicht weiter. Die israelischen Frauen haben unsere Forderung, dass Ostjerusalem unsere Hauptstadt sein solle, durchaus anerkannt, aber sie haben etwas anderes gemeint. Sie schlugen vor, den geografischen Raum Ostjerusalems im Norden bis Ramallah und im Süden bis Bethlehem zu erweitern. Ramallah ist dovch heute schon eure Hauptstadt, sagen sie, dann wird es zu Ostjerusalem gehören, also ist Ostjerusalem eure Hauptstadt. So begann es, ein Punkt nach dem anderen wurde in Frage gestellt. Und die Frauen, von denen ich hier spreche, mit denen ich zusammengearbeitet habe, kommen aus politischen Kreisen, z.B. aus der Arbeitspartei oder von Meretz, die den Friedensprozess lnge Zeit mitgetragen haben. Aber seit sie in der Regierung sind, sind sie mäuschenstill und verteidigen die Regierungspolitik. Solange sie in der Opposition sind, sind sie sogar noch viel radikaler als wir - ich glaube, das ist genauso wie hier.

Und dann vergingen ein Monat, zwei Monate, zehn Monate, vierzehn Monate und sie haben uns gesagt: Bitte, lasst uns erst unter uns diskutieren, wir müssen uns erst intern darüber verständigen, wie wir uns zum Recht auf Rückkehr und zu anderen strittigen Fragen verhalten. Nach 14 Monaten haben wir ihnen ein Ultimatum gestellt: Entweder ihr nehmt Stellung oder wir stoppen jegliche gemeinsamen Programme. Und dann kam der Aufstand und damit wurde sowieso alles gestoppt.

Ich habe in den letzten Monaten an 78 Beerdigungen teilgenommen, bei acht davon handelte es sich um Freunde meines Sohnes. Ich weiß, was auf den Straßen in Palästina passiert. Da wage ich nicht, das Wort Friedensarbeit in den Mund zu nehmen oder das Wort Frieden. Zur Zeit ist es so, dass jeder, der mit Israelis arbeitet, ein Verräter ist. Und diese rote Linie muss ich respektieren, denn ohne die Unterstützung durch mein Volk kann ich nicht arbeiten. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass es furchtbar ist, plötzlich meinen israelischen Freundinnen und Freunde, mit denen ich seit zehn Jahren gearbeitet habe, zu sagen: Es tut mir leid, von nun an darf ich nicht mehr. Niemand kann und niemand darf das zerstören, was in mir gewachsen ist. Diese Zusammenarbeit, was wir voneinander gelernt haben und vor allem was wir bis dahin geschafft haben, das ist eine reiche Erfahrung. Und wir haben einiges geschafft. Deshalb habe ich mich entschlossen, das Zentrum zu verlassen. Ich war seit sieben Monaten nicht mehr dort und es findet keine Arbeit mehr in diesem Bereich statt. Damit aber niemand sagt, es war alles umsonst, sage ich: Kein Schritt war umsonst! Und ich habe mir vorgenommen, meine Erfahrungen in einem Buch aufzuschreiben. Darin werde ich die gemeinsame Zeit Revue passieren lassen, über die Herausforderungen, Verletzungen und Schmerzen berichten, die wir in diesem Prozess der Annäherung gehabt haben. Ich werde schreiben über die politischen Diskussionen, über unsere Art des Dialogs, der nicht mit dem Ziel geführt wurde, die anderen zu verärgern oder anzuklagen oder ins Unrecht zu setzen, sondern der geführt wurde um zu zeigen, dass wir alle gleiche Menschen mit gleichen Rechten sind. Was ich für mich in Anspruch nehme, muss auch für andere gelten. Das alles soll in meiner Dokumentation zum Ausdruck kommen. Jeder soll sehen, dass wir vieles erreicht haben und dass wir, wenn die "Stunde X" kommt, eine gute Grundlage haben, von der aus wir weitergehen können.

Niemand kann heute Kontakte stoppen oder verbieten. Die Beziehungen gehen über E-Mail und über das Internet weiter. Es sind individuelle Beziehungen, ich pflege sie in meinem persönlichen Namen, nicht im Namen einer Organisation oder innerhalb einer Struktur. Wenn die Strukturen und Verhältnisse solche Beziehungen verhindern, dann muss man sich eben eingestehen, dass man schwach ist in der Struktur und dass die Struktur einem keine Stütze mehr bietet. Dann muss man auch bereit sein die Struktur zu verlassen - auch wenn es nur vorübergehend ist. Ich habe sehr schnell erkannt, dass dann auch ganz neue Arbeitsmöglichkeiten entstehen. Ich werde an die Uni zurück gehen, unterrichten und diese Arbeit mit meinen Studenten fortsetzen. Ich werde dies nicht "Friedensarbeit" nennen, denn sonst würde keiner mitmachen. Es werden vielmehr Kurse sein über Persönlichkeitsentfaltung, "Empowerment", Problembewältigung, Aufbau einer zivilen Gesellschaft usw. Es ist jetzt sehr schwer mit der anderen Seite zu kooperieren, und es sollte uns niemand zur Zusammenarbeit zwingen. Wenn die Zeiten günstiger sind und wir die Notwendigkeit erkennen wieder zusammenzuarbeiten, dann werden wir es auch wieder tun. Bis dahin aber arbeite ich an mir selbst und an meiner Gesellschaft. Auch sie muss vorbereitet werden auf die Zusammenarbeit, damit das Gemeinsame dann auch wirklich klappt.

Seitdem ich das erkannt habe, habe ich wieder phantastische Dialoge per E-Mail mit israelischen und jüdischen Bürgern verschiedener Länder, insbesondere der USA - Dialoge, in denen die politischen Probleme viel intensiver diskutiert werden, als das bisher der Fall war. In einem direkten Gespräch kommt man doch häufig an einen Punkt, wo es nicht weiter geht. Weil wir aber alle lieb zueinander sein und keinen Konflikt haben wollen und weil wir sehr höflich sind, kehren wir dann manches unter den Tisch. Oder aber ich argumentiere temperamentvoll und wütend, weil die Situation eben so ist. Dann können mein Blick oder meine Hand oder meine Stimme so aggressiv sein, dass die andere Seite denkt: Um Gottes willen! Und bald gibt ein Wort das andere. Wenn ich aber schreibe, schreibe ich alles aus mir heraus, den ganzen Klotz, der in mir drin ist. Und ich kann schreiben, wie ich will, und es können 15, 20, 25 Seiten sein, ich schicke es per E-Mail mit einem Klick - und sie bekommt das, liest das und dann guckt sie und rollt die Augen und schreit und schimpft auf mich und sagt: Das kann sie doch nicht meinen! Ich aber sehe das nicht. Und je mehr sie liest, desto mehr erkennt sie, was ich eigentlich will, dass ich auch etwas Vernünftiges, etwas Gutes geschrieben habe, womit ich ihre Wellenlänge getroffen habe. Und wenn sie alles gelesen hat, dann tritt vielleicht ein solcher Effekt ein, dass sie sagt: Aha, aha, aha! Und wenn sie dann antwortet, wird sie vielleicht mit dem "Aha!" beginnen. Vielleicht kommt dann ein Telefonanruf und wir beginnen noch einmal zu sprechen und dann können wir uns treffen und uns auf die Dinge konzentrieren, die noch offen geblieben sind. Das sind wunderbare Dialoge.


Mehr zum "Friedensratschlag 2001"

Zur Länder-Seite "Palästina"

Zur Seite "Friedensbewegung"

Zurück zur Homepage