Ostermarsch 2000 (Friedensratschlag)
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Ostermarsch 2000 in Oldenburg

Rede von Gudrun Pausewang

Liebe Freunde,

die Zeiten, in denen FRIEDEN ein Wort war, das elektrisierte, sind vorerst vorbei. Die Jahre, in denen die Friedensbewegung eine breite Schicht unserer Gesellschaft darstellte und schon für jeden Zwölfjährigen ein Begriff war, sind für Menschen, die sich noch immer für den Frieden engagieren, zur guten alten Zeit geworden. Die riesigen Friedensdemonstrationen im Hofgarten in Bonn und anderswo, die Menschenketten für den Frieden, die Mahnwachen sind zu geschichtlichen Ereignissen geronnen.

Wir haben den entsetzlichen Kosovo-Krieg hinter uns. Mit ihm haben wir Deutschen, die wir doch nach dem Zweiten Weltkrieg unisono "Nie wieder Krieg!" schworen, eine verhängnisvolle Schwelle überschritten. Dieser Krieg, an dem wir gegen alle guten Vorsätze mitwirkten und während dem die Welt von den Medien systematisch betrogen wurde, hat viele heftige Diskussionen ausgelöst, hat auch manche Friedensbewegte verunsichert. Die grundsätzliche Einstellung der meisten unserer deutschen Zeitgenossen ist nach der Kosovo Erfahrung diese: "Natürlich bin ich gegen Krieg. Wer ist denn kein Kriegsgegner! Allerdings, unter bestimmten Voraussetzungen..." und so weiter.

Ach ja, wie fühlte man sich doch damals während des Höhepunkts der Friedensbewegung so geborgen in der großen Herde der Gleichgesinnten! Aber nun ist es kühl geworden, denn zurück blieb nur eine verhältnismäßig kleine Gruppe, sozusagen ein "Fähnlein der sieben Aufrechten", die sich an einer Vision orientieren.

Aber einer, der nicht nur vom Frieden träumt, sondern sich auch aktiv für ihn einsetzt, wirkt heute auf viele komisch - wenn nicht altmodisch. Ein Engagement für den Frieden liegt zur Zeit nicht im Trend, damit muss man sich abfinden. Ein Friedensaktivist - oder wie immer man ihn nennen will -schwimmt heute gegen den Strom. Denn die Militarisierung schreitet fort, die Rüstungslobby baut ihre Macht aus, die Brutalität nimmt zu. Die Vorgänge in Tschetschenien sind nur ein Beispiel unter vielen.

Zum Gegen-den-Strom-Schwimmen braucht man neben einem starken willen vor allem Zivilcourage. Das ist eine Tugend, die leider in unserem pädagogischen Programm noch viel zu wenig gepflegt, gelehrt - und vorgelebt wird.

Zum Teufel: Warum ist die Gattung Mensch nicht fähig, Dauerfrieden zu halten? An Ansätzen, dieses Ziel zu erreichen, hat es nicht gefehlt, eben so wenig an Beispielen kläglichen Scheiterns solcher Bemühungen. Ich glaube, das Problem, das uns Menschen dabei so sehr zu schaffen macht, ist das tierische Erbe in uns. Nur in wenigen Prozenten unserer Gene unterscheiden wir uns von unseren Vettern, den Affen. Noch dominieren in uns die tierischen Triebe. Ist nicht der Revierverteidigungstrieb der Auslöser des Geschreis, das heute so oft zu hören ist: "Ausländer raus! Deutschland den Deutschen!"? Ähnelt der Aufschrei "Wie kommen wir dazu, die Asylbewerber und Wirtschaftsflüchtlinge mit durchzufüttern?" nicht dem Knurren des Hundes, der seinen vollen Futternapf seine Beute, seinen Besitz zu verteidigen versucht?

Vor allen anderen Trieben ist es wohl der Selbsterhaltungstrieb, der uns die Verwirklichung der Vision Frieden so schwer macht. Dem Überleben der Gattung dienen alle Triebe. Auch der Agressionstrieb. Dem begegnen wir täglich in uns selbst. Wir können ihn nicht abtöten. Wir können nur lernen, mit ihm umzugehen. Ihn in den Griff zu bekommen. Er wird noch Jahrtausende weiter in uns rumoren und uns unter bestimmten Umständen in schreckliche Lagen bringen, aktiv wie passiv.

Aber ebenso lange, wie der homo sapiens sich mit diesen Trieben herumschlagen muss, träumt er den Traum vom Paradies, wo das Lamm neben dem Löwen schlummert und die Gans mit dem Fuchs tanzt. Dieser Traum von Urvertrauen, ewigem Frieden und Glückseligkeit ist ein Gegenbild zu dem des siegreichen Helden im Machtrausch, der triumphierend sein blutiges Schwert schwingt und seinen Fuß auf den toten Feind setzt.

Zwischen diesen beiden Träumen bewegen wir uns hin und her, je nach dem Trend der Zeit und den Vorzeichen der Politik. Denken Sie an 1939/1940, als sich unser Volk an den Siegen seines Heeres berauschte. Denken Sie an den Höhepunkt der Friedensbewegung in den Achtzigern. Wir müssen geduldig sein. Triebe lassen sich nicht operativ entfernen, lassen sich nicht in einem Wochenend-Crashkurs abgewöhnen. lassen sich nicht verdrängen. Wer sich der Aufgabe verschreibt, einen Trieb in den Griff zu bekommen, muss sich mit der Rolle eines Fast-Sisyphus anfreunden.

Ja, die Menschheit kommt voran auf dem Weg vom Homo erectus zum wahrhaft humanen Menschen. Aber von nahem nimmt man diese Entwicklung nicht wahr. Dazu ist sie zu langsam.

Betrachten wir den winzigen Abschnitt der Menschheitsgeschichte. der für uns einigermaßen einsehbar ist, dann könnte uns die schiere Verzweiflung packen. Keine Tendenz "Weg vom Krieg. hin zum Frieden" ist zu erkennen. Im Gegenteil: Früher kämpften in Kriegen die Männer miteinander, während die Frauen, die Kinder und die Alten im allgemeinen daheim vom Krieg verschont blieben. In einem heutigen Krieg kommen fast eben so viele Zivilpersonen wie Soldaten um. In zukünftigen Kriegen werden die Verluste an Zivilpersonen die an Soldaten wahrscheinlich noch weit übersteigen.

Früher kämpften die wehrfähigen Männer mit Schwertern und Speeren, sahen dem Feind also sozusagen ins Auge, während sie ihn umzubringen versuchten. Heute ist der Feind anonym. Die Artilleristen. die bombenabwerfenden Piloten, die Männer, die Raketen abschießen, sehen den Feind nicht mehr, haben also um so weniger Skrupel zu überwinden. Und noch anonymer wird der Krieg, wenn atomare, biologische und chemische Waffen eingesetzt werden. Die Zivilbevölkerung ist beim Einsatz solcher Waffen noch viel stärker gefährdet als das Militär. Denn sie ist wehrlos.

Als noch Mann gegen Mann kämpfte, hielten sich die Totenzahlen in Grenzen. Heute steigen die Verlustziffern aufgrund der hochentwickelten Waffentechnik schnell in den Bereich der Millionen. Im Zweiten Weltkrieg kamen etwa 50 Millionen Menschen um. Angesichts solcher Zahlen versagt unser Vorstellungsvermögen: In künftigen Kriegen wird sich die Zahl der Toten wahrscheinlich verdoppeln.

Verstärkt sich etwa der Aggressionstrieb der Gattung Mensch? Wird der Mensch noch brutaler, angriffslustiger. unmenschlicher? Fast ließe sich aus der Geschichte der Kriege diese Erkenntnis herauslesen. Aber das wäre wahrscheinlich ein Fehlschluss. Der Mensch nutzt im Krieg lediglich seine technischen Fähigkeiten voll aus. Dass wir uns auf der Ebene der Naturwissenschaften, vor allem aber der Technik in atemberaubender Geschwindigkeit vorwärts entwickelt und unglaubliche Fortschritte gemacht haben, hat sich natürlich auch auf die Art der Kriege ausgewirkt. Technik dient nur dann dem Menschen. wenn sie menschen freundlich programmiert wird. Kriegstechnik ist in höchstem Maß inhuman.

Um auf das Bild des Weges zurückzukommen, den die Menschheit im Lauf ihrer Geschichte zurücklegt und noch zurücklegen wird: Leider sind wir nicht fähig, uns so schnell in wahrhaft humane Menschen zu verwandeln wie wir fähig sind, unmenschliche Kriegstechniken zu entwickeln. Das ist unser Kreuz. Pessimisten könnten daraus schließen, dass wir, die Gattung Mensch, unseren letzten Krieg so mörderisch gestalten werden, dass wir uns insgesamt auslöschen.

Diese Diskrepanz zwischen der Fähigkeit blitzschnellen Vorstoßes des menschlichen Verstandes und der trägen1 von den Resten uralter Triebe so abgebremsten Weiterentwicklung der Humanität macht uns den Einsatz für den Frieden schwer. Im Friedensmuseum in Hiroshima steht ein Satz, der genau dieses Problem anspricht: "Wir wissen tausendmal mehr; als wir wissen müssen.
Woran uns mangelt, ist die Kraft des Herzens."

Aber wir dürfen nicht aufgeben, auch wenn wir uns zur Zeit fast wie Mahner in der Wüste fühlen müssen. Uns muss immer bewusst sein; Würde der Krieg nicht immer wieder als unmenschlich angeprangert. käme die Menschheit noch viel langsamer voran. Hätten sich bisher nicht immer wieder Unentwegte für den Frieden engagiert stünden in unseren Schullesebüchern wahrscheinlich noch heute Texte, die dem Zweck dienten, unsere Kinder für Kampf und Krieg zu begeistern.

Nein, wir dürfen wir nicht aufhören, vor allem unserer jüngsten Generation deutlich zu machen wie menschenunwürdig jede Art von Gewalt ist, angefangen vom Faustschlag auf dem Schulhof bis hin zum Atomkrieg. Denn unsere Kinder sind die Erwachsenen von morgen, die in ein paar Jahren das politische Szenario in Deutschland gestalten werden. Kinder sind der Menschlichkeit noch näher als Erwachsene, die bereits durch vielerlei Zwänge zu allerlei Wenns und Abers gedrängt wurden und leider oft zu einer Hinterfragung ihrer Standpunkte und einer eventuell daraus resultierenden notwendigen Kurskorrektur nicht mehr fähig sind.

Bismarck sagte einmal: "Wer seine Ansicht mit anderen Waffen als denen des Geistes verteidigt, von dem muss ich annehmen, dass ihm die Waffen des Geistes ausgegangen sind." Vielleicht lässt sich so mancher Zeitgenosse der sich achselzuckend mit dem Phänomen Krieg als unabschaffbar abgefunden hat, durch das Bismarck`sche Argument nachdenklich machen. Und vielleicht schafft es auch die Kirche irgendwann, den Krieg mit allem Nachdruck zu ächten. Würde Jesus, dieser Mann aus Nazareth, in unserer heutigen Gesellschaft wieder auftauchen, wäre die Ächtung des Krieges eines seiner zentralsten Anliegen. Darauf deutet ja auch die Einstellung der Urchristen hin: Keine Waffen zu tragen und zu benutzen war sozusagen das Markenzeichen des Urchristentums.

Machen wir also weiter, wir alle, wir Fast-Sisyphusse. Wir orientieren uns an einer großen Vision, der Vision von einer Menschheit, die es schafft, ohne Kriege auszukommen. Jeder Vision liegt eine Idee zugrunde. Wir glauben an die Idee des Friedens. Wir sind Idealisten. Idealisten brauchen viel Kraft, Zähigkeit, Tapferkeit und Geduld. Und vor allem Hoffnung. Halten wir uns aneinander fest, tun wir alles, was in unserer Macht steht, für den Frieden - und hoffen wir mit der Kraft unseres Herzens auf eine neue Brandungswelle der Friedensbewegung, die stärker sein wird als die vergangene.

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