Elmar Altvater zum Klima-Gipfel in Kopenhagen, 14.10.2009 (Friedensratschlag)
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Marsch ins Treibhaus

Auf dem Klima-Gipfel in Kopenhagen geht es nicht nur um die Reduktion der Treibhausgase. Dort werden auch die Weichen zwischen Frieden und Krieg für die Welt gestellt

Von Elmar Altvater *

Die bevorstehende Klimakonferenz von Kopenhagen wird ein Jahrhundertereignis mit einem planetarischen Thema: Der Klimawandel muss gestoppt werden, oder das Überleben vieler Menschen ist in Gefahr. Leider ist mit kleinkariertem Zank zu rechnen - zwischen Ländern, die von Taifunen verwüstet wurden und daher auf einen radikal verminderten Ausstoß von Treibhausgasen drängen, den Ölstaaten, die auch weiter ungehindert ihr "schwarzes Gold" verkaufen wollen, den Industrieländern, denen eine verbindliche Absenkung der Klimagase nicht ins Geschäft passt und Regierungen, die den Energiehunger ihrer Industrien auch künftig mit Kohle stillen wollen.

Der Klimawandel kostet immerhin an die 20 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts. Er verlangt hohe Menschenopfer, wie gerade erst die philippinische Delegation auf dem Vorbereitungstreffen des Klimagipfels in Bangkok angesichts schwerer Tropenstürme beklagt hat.

Ausgerechnet das US-Verteidigungsministerium hat die Folgen des Klimawandels für Europa bereits kalkuliert. Das Szenario ging davon aus, dass die Eiskappen an den Polen schmelzen und Süßwasser ins Nordmeer fließt, dessen Salzgehalt sich verringert. Durch den veränderten Auftrieb am Nordpol wird der horizontale Golfstrom aus dem subtropischen Atlantik umgelenkt und damit die "Heizung" der nordatlantischen Regionen abgestellt. In Mitteleuropa, in Skandinavien, auf den britischen Inseln, aber auch in Kanada und an der nördlichen Ostküste der USA fallen die Temperaturen. Das klimatische Paradox: Weil sich die Erde erwärmt, kann es in der nordatlantischen Region beträchtlich kälter werden.

Ein Flüchtlingsstrom aus den Kältezonen des Treibhauses Erde flutet - so das Szenario weiter - in die USA, und das Homeland muss nun, wie es das Heimatschutzgesetz verlangt, verteidigt werden, auch militärisch. Diese Annahme spiegelt nicht nur Zukunftsvisionen für Nordamerika, sondern die Wirklichkeit an den europäischen Südgrenzen wider. Das EU-Grenzschutzkommando Frontex schickt bereits jetzt im Mittelmeer aufgebrachte Migranten zurück in ihre Herkunftsgebiete, die sie auch wegen des Klimawandels und der damit einhergehenden verschlechterten wirtschaftlichen Lage verlassen haben. Oder sie internieren die Betroffenen in Wüstencamps, sofern die Flüchtlinge nicht zuvor im Mittelmeer ertrunken sind. Wenn Klimapolitik zur Militärmission wird, bleiben alle menschlichen Sicherheiten auf der Strecke.

Die Abkühlung der heißen Luft im Treibhaus Erde ist daher ein "Muss", denn diese Luft ist bleihaltig. Deshalb sprechen auch friedenspolitische Argumente dafür, die Emissionen radikal zu reduzieren. Nur birgt auch eine alternative Energie- und Klimapolitiken harte Konflikte. Das lassen die Vorschläge der Internationalen Energieagentur (IEA) vermuten. Nach ihren Prognosen werden bis 2050 etwa vier Fünftel des Energieangebots aus fossilen Quellen stammen. Doch woher nehmen? Viele alte Ölfelder sind erschöpft, neue kaum gefunden. Und wenn doch, dann handelt es sich meist um schwer erschließbare Vorkommen wie jenes vor der brasilianischen Atlantikküste in 4.000 Metern Tiefe. Dieses Öl zu fördern, ist nur dann ökonomisch rational, wenn der Ölpreis sehr hoch ist. Wenn das Angebot dieses wichtigsten Energieträgers also nicht wesentlich angehoben werden kann, aber die Nachfrage wächst und der Preis steigt, nehmen zugleich die Verteilungskonflikte um den knapper werdenden Stoff zu.

Der neokonservative Falke und ehemalige Vizeverteidigungsminister Wolfowitz hat einst eingeräumt, dass die USA nur wegen des Öls in den Irak einmarschiert sind. Sie haben dort in jeder Hinsicht ein Desaster verursacht. Manchmal treten Ursache und Wirkung ziemlich offen zutage. Noch komplizierter ist das geopolitische Geflecht aus Tanker-Routen, Pipelines, Förderländern, transnationalen Konzernen und Verbraucherstaaten, die alle für sich reklamieren, ihre Interessen verteidigen zu müssen. Nur ein kollektives Sicherheitsverständnis kennen sie nicht.

Bieten wenigstens die erneuerbaren Energieträger friedliche Perspektiven? Die Hungerrevolten und Brotunruhen der vergangenen Monate stimmen skeptisch. Wenn den Menschen Ackerland für Nahrungsmittel genommen wird, um Biodiesel herzustellen, sind harte Konflikte programmiert: Nahrungsmittel für den Bauch oder Sprit für den Tank, das ist hier die Frage. Auch wenn in der Sahara Solarstrom für Europa erzeugt werden soll, ist der Frieden gefährdet. Energie-Imperialismus provoziert Widerstand, der dann - aktuelle Sicherheitsdiskurse legen dies nahe - als "terroristisch" bekämpft wird.

Die Verwandlung von Energie- und Klimapolitik in Sicherheitspolitik scheint unaufhaltsam. Auch wenn in Kopenhagen den erneuerbaren Energieträgern ein größeres Gewicht gegeben wird und vereinbart werden sollte, die CO2-Emissionen zu verringern - der Marsch ins Treibhaus wird fortgesetzt, solange der Umbau des Produktions- und Konsummodells nicht beginnt. Das ist in der Tat eine Jahrhundertaufgabe. Vielleicht sieht man in Kopenhagen den Schimmer eines alternativen Energiemodells. Wenn nicht, wird jemand irgendwann einmal das Licht ausmachen. Und zwar für immer.

* Aus: der Freitag, 8. Oktober 2009


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