Neue Allianzen

Atlantik-Charta 1941: Am Anfang des Weges zu den Vereinten Nationen

Von Kurt Pätzold *

Die Konferenz ist über den Treffen der »Großen Drei« in Teheran (1943), dann in Jalta auf der Krim und in Potsdam (jeweils 1945) in der Erinnerung etwas verblaßt. Unverdient. Denn sie gehört zu den bedeutenden politischen Ereignissen in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Rede ist von der Begegnung Franklin D. Roosevelts, des Präsidenten der USA, mit Winston Churchill, dem Premierminister Großbritanniens, die sie vom 9. bis zum 12. August 1941 zusammenführte, begleitet von politischen und militärischen Beraterstäben. Sie fand, geheimgehalten, auf dem britischen Schlachtschiff »HMS Prince of Wales« in der Placentia Bay vor Neufundland statt.

Rätseln im »Reich«

Als die Nachricht von dem Treffen in deutschen Zeitungen verbreitet wurde, fragte man an Stammtischen, wieso deutsche U-Boote da nicht ein- und angegriffen hätten. Das Gerede ist ein Zeugnis von vielen für den Realitätsverlust der Nazis, denen an der Spitze des Regimes wie ihrer gläubigen Gefolgschaft. Sie fühlten sich schon als Herren, wenn auch noch nicht der Welt, so doch zumindest der Weltmeere. Während die Masse der Deutschen von dem Ereignis kaum Notiz genommen haben dürfte – deren Aufmerksamkeit war auf die Nachrichten von der Ostfront gerichtet –, kritisierten einzelne, daß über das von den beiden Politikern Gesagte und Beschlossene wenig zu erfahren sei. In einem längeren Bericht des Sicherheitsdienstes vom 28. August hieß es, daß in der Bevölkerung gefragt werde, »ob man alles erfahren habe, was zwischen Roosevelt und Churchill abgemacht worden ist«. Bezweifelt werde auch, daß das Treffen so unbedeutend gewesen sei, wie es die Presse hinstelle: »Es wird gefragt, was nun eigentlich in dem Plan Roosevelts gestanden hat, der in Kommentaren immer wieder mit den 14 Punkten Wilsons verglichen werde (...) Viele Volksgenossen hätten das Gefühl, daß ihnen etwas verheimlicht wird und daß ihnen eine bestimmte Meinung eingeredet werde.«

Die deutsche Führung besaß kein Interesse daran, daß bekannt wurde, welchen Kurs die USA jetzt einschlugen, nachdem sie 1939 bei Kriegsbeginn ihre Neutralität erklärt hatten. Doch wer sich noch der Telegramme Roosevelts erinnerte, die er nach der deutschen Besetzung Böhmens und Mährens und der italienischen Okkupation Albaniens im April 1939 an Hitler und Mussolini geschickt hatte, konnte wissen, daß Neutralität in diesem Falle nicht den Verzicht auf Parteinahme bedeutete. Als der Krieg in Europa begann, wünschten 84 Prozent der US-Bürger den Westmächten den Sieg.

Nun hatten in Deutschland schon vor dem Treffen immer wieder Diskussionen über die zu erwartenden nächsten Schritte der US-amerikanischen Außenpolitik stattgefunden. Die letzte war durch die in Washington getroffene Entscheidung ausgelöst oder verstärkt worden, die Dienstzeit in den Streitkräften zu verlängern. Spekuliert wurde, daß der Verlauf des Krieges in Osteuropa für das künftige Verhalten der USA ausschlaggebend sein werde. Zudem weckte jeder Gedanke an den Kriegseintritt der USA 1917 ungute Erinnerungen. Denn es wurden ohnehin bereits Diskussionen darüber geführt, ob sich die Wehrmacht, deren Kräfte von Nordnorwegen bis auf Kreta verteilt waren, nicht bereits übernommen habe.

Der deutschen Propaganda fiel nichts anderes ein, als den verschwiegenen Text der Atlantik-Charta in eine Traditionslinie zu den 14 Punkten Wood­row Wilsons zu stellen, die der US-Präsident in einer Rede am 8. Januar 1919 vor dem Repräsentantenhaus und dem Senat dargestellt hatte. Er schlug eine Friedensordnung, deren Verwirklichung die politische Landkarte Osteuropas, besonders auf dem Balkan, und des vorderen Orients einschneidend verändern sollte. Wilson unterbreitete auch die Idee, daß sich die Völker auf die dauernde Aufrechterhaltung des Friedens verständigen und dafür Sicherungen schaffen sollten, die wenig später dann – allerdings ohne die USA – im Völkerbund Gestalt annahm.

Es war deutschen Nationalisten und Revanchisten in der Weimarer Republik nicht schwergefallen, Wilsons Programm als ausschließlich von Interessen des US-amerikanischen Kapitals (Freiheit der Meere, Freiheit des Handels, Wahrung der Rechtstitel der Kolonialmächte) geleitet darzustellen und ihn als einen Architekten des Versailler Vertrages zu diskreditieren. Wilson, das war so etwas wie ein Gleichwort für Deutschenfeind und also bestens geeignet, von Roosevelts mit Churchill getroffener Vereinbarung, die die Bezeichnung Atlantik-Charta erhalten hatte, zu behaupten, sie sei keiner weiteren Aufmerksamkeit wert und auch nur darauf gerichtet, die Deutschen zu betrügen.

Nun war, was in der Charta einleitend »allgemeine Prinzipien der Politik« der beiden Länder genannt wurde, den Wilsonschen Forderungen durchaus verwandt, so der freie Zutritt zum Welthandel, der Zugriff aller auf lebensnotwendige Rohstoffe und die freie Schiffahrt auf allen Weltmeeren. Das entscheidende und drängende Ziel des Augenblicks war erst als Punkt 6 formuliert und lautete: »Sie (die beiden Mächte, K.P.) hoffen, daß nach der endgültigen Vernichtung der Nazityrannei ein Frieden geschaffen werde, der allen Völkern erlaubt, innerhalb ihrer Grenzen in vollkommener Sicherheit zu leben, und der es allen Menschen in allen Ländern ermöglicht, ihr Leben frei von Furcht und von Not zu verbringen.« Um dies zu gewährleisten, wurde eine Entmilitarisierung der Staaten verlangt, die als Aggressoren hervortreten könnten, und diese wiederum sollte »bis zur Schaffung eines umfassenden und dauerhaften Systems allgemeiner Sicherheit« andauern.

Kriegsziel festgelegt

Die Atlantik-Charta legte das allgemeine Kriegsziel der beiden Regierungen fest, nicht die Friedensbedingungen, die Deutschland nach seiner Kapitulation diktiert werden würden. Deren Bestimmung konnte nicht ohne die Mitwirkung aller Staaten erfolgen, die von Deutschland bekriegt und erobert worden waren und momentan noch besetzt gehalten und ausgebeutet wurden. Zudem hätte sich die Bekanntgabe solcher Bedingungen augenblicklich in eine Waffe des Joseph Goebbels verwandeln lassen. So konnte der deutsche Propagandaminister mit den Verlautbarungen der beiden Kriegsgegner nicht viel anfangen und sie ebensowenig wißbegierigen »Volksgenossen« unverdreht bekanntmachen. Denn aus ihnen sprach zweierlei deutlich: die Forderung der bedingungslosen Kapitulation und der Entschluß, die deutschen Machthaber in keiner Form als Verhandlungspartner zu akzeptieren.

Obwohl die USA zu diesem Zeitpunkt sich förmlich noch nicht im Kriegszustand mit Deutschland befanden – den erklärte Hitler erst nach Japans Kriegseröffnung im Dezember 1941 –, bedeutete Roosevelts Zustimmung zur Formel »endgültige Vernichtung der Nazityrannei« eine klare Parteinahme. Die drückte sich auch darin aus, daß er und Churchill vereinbarten, der UdSSR, deren Streitkräfte die Hauptlast des Krieges trugen, verstärkte Hilfe durch Waffenlieferungen zu leisten.

Wie im Fall der Forderungen und Prinzipien Wilsons blieben auch solche, die in der Atlantik-Charta enthalten waren, reine Schreibarbeiten. Zum Beispiel der Schlußsatz, der versprach: »Ebenso werden sie (die beiden Unterzeichner-Staaten, K.P.) alle Maßnahmen unterstützen, die geeignet sind, die erdrückenden Rüstungslasten der friedliebenden Völker zu erleichtern.« Oder Punkt 2: »Sie wünschen keinerlei territoriale Veränderungen, die nicht im Einklang mit den in voller Freiheit ausgedruckten Wünschen der betroffenen Völker stehen.« Darauf glaubten später westdeutsche Revanchisten und Funktionäre von Landsmannschaften sich immer wieder berufen zu können. Anders als in den 1919 niedergelegten Grundsätzen wurden diesmal die Kolonien nicht einmal erwähnt.

In einer Sitzung des Internationalen Rates, die am 24. September 1941 in London stattfand, wurde von zehn gegen Deutschland kriegführenden Staaten – zumeist durch deren Exilregierungen, denn das Territorium von neun von ihnen war vom faschistischen Deutschland besetzt – beschlossen, den Grundsätzen zuzustimmen, die in der Charta festgelegt waren. Zu den Unterzeichnern gehörte auch die Sowjetunion. Die Atlantik-Charta wurde so zum ersten Schritt hin zur Gründung der Organisation der Vereinten Nationen (UNO).

* Aus: junge Welt, 13. August 2011


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