Strandspiele bei der Luftwaffe

Werbeaktion der Bundeswehr verstößt laut "terre des hommes" gegen die UN-Kinderrechtskonvention

Von Michael Schulze von Glaßer *

Die Bundeswehr wirbt auf den Internet-Seiten des Jugendmagazins BRAVO für zwei »Adventure Camps«. Über die harte Einsatzrealität wird kein Wort verloren.

»Liebst Du das Abenteuer? Suchst Du die Herausforderung? Bist Du top fit?« Diese Fragen werden den jungen Lesern der BRAVO auf der Website des Jugendmagazins gestellt. Es ist eine Werbung für die »Bundeswehr Adventure Camps 2012«. »Action, Adrenalin, Abenteuer! Die Herausforderung deines Lebens wartet auf dich«, heißt es in einem Bundeswehr-Werbefilm auf dem YouTube-Kanal der BRAVO. Die Armee verspricht bei den zwei Camps bei der Luftwaffe auf Sardinien und den Gebirgsjägern in den Berchtesgadener Alpen »krasse Wasserwettkämpfe«, »crazy Strandspiele«, »coole Beachpartys« und »Lagerfeuer-Partys« an einer »coolen Bundeswehrhütte« – für die 60 Teilnehmer komplett gratis. Von der harten Einsatzrealität ist bei der Werbung für die im Oktober stattfindenden Ferienlager keine Spur. Deshalb organisiert sich zunehmend Widerstand gegen die Kooperation von Bundeswehr und BRAVO.

Angefangen hat es mit einer Online-Petition des Kinderhilfswerks »terre des hommes«. In der – noch laufenden – Petition kann man Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) und Alexander Gernandt von der »Bauer Media Group«, bei der die BRAVO erscheint, auffordern, die Werbung zu unterlassen. Laut dem Kinderhilfswerk verstößt die »irreführende Reklame« gegen die UN-Kinderrechtskonvention, die den Schutz von Kindern an oberste Stelle setzt. Mittlerweile haben mehrere tausend Menschen die Petition unterzeichnet. Mehr als 1300 Leute unterstützen eine Protest-Gruppe im sozialen Netzwerk Facebook gegen die Bundeswehr-BRAVO-Kooperation. Die Gruppe bietet Vorlagen für Protest-E-Mails an den Verteidigungsminister und dient als Diskussionsplattform.

Auch Parteien sind mittlerweile auf das Thema aufmerksam geworden. Die LINKE fordert »ein Ende aller Werbemaßnahmen der Bundeswehr, die auf Minderjährige gerichtet sind«. Grünen-Politikerin Agnieszka Brugger hält die Art der Werbung für »nicht akzeptabel«. Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Arnold, spricht von »falschen Auswüchsen« in der Bundeswehr-Nachwuchsgewinnung.

Das Verteidigungsministerium will dennoch an der Bundeswehr-Kooperation mit der BRAVO festhalten und weist den Vorwurf eines Verstoßes gegen die UN-Kinderrechtskonvention zurück. Auch die »Bauer Media Group« hat mittlerweile auf die Proteste reagiert. Die mit ablehnenden Äußerungen gefüllten Kommentarleisten unter den Bundeswehr-Werbefilmen wurden gelöscht, einige Filme sogar ganz aus dem Netz genommen. Dennoch sieht der Verlag offiziell kein grundsätzliches Problem in der Werbung. »Die Bundeswehr ist Teil der Zivilgesellschaft, zudem bietet sie ein breites Angebot an Ausbildungsberufen an«, heißt es in einer Stellungnahme. Für den Verlag geht es um viel Geld. Während die Bundeswehr für die Camps 40 000 Euro ausgibt, soll die Armee sich die Kooperation mit der BRAVO dieses Jahr 200 000 Euro gekostet haben lassen. Trotzdem kündigte die »Bauer Media Group« an, mit »terre des hommes« reden zu wollen und die Proteste für die kommenden Verhandlungen mit der Bundeswehr über die »Adventure Camps 2013« im Hinterkopf zu behalten. Dann wird sich zeigen, was beim Bauer-Verlag einen höheren Stellenwert hat: Geld oder Moral.

* Aus: neues deutschland, Montag, 24. September 2012


"Bundeswehr wird ein hippes und cooles Image verpaßt"

Rekrutenwerbung in Bravo: "krasse Wasserwettkämpfe" und "crazy Strandspiele". Ein Gespräch mit Robert Fietzke **


Die Bundeswehr wirbt zur Zeit auf den Internetseiten des Jugendmagazins Bravo für zwei Ferienlager. Sie verspricht »Action, Adrenalin, Abenteuer«, »krasse Wasserwettkämpfe«, »crazy Strandspiele« und »Lagerfeuer-Partys« an einer »coolen Bundeswehrhütte«. Sie organisieren zur Zeit eine Kampagne gegen diese Werbung – mit welcher Begründung?

Seit Aussetzung der Wehrpflicht muß die Bundeswehr neue Rekruten finden, deswegen wirbt sie in Schulen, bei Sportfesten, auf Ausbildungsmessen und jetzt auch im Teeniemagazin Bravo um Nachwuchs. Die UN-Kinderrechtskonvention jedoch verlangt eindeutig eine Erziehung »im Geiste des Friedens« – dieser völkerrechtliche Vertrag wurde auch von Deutschland ratifiziert. Wir lehnen daher sämtliche Werbe-Methoden ab, die dagegen verstoßen.

Zielgruppe der Bravo sind nach deren eigenen Angaben die 10- bis 19jährigen. Die Teilnehmer der »Bundeswehr Adventure Camps«, die im Oktober stattfinden sollen, müssen zwar mindestens 16 Jahre alt sein – die schönfärberische und einseitige Werbung bekommen aber alle jüngeren Leser auch mit. So wird versucht, der Bundeswehr ein hippes, cooles und actionreiches Image zu verpassen, um den Soldatenberuf attraktiver zu machen. Junge und sehr junge Menschen werden hier in einem nicht vertretbarem Maße vom Militär beeinflußt.

Gegen Werbeaktionen der Bundeswehr gab es schon häufig Proteste. Medien, in denen die Bundeswehr wirbt, sind davon aber bisher verschont geblieben – wie wollen Sie die Bravo dazu bringen, die Kooperation mit dem Militär zu unterlassen?

Es gibt viele Möglichkeiten, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen. Eine davon ist unsere Facebook-Seite www.facebook.com/BravoGutGetroffen) – man kann sich dort zum einen informieren, zum anderen auch dazu aufrufen, sich direkt bei der Bravo-Redaktion zu beschweren. Darüber hinaus bieten wir einen Mustertext für Schreiben an Verteidigungsminister Thomas de Maizière an sowie eine Vorlage für eine Beschwerde an den Deutschen Werberat. Auf diese Weise können sich die Leute bequem und schnell am Protest beteiligen. Das Verteidigungsministerium hat in einer uns vorliegenden Antwort auf ein solches Schreiben zugegeben, daß zur Zeit viele Mails und Briefe mit Beschwerden eintreffen.

Gibt es andere Organisationen, die Ihre Kampagne unterstützen?

Das Kinderhilfswerk »terre des hommes« (tdh) hat dieses Thema zuerst aufgegriffen. Auf seiner Webseite findet man eine Petition [externer Link], die ähnlich argumentiert wie wir: Verletzung der Kinderrechtskonvention, insbesondere des Verbots der Anwerbung Minderjähriger.

Aus nur zwei Bundestagsparteien gab es bisher Reaktionen: Ulla Jelpke von der Linksfraktion fordert die sofortige Einstellung dieser Werbekooperation und fordert mehr Aufklärung über die Gefahren des Krieges, der Auslandseinsätze und des Soldatenberufs. Agnieszka Brugger von den Grünen sieht das ähnlich: »Eine Tätigkeit bei der Bundeswehr ist im Extremfall lebensgefährlich und kein Abenteuer«. Wir hoffen, daß das Thema recht schnell im Bundestag zur Sprache kommt.

Gibt es schon Reaktionen von Bundeswehr, Verteidigungsministerium oder vom Bauer-Verlag, dem Bravo gehört?

Bisher hat das Ministerium nur Einzelpersonen geantwortet. Vom Bauer-Verlag oder der Bundeswehr gab es noch keine Reaktionen auf unseren Protest. Wir freuen uns aber schon jetzt darauf, daß unsere Protestseite in Kürze mehr Fans haben wird als die Facebook-Seite des »Bundeswehr-Adventure-Camps«. Das ist ein deutliches Signal, gerade wenn man bedenkt, daß wir erst seit wenigen Tagen online sind!

Interview: Michael Schulze von Glaßer *

* Robert Fietzke ist Landesjugendkoordinator der Linkspartei in Sachsen-Anhalt und hat eine Protestgruppe gegen die Bundeswehr-Werbung im Jugendmagazin Bravo auf Facebook mitinitiiert.

** Aus: junge Welt, Freitag, 21. September 2012

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