Militär in der Mitte der Gesellschaft verankern?

Aktuelle Anmerkungen, nicht nur zur Diskussion Bundeswehr und Schule

Von Horst Bethge *

Die Bundeswehr (BW) steht im größten Umbauprozess ihrer Geschichte: Sie soll zu einer „Armee im Einsatz“, einer Interventionsarmee ohne Wehrpflicht, umgebaut werden. Verteidigungsarmee ist nicht mehr. Verteidigungsminister von Guttenberg hat das gerade wieder am 18. 10. 10 auf einer Konferenz der ZEIT in Hamburg bekräftigt. Und das in Zeiten knapper öffentlicher Kassen und rapide schwindender Wehrmotivation in der Gesellschaft, die mit jedem weiteren aus Afghanistan heimkehrendem Zinksarg noch weiter schwindet. Wie in einem Brennglas bündelt die Frage der Beendigung des Afghanistan- Einsatzes dabei die Probleme. Es geht nicht nur um seine Beendigung, die Aufgabe der BW insgesamt steht in Frage.

Seit der ersten deutschen Kriegsbeteiligung nach 1945- Jugoslawien 1999-, seit der Verteidigungspolitischen Richtlinien von 2003 und dem Weißbuch von 2006 setzen alle Bundesregierungen gleich welcher Couleur auf eine Außenpolitik, die primär die Interessen der deutschen Wirtschaft sichert. Das sind Sicherung der Ressourcen und Rohstoffe, Offenhaltung der Transportwege, Sicherung der Auslandsinvestitionen. Das soll weltweit mit imperialem Großmachtanspruch durch einen Mix aus Diplomatie, ökonomischer Stärkung des eigenen Wirtschaftsstandortes und mit Militäreinsätzen garantiert werden. Das Streben nach einem ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat gehört ebenso dazu wie die Vertragsverhandlungen in der WTO, die Stützung Griechenlands im Finanzmarkt oder die weltweiten BW- Einsätze und die Ausrüstung der BW mit dem Military Airbus A 400 M, den neuen Fregatten und Korvetten.

Landesverteidigung, noch immer der grundgesetzliche Auftrag der BW, ist out, die „Armee im Einsatz“ ist gefragt. Dem dazu nötigen Umbau der BW stehen jedoch vier gravierende Probleme im Weg:
  1. Die neue Aufgabenstellung der BW setzt einen erst herzustellen gesellschaftlichen Konsens über die deutsche Sicherheits- und Außenpolitik voraus. Ein abwartendes oder passives Dulden der Öffentlichkeit reicht den Regierenden nicht, die Aufgaben zu schultern. Aktive Wehrbereitschaft ist nötig. Wachsende Kritik kann ihn verunmöglichen. Wird unsere Sicherheit als Mix aus imperialer Diplomatie, ökonomischer und militärischer Stärke definiert- oder durch politische Konkliktlösungsfähigkeit, soziale Sicherheit und Völkerverständigung sowie weltwirtschaftlichem Interessenausgleich, wo „wir doch nur von Freunden“ umgeben sind? Da Afghanistan als „Regelfall zukünftiger Einsätze“ und „Sinnbild der Bedrohung unserer Sicherheit im 21. Jahrhundert“ 1) bezeichnet wird, die Zahl an Verwundeten und Getöteten BW-Soldaten steigt und die Zustimmung der Bevölkerung zum ISAF-Einsatz in Afghanistan und ihren Begründungen sinkt, stellt sich für die Bundesregierung die Frage nach der Akzeptanz der BW und ihres neuen Auftrags immer dringlicher.
  2. Eine „Armee im Einsatz“ braucht eine andere Ausrüstung als eine Armee zur Landesverteidigung, die sich auf die „Bedrohung aus dem Osten“ einstellt. Schwere Leopard-Panzer, die bei – 44 Grad Celsius anspringen, sind seit Wegfall des Feindbildes Sowjet-Union obsolet. Gefragt sind weltweit einsetzbare Korvetten und Fregatten, die von den Küsten aus ins Landesinnere Raketen abfeuern, leichte, wüstentaugliche gepanzerte Fahrzeuge, eine eigene Lufttransportkapazität (A 400 M) und eigene Spionagesatelliten (Galileo-Satelliten). Das alles ist „sauteuer“. Eigenentwicklungen dauern lange, „international schnell verfügbare“ Rüstung und „transatlantische und europäische Rüstungskooperationen“ 2) sind gefragt (Lissabon-Vertrag mit europäischer Rüstungsagentur OCCAR). Die geforderte „Priorisierung der Rüstungsprojekte“ 3) dürfte angesichts der durch die Krise verknappten Haushaltsmittel ebenfalls auf geringe Akzeptanz stoßen. Schon jetzt gibt es das Transparent auf Demos: „Bis an die Zähne bewaffnet, aber kein Geld für Zahnersatz.“
  3. Eine „Armee im Einsatz“, und dann weltweit, kann keine Wehrpflichtigen gebrauchen. Spezialisten in einer Berufsarmee dürften für die BW angesichts des schon jetzt herrschenden Fachkräftemangels aber schwer zu bekommen sein. Also: Freiwillige, gut bezahlte Berufssoldaten als Ausweg anwerben! Allerdings entfällt dann die allgemeine Wehrpflicht als Instrument, große Teile der Jugend in die Wehrbereitschaft zu integrieren.
  4. So stellt sich als Schlüsselfrage, wie diese umgebaute BW akzeptiert wird, ob ein Wehrmotiv aktiv unterstützt wird und ob bereitwillig die enormen Umbau- und Umrüstungskosten von der Bevölkerung mitgetragen werden. Diese Frage mag kurzfristig mit Auftritten des telegenen und hochgejubelten Bundesverteidigungsministers von Guttenberg überspielt werden, trägt aber auf Dauer natürlich nicht.
„Die Bundeswehr (ist) auch in Zukunft in der Mitte unserer Gesellschaft zu verankern“ 4), bringt es die Junge Union Schleswig-Holsteins auf den Punkt. Deshalb ist ein ganzes Bündel von Maßnahmen angelaufen, massiv wie noch nie vorher seit Etablierung der BW. Zustatten kommt ihr dabei ihre große Erfahrung, die Integration des Militärs in die Gesellschaft zu bewerkstelligen, schlug ihr doch seit Anbeginn 1955 massenhafte Wehrunwilligkeit entgegen (Ohne mich, Kampf um die Remilitarisierung).

1. An erster Stelle dieses Maßnahmebündels ist hier das Bemühen um die institutionelle Verankerung des Militärischen im Bildungswesen zu nennen. Vorbei sind nämlich die Zeiten, als deutsche Schulmeister wie selbstverständlich für Kriegsfreiwillige in Königgrätz, Langemarck, vor Verdun oder Stalingrad sorgten. So hat es in der Vergangenheit epidemische Wellen gegeben, in denen sich Verteidigungsminister oder Kanzler heftig bemüht haben, den Einfluss der BW auf die Schulen dauerhaft zu institutionalisieren. Noch nie sind sie bisher so weit erfolgreich gewesen wie jetzt. Es gibt, außer den christlichen Kirchen, keine zweite gesellschaftliche Institution wie die BW, die sich so beharrlich und so massiv über 50 Jahre hinweg bemüht hat, einen bevorzugten und von den Kultusministern abgesicherten Status zur Beeinflussung der SchülerInnen zu erreichen. Ziel war immer, dies in einem formellen Abkommen zu fixieren. Auch, um die LehrerInnen stärker unter Druck setzen zu können. Der damalige Verteidigungsminister Wörner (CDU) übersandte der Kultusministerkonferenz (KMK) sogar am 28. 1. 83 ein vergleichbares Abkommen aus Frankreich, das als Muster dienen sollte. 5) Es begann 1958 damit, dass der Nazi-General Heusinger (Generalstabsschef bei Hitler, Generalinspekteur der BW nach 1955) die Berufung von hauptamtlichen Jugendoffizieren einführte. Ausgewählt wurden gewandte junge Offiziere (Leutnant, Hauptmann, Major) – ab 1967 kamen auch nebenamtliche Jugendunteroffiziere hinzu- , die in speziellen Lehrgängen an der „Schule für psychologische Kampfführung“ in Koblenz (später: „Schule der BW für Innere Führung“, heute: „Akademie für Information und Kommunikation der BW“ in Strausberg) in Argumentation und Rhetorik mehrwöchig, heute mehrmonatig geschult werden. Zweimal jährlich gab und gibt es Fortbildung. Früher wurde ihr Antikommunismus in speziellen Lehrgängen am Ostkolleg in Köln aufpoliert. Heute gehört ein Lehrgang in den USA dazu. Heute ist ein abgeschlossenes Hochschul-Studium ebenso Voraussetzung wie zumeist achtjährige Truppenpraxis, ein Alter von 27-35 Jahren und möglichst ein Auslandseinsatz. Seit einiger Zeit sind die Jugendoffiziere als Netzwerk organisiert, das auch Ehemalige erfasst. Es handelt sich also um hochspezialisierte Experten 6). (Mehr zu Ausbildung und zu ihrer Arbeit unter 7) und 8)).

Immer dann, wenn unter der Jugend und in der Öffentlichkeit die Wehrbereitschaft besonders schwand, gab es neue Anläufe, eine Art Wehrkunde in den Schulen fest zu verankern. Das war 1969 so, als der damalige Verteidigungsminister Gerhard Schröder (CDU) durch den Anstieg der Kriegsdienstverweigerer- Zahlen um 250% „mehr Information über die BW an Schulen gefordert hatte“, was Bundskanzler Willy Brandt (SPD) in einem Brief an die KMK am 19. 11. 70 aufgriff: „Es muss beim jungen Menschen Verständnis geweckt werden für die Notwendigkeit einer ausreichenden Verteidigung“. 9) Am 26. 3. 71 kam es zu einer Debatte im Bundestag darüber, in der der damalige Verteidigungsminister Helmut Schmidt (SPD) den legendären Satz sprach: „In manchen Gymnasien scheint es zum guten Ton zu gehören, auf die eine oder andere Weise den Wehrdienst zu vermeiden oder zu umgehen“. 9)

Daraufhin gab es eine Flut von Erlassen und ministeriellen Rundschreiben in den Bundesländern zur „Berücksichtigung der Landesverteidigung im Schulunterricht.“ Nach Vorstoß des seinerzeitigen Verteidigungsministers Georg Leber (SPD) bei der KMK konstituierte sich eine Kontaktkommission KMK-BW. 10) Als es 1980 zu Störungen bei öffentlichen Gelöbnisfeiern kam, unternahm der damalige Verteidigungsminister Hans Apel (SPD) einen erneuten Anlauf, die KMK zu gewinnen, damit „im Vorfeld der BW Sicherheits- und Verteidigungspolitik in den Schulen so behandelt wird, dass die BW für viele junge Leute aufhört, ein Schreckgespenst oder ein Fremdkörper zu sein.“ 11) Daraufhin referierten zwei Generalstabs-Oberste vor der Kontaktkommission am 27. 8. 80: „Wir gehen davon aus, dass „Erziehung zum Dienen“ eine „originäre Aufgabe der Schule ist“. Sie ist „im Hinblick auf den Erziehungsauftrag der Streitkräfte subsidiär“. Die Streitkräfte erwarten von der Erziehung durch die Schule, „den zur Treue erzogenen jungen Menschen“, „einen zum Gehorsam erzogenen jungen Mann“, „Männer die Mut haben“, „den zur Kameradschaft fähigen Mann“. 12) Kurz darauf kam Minister Apel selber zum KMK-Plenum. Ergebnis: Vier Kultusminister, pari pari von SPD und CDU sollten einen Entwurf zu einem gemeinsamen KMK-Beschluss ausarbeiten. Schon vier Wochen später wurde ein unsäglicher Entwurf der CDU-Länder veröffentlicht, zwei Monate später der der SPD-Länder (1. 12. 81). Wie es in der KMK so üblich ist, gingen auf Amtschefsebene Papiere hin und her. Aber unter dem Eindruck der damals erstarkten Friedensbewegung kam es zu keiner Einigung in der KMK 13): Eine breite öffentliche Debatte brach los, 1-3000 PädagogInnen besuchten spezielle Friedens-Kongresse, alle möglichen Verbände nahmen Stellung, so dass es am 23./24. 6. 83 auf der KMK-Sitzung in Kiel aufgegeben wurde, eine gemeinsame Position und Stellungnahme der KMK abzugeben. Etliche heftige Landtagssitzungen folgten. Verteidigungsminister Wörner (CDU) beschimpfte Kultursenator Grolle (SPD, Hamburg), der zum Hauptkritiker der Bundeswehrbemühungen geworden war, er hätte „eine Einigung bewusst verhindert“, woraufhin Grolle konterte, Wörner „mische sich massiv in die Belange der Schulen ein. Noch ist der Verteidigungsminister nicht der oberste Befehlshaber unserer Schulen“. 14) Infolgedessen gab es in den verschiedenen Bundesländern ganz unterschiedliche Regelungen oder Richtlinien zur Friedenserziehung- die zumeist bis vor kurzem noch überall Bestand hatten.

Nun ist es zu neuen Regelungen gekommen, weil die Krise des Wehrmotivs erneut zu verstärkten Bemühungen um die Schulen geführt hat. Die z. Zt. 394 hauptamtlichen Jugendoffiziere, die 2009 auf 7245 Veranstaltungen 182 522 Teilnehmer erreichten 15), wurden von Schulen/LehrerInnen eingeladen oder luden selber Klassen in BW-Standorte ein. 6500 Schulen wurden angeschrieben- ihnen wurde angeboten, in den Unterricht zu kommen, zu unterrichten, „intensive Abiturvorbereitungen in Seminarform“ 16) durchzuführen, die Klassen in die Kasernen einzuladen „und aus erster Hand“ aus Afghanistan zu berichten. Seit 2008 hat die BW nun bereits mit sechs Landesregierungen regelrechte Kooperationsabkommen abgeschlossen 17): NRW, Baden –Württemberg, Saarland, Rheinland-Pfalz, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern. Damit werden die BW- Auftritte im Rahmen des Politikunterrichts in den Schulen, Beteiligung an der Aus- und Weiterbildung der PädagogInnen und Referendare, die Einbeziehung in die Lehrplanarbeit, die Nutzung der Online-Plattformen der Schulämter durch die BW und die Beteiligung der Schulen an Werbeveranstaltungen geregelt. So kamen 2009 allein 281 000 Jugendliche in Kontakt mit den Nachwuchswerbern, einer zweiten Kategorie von Offizieren („Wehrdienstberater“). 18) Grundsätzlich ist dabei festgehalten, dass der Unterricht- also auch die Auftritte der Jugendoffiziere und Wehrdienstberater- in der Verantwortung der Schule, des Lehrers verbleiben. Die Schulen laden ein. Nur ganz selten findet der Auftritt der BW- Offiziere zusammen mit einem Vertreter der Friedensbewegung statt, oder es wird parallel dazu deren Auftritt organisiert.

So bin ich im Jahre 2009 zu einer solchen Veranstaltung vor Berufsschülern (Maler, Lackierer, Polsterer, Raumausstatter) eingeladen worden, zusammen mit einem CDU MdB, einem erfahrenen Entwicklungshelfer aus Afghanistan und dem für Hamburg zuständigen Jugendoffizier, der eine 15 minütige Einführung als Power-Point- Präsentation lieferte. Er referierte locker, humorvoll, rhetorisch sehr geschickt. Die Präsentation bestand fast nur aus Fotos aus Afghanistan und folgte dem Konzept der „vernetzten Sicherheit“ (CIMIC) 19). So sah ich nur lachende Kinder, fröhlich dreinblickende Afghanen, Mädchen, die zur Schule gehen sowie Jeeps, BW-Lastwagen mit Hilfsgütern oder Brückenbauteilen. BW Soldaten fuhren immer Autos, bohrten Brunnen und reparieren Brücken. Außerdem plauderten sie mit malerischen Stammesfürsten oder örtlichen Autoritäten. Selbst die gezeigten BW-Camps sahen zivil aus. Ich sah keine gepanzerten Fahrzeuge, keine schweren Waffen, Gefangene, Verwundete oder gar Tote. Allerdings zerstörte Häuser und Strassen. Das fröhliche Szenario wurde erst gestört, als der Entwicklungshelfer berichtete und meine Aussage bestätigte, dass er im Land nur akzeptiert wurde, wenn er sich in die Dörfer ohne Bundeswehr hineinbegab. Und als Migrantinnen unter den Berufsschülern auf meine Argumente eingingen, dass der Krieg militärisch nicht zu gewinnen sei, im Gegenteil: Dass Militär alles nur noch schlimmer mache. Von einer sachlichen Information durch den Jugendoffizier konnte keine Rede sein, geschweige denn, dass er nach dem didaktischen Prinzip des „kontroversen Denkens“ auftrat. Er redete den BW-Einsatz schön, warb für den militärisch-zivil-integrierten Einsatz, betonte den Strassen- und Brunnenbau. Erst durch meine alternative Argumentation ergaben sich die Kontroversen.

Und das ist kein Wunder: Zwar sind die Jugendoffiziere auf den so genannten „Beutelsbacher- Konsens“ 20) verpflichtet- aber sie können das durch ihren Propagandaauftrag gar nicht erfüllen, dem sie sich im Übrigen unter soldatischem Befehl und Gehorsam stehend auch gar nicht entziehen können. So ist es denn auch kein Wunder, dass es an verschiedenen Orten zu heftigen Protesten und Kontroversen wegen der neuen BW-Offensive gekommen ist. In Bayern hat sich die Mutter eines 11-jährigen Schülers öffentlich empört, dass ein Jugendoffizier den Auslandseinsatz der BW damit begründet hat, dass wegen des in Handys enthaltenen Lithiums die Handelswege durch die Armee freigehalten werden müssten. „Jahrelang führen wir Eltern einen Kampf, dass unsere Kinder keine Killerspiele, keine Gewaltvideos sehen und spielen… Und da nun greift die Bundeswehr in unser Erziehungsrecht ein.“ Sie hat sich einer kritischen Gruppe in München angeschlossen. 21) In Todendorf (Schleswig-Holstein) hat eine Klasse einen Schießplatz der BW besucht. Mehrere Lokal-Zeitungen berichten davon, dass die Schüler in einem Schießsimulator üben konnten. „Habt ihr eine Playstation zu Hause? Das macht bestimmt Spaß, oder? Das hier ist 1000 Mal besser“, fragt ein Oberstabsfeldwebel die Schüler am Schießsimulator. „Das schockt richtig, so einen besorg ich mir“, sagt ein Junge. „Das ist ja noch viel toller als jedes Ballerspiel am PC“, ein anderer. „Wir brauchen ständig gut ausgebildete Leute, vor allem im Bereich Technik, Elektronik, Elektrotechnik“, so der Oberstabsfeldwebel. 22) Daraufhin kam es im Landtag zu einer kontroversen Debatte, in der die CDU/FDP-Koalition sich mit ihrem unterstützenden Antrag durchsetzte, die von SPD und LINKEN fanden keine Mehrheit. 23) In Mecklenburg-Vorpommern wandte sich Ministerpräsident Sellering (SPD) gegen den Vertragsentwurf der BW, bis die Garantie kontroversen Denkens darin festgeschrieben wurde.

Auf Bundesebene haben IPPNW, Terres des Hommes (die in den Abkommen BW-Schule einen Verstoß gegen die UN-Kinderrechtkonvention sieht) und die GEW (Beschluss vom 31. 3. 10 „Einfluss der Bundeswehr an Schulen zurückdrängen“) ablehnende Stellungnahmen beschlossen. Sie fordern z. T. gleiche Abkommen Kultusverwaltungen- Friedensbewegung, um deren Auftritte in Schulen zu sichern. 24) Im Frühjahr 2010 wurde in Berlin am Paulsen-Gymnasium eine Bundeswehrveranstaltung von Protesten begleitet, am Hans-und-Hilde-Coppi-Gymnasium wurde der Besuch eines Jugendoffiziers nach Gründung einer „AG Militärfreie Schule“ abgesagt. In Dresden musste eine Bundeswehrveranstaltung durch massiven Polizeieinsatz vor Friedensdemonstranten geschützt werden. 25) Viele dieser Schülerproteste fordern, dass die BW gar nicht in den Schulen auftreten sollte. Die Thematik könnten die Lehrkräfte besser behandeln.

2. Zweites und bevorzugtes Mittel der BW ist das Simulationsspiel POL&IS, das für SchülerInnen ab Kl. 10, aber auch StudentInnen und ReferendarInnen eingesetzt wird. Immer unter der Leitung eines Jugendoffiziers wird zwei bis fünf Tage lang von 37 bis 55 Spielern wahlweise mit den Modulen Politik, Wirtschaft und Umwelt interaktiv gespielt. Ursprünglich in den 80ger Jahren von Hochschullehrern entwickelt, um im Bereich Ökonomie weltpolitische Zusammenhänge zu veranschaulichen, kaufte die BW 1989 die Rechte und entwickelte es für ihre Zwecke weiter. An dem großen Spielbrett der Weltkarte, die in 11 Regionen unterteilt ist, schlüpfen die Spieler in verschiedene Rollen (Regierungschef, Staatsminister (fürs Militär zuständig), Wirtschaftsminister, Oppositionsführer, UN-Generalsekretär, Weltbank, Weltpresse, NGOs). Jede Region hat spezifische Eigenschaften wie Energie, Rohstoffe, Militär, Industrie, Agrarsektor, Bevölkerung. Nun kann gehandelt, verhandelt, gestreikt, bekriegt werden. Der Jugendoffizier als Spielleiter kann durch Grundbausteine (Politik, Wirtschaft, Streiks, Hungersnöte, Guerilla, Infanterie, Panzer, Luftwaffe, Marine, Raketen, Bomber, Atom-U-Boote, atomare und chemische Waffen) das Spiel steuern. Auch gibt es Konferenzen, UN-Vollversammlungen, Naturkatastrophen. 26) 2008 gab es 360 Simulationen mit 17 500 SchülerInnen, 2000 Seminartage für StudentInnen und ReferendarInnen. 27) Im Wintersemester 2007/2008 kam es zu 24 Simulationen mit 900 Teilnehmern an Hochschulen, und in der FH Karlsruhe können StudentInnen damit sogar für Prüfungen ECTS-Punkte (Europäische Credit Points) bekommen. Auch auf der DIDACTA, der großen Bildungsmesse, und bis 2004 auf der Leipziger Buchwoche spielte es die BW öffentlich. 28) Da POL&IS kein reines Kriegsspiel ist, aber sehr wohl das Militär und sogar Atomwaffen wie selbstverständlich neben Diplomatie und Handel einsetzt, ist es für die Verbreitung der aktuellen BW-Konzeption bestens geeignet. Gleichwohl ist der Propagandaeffekt offensichtlich und der Beutelbacher Konsens nicht gegeben. Denn der Jugendoffizier ist Spielleiter, und die im Spiel angelegten Möglichkeiten geben den Handlungsrahmen vor. So ist es z. B. nicht vorgesehen, dass ein Land aus der NATO austritt.

3. Drittwichtigste Möglichkeit der BW ist die aktive Nachwuchswerbung, für den Umbau der BW besonders wichtig, will sie weg von der Wehrpflichtarmee. 29) Ihr geht der Nachwuchs nämlich aus, „weil den Jugendlichen immer mehr bewusst wird, dass es sich bei der BW um eine Armee im Einsatz handelt und der Beruf des Soldaten erhebliche Risiken mit sich bringt.“ 30) Die BW ist im Wettbewerb um Arbeitskräfte, vor allem bei den Spezialisten: 31) Bei den Transportgeschwadern ist schon jetzt ein Viertel der Stellen vakant, 9 % im Sanitätsdienst, die Hälfte im Kommando Spezialkräfte (KSK). Das wird noch verschärft durch die schwindende Zustimmung für die Auslandseinsätze, vor allem bei denen, die daraus zurückkehren, und berichten, wie der Krieg heute wirklich aussieht. Ich bekam z. B. bei einer Podiumsdiskussion 2009 mit 180 StudentInnen der H. Schmidt-Universität (Universität der BW in Hamburg) den größten Beifall für den Satz: „Der Krieg in Afghanistan ist militärisch nicht zu gewinnen, und also ist es verbrecherisch, junge Soldaten und Zivilisten aus Afghanistan dem Krieg auszusetzen.“ Was Wunder, da die Mehrheit der vor mir sitzenden StudentInnen einen Auslandseinsatz bereits hinter sich hatte. So ist die persönliche wirtschaftliche Lage- Arbeitslosigkeit, Ausbildungsplatzmangel- für die meisten das Motiv, sich auf Zeit zu verpflichten. „Doch mit der Arbeitslosigkeit kamen immer mehr junge Menschen, die sich freiwillig melden. Die BW profitiert von der schlechten Wirtschaftslage….Und das nutzen wir auch aus“, so ein Sprecher des Zentrums für Nachwuchswerbung. 32) Und wie? So wirbt die BW inzwischen offen in Anzeigen mit „Studieren ohne Gebühren - studieren mit Gehalt“, oder: „Du suchst Zukunft, wir bieten sie“, oder „Berufsgarantie bei der BW“. Vermehrt finden sich BW-Ausstellungen und Stände bei allen Messen, vielen Volksfesten, wo die Technikfaszination als Kontaktanbahnung ausgenutzt wird. Die Einsätze von „Wehrdienstberatern“, die Berufe in Uniform vorstellen und die Girls-Days mehren sich. Bei Letzteren sollen „SchülerInnen für den Arbeitgeber Bundeswehr interessiert werden“. 33) Inzwischen hat die BW die Deutsche Bahn und die Post als größter deutscher „Ausbildungsbetrieb“ abgelöst. Mit acht „Karrieretrucks“ zieht die BW durch die Republik, ausgestattet mit Kino, Kletterwand, Info-Material, Wehrberater und Ausstellungen. Unterstützt wird das durch aufgefahrenes Großgerät wie Panzer und Flugzeuge. Gesteuert von 24 Hauptamtlichen in Düsseldorf, kostete der Einsatz der Trucks alleine 1 Mill. € (2007). 34) Genutzt werden auch Reservistentreffen, Auftritte des Musikkorps, öffentliche Gelöbnisse. So gab es 2008 bereits 204 259 Info-Gespräche. Sowohl für die Nachwuchswerbung wie den Einsatz der Jugendoffiziere geht die BW vermehrt den Weg, die Schulen direkt anzuschreiben bzw. anzusprechen (2009: 6500 Schulen direkt angeschrieben, 35)). Dazu nutzt sie auch die Lehrer-Mitglieder des 125 000 Mitglieder zählenden Reservisten- Verbandes der BW. Ganz ungehemmt wird auf dessen Ortsverbands-Treffen taktische besprochen, wie man am besten an die einzelne Schule (bzw. Lehrlingsausbildungsbetrieb) heran kommen kann. Dabei nutzt sie die Liste der Bundeswehr, die über jede einzelne Schule mit Oberstufe über Jahrzehnte hinweg Buch führt, zu welcher Schule wann Zugang bestand, und ggf. warum nicht!

Außerdem veranstaltet die BW selber spezielle Preisausschreiben für Jugendliche, Musik-, Talent- und Sportwettbewerbe, wie z. B. BW-Olympix, BW-Beaches, BW-Adventure-Games. 36) Aus regelmäßig veranstalteten Jugendpressekongressen und Schülerzeitungsseminaren erwachsen bezahlte Anzeigen der BW für Schüler- und Jugendzeitungen (2008 in über 170 Schülerzeitungen und im SPIESSER (Auflage 1 Mill. Exemplare, erscheint bundesweit an über 1800 Schulen) sowie in BRAVO). Für die „School-Days“, also extra öffentliche Schauveranstaltungen der BW für einen Tag in einer Region, beauftragt die BW die Marketingfirma Allendorf Media GmbH, die dann auch Stars wie Jeanette Biedermann, Yvonne Catterfeld oder Astronaut Thomas Reiter auftreten lässt. Auch das Spiel-Quiz „Wer wird General?“ und „Auf Zack“ dienen dem Ziel, individuelle Werbekontakte zu knüpfen. Seit 2003 wird, ständig erweitert, vermehrt die „Yes4You-Toolbox“ von den BW-Standorten eingesetzt, die nicht nur im Dienst der Nachwuchswerbung steht, sondern allgemein der Sympathiewerbung der BW gewidmet ist. Sie hat jugendgerechte Veranstaltungselemente für regionale Events handlich modularisiert. So können sehr flexibel Module wie Tag der offenen Tür, richtige Biwaks, Beach-Volleyball-Turniere, Crossbiking, Kartfahren, Bungee-Springen, Graffiti-Malen eingesetzt werden- insgesamt 15 Module. 37) Alles Aktivitäten, die nicht zur BW gehören, sondern in die außerschulische Jugendarbeit. Aber die wird mangels Kommunalfinanzen überall heruntergefahren.

Der Gipfel aber ist die durch Kooperationsabkommen abgesicherte Zusammenarbeit BW-ARGEN für jugendliche HARTZ IV-Empfänger, die z. T. auch auf die Berufsinformationszentren (BIZ) ausgedehnt sind. Das ist zwar nicht ganz neu- bereits 2001 gab es in Bremen Protest gegen Anwerbung für Auslandseinsätze- seit 2006 aber wird das erheblich und systematisch ausgebaut- bis dahin, dass 2008 bereits in 11 ARGEN die BW in deren Räumen dauerhaft Büros zur Anwerbung unterhält und in 204 ARGEN regelmäßig Anwerbe-Beratungen abhält. (38)- (hier auch Liste der ARGEN), Schwerpunkt sind die neuen Bundesländer, da hier die Jugendarbeitslosigkeit besonders hoch ist. Das Perfide daran ist, dass die Beratungsteilnahme für die Arbeitslosengeld II-Empfänger zumeist nicht freiwillig ist. Eine Weigerung ist mit Zuschuss-Entzug sanktionierbar. Kein Wunder, dass es vielfach öffentliche Proteste dagegen gab, wogegen sogar Feldjäger der BW (Militärpolizei) eingesetzt wurde (Köln, Berlin, Rostock, Bielefeld, Wuppertal, Brühl, Dresden) 39) Dann werden diese Drangsalierungsmaßnahmen für einige Zeit eingestellt, nach Beruhigung der Öffentlichkeit aber wieder aufgenommen. Auch auf parlamentarische Anfragen der LINKEN werden ausweichende oder unvollständige Antworten gegeben (wie z. B. in Hamburg), verschleiernd, vorsichtig, defensiv. Keine Werbung für die BW ist ihr dann doch lieber als eine negative- ein Zeichen dafür, wie wirksam antimilitaristische Aktionen sind, und seien sie auch noch so klein. Und auch ein Zeichen dafür, dass in der Öffentlichkeit geringe Akzeptanz herrscht und die BW das weiß. Deshalb die flexible Werbestrategie der BW als Mix aus Defensive und Offensive, partiellem Zurückweichen und flächendeckender Verankerung und dem massiv verstärktem Bemühen, weitere Partner mit ins Boot zu holen, und sei es, dass sie das Agieren der BW durch Rahmenabkommen absichern, als normal erscheinen lassen oder administrative aktive Unterstützung gewähren (Bürgermeister, Schulämter, Rektoren, ARGEN).

4. So setzt denn auch die Propaganda für die BW seit Neuestem weit im Vorfeld an- und wird rasch ausgebaut: In den Massenmedien, vor allem dem Fernsehen, und dem Internet, ohne dass auf „klassische“ Propagandainstrumente wie das Bundesweh-Magazin “Y“, oder „aktuell-Zeitung der BW“ und die Bundeswehr-Fan-Post, das Schülerpreisausschreiben, Poster und Flyer verzichtet wird. Auch die Unterrichtsmaterialien „Frieden + Sicherheit“ (für Lehrkräfte), ein Schülermagazin, spezielle Lernhefte (für ältere SchülerInnen) und Arbeitsblätter erscheinen regelmäßig auflagenstark weiter. Neu ist jetzt eine dazugehörige Website. Die herausgebende „Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung“ im Eigentum der FDP beliefert alle 32 000 deutschen Schulen, deren Adressen sie speichert, und die gesammelten Adressen von 100 000 Lehrkräften. 40) Wie tendenziös das Material ist, illustriert das Schülermagazin 2007: „In Afghanistan sind UN-(jetzt NATO-) geführte Truppen- auch viele deutsche Soldaten- stationiert, um den friedlichen Aufbauprozess des Landes abzuschirmen. Auf dem Balkan wird unter Beteiligung deutscher Soldaten ein Frieden gesichert, den die zerstrittenen Volks- und Glaubensgruppen des ehemaligen Jugoslawien zu brechen drohen. Der Irak hat die Chance, sich nach fast 30 Jahren dauernder Diktatur eine demokratische Regierung zu geben, und Deutschland hilft dabei, irakische Sicherheitskräfte auszubilden.“41)

Neuerdings wird der Auftritt der BW im Internet und im Fernsehen erheblich ausgeweitet. Auf den Websites vieler Schulen sind schon Werbebanner der BW geschaltet. Jugendoffiziere treten auf den Bildungsservern div. Bundesländer auf, z. B. in Hessen, NRW, Sachsen-Anhalt. 42). Die TV-Serie „Sonja wird eingezogen“ (RTL) entstand unter Federführung der BW, ebenso wie die ARD-Reihe „Die Rettungsflieger“, unterstützt durch eine werbende gemeinsame Internetseite. Der Kino-Spielfilm „Mörderischer Friede“, der während des Jugoslawien- Krieges spielt, wurde von der BW unterstützt. Konzipiert und operativ durchgeführt wird diese umfassende neue Corporate-Identity-Kampagne von der „Akademie für Information und Kommunikation“ (AIK) der BW in Strausberg, die eine „Truppe für Operative Informationen“ (OpInfo) gebildet hat (NATO-Bezeichnung „Psychological Operations“). 43) Um in Zukunft soziale Netzwerke noch stärker nutzen zu können, lud die AIK zum 29. 6. 10 Journalisten, Wissenschaftler und IT-Experten nach Strausberg ein. Wissenschaftler der TU Ilmenau, die Chefs von SPIEGEL-Online, FOCUS sowie vom ZDF waren vertreten, weil „Antimilitaristen die Deutungshoheit über ein zentrales Feld der Politikvermittlung im Diskursraum Internet…übernehmen.“ 44). Auch werden sendefähige und sendefertige Sequenzen von den Agenturen „EuroRS ABC“ in Hamburg und „Atkon TV Services GmbH“, gemeinsam mit der BW entwickelt, geliefert. 45)

Damit bewegen sich die verstärkten Bemühungen der BW an der Nahtstelle von politischer Bildung, Nachwuchswerbung und Public-Relation. Sofern sie als politische Bildung daherkommt, ruft die BW-Offensive erneut eine grundsätzliche Frage auf, und zwar verschärft: Seit 1974 (Generalkonferenz der UNESCO) hat die UNESCO als eine Definition aller Erziehung und Bildung (verstanden als ein von all denen in Gang gesetzter Prozess, die Gedanken produzieren, interpretieren oder verbreiten) formuliert- und Ähnliches immer wieder bekräftigt, näher ausgearbeitet und zum Konzept einer Erziehung zu einer Kultur des Friedens verdichtet. „Die Erziehung soll auf die Unzulässigkeit der Kriegsführung zum Zwecke der Eroberung, des Angriffs oder der Beherrschung sowie der Gewaltanwendung zum Zwecke der Unterdrückung hinweisen und jedermann dazu bringen, seine Verantwortung für die Erhaltung des Friedens zu erkennen und auf sich zu nehmen. Sie soll beitragen zu internationaler Verständigung, zur Festigung des Weltfriedens und zum Kampf gegen jeden wie auch immer gearteten oder geäußerten Kolonialismus und Neokolonialismus und gegen jede Art und Form von Rassenhass, Faschismus und Rassentrennung sowie sonstige Ideologien, die völkischen oder Rassenhass erzeugen und den Zielen dieser Empfehlung zuwiderlaufen“. 46) Wenn das das Ziel aller Erziehung und Bildung sein soll, kann sie nicht „neutral“ sein. Ist in diesem Sinne nicht jegliche Erziehung und Bildung „parteilich“ (nicht im Sinne von „parteipolitisch ausgerichtet“)? Auch die, die neutral sein will oder sich für neutral hält? Macht sich nicht jeder Pädagoge zum „pädagogischen Kollaborateur“? 47) Zumindest in den Fragen Militäreinsatz, Krieg und Frieden ist doch angesichts der seit 1945 vorhandenen gattungsgefährdenden Möglichkeit der atomaren Vernichtung der ganzen Menschheit eine Parteilichkeit für die Sache des Friedens notwendig. Und zwar als konstitutiv für jegliches pädagogische Bemühen, gleichsam als „kategorischer Imperativ“ oder Hippokratischer Eid für PädagogInnen. Parteilichkeit, definiert als Wesenszug aller Formen des gesellschaftlichen Bewusstseins. Das Kennenlernen und Analysieren von Handlungsstrukturen sowohl im militärischen Denken wie in dem der Friedensbewegung gehört wohl ebenso dazu wie die Aneignung und Entwicklung von Ideen, Anschauungen, Gewissen, Normensystemen und sozialen Verhaltensweisen (und methodisch durch Erkennen, Bewerten und Erleben). Wo SchülerInnen am realen Schießsimulator einmal üben, Ballerspiele auf Playstations spielen und im Simulationsspiel POL&IS Atomwaffen einsetzen können und zudem in der täglichen Tagesschau von dem Einsatz militärischer Gewalt erfahren, ist die Frage der Kontroversität und Ausgewogenheit eklatant aufgeworfen. Das ist nur dadurch herstellbar, dass durch systematisches pädagogisches Bemühen in der Schule (oder anderer institutionalisierter Erziehung, z. B. durch die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten) parteilich für eine Kultur des Friedens hingearbeitet wird (Friedensbildung). Nur so wird den Grundsätzen des „Beutelsbacher Konsenses“ entsprochen und in kontroverses Denken eingeführt. Das aber kann niemand von der BW leisten, da deren Öffentlichkeitsarbeit ja gerade einen anderen Auftrag hat. Eine solche „Parteinahme ist radikale Behauptung eines richtenden Standortes, von dem aus es nicht länger möglich ist, Verhältnisse zu tolerieren, nur weil sie bestehen.“ 48)

Was tun?

Bedenkt man Anlass und Ursache der neuerlichen BW- Offensive, dann ergibt sich:

1. Am wichtigsten ist zur Zeit, Öffentlichkeit herzustellen. Informationen zu verbreiten. Auch in der Friedensbewegung, den Gewerkschaften, der Linken, der liberalen Öffentlichkeit. Denn das Hineinwirken der BW in die Schulen und vor allem in die weiteren Institutionen und die Öffentlichkeit ist zu wenig bekannt, vor allem aber als zusammenhängende Kampagne der BW. Jeder nimmt nur einzelne Aspekte oder einzelne Vorkommnisse wahr. Und wenn in der Öffentlichkeit von der BW die Rede ist, denkt man gleich an Wehrpflicht oder Afghanistan- Einsatz. Das gilt auch für die einzelnen Auftritte von Jugendoffizieren in Schulen, der BW bei Volksfesten. Der Protest selbst von kleinen Gruppen oder Einzelnen, ein Flugblatt, eine Pressemitteilung wirken schon Wunder.

2. Bei den Schulen bzw. den einzelnen LehrerInnen liegt die Verantwortung für die Auftritte der Jugendoffiziere, was auch (bisher) nicht durch die Abkommen mit den Kultusministerien ausgehebelt wurde. Sie und die Nachwuchswerber können nur auf Einladung der Schulen dort auftreten. Auch Schulleiter können LehrerInnen nicht dazu verpflichten. Auch zu Tagen der offenen Tür oder anderen Kasernenbesuchen muss niemand gehen. In allen diesen Fällen sollten sich die LehrerInnen verweigern und GEW, Elternräte, Personalräte und die örtliche Öffentlichkeit diejenigen bestärken, die das tun.

3. Auch Eltern können, empfehlenswerterweise schon im Vorfeld, so bald ihnen bekannt wird, dass ein Auftritt der BW geplant ist oder ein Kasernenbesuch vorbereitet wird, Protest anmelden. Denn wenn das Bestandteil des Unterrichts ist, ist Anwesenheitspflicht der Schüler gegeben. Aber selbst dann wirken elternrätliche und öffentliche Proteste und führen ggf. zu Absagen.

4. Dass jeder öffentliche Auftritt der BW Anlass für die Friedensbewegung, die Gewerkschaften, die LINKE ist, öffentlich tätig zu werden, versteht sich nach dem oben Gesagten von selbst. Anfragen im Stadtrat, im Landesparlament und ggf. im Bundestag helfen, eine breitere Öffentlichkeit herzustellen.

5. Auch Interventionen bei der örtlichen und ggf. überörtlichen Presse und den Sendeanstalten sollten nicht unterschätzt werden. Noch ist die Mehrheit der Bundesbürger wehrkritisch eingestellt, was sich auch bei Journalisten herumgesprochen hat.

6. Viel zu wenig bekannt, aber erprobt vorhanden, sind verschiedene, vor allem für den Unterricht und die Jugendarbeit geeignete Alternativen. Hier sind vor allem zu nennen:
  1. Das Periodikum „etcetera ppf“, der friedenspädagogische Rundbrief der Initiative PädagogInnen für den Frieden. Vor allem Heft 1/2010- Materialien zur Friedenserziehung- mit zahlreichen Beispielen, die vorgestellt und beschrieben werden. Adressen und Bezugsquellen aller Art sind enthalten (Bezug: www.friedenskultur.de;info@zfk-siegen.net) 49)
  2. SPUN- Schülerplanspiel United Nations, außerschulisch gespielt, von der UN und dem Außenministerium anerkannt und mit vielen Kooperationspartnern entwickelt. Alternative zu POL&IS. Ab 2 Personen können mitspielen (www.spun.de;projektleitung@spun.de)
  3. Theater: Berliner Compagnie „Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch“, dokumentarisches Theater der erfolgreichen Berliner Theatergruppe. 50) (www.berlinerCompagnie.de; karin-fries@berlinercompagnie.de)
  4. Schultour der Nonviolent Peaceforce: Im Ausland tätig gewesene Friedensfachkräfte berichten davon im Unterricht (2. Std.) oder in einer Abendveranstaltung, u. a. auch mit Filmen und Ausstellungen, 51) (www.nonviolent-peaceforce.de; buchbar über: info@soziale-verteidigung.de)
  5. Neue Wege zum Frieden: 45 Konfliktfelder zur Weltpolitik sind nach der Methode J. Galtungs schülergerecht aufgearbeitet. Dazu liegen ausgearbeitete Materialsätze vor (info@zfk-siegen.net) 52)
  6. Friedensbox „Frieden erlebbar machen“: ausleihbar oder käuflich zu erwerben (95.- € ). Box mit 30 Materialien wie Ausstellungen, DVDs, CDs, Organisationsanregungen wie z. B. Friedenläufen, Weltkarten, Fotos, Lernhefte, Filmen, Material zum Gestalten, Folien, Literaturlisten, methodische Hinweise. Am Orientierungsrahmen der KMK „Globale Entwicklung“ ausgerichtet (www.bildung-trifft-entwicklung.de;info@act4transformation.net) 53)
Kurz: Da der militärisch-publizistisch-industrielle Komplex der BRD, um Großmachtsansprüche des deutschen Großkapitals realisieren zu können, aktuell wegen der geschwundenen und weiter schwindenden Wehrbereitschaft in der Bevölkerung mit einer Mischung aus genereller Offensive und defensivem Herangehen operiert, lohnt es sich allemal, gegenan zu gehen, Widerstand zu leisten, Öffentlichkeit zu suchen. Und da ist jeder gefordert.

Anmerkungen, Quellen
  1. Policy Brief 2/10 „Die Bundeswehr der Zukunft“ (Stiftung Neue Verantwortung), S. 2
  2. a.a.O., S. 5
  3. ebenda
  4. Junge Union Schleswig-Holstein (Mai 2010) in der dortigen Debatte um Schule und Bundeswehr (Strategischer Social-Media-Fail der Bundeswehr, bendler-blog.de)
  5. D. S. Lutz (Hrsg.) Weder Wehrkunde noch Friedenserziehung? Baden-Baden, 1984, S. 41
  6. www.network.jugendoffizier.eu
  7. IMI-Studie 2/2010, S. 4 und R. Kerbst/G. Witt Bundeswehr und Schule, Köln. 1984, S. 27-29
  8. Dieter Rogge Die Aufgaben des hauptamtlichen Jugendoffiziers als Beispiel für die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr, Dissertation, München, 1979
  9. D. S. Lutz, siehe 5), S. 21 und H. Bethge Politische Bildung zur Förderung der Wehrbereitschaft? Fakten, Hintergründe und Fragen zur verstärkten Militarisierungskampagne an unseren Schulen und Hochschulen, in Blätter f. dt. u. internat. Politik, 11/1972
  10. H. Apel: Erklärung zum 25jährigen Bestehen der Bundeswehr, in D. S. Lutz, a. a. O., S. 27
  11. R. Kerbst/G. Witt, a. a. O., S. 54
  12. damals gab es noch keine Frauen in der BW, zitiert nach D. S. Lutz, a. a. O., S. 29
  13. D. S. Lutz, a. a. O., S. 42 ff
  14. D. S. Lutz, a. a. O., S. 47; hier auch eine gute textliche Dokumentation der damaligen Auseinandersetzung
  15. Referat M. Lotze (IPPNW HH) auf der attac-Sommerschule, 27. 7. 10
  16. aus einem Brief eines Freiburger Jugendoffiziers, zitiert nach IMI-Studie 2/2010, S. 2
  17. M. Lotze, a. a. O., S. 2
  18. M. Lotze, a. a. O., S. 3, vgl. auch IMI-Standpunkt vom 15. 7. 2010
  19. Vernetzte Sicherheit (CIMIC) heißt das Konzept, nach dem in der Theorie der Afghanistan-Einsatz ablaufen soll: Zivile Kräfte und BW wirken zusammen, den Aufbau Afghanistans abzusichern: „Die Grenzen von innerer und äußerer Sicherheit verschwimmen zunehmend. Internationale Einsätze…und Heimatverteidigung sowie Einsatz der Bundeswehr im Inneren sind deshalb zwei Seiten ein und derselben Medaille“ (Angela Merkel, 2005)
  20. Der Beutelsbacher Konsens ist seit 1976 das formulierte und allseits akzeptierte Grundprinzip der politischen Bildung in der BRD: 1. Überwältigungsverbot (Indoktrinationsverbot) durch die Lehrenden, dass die Unterrichteten sich eine eigene Meinung bilden können, 2. das Gebot der Kontroversität (auch Ausgewogenheit) als didaktisches Prinzip, in kontroverses Denken einzuführen (vor allem bei Fragen, die in der Öffentlichkeit auch kontrovers sind), 3. die Schülerorientierung, nämlich Schüler in die Lage zu versetzen, die politische Situation der Gesellschaft und ihre eigene Position analysieren und sich aktiv am politischen Prozess beteiligen können, indem sie nach Mitteln und Wegen suchen, die gegebene Lage im Sinne ihrer Interessen zu beeinflussen.
  21. http://sueddeutsche.de/karriere/2.220/bundeswehr-draengt-in-die-schulen, vom 21.6.2010
  22. zitiert aus Lübecker Nachrichten, Ostholsteiner Anzeiger, Kieler Nachrichten 9.3.2010
  23. http://landtag.ltsh-de/infothek/wahl17/drucks/0500/drucksache-17-0551.pdf (CDU/FDP), von der SPD:......./0400/drucksache-17-0455.pdf, von der LINKEN:..../0500/drucksache-17-0508.pdf; weitere Informationen: Gerhard Reth: greth@onlinehome.de
  24. ND 22.10.10
  25. M. Lotze, a. a. O., S. 11
  26. IMI-Studie 2/2010, S. 9; DIE ZEIT 30. 4. 2003; S. Lichte POL&IS- Politik interaktiv lernen, in www.bmvg.de
  27. IMI-Studie 2 /2010, S. 8
  28. IMI-Studie, a. a. O., S. 10
  29. J. Schürkes, H. Humburg, J. Wagner Sozialabbau und Rekrutierungsstrategien der Bundeswehr- Dossier 58 in „Wissenschaft + Frieden“, 3. 2008
  30. T. Bulmahn Berufswahl Jugendlicher und Interesse an einer Berufstätigkeit bei der Bundeswehr, Sozialwiss. Institut der Bundeswehr (SOWI), Forschungsbericht 81 (2007)
  31. Bundeswehr im Wettbewerb, FAZ, 29. 4. 2008
  32. Wir sind lieber Soldaten als arbeitslos, Hamb. Abendblatt, 6. 2. 07
  33. Girls`Day bei der Luftwaffe, 24. 4. 08:http://tinyurl.com/62w3gp, zitiert nach H. Humburg in Schürkes, a. a. O., S. 9
  34. H. Humburg, a. a. O., S 12
  35. Bundestagsdrucksache 16/12038
  36. T. Bulmahn, a. a. O., S. 69
  37. IMI-Studie 2/2010, a. a. O., S. 3
  38. Anfragen und Antworten der Linksfraktion im Bundestag (Bundestagsdrucksachen 16/8285 und 8842), vgl. auch Wissenschaft + Frieden (W+F), Dossier 58, a. a. O., S. 7
  39. vgl. Kein Frieden mit der Bundeswehr in W+F Dossier 58. a. a. O., S. 15 f und unter www.bundeswehr-wegtreten.org
  40. IMI-Studie 2/2010, S. 6 (dort auch eine Analyse der Unterrichtsmaterialien) und: www.jugend-und-bildung.de
  41. IMI-Studie, a. a. O., S. 7
  42. Bundestagsdrucksache 16/14094
  43. H. Humburg, W+F-Dossier 58, a. a. O., S. 13
  44. So der PR-Berater Sascha Stoltenow, Reservist aus der OpInfoTr, zitiert nach Lotze, a. a. ., S. 4; govermedia.de
  45. H. Humburg, a. a. O. S. 12 und 13
  46. L. v. Dick (Hrsg.) Lernen in der Friedensbewegung, Weinheim, 1984, S. 76, vgl. auch: B. Nolz, W. Popp Miteinander leben, voneinander lernen, Münster, 1999
  47. H. J. Gamm Das Elend der spätbürgerlichen Pädagogik, München, 1972, S. 61 und: H. Bethge Parteilich für den Frieden, in L. v. Dick, a. a. O., S. 74 ff
  48. H. J. Gamm, a. a. O., Abschnitt: Parteilichkeit als Bildungsprinzip, S. 60
  49. etcetera ppf 1/2010, Siegen, S. 19, hier ausführliche Beschreibung
  50. etcetera ppf, a. a. O., Beschreibung, S. 20/21
  51. Beschreibung in etcetera ppf, a. a. O., 22/23
  52. Beschreibung in etcetera ppf, a. a. O., S. 24
  53. ausführlich beschrieben in etcetera ppf, a. a. O., S. 27-29
* Horst Bethge, PädagogInnen für den Frieden, Koordinierungsgruppe der BAG Bildungspolitik der LINKEN, Mitglied des Landesvorstandes Hamburg DER LINKEN.


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