Sarrazin hat falsch gerechnet

Berliner Wissenschaftler veröffentlichen Gegendarstellung zu Sarrazins Thesen über Muslime

Von Jenny Becker *

Die Studie »Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand« versteht sich als Gegenentwurf zu den Aussagen von Thilo Sarrazin über Muslime in Deutschland. Sie fasst Daten der letzten Jahre zusammen – und gelangt zu anderen Schlussfolgerungen als der umstrittene Autor.

Ganz überraschend ist das Ergebnis der neuen Studie nicht: Sarrazins Aussagen über muslimische Migranten entsprechen kaum dem tatsächlichen Zustand der Gesellschaft. Die Politologin Naika Foroutan und ihr Team von der Berliner Humboldt-Universität haben sich das Kapitel »Zuwanderung und Integration« des Bestsellers »Deutschland schafft sich ab« vorgenommen, um Thilo Sarrazins Thesen auf den Prüfstand zu stellen. Schon im September war Foroutan, die ein Forschungsprojekt über »Hybride Identitäten« leitet, in zwei Fernsehsendungen als Expertin für Integration aufgetreten und hatte Sarrazins Äußerungen widersprochen.

Das 70-seitige Dossier hat den Anspruch, den »Stand der Integration von ›Muslimen‹ in Deutschland in einer Übersicht zusammenzutragen«. Das Team aus Politologen, Sozialwissenschaftlern, einem Islamwissenschaftler und einer Ethnologin hat dafür verschiedene Studien ausgewertet. Unter anderem stützt es sich auf Daten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, des Statistischen Bundesamtes und des Bundesministeriums des Inneren – und kommt zu ganz anderen Schlussfolgerungen als Sarrazin.

Wie ist das möglich? Hat der SPD-Mann seine Thesen nicht ebenfalls mit Statistiken und wissenschaftlichen Daten belegt? Eine Antwort in der Studie lautet, Sarrazin habe »auf Datenmaterial zurückgegriffen, das seit Jahren vorlag und das bereits in die alltägliche Arbeit der Verwaltungen, Sozialarbeiter und des Quartiersmanagement eingeflossen« sei. Die seither erzielten Integrationserfolge hätte er verschwiegen.

Beispiel Bildung. Sarrazin behauptet, dass die Bildungsprobleme der Muslime sich »quasi vererben«. Dagegen ist in der aktuellen Studie von einer »sichtbaren Dynamik« und positiven Entwicklung der Bildungssituation die Rede, besonders bei türkischen Migranten. Während in der ersten Generation nur drei Prozent die Hochschulreife erlangten, seien es laut Statistischem Bundesamt 2009 bereits 22,5 Prozent. Das sei eine Steigerung von fast 800 Prozent. Allerdings wird eingeräumt, dass der Bildungsgrad türkischer Migranten noch immer unter dem der Deutschen ohne Migrationshintergrund liegt. Und die enorme Steigerungsrate sei »natürlich auch bedingt durch den zuvor sehr niedrigen Bildungsgrad der ersten Generation der Zuwanderer«. Gastarbeiter brauchten eben kein Abitur.

Die Studie wirft Sarrazin auch »fehlerhafte Quellenlektüre« vor. Einige Zitate haben Foroutan und ihr Team direkt den zuständigen Institutionen vorgelegt, mit der Bitte um Verifikation. In seinem Buch bemerkte Sarrazin etwa mit Sorge, das immer mehr Musliminnen in Deutschland Kopftuch tragen und deutete das als Zeichen einer wachsenden Parallelgesellschaft. Er stützte sich dabei auf den »Religionsmonitor 2008« der Bertelsmann Stiftung. Foroutans Studie beinhaltet eine E-Mail, in der die Bertelsmann Stiftung richtigstellt, dass lediglich die allgemeine Zustimmung zum Kopftuch erhoben worden sei. Aussagen über die tatsächliche Häufigkeit des Kopftuchtragens habe man nicht getroffen. Foroutan sieht gar einen gegenläufigen Trend: Das Kopftuchtragen nehme über die Generationenfolge ab. In der zweiten Generation trügen bereits sieben Prozent weniger Musliminnen Kopftuch.

Auch Sarrazins These zur Jugendgewalt bei Migranten wird entkräftet. Er behauptete: »In Berlin werden 20 Prozent aller Gewalttaten von nur 1000 türkischen und arabischen jugendlichen Tätern begangen.« Das Büro des Berliner Polizeipräsidenten widerspricht und nennt eine Quote von 8,7 Prozent für diese Personengruppe.

Die Berliner Forscher konnten Sarrazin also einige Schnitzer nachweisen. Dass die vielen wissenschaftlichen Gegendarstellungen, die schon im Herbst in den Medien kursierten, nun in einem Dossier zusammengefasst sind, ist zu begrüßen. Allerdings sind auch die darin enthaltenen Zahlen – wie jede Statistik – mit Vorsicht zu betrachten.

Studie und weitere Informationen unter: www.heymat.hu-berlin.de

* Aus: Neues Deutschland, 10. Januar 2011

Zentrale Ergebnisse aus der Studie

Sichtbare Dynamik der Bildungsverläufe
Die konsequent vertretene These Thilo Sarrazins, dass speziell bei der Gruppe der Muslime in Deutschland keine positive Entwicklung der Bildungssituation zu konstatieren sei, die auf kulturelle Grundmuster der Sozialisation zurückzuführen ist, findet keine Entsprechung im statistischen Datenmaterial und ist empirisch nicht haltbar. Die Dynamik des Bildungserfolges ist über die Generationenfolge klar erkennbar und müsste in eine Zukunftsprognose als solche mit einfließen.

Bildungsanstieg bei zweiter Generation
Empirisch ist nachweisbar, dass bei sämtlichen Zuwanderungs-gruppen mit muslimischem Migrationshintergrund, die Angehörigen der zweiten Generation deutlich häufiger als ihre Elterngeneration das deutsche Schulsystem mit einem Schulabschluss verlassen. Dies widerspricht der These Sarrazins, dass es auch über die Generationenfolge hinweg keine positive Entwicklung gäbe.

Personen mit türkischem Migrationshintergrund liegen zurück, aber Dynamik des Bildungsaufstiegs am höchsten
Laut Mikrozensus 2008 haben in der Gruppe der Personen mit türkischem Migrationshintergrund 22,4% der Bildungsinländer einen höheren Bildungsabschluss (Abitur oder Fachabitur). Die erste Generation der Gastarbeiter hatte hingegen nur zu 3% einen höheren Bildungsabschluss. Dies ist ein Bildungsanstieg von ca. 800%, obwohl gerade diese Gruppe von Sarrazin als besonders lernunfähig dargestellt wurde.

Höhere Bildungsaspiration bei Familien mit türkischem Migrationshintergrund
Sarrazin unterstellt dieser Gruppe auch Lernunwilligkeit. Dennoch wird gerade Familien mit türkischem Migrationshintergrund eine höhere Bildungsaspiration im Vergleich zu Familien ohne Migrationshintergrund beim gewünschten Schulabschluss Abitur attestiert.

Angleichung der Bildungssituation über die Zeit
Die PISA-Studie 2009 stellt einen Rückgang der Disparitäten durch einen stetigen Bildungsanstieg bei Jugendlichen mit Migrations-hintergrund fest, während im Erhebungszeitraum bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund kaum Kompetenzsteigerungen zu verzeichnen sind.

Zahl der Personen mit türkischem Migrationshintergrund höher bei Hartz IV, aber niedriger als dargestellt
Hier sind die größten Schwächen innerhalb der Gruppe der Personen mit türkischem Migrationshintergrund zu beobachten, die laut Mikrozensus 2008 zu 9,5% ihren Lebensunterhalt überwiegend aus Hartz-IV bestreiten, während dies bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund nur zu 3,5% zutrifft. Dennoch steht diese Zahl der durch Sarrazin suggerierten Hartz-IV-Quote von 40% stark abweichend gegenüber.

Sprachkenntnisse bei großer Mehrheit gut
Der Vorwurf Sarrazins, gerade die Personen mit türkischem Migrationshintergrund würden sich nicht bemühen, Deutsch zu lernen, ist empirisch nicht haltbar. Allensbach hat im letzten Jahr für 70% der Personen mit türkischem Migrationshintergrund gute bis sehr gute Kenntnisse der deutschen Sprache ermittelt.

Kopftuchtragen hat abgenommen
Entgegen der geäußerten Annahmen von Thilo Sarrazin, dass das Kopftuch über die Generationenfolge in Deutschland zunehme, nimmt die Häufigkeit des Kopftuchtragens in der zweiten Generation signifikant ab. 70 Prozent der Frauen mit muslimischem Migrations-hintergrund tragen kein Kopftuch. Fast 23 Prozent geben an, immer ein Kopftuch zu tragen.

Über 90% der Schüler nehmen am Schwimmunterricht teil
Gerade der Schwimm- und Sportunterricht wird von Sarrazin als ein Kriterium für die Verweigerung der kulturellen Integration markiert. Dabei liegt die Zahl der Kinder, die an diesen Angeboten nicht teilnehmen bei 7-10%. Auch hier wird eine Phantomdebatte geführt, die den empirischen Erkenntnissen nicht gerecht wird.

Nachbarschafts- und Freundschaftskontakte
Obwohl Sarrazin sich vertiefende Parallelgesellschaften und Abschottung prognostiziert, werden die Kontakte von „Muslimen“ zu Personen deutsch-deutscher Herkunft in der Nachbarschaft empirisch als zahlreich dargestellt; in fast allen Gruppen der Muslime haben mehr als drei Viertel der Befragten häufig Freundschafts- oder Nachbarschaftskontakte. Auch die Kontakte am Arbeitsplatz sind hoch. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) hat gemessen, dass die Personen mit türkischem Migrations-hintergrund sich am liebsten deutsche Nachbarn wünschen, während bei der Gruppe der deutsch-Deutschen der Wunsch nach türkischen Nachbarn an letzter Stelle rangiert.

Keine „Opfer-Mentalität“ sondern aktive Selbstkritik
Die Verantwortlichkeit für gelingende Integration wird selbst in bestimmten Kreisen türkischer Herkunft, die unter dem Generalverdacht der ‚Integrationsverweigerung‘ oder gar der ‚Integrationsunfähigkeit‘ stehen, in deutlich höherem Maße der Zuwandererbevölkerung und damit sich selbst zugeschrieben und nicht der Mehrheitsbevölkerung. In der zweiten Zuwanderergeneration verstärkt sich diese Einschätzung.

Interethnische Partnerschaften
Thilo Sarrazin unterstellt speziell der Gruppe der Muslime eine Verweigerungshaltung gegenüber interethnischen Partnerschaften. Auch hier widersprechen die Trends der Entwicklung seinen Aussagen. Unter Berücksichtigung der Unterschiede zwischen der ersten und der folgenden Einwanderergeneration wird auch für „die Muslime“ eine Tendenz zu mehr interethnischen Partnerschaften in späteren Generationen erkennbar. Besonders ab der zweiten Generation steigt die Zahl der binationalen Partnerschaften.

Zahl interreligiöser Ehen bei muslimischen Männern am höchsten
Trotz eines rückläufigen Trends haben muslimische Männer im Vergleich von Christen und Muslimen die stärkste absolute Tendenz, Frauen außerhalb ihrer eigenen Religionsgemeinschaft zu ehelichen. 33,5% der muslimischen Männer heirateten im Jahr 2008 eine nicht-muslimische Frau.

Interethnische Partnerschaften bei Deutschen ohne Migrationshintergrund gering
Die deutsch-Deutschen heiraten zu 92% Deutsche OHNE Migrationshintergrund. Kriminalitätsrate nicht in Abhängigkeit zur Religiosität Der von Sarrazin suggerierte Zusammenhang zwischen Islam und Kriminalität in Deutschland wird von seriösen Forschungs-einrichtungen und der Polizei zurückgewiesen. Vielmehr gelten sozio-strukturelle Bedingungen und Gewalterfahrung in der Familie als zentrale Motive für Jugendkriminalität.

Deutschland droht zum Auswanderungsland zu werden
Während Thilo Sarrazin befürchtet, Deutschland würde durch die stetige Zuwanderung bald in seinen Strukturen nicht mehr erkennbar sein und zukünftig mehrheitlich aus arabisch- und türkisch-sprechenden muslimischen Menschen bestehen, konstatiert die Statistik, dass gerade bei der Gruppe der Personen mit türkischem Migrationshintergrund seit acht Jahren ein negativer Wanderungs-saldo zu verzeichnen und die Nettozuwanderung von türkischen Staatsangehörigen seit 2002 rückläufig ist.

Zuwanderungselite wendet sich ab
Bei Studierenden mit türkischem Migrationshintergrund äußern 36% Prozent den Wunsch, in die fremde Heimat der Eltern abzuwandern.

Aus: Naika Foroutan (Hrsg.): Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand. Ein empirischer Gegenentwurf zu Thilo Sarrazins Thesen zu Muslimen in Deutschland, Berlin 2011, S. 12-15; im Internet: www.heymat.hu-berlin.de/sarrazin2010




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