Privatkriege, Warlords, Afrika (Friedensratschlag)
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Zur Ökonomie des Krieges: Die Gewalt und die Geschäfte der afrikanischen Warlords

Über die soziale und politische Organisation von Kriegsherren-Gruppen. Ein Beitrag von Michael Bollig

Die Frankfurter Rundschau dokumentierte am 9. Januar 2001 einen Beitrag des Kölner Völkerkundlers Michael Bollig über die Kriegsherren-Ökonomie und den Zerfall staatlicher Organisationen in Afrika. In erweiterter Fassung wird der Beitrag in dem von Winfried Böhm und Manfred Lindauer herausgegebenen Sammelband "Welt ohne Krieg" im Ernst Klett Verlag, Stuttgart 2001 erscheinen wird.

Kriege und Staatszerfall sind heute die bestimmenden Themen der Afrikaberichterstattung. Plinius häufig zitierte Beobachtung "Ex Africa semper aliquid novi" wird heute mit Berichten über Kindersoldaten, Genozide und mächtige Kriegsherren mit neuem Leben gefüllt. Kriegsherren werden in den Medien als Ursachen von Bürgerkrieg, Hunger und Staatszerfall dargestellt. Sie nutzen gewaltoffene Räume, Räume ohne staatliches Gewaltmonopol, zu ihrem materiellen Vorteil, handeln mit Diamanten, Gold und Edelhölzer, zweckentfremden Hilfsgüter und setzen militärische Ziele mit exzessiver Gewalt durch. Sie werden als Antipoden staatlicher Ordnung beschrieben, in vielen Fällen gar als das Ende hochverschuldeter und legitimitätsgeschwächter afrikanischer Staatsgebilde.

Seit etwa 1990 - dem Ende des auch die Afrika-Politik bestimmenden Ost-West- Konfliktes - haben sich die Konfliktmuster im subsaharanischen Afrika grundlegend verändert. Während sich die Zahl zwischenstaatlicher Konflikte verringerte, nahmen Anzahl und Intensität interner Konflikte ebenso wie der Umfang des Waffenhandels deutlich zu. Gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen regulären Streitkräften, tribalen Milizen, privaten Armeen sowie die Militarisierung ganzer Bevölkerungsgruppen führten in vielen Regionen Afrikas zum zeitweiligen oder vollständigen Kollaps des Staates.

Kriegsherren sind weder eine neue noch eine spezifisch afrikanische Erscheinung. Die afrikanischen Kriegsherren der 90er Jahre haben ihre Vorläufer in den Kondottieri des 18. und 19. Jahrhunderts. In der Epoche der merkantilen Durchdringung Afrikas bestimmten sie Politik und Ökonomie in weiten Teilen des Kontinents. Chinesische Warlords operierten in der Zeit zwischen Niedergang der Mandschu-Dynastie und Machtergreifung der Kuomintang mit ähnlichen Zielen und afghanische Kriegsherren organisieren heute Gewalt in ähnlicher Weise.

Der Beitrag bemüht sich, durch den Vergleich historischer und rezenter Fälle die politischen, wirtschaftlichen und symbolischen Dimensionen des afrikanischen Kriegsherrentums darzustellen. Die Identifikation und Operationalisierung wichtiger Variablen aus den genannten Bereichen ist die methodische Grundlage für einen explorativen, qualitativ orientierten Vergleich. Während in weiten Teilen der Medienlandschaft Tribalismus, politisches Chaos und verfehlte Modernisierung für die "afrikanische Krise" verantwortlich gemacht werden, sollen hier die Zweckrationalität und soziale Organisation von Gewalt beleuchtet werden.

Um das Phänomen "Kriegsherrentum" klarer zu verorten, ist es notwendig, zunächst zu klären, was unter Kriegsherr und was unter Kriegsherren-Gruppen verstanden werden soll. Vorab sei allerdings betont, dass sich das Phänomen nicht immer klar eingrenzen läßt: zu häufig treten ehemalige Kriegsherren später als Präsidenten auf internationalem Parkett auf. Ihre Gefolgschaft hat mal Merkmale einer regulären Armee, d. h. eines aus mehreren Korps bestehenden Großverbandes unter einheitlichem Kommando, mal Merkmale einer Bande, d. h. einer nichtlegitimen, nur schwach institutionalisierten Vereinigung, die sich gewaltsamer Mittel zur Durchsetzung materieller und/oder politischer Ziele bedient.

Folgende Charakteristika des Kriegsherrentums lassen sich m. E. dennoch hervorheben.
  1. Kriegsherrentum entwickelt sich in Regionen, in denen der Staat sein Gewaltmonopol verloren hat.
  2. Die Ökonomie von Kriegsherren-Banden beruht vornehmlich auf Plünderung und Handel mit geraubten Gütern.
  3. Kriegsherren-Gruppen bestehen aus dem Führer, einer untergeordneten Gruppe professioneller Kämpfer und Zwangsrekrutierten.
  4. Auf Grund der weitgehend repressiven Rekrutierung von Kämpfern sind die Gruppen äußerst instabil.
    Bedingungen zur Entstehung von Kriegsherrentum

    Meine erste Frage gilt der Entstehung des Kriegsherrentums. Lassen sich gesellschaftliche Bedingungen identifizieren, die zur Entstehung von Kriegsherrentum beitragen?

    Ein Merkmal der postkolonialen politischen Entwicklung des subsaharanischen Afrika war das Fortbestehen stark personalisierter Staatswesen. Die postkolonialen Staaten knüpften damit an präkoloniale Herrschaftskonstruktionen an. Lord Lugards Doktrin der Indirect Rule, der Stützung einheimischer Herrschaften zum Zwecke einer effizienten und kostensparenden Kolonialverwaltung, betonte personalisierte Herrschaftssysteme und bettete sie in staatliche Legitimationszusammenhänge ein. Auch im postkolonialen Staat spielten ausgeprägte Patron-Klient-Netzwerke eine wichtige Rolle. Der politische Funktionär war zunächst seiner eigenen Klientel verantwortlich - und nicht dem Staatswesen. Die von Max Weber als Merkmal moderner Staatlichkeit angeführte Trennung von Gesellschaft und Staat trifft (und traf) für die meisten afrikanischen Staatswesen nicht zu. Das politische und administrative Amt ist zunächst und vor allem Ressource. Diese Ressource wird für persönliche Zwecke und zum Vorteil einer verwandtschaftlich oder ethnisch definierten Klientel genutzt.

    Der französische Politologe Bayart hat die Übernahme weiter Teile der afrikanischen Nationalökonomien durch Klientelnetzwerke als die "Kriminalisierung des Staates" beschrieben. Die Franzosen Chabal & Daloz (1996) lenken dagegen das Augenmerk auf die spezifische Moral einer Klientelherrschaft: der politische Funktionär ist zu Leistungen gegenüber seiner Klientel verpflichtet. Kann er diesen Obligationen nicht nachkommen, ist er seiner Macht beraubt.

    Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde durch den Fortfall der finanziellen Unterstützung durch die beiden großen weltpolitischen Lager, durch die von der Weltbank verhängte zwangsweise Privatisierung von Staatsgütern und der gleichzeitigen Krise einheimischer Nationalökonomien die Aneignung und Redistribution von Gütern in Klientelnetzen empfindlich gestört. Konkurrierende Patronage-Systeme bedienten sich nun zunehmend gewaltsamer Mittel, um knapper werdende Ressourcen für ihre Klientel zu erbeuten. In allen rezenten Beispielen afrikanischen Kriegsherrentums finden wir eine Betonung ethnischer Klientelnetzwerke in den 70er und 80er Jahren.

    Darüber hinaus ist allen von mir bearbeiteten Beispielen afrikanischen Kriegsherrentums gemeinsam, dass eine lange gewalttätige Geschichte in den jeweiligen Gesellschaften zu einer Veralltäglichung der Gewalt geführt hat. In der nördlichen Kapregion und im Süden Namibias etwa hatten sich autochthone Gruppen am Rande des kapländischen Wirtschaftsraumes im 18. Jahrhundert aufgelöst. Die Ökonomie der Frontiergesellschaft fußte auf der Plünderung lokaler Gemeinschaften. In diesem gewaltoffenen Raum entwickelten sich Anfang des 19. Jahrhunderts die Oorlam, die dann für einige Jahrzehnte die Geschicke des südwestlichen Afrika bestimmten. Auch die Raubzüge der Imbangala im Angola des 17. und 18. Jahrhunderts und das Terrorregime Tippu Tips im Osten des heutigen Kongo im 19. Jahrhundert fanden in einem Raum statt, der durch die langandauernden Aktivitäten von Sklavenhändlern destabilisiert und militarisiert worden war.

    Auch für die rezenten Beispiele ist typisch, dass der Etablierung von Kriegsherren eine längere Zeit der Militarisierung einer Region vorangeht. Häufig bedienen sich die Führer schwacher Staaten ähnlicher Strategien wie die mit ihnen konkurrierenden Kriegsherren und machen so Reste staatlicher Legitimität obsolet. In Somalia wurde gerade in den 80er Jahren vom damaligen Präsidenten Siad Barre vermehrt auf einen gewalttätig repressiven Umgang mit politischen Gegnern gesetzt. Gewalt wurde als legitimer Bestandteil politischer Strategien etabliert. Für viele somalische Jugendliche war die Anstellung in Milizen der einzige Weg, eine Position zu erringen, die einen gewissen Status und ein begrenztes Einkommen versprach. Der Beobachter Compagnon beschreibt die Situation zutreffend: "Warfare became a way of life, and the automatic rifle a means of living." In Liberia nahm die Zahl der bewaffneten Milizionäre innerhalb weniger Jahre dramatisch zu und dürfte Mitte der 90er Jahre ungefähr bei 60 000 in verschiedenen Gruppen kämpfenden Männern gelegen haben. Auch für sie wurde die Waffe das wichtigste Mittel, um den eigenen Unterhalt zu sichern. In einer Darstellung des liberianischen Bürgerkrieges wird ein liberianischer Kämpfer mit den Worten zitiert: "The Kalashnikov lifestyle is our business advantage."

    Durch die Veralltäglichung der Gewalt wird eine Dynamik ausgelöst, die Normen der Gewaltanwendung, wie sie in jeder Gesellschaft bestehen, außer Kraft setzt. Kinder werden aus kurzfristigen Erwägungen mit Waffen ausgestattet und - häufig unter Drogen gesetzt - zum Töten gezwungen. Das Tragen und der Gebrauch von Waffen wird alltäglich und eine Unterscheidung von Zivilbevölkerung und kriegführender Bevölkerung wird hinfällig.

    Darüber hinaus ist die Einflussnahme externer Interessengruppen und die Existenz von globalen Märkten für das Entstehen von gewaltoffenen Räumen konstitutiv. Keine der Kriegsherren-Banden Afrikas produziert (oder produzierte) eigene Schusswaffen. Sie sind gezwungen, wertvolle Rohstoffe gegen Waffen auf illegalen oder halblegalen Märkten einzutauschen. Die Destabilisierung afrikanischer Staaten geht somit keineswegs einher mit der Abkopplung vom Weltmarkt und bedeutet nicht das Ende ökonomischer Globalisierung. Im Gegenteil - im letzten Jahrzehnt investierten multinationale Unternehmen deutlich mehr Kapital in Afrikas rohstoffreichen Krisenregionen, als in anderen Teilen des Kontinents - ihre Handelspartner waren dabei häufig lokale Kriegsherren.

    Nachdem als Bedingungen präkolonialen und postkolonialen Kriegsherrentums die zunehmende Konkurrenz von Klientelnetzwerken, Veralltäglichung der Gewalt und ökonomische Globalisierung identifiziert wurden, möchte ich nun die wirtschaftliche Organisation des Kriegsherrentums ansprechen.

    Die Ökonomie gewaltoffener Räume

    Kriegsherren-Kommandos bauen auf einer sehr spezifischen Raubökonomie auf. Für die Bewaffnung und den Unterhalt der Truppe müssen ständig Ressourcen aufgebracht werden. Die Plünderung benachbarter Gruppen war für die Ökonomie der südwestafrikanischen Oorlam-Kommandos des 19. Jahrhunderts existenziell wichtig. Keine Oorlam-Gruppe konnte länger als fünf Jahre ohne größeren Überfall überleben. Die Imbangala-Banden des präkolonialen Angola hingen vollends von der Plünderung lokaler Gruppen und vom Verkauf von Sklaven ab und waren daher hoch mobil. Auch in Liberia und Sierra Leone entstand eine Kriegs-Ökonomie, die weitgehend auf der Plünderung lokaler Bauern beruhte. Liberianische Kriegsherren-Banden setzten sich strategisch in landwirtschaftlich produktiven Gebieten fest und konnten dort über Plünderung und die Erpressung von Schutzgeldern ihren Unterhalt bestreiten. In den von Kriegsherren beherrschten Zonen wird einer Kriminalisierung der Wirtschaft Vorschub geleistet. Durch illegale Produktion, illegalen Abbau und illegale Dienstleistungen werden Bewaffneten und meist auch der lokalen Bevölkerung neue Einkommensquellen eröffnet. Häufig werden Steuern gefordert und Zölle verlangt, die mit einer Schutzgeldlogik gerechtfertigt werden.

    Bei Plünderungen in ländlichen Regionen werden zunächst Lebensmittel erbeutet, darüber hinaus Waren mit geringem Wert. Die geplünderten Waren dienen in der Regel der Reproduktion der kämpfenden Einheiten und einer bescheidenen Bereicherung der Milizionäre. Zur Beute gehören auch Menschen: vor allem Mädchen und Frauen werden als Lohn an Kämpfer verteilt. Die Plünderung oder "Besteuerung" von Hilfslieferungen internationaler Hilfsunternehmen stellt heute in vielen Kriegsregionen ein einträgliches Geschäft dar. Somalische Intellektuelle warnten 1996 mit Nachdruck vor weiterer materieller Hilfe für ihre Heimat mit der Begründung, dass jedes lohnende Beutegut die Kämpfe weiter anfache.

    Für die Führer afrikanischer Kriegsherrenkommandos ist darüber hinaus die Ausbeutung von lokalen Rohstoffen eine wichtige Einnahmequelle. Der angolanische Kriegsherr Jonas Savimbi stützt seine Macht auf Diamantenhandel, der sudanesische Kriegsherr Riek Machiar schützt die Erölkonzession des französischen Konzerns Elf und der Liberianer Charles Taylor verhandelte tropische Edelhölzer, Diamanten und Erze.

    Die soziale und politische Organisation von Kriegsherren-Gruppen

    Wie steht es um die politische und soziale Organisation von Kriegsherrengruppen? Charakteristisch scheinen fünf Aspekte: (1) starke Führer, (2) militärische Eliten von erfahrenen Berufskämpfern, (3) Zwangsrekrutierung von Zivilisten, (4) die Instrumentalisierung ethnischer Stereotype, (5) die Tendenz zur Fraktionierung.

    Die meisten afrikanischen Warlords der Gegenwart haben ein relativ hohes Maß an Bildung. Jonas Savimbi war Arzt, Charles Taylor schloss sein Wirtschaftsstudium in Massachusetts erfolgreich ab, Aideed war unter Barre hoher Verwaltungsbeamter und später Botschafter in Indien. Der gehobene Bildungsstandard ermöglicht es diesen Führern, Kontakte zum Ausland zu halten. Den meisten Kriegsherren ist gemein, dass sie in vormaligen Regimes bereits zur Elite gehörten. Chabal & Daloz (1996) sprechen in diesem Zusammenhang vom "recycling" afrikanischer Eliten.

    Wie mobilisieren und kontrollieren Kriegsherren ihre extrem gewaltbereiten Gruppen? Repression und Gewalt gegen interne Widersacher sind typisch. Kriegsherren greifen darüber hinaus immer wieder auf lokale Konzepte von Macht und Herrschaft zurück und sind bemüht, ein Charisma zu konstruieren, dass ihnen außeralltägliche Qualitäten und übermenschliche Kräfte oder Eigenschaften zuschreibt. Zeitgenössische portugiesische Berichte betonen Kannibalismus und den Gebrauch magischer Medizinen in ihren Beschreibungen der Imbangala. In Liberia bedienten sich Kriegsherren der Symbolsprache des traditionellen Poro-Geheimbundes. In Initiationsritualen des Geheimbundes spielten ritueller Kannibalismus und Menschenopfer eine begrenzte Rolle. Den Kriegsherren Liberias wird nachgesagt, dass sie ihren militärischen Erfolg durch Menschenopfer und kannibalistische Akte magisch herbeiführten. Während bei der Initiation in den Poro-Bund rituelle Experten den Initianden mit gespielter Gewalt entgegentreten, demonstrieren Kriegsherren diese Gewalt immer wieder faktisch. Moderne Militärtechnologie und traditionelle Konzepte der Machtausübung widersprechen sich dabei keineswegs. Ellis (1995) sieht einen magischen Supernaturalismus, in dem die Verfügungsgewalt über moderne Militärtechnologie mit dem Besitz spiritueller Macht gleichgesetzt wird.

    Jonas Savimbi, der als Kriegsherr die Geschicke Angolas nun seit 30 Jahren bestimmt, bezieht sich explizit auf traditionelle Macht-Konzepte der Ovimbundu Zentralangolas. Auch für die räuberischen Jäger-Könige, die als Gründer der präkolonialen Ovimbundu-Staaten dargestellt werden, war Gewalt das Mittel, politische Ziele voranzutreiben. Über rituellen Kannibalismus und die Kontrolle der Hexerei übt der Herrscher Macht aus. Inge Brinkmann, die innerhalb des Sonderforschungsbereichs 389 zum Konflikt in Angola arbeitet, stellt heraus, dass sich Savimbis UNITA bewusst mit der Aura des Antimodernistischen umgibt und über eine ausgeprägte Symbolsprache und die kultische Verwendung von Gewalt eine "Kultur des Terrors" etabliert.

    Die Gefolgschaft von Kriegsherren setzt sich häufig aus Entwurzelten zusammen. Die Oorlam des 19. Jahrhunderts im Südwesten Afrikas rekrutierten sich aus Mischlingen, die im weißen Farmsystem keinen Platz fanden, entlaufenen Sklaven und verarmten Autochthonen. Die Imbangala Banden, die marodierend weite Teile Angolas im 17. und 18. Jahrhundert dominierten, entstammten ethnischen Gruppen, die durch den Sklavenhandel zerstört oder dezimiert worden waren. Auch für moderne Kriegsherren-Gruppierungen stimmt dieser Befund. In den südsudanesischen Bewegungen sind Kriegsflüchtlinge stark beteiligt. Taylors NPFL setzte sich zunächst aus Verlierern des Doe-Regimes zusammen.

    Ein wichtiges Kriterium aller Kriegsherren-Truppen ist die Zwangsrekrutierung. Männer werden gegen ihren Willen zum "Dienst an der Waffe" verpflichtet. Typisch ist heute auch die erzwungene Rekrutierung von Kindern. Sie erweisen sich als willfähriges Kriegsmaterial und stellen darüber hinaus bei der Verteilung von Beute keine hohen Ansprüche. Häufig werden sie unter Drogen gesetzt, ideologisch indoktriniert und zur Gewalt gedrillt.

    Die Gefolgschaft von Kriegsherren ist oft nur lose und durch Zwang an den jeweiligen Führer gebunden. Im liberianischen Brüderkrieg wechselten zahlreiche Milizionäre gleich mehrfach die Fronten. Ähnliche Berichte finden sich für den Sudan (Johnson 1998), für Somalia (Compagnon 1998) und den Norden Ugandas (Behrend 1998). Dem ungeachtet versuchen Kriegsherren häufig, die eigene Gefolgschaft über ethnische Klischees zu mobilisieren. Erstaunlich selten werden im afrikanischen Kriegsherrentum religiöse Ideologien bemüht. Liberianische, sudanesische, angolanische und kongolesische Kriegsherren der 90er Jahre instrumentalisierten ethnische Gegensätze und bemühten sich in der Kommunikation nach innen und außen, die Banden als legitime ethnische Kriegergruppen darzustellen, die ihren Kampf vornehmlich der Verteidigung der Interessen der eigenen ethnischen Gruppe widmen.

    Trotz aller Versuche, über Repression und die Mobilisierung ethnischer Identitäten Kooperation zu garantieren, ist Fraktionierung ein typisches Element der politischen Organisation in gewaltoffenen Räumen. Die südsudanesische SPLA zerfiel zu Beginn der 90er Jahre in mehrere sich bekämpfende Teilbewegungen. Die liberianische NPFL wurde ebenso wie ihr Hauptwidersacher, die ULIMO, wiederholt durch Abspaltungen geprägt. Für Somalia ist die häufige Spaltung von militärischen Verbänden konstitutiv. Auch dieses Charakteristikum teilen die präkolonialen Kriegsherren-Banden der Imbangala und Oorlam.

    Gewalt als Strategie

    Konstitutiv für Kriegsherren-Bewegungen ist der exzessive Gebrauch von Gewalt. Joseph Konys nordugandische Lord's Resistance Army ist für exzessive Gewaltanwendung berüchtigt. Geiseln und vermeintliche Kollaborateure werden Ohren, Nasen, Zungen oder andere Körperteile abgeschnitten (Behrend 1998). Die mozambiquanische RENAMO fiel in den 80er Jahren ebenfalls durch ein extremes Maß an Gewalt auf. Lebende Personen und Leichen wurden verstümmelt. Menschen wurden auf die grausamste Weise zu Tode gebracht. Der verstümmelte Körper des Opfers wurde zum Symbol tabubrechender Allmacht. Die ostentative und tabubrechende Verwendung von Gewalt hat - wie Wilson (1995) in einer Arbeit zur kultischen Überhöhung von Gewalt im mozambiquanischen Bürgerkrieg überzeugend zeigt - durchaus rationalen Charakter.

    Rituelle und symbolische Elemente der Gräueltaten haben kommunikativen Wert. Sie werden in der Gemeinschaft weitergegeben und verstärken Trauma und Angst in der angegriffenen Bevölkerung. 1990 wurde Samuel Doe, selbst langjähriger, brutaler Diktator in Liberia, vor laufenden Kameras aufs Grausamste von einem nach der Macht greifenden Kriegsherren (Prince Johnson) verstümmelt und umgebracht. Das Gewaltvideo wurde von dem Kriegsherren weit vertrieben und Einheimischen wie ausländischen Journalisten immer wieder vorgespielt. Inge Brinkmann dokumentierte über Interviews mit angolanischen Kriegsflüchtlingen in Namibia den kultischen Gebrauch von Gewalt im angolanischen Bürgerkrieg. Durch die exemplarische, brutale "Bestrafung" einiger wird versucht, die Bevölkerung einzuschüchtern. Es werden immer Zeugen gelassen, die die Untaten weitertragen. Brutalitäten mit deutlich symbolisch-rituellem Charakter wurden in Mozambique und Liberia vor allem dort begangen, wo Kriegsherren-Kommandos militärisch unterlegen waren und sie zur Durchsetzung ihrer Ziele auf extreme Repression zurückgreifen mussten.

    Abschließende Überlegungen

    Als Fazit des Gesagten möchte ich folgende Punkte herausstreichen.
    1. Kriegsherrentum entsteht in Räumen, in denen (a) konkurrierende Klientelnetzwerke Politik und Ökonomie über einen langen Zeitraum geprägt haben und nun angesichts zunehmender Ressourcenknappheit auf gewaltsame Strategien setzen, (b) lokale Ökonomien, politische Strukturen und Überzeugungssysteme durch vorherige gewaltsame Konflikte zerfallen sind, eine Veralltäglichung der Gewalt eingetreten ist und der Staat sein Gewaltmonopol verloren hat und (c) externe Machtgruppen Interesse am Fortbestehen gewaltoffener Räume und an der Ausbeutung lokaler Ressourcen haben.
    2. Das Kriegsherrentum baut auf einer Raubökonomie auf. Mit destruktiven Methoden der Aneignung werden der Bevölkerung ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Konsequenzen Ressourcen entwendet. In den Kriegsherren-kontrollierten Räumen findet eine Kriminalisierung der Ökonomie statt. Illegale Formen der Produktion und des Abbaus schaffen neue wirtschaftliche Möglichkeiten. Die politische Unordnung wird zum Zwecke ökonomischer Vorteile instrumentalisiert.
    3. Typisch für Kriegsherren-Kommandos ist eine hierarchisch patriarchale Organisation. Ein minimaler Grad an Kooperation wird über physische und psychische Repression, den Aufbau eines auf traditionellen Macht- und Gewaltkonzepten fußenden Charismas und über den Appell an ethnische Bande erreicht. Die erzwungene Rekrutierung von Zivilisten, insbesondere von Kindern und Jugendlichen ist ebenso wesentlich wie die Degradation von Frauen zur Beute. Fraktionierung ist ein durchgängiges Problem in Kriegsherrngruppen. Nur einigen wenigen präkolonialen Kriegsherrengruppen gelingt es, sich in beständigere Gruppen mit eigenen Institutionen sozialer Reproduktion zu transformieren.
    4. Kultisch überhöhte Gewaltanwendung spielt in vielen Kriegsherren-Banden eine wichtige Rolle. Häufig wird der Körper des Opfers zum Medium für tabubrechende Gewalt. Rückgriffe auf traditionelle Gewaltkonzepte werden mittels moderner Informationstechnologien verstärkt und werden zur Einschüchterung der ländlichen Bevölkerung eingesetzt.
    Das trinitarische Schema eines von Clausewitz', das eine Trennung von Staat, Armee und Volk als grundlegend für die moderne Kriegsführung annahm, ist für weite Teile Afrikas heute obsolet. Die Zukunft gehört nach Auffassung des israelischen Militärhistorikers Martin van Creveld dem "low intensity warfare", den Kriegen geringer Intensität. Die organisierte Armee, die staatliche Führung und die Nation, aus der sich die Armee rekrutierte, haben ihre Rolle an Milizionäre und Kriegsherren abgegeben.

    Die sozial- und kulturwissenschaftliche wissenschaftliche Konfliktforschung wird sich in den nächsten Jahren eingehend mit dieser Vergesellschaftung der Gewalt beschäftigen müssen, um ökonomische, soziale und politische Wandlungsprozesse auf dem afrikanischen Kontinent zu verstehen. Die Suche nach Konfliktursachen wird deutlicher die Rolle des schwachen Staates, die Konkurrenz nationaler Eliten und die damit verbundene Instrumentalisierung bewaffneter Bevölkerungsgruppen und die globale Einbettung des Konfliktgeschehens berücksichtigen müssen. Darüber hinaus muss neben die Suche nach den Ursachen gewaltsamer Konflikte, die Untersuchung der sozialen Organisation von Gewalt und eine "dichte Beschreibung" der Gewaltakte selber treten.

    Zum Weiterlesen
    • Bayart, J. F., St. Ellis & B. Hibou. 1998. The Criminalization of the State in Africa. Oxford. James Currrey.
    • Chabal, P. & J.-P. Daloz. 1999. Africa Works. Disorder as Political Instrument. Oxford. Currey.
    • Compagnon, Daniel. 1998. Somali Armed Units. The Interplay of Political Entrepreneurship & Clan-Based Factions. In.: Clapham, Christopher (ed.) African Guerillas. Oxford. James Currey.
    • Elwert, Georg. 1997. Gewaltmärkte. Beobachtungen zur Zweckrationalität der Gewalt. In: Trutz von Trotha (Hg.), Soziologie der Gewalt. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft 37.
    • Reno, W. 1998. Warlord Politics and African States. Oxford. James Currey.

    Aus: Frankfurter Rundschau, 9. Januar 2001

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