Krieg ist Krankheit*

Zum Pazifismus gibt es keine Alternative

* So lautet auch der Titel eines Buches von Eugen Drewermann (Verlag Herder spektrum).


I. Eine Chance wird vertan

Es war am 13. September, morgens auf CNN, als der Dalai Lama einer verwirrt dreinschauenden amerikanischen Journalistin zu erklären versuchte, was die Ereignisse zwei Tage zuvor in Washington und in New York in seinen Augen bedeuteten: "Dies", so sagte er, "ist eine große Chance für die Gewaltlosigkeit - a big chance for non-violence." Er dachte als Buddhist nicht anders, als es jeder Christ aus der Bergpredigt kennt: "Reagiert auf das Böse nicht (mit denselben Mitteln)." "Überwindet das Böse durch das Gute" - so Paulus im Römerbrief.

Einen Moment lang hielt die Welt den Atem an. Was würde passieren, wenn "die einzige verbliebene Großmacht der Welt" eine Antwort auf die Terroranschläge finden würde, die aus der endlosen Blutmühle von Gewalt und Gegengewalt einmal herausführen könnte?

"Seit diesem Tage ist nichts mehr, wie es war", schrieben unisono zahlreiche Zeitungen. Doch in Wahrheit sollte alles so bleiben, wie es war. "Einen monumentalen Krieg gegen das Böse", verkündete George W. Bush. Eine "unendliche Gerechtigkeit" versprach er seinem Volke, eine "dauerhafte Freiheit" alsdann der ganzen Welt.

Nach einem Jahrzehnt der Umerziehung sind nun auch wir Deutsche endlich dabei, nicht mehr, wie im Golfkrieg 1991, "nur" mit dem Scheckbuch, sondern "bedingungslos", mit Spür- und Kampfpanzern, mit Fallschirmjägern und Seestreitkräften, in Innerasien, am Horn von Afrika, in Dschibuti und in Kuwait - wir sind wieder wer, Kaiser Wilhelm II. wäre stolz auf uns! Denn dies, verkünden rote wie grüne Regierungsmitglieder, sei recht eigentlicher Pazifismus in politischer Verantwortung, dies sei ein Zeichen für Verlässlichkeit und Bündnistreue, dies der Eintritt in den Schutz der westlichen Welt zum Wohle der restlichen Welt; die "alten" Pazifisten hingegen erwiesen sich nunmehr als gesinnungsethische Rigoristen, als unverantwortlich, als unzuverlässig - im Grunde als Gegner des Friedens, der nur bewaffnet sich durchsetzen könne. "Heute", schrieb Albert Camus schon 1952, "sitzt die Unschuld auf der Anklagebank und muß sich vorwerfen lassen, dass sie nicht genug gemordet hat." Noch aber gilt: Krieg ist nicht Frieden, Lüge ist nicht Wahrheit, und Falken sind keine Tauben.

II. Die Schicksalstragödie des 20.

Jahrhunderts oder: Hitler besiegen

"Wir Deutsche", verkünden seit ihrem Antrittsbesuch vor drei Jahren in Washington die ideologisch führenden Köpfe in den Reihen sogar der "Grünen", "haben gelernt, dass wir von Hitler nur durch Krieg befreit werden konnten." "Nie wieder Auschwitz", fügen sie hinzu, so also sei der Eintritt der USA in den Zweiten Weltkieg je mit dem Ziel erfolgt, den Genozid der Nazis an der jüdischen Bevölkerung zu verhindern. Doch seither führen die USA offenbar nur noch Kriege gegen "Hitler": ob in Vietnam, in Panama, in Irak, in Somalia, in Kosovo oder jetzt in Afghanistan - wir müssen "Hitler" besiegen. Nur: auf diese Weise werden wir ihn niemals los! "Der Pazifismus hat Auschwitz erst möglich gemacht", behauptete Heiner Geißler vor rund 30 Jahren im Bundestag. Noch erntete er damals heftigen Widerspruch. Heute muss sich, bis auf Reste der PDS, der Widerspruch gegen die neue political correctness außerparlamentarisch formulieren.

Fragen wir, um Hitler zu widerlegen, nur einmal so: "Was wäre passiert, wenn man 1918, am Ende des Ersten Weltkrieges, gesagt hätte: "Nach dem Zersprengen, Zerfetzen, Zerstechen, Zerschießen und Vergasen von mehr als 10 Millionen Menschen kann es diesseits und jenseits der Front keine Sieger mehr geben. Wir alle haben unsere Menschlichkeit in den Schützengräben und unter dem Stahlhelm verloren, als wir glaubten, in den Fabriken des Todes Menschlichkeit, Freiheit und Kultur verteidigen und durchsetzen zu können. Wir alle sind im Krieg zu Verbrechern geworden." Hätte man so gesprochen, - der Mann aus Braunau wäre nie etwas anderes geworden als Postkartenmaler in Wien. Der Pazifismus hätte Hitler verhindert; einzig der Pazifismus. So aber wollten die einen gesiegt und die anderen nicht verloren haben. So begann der Weg in das blutigste Jahrhundert, das die Menschheit je gesehen hat. "Giftgas, Flammenwerfer, Handgranaten, Bajonette, Trommelfeuer, Sperrfeuer, Panzerwagen, Lazarett und Typhus - mehr geht nicht", schrieb Erich Maria Remarque 1929. Er sollte sich irren. Es ging noch viel mehr.

Flächenbombardements auf Rotterdam und Coventry, damit begann's, "Operation Gomorrha" - 40 000 Tote im Feuersturm von Hammerbrok in einer Nacht, so ging es weiter, 1 Million Tote in dem Inferno von Tokio . . . "In Dresden und in Hiroshima hat man Hitler mit Hitler besiegt", resümierte am Ende Mahatma Gandhi, und er erläuterte: "Es hat ein Christentum im Abendland nie gegeben, sonst wären von dort nicht immer wieder die schlimmsten Kriege ausgegangen." In der Tat: Die Frage des Friedens ist die Frage nach der Art, was für Menschen wir sind.

Nehmen wir ein Beispiel. Zum common sense westlicher Politik zählt mittlerweile der Stolz, den "Kalten Krieg" "gewonnen" zu haben - die Nato als Friedensbewegung, sozusagen, oder am besten gleich die US-Army. Doch um welchen Preis? 1954 im Pazifik auf den Flugzeugträgern fieberten die Soldaten der US-Navy dem großen Angriffsbefehl entgegen - der atomaren Enthauptung der kommunistischen Hydra, der möglichen Vernichtung von Maos China. 50 Millionen Tote oder mehr, je nach Winddrehung, man nahm es in Kauf als Ouvertüre zum möglichen Dritten Weltkrieg. Wie soll man Leute bezeichnen, die Menschen in den Erziehungslagern des Militärs zum potenziellen Massenmord trainieren, die selbst die angeborene Tötungshemmung, die wir aus dem Erbe der Tierreihe in uns tragen, unter dem Firmenschild von Treue und Tapferkeit 18-jährigen "Rekruten" aus der Seele stehlen, bis sie, wie in Stanley Kubricks Film Full metal jacket (1986), zu Profikillern in den "Special Forces" tauglich werden? "Für mich ist das Töten im Krieg in nichts unterschieden vom gemeinen Morden", schrieb Albert Einstein 1950 in einer japanischen Zeitung.

Schon 1926 hatte er zusammen mit Stefan Zweig und Sigmund Freud und Albert Schweitzer und mit vielen anderen die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht gefordert, weil sie die Menschen Generation um Generation verroht. "Ich oder Du" - wer mit diesem Egoismus tödlicher Selbstdurchsetzung im "Ernstfall" groß wird, vermag die Welt von Kain und Abel niemals zu verlassen. Solange es das Militär gibt, existiert die Barbarei nach wie vor spinnenhaft lauernd an den Rändern der Kultur und saugt die besten Kräfte aus Wirtschaft und Technik, aus Religion und Zivilisation ab in das Netzwerk des Todes. Wir schützen die Kultur nicht, wir verraten sie, wenn wir sie ausliefern an die "Option" des Krieges. Oder anders gesagt: Solange wir das Arsenal atomarer, biologischer, chemischer und konventioneller Mordinstrumente immer noch vermehren und mit System ver"bessern", werden wir dem paranoischen Status der Politik nicht entrinnen. Solange definieren wir Geschichte als ein immer grausameres Schlachthaus.

III. Den Teufel mit Baalzebulaustreiben . . .?

Die Selbstrechtfertigung des Militärs ist stupiderweise immer die gleiche. "Der Friede kommt aus der Stärke", so George W. Bush in seiner Regierungserklärung von 2001. Um "das Böse" zu besiegen, müssen wir stets stärker sein als jeder denkbare Feind. Und schon befinden wir uns in dem Irrenhaus einer mythisch-apokalyptischen Geschichtsbetrachtung. Hier kämpft das Gute, dort steht das Böse - Sankt Michael gegen Luzifer, die Entscheidungsschlacht von Hermageddon . . . Alle Kriegsvorbereitung beginnt mit der propagandistischen Instrumentalisierung positiver Stereotype der eigenen Gruppe und dem Aufbau negativer Stereotype der Gegengruppe. Um skrupellos und mit gutem Gewissen töten zu können, bedarf es einer absoluten Rechtfertigung. Deshalb: Wenn jenseits der Gruppengrenzen keine Menschen mehr leben, nur Unmenschen, Gegenmenschen, Ratten und Bestien, wird alle Unmenschlichkeit förmlich zur Pflicht: Napalmbomben, Kassettenbomben, Atombomben, Wasserstoffbomben, Neutronenbomben, Graphitbomben - wir haben's, wir brauchen's, wir wenden es an. Wir töten in solchem Falle nicht mehr, wir eliminieren, wir neutralisieren, wir machen unschädlich, wir agieren chirurgisch. "Sie haben keine Rechte mehr", erklärt soeben Militärminister Rumsfeld den gefangenen Talibansoldaten in Guantanamo. Jeder Krieg wird geführt in der Pose eines derartigen obersten Gerichtsherrn der Welt, als die internationale Exekution der Todesstrafe, als die Folge einer absoluten Polarisierung der Menschen in mythischen Begriffen - ein vermessenes Hinrichtungs-Tribunal, bei dem die Soldateska auf Erden die Stelle der Heerscharen im Himmel einnimmt. Ob heiliger Krieg, ob gerechter Krieg, ob humanitärer Krieg - es ist immer derselbe Wahn. Im Kampf gegen den Teufel muss man stets noch teuflischer sein als das, was man sich unter ihm vorstellt, und indem man Menschlichkeit mit militärischen Mitteln erzwingen will, nimmt man lediglich die Unmenschlichkeit selbst in die eigene Motivation, die eigene Praxis auf. So besiegt man nicht "das Böse", so wird man sein triumphierender Sklave. "Der Friede ist nicht das Ziel, er ist der Weg", meinte Gandhi, "und nur wer mit ihm anfängt, wird bei ihm ankommen."

IV. Was aber tun im Kampf gegen Terror?

Wirklicher Pazifismus beginnt deshalb mit der Bereitschaft, Angst und Aggression zu überwinden, indem man selber auf die Mittel der Angstverbreitung und Drohgebärde verzichtet. Nichts hat von dieser Haltung verstanden, wer darin so etwas sieht wie zeitbedingten Pragmatismus oder zeitlosen Eskapismus. Nicht weniger, mehr Engagement, nicht weniger Verantwortung, mehr Verantwortung, nicht Konfliktscheu, aktive Konfliktlösung sind die Anliegen wirklicher Friedensliebe, und hier, in der Tat, hätte der 11. September 2001 eine ebenso "große Chance für die Gewaltlosigkeit" werden können wie der November 1918.

"Was ist zu tun gegen Terroristen?" fragen, ohne eine Alternative zum militärischen "Einsatz" auch nur zu erwägen und zu erwähnen, die derzeit Regierenden. Doch als Erstes ist zu begreifen, dass Krieg selber Terror ist, so wie Terror Krieg ist - dass Terroristengruppen außerstaatlich operieren, ändert an dieser Feststellung rein gar nichts. Im Gegenteil, die schlimmsten Terrorakte im 20. Jh. wurden von Staaten verübt, schon weil sie über eine weit überlegene Kapazität zum Töten verfügen, während der staatlich definierte Terror so gut wie ausnahmslos eine Ersatzsprache von Unterlegenen darstellt, deren - oft sehr berechtigte! - Anliegen allzu lange überhört wurden.

Will man Terror wirksam "bekämpfen", so muss man seine Gründe begreifen; man muss ihn in die Sprache zurückübersetzen, als deren Ersatz er sich setzt. "Man muss miteinander reden", meinte Noam Chomsky nach dem 11. September; der Dozent für Linguistik hat Recht. "Man hasst uns nicht", schrieb Bischof Robert Bowman in Florida, "weil wir Demokratie, Freiheit, Fortschritt und Wohlstand verbreiten, sondern weil wir hassenswerte Dinge tun." Es rechtfertigt nicht den Terror, wer im Namen des Friedens verlangt, darüber nachzudenken, welche Gründe Menschen in den Terror treiben, so wie eine Gesellschaft, in der die Kriminalitätsrate wächst, darüber nachdenken muss, was sie falsch macht.

Wie man "das Böse" besiegen könnte durch Gutes? Ein kleines Gedankenexperiment für hundert andere mag es verdeutlichen. Nehmen wir einmal an, wir wären 1989 als Preis für die Wiedervereinigung aus der Nato ausgetreten - der Rapacki-Plan von 1958 von einem militärischen Disengagement hätte sich nach 40 Jahren als logische Folge des wirtschaftlichen Zusammenbruchs des Sowjetimperiums endlich erfüllt: wir hätten, mit anderen Worten, in den letzten 10 Jahren die unglaubliche Summe von 500 000 000 000,- DM freigesetzt und eingesetzt im Kampf gegen die wahren Gründe von Elend, Terror, Hass und Krieg.

So viel steht fest: "Unverantwortlich" ist nicht der Pazifismus, unverantwortlich ist im Angesicht der wirklichen Nöte der Welt der immer weiter ausufernde Militärhaushalt der Industrienationen bei wachsender Verelendung und immer effizienterer Ausbeutung der Länder der Dritten und der Zweiten Welt.

Ein "politischer Pazifismus", der sich vom "richtigen" Pazifismus unterscheidet, indem er sich zum Krieg entscheidet, ist nicht nur ein hölzernes Eisen, er ist ein eitler (Selbst)Betrug von Kreisen, denen die Machterhaltung endgültig wichtiger geworden ist als die Wahrheit.

Der Beitrag von Eugen Drewermann erschien am 5. Februar 2001 auf der Dokumentarseite der Frankfurter Rundschau


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