"Es kommt die Zeit, da sie es tun ..."

Vor 70 Jahren: Der Anschluss des Baltikums an die UdSSR – für Stalin nicht von strategischem Vorteil

Von Karl-Heinz Gräfe *

Die aus dem Russischen Reich 1918 hervorgegangenen Staaten Estland, Lettland und Litauen kamen nach dem Abschluss des Nichtangriffspaktes und des Freundschaftsvertrages zwischen Deutschland und der UdSSR (23. August und 28. September 1939) in die sowjetische Einflusssphäre. Stalin schloss zunächst im Herbst 1939 nahezu problemlos mit den baltischen Diktatoren Konstantin Päts, Karlis Ulmanis und Antanas Smetona Beistandsverträge ab, die die Einrichtung von Militärstützpunkten ermöglichten.

Nach der Aufteilung Polens zwischen Hitlerdeutschland und der Sowjetunion »schenkte« Stalin Litauen das vorwiegend polnisch und jüdisch besiedelte Wilna-Gebiet. Gleichzeitig wurden 83 000 Baltendeutsche in das deutsch besetzten Polen umgesiedelt. Die 60 000 zwangsausgesiedelten litauischen »Volksdeutschen« kamen ab 1942 teilweise als Kolonisten in den von Nazideutschland okkupierten »Generalbezirk Litauen« zurück. Stalin informiert Komintern-Chef Georgi Dimitroff am 24. Oktober 1940, dass mit den Beistandsverträgen jene Form gefunden worden sei, die es ermöglichen werde, baltischen Staaten »in den Einflussbereich der Sowjetunion zu bringen. Aber dafür müssen wir uns zurückhalten, ihre inneren Regime und ihre Selbstständigkeit wahren. Wir werden ihre Sowjetisierung nicht anstreben. Es kommt die Zeit, da sie es selber tun werden.« Das geschah ab Mitte Juni 1940 – allerdings nicht auf den Wunsch und durch den Willen der Bevölkerung, sondern auf Initiative Moskaus.

Sowjetisierung

Wie kam es zu Stalins Gesinnungswandel? Die deutsche Wehrmacht hatte inzwischen mit der Annexion Dänemarks, Norwegens, Hollands, Belgiens, Luxemburgs und Frankreichs ihren »Westfeldzug« beendet. Stalin traute noch immer dem Bündnis mit Nazideutschland, das im Februar 1940 durch einen Wirtschaftsvertrag vertieft worden war. Er musste aber zur Kenntnis nehmen, dass Berlin alles daran setzte, neben Finnland auch Estland, Lettland und Litauen dem »Großdeutschen Wirtschaftsraum« einzuverleiben. Vor allem deshalb entschied die Sowjetführung Anfang Mai 1940, die mit Hitler 1939 ausgehandelte baltische Interessensphäre dauerhaft zu sichern. 435 000 Rotarmisten samt 3000 Panzern, 8000 Geschützen und 2600 Flugzeugen wurden bereits einen Monat später an den östlichen und südlichen Grenzen der baltischen Staaten konzentriert. Sie sollten »über die Häupter der herrschenden volksfeindlichen Cliquen (in Estland, Lettland und Litauen) hinweg ... das werktätige Volk dieser Länder von der ausbeuterischen Bande der Kapitalisten und Großgrundbesitzer befreien«. Für einen eventuellen Kriegsfall wurden Lager für 70 000 Gefangene und die Hospitalisierung für 24 000 sowjetische Soldaten vorbereitet.

Nachdem die sowjetische Militärführung am 14. Juni 1940 eine See- und Luftblockade über den baltischen Raum verhängt hatte, befahl der Kommandeur der 11. Armee, die litauische Grenze am darauf folgenden Tag bis 15 Uhr zu überschreiten. Parallel dazu erzwang Regierungschef Molotow mit militärischen Drohungen vom litauischen Ministerpräsidenten Antanas Merkys, seinen Innenminister und den Chef der Geheimpolizei zu entlassen sowie dem Einmarsch der Roten Armee keinen Widerstand zu leisten. Präsident Smetona weigerte sich, das Ultimatum anzunehmen und floh mit hochrangigen Militärs und Politikern nach Deutschland. Entsprechend Stalins Wünschen wurde nun der Volkssozialist Justus Paleckis zum Regierungschef und der parteilose Schriftsteller Prof. Vincas Krévé-Mickevicius zum Außenminister ernannt. Die Ministerposten für Inneres, Landwirtschaft und Gesundheitswesen wurden von Kommunisten besetzt.

Diese Machtveränderung im größten baltischen Staat begünstigte die sowjetische Besetzung Lettlands und Estlands ab dem 16. Juni. Auch hier organisierten Stalins Statthalter Andrej Shdanow und Andrej Wyschinski sogenannte Volksfront-Regierungen. Verteidigungsminister Semjon Timoschenko informierte das Politbüro der KPdSU am 17. Juni 1940, dass er nunmehr »die Sowjetisierung der besetzten Republiken entschieden« einleiten werde.

Zur »demokratischen« Legitimierung der von Moskau eingesetzten Regierungen fanden am 14. Juli 1940 Scheinwahlen statt, bei denen die Einheitsliste der prosowjetischen Kandidaten 92 bis 99 Prozent der Stimmen erzielten. Die so entstandenen »Parlamente« in den drei baltischen Republiken nickten die von Moskau ausgearbeiteten Anträge zum Anschluss als Unionsrepubliken an die UdSSR ab, die dann Anfang August 1940 auf der VII. Tagung des Obersten Sowjets in Moskau angenommen wurden. Der Umbau der bürgerlich-kapitalistischen Regime in Unionsrepubliken nach sowjetischem Muster erfolgte wesentlich durch die Moskauer Parteizentrale, da die einheimischen Kommunisten allein schon ihrer Zahl nach unbedeutend blieben: Die der KPdSU angeschlossenen Parteiorganisationen der drei Republiken zählten im Januar 1941 in Estland 1064, in Lettland 1518 und in Litauen 2321 Genossen.

Repressalien

Banken, Versicherungen, Hauptzweige der Industrie, der Großhandel und der große Immobilienbesitz (über 220 Quadratmeter Wohnfläche) wurden verstaatlicht; in Litauen und teilweise in Lettland waren davon vor allem jüdische Unternehmen betroffen. Nutznießer der Bodenreform waren Landarbeiter, Pächter und Kleinbauern. Eine Kollektivierung der Landwirtschaft erfolgte nicht. Bildung und Gesundheitswesen wurden allen Bürgern zugänglich. Die Beseitigung der staatlichen Unabhängigkeit, die Entmachtung der bürgerlichen Klasse, aber auch die Einschränkungen bürgerlichen Freiheiten erzeugte politischen Widerstand, auf den die Sowjetmacht mit Repressalien reagierte.

Bis Juni 1941 inhaftierten die Sicherheitsorgane 60 000 Bürger, vor allem Angehörige des Besitzbürgertums, Geistliche, Militärs, Beamte und Politiker der Diktatur-Regime. Zwei Drittel der Verhafteten, unter ihnen auch fast 7000 Juden und eben so viele Polen, wurden in das Gebiet Nowosibirsk sowie in die Regionen Altai und Krasnojarsk deportiert; sie kamen erst nach Stalins Tod frei. Die meisten von ihnen waren Opfer der Verhaftungswelle, die am 13. Juni 1941 einsetzte, also unmittelbar vor dem faschistischen Überfall auf die UdSSR.

Die Repressionen trafen nicht die Mitglieder des tatsächlich existierenden antisowjetischen Untergrunds, der im Auftrag der Naziführung seit 1940 systematisch von den Emigranten-Regierungen in Deutschland und Finnland aufgebaut worden war. Dass die Unionsrepublik Litauen schon in der ersten Kriegswoche besetzt wurde, ist auch auf das koordinierte Zusammenwirken der Wehrmacht und der deutschen Besatzungsorgane mit dem antikommunistischen Untergrund zurückzuführen. In Kaunas hatten bereits einen Tag vor Ankunft der Wehrmacht, am 23. Juni 1941, fast 4000 bewaffnete »Partisanen« der von Berlin aus gesteuerten Litauischen Aktivistenfront die Sowjetmacht gestürzt und eine Provisorische Nationalregierung ausgerufen, die die deutschen Eroberer als »Befreier vom bolschewistischen Joch« begrüßte. Ähnliches geschah in den Städten und Dörfern von Kaunas-Land, Panévézys, Siauliai und Vilnius.

Der zehntätige »Blitzkrieg« auf dem Gebiet der lettischen Unionsrepublik wurde vor allem in Kurland/Kurzeme und in Riga von einigen tausend Letten unterstützt, die deutschen Besatzer verhinderten aber die Bildung einer lettischen Regierung. An der Eroberung der Estnischen SSR zwischen Juli und Oktober 1941 beteiligten sich etwa 2000 aus Finnland und Deutschland eingeschleuste estnische Diversanten und einheimische »Waldbrüder«.

Kollaboration

Der Anschluss des Baltikums an die UdSSR vor 70 Jahren brachte der Sowjetunion keine strategischen Vorteile bei der Abwehr der faschistischen Eroberer seit dem 22. Juni 1941. Stalins Fehleinschätzung des Kriegsbeginns sowie die Sowjetsierung führten wohl eher dazu, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung die deutsche Wehrmacht unterstützte. Mehr noch. Beachtliche Teile der Bevölkerung leisteten Beihilfe für die Vernichtungs- und Ausplünderungspolitik der deutschen Okkupationsmacht in der baltischen Region. 90 000 Esten, 150 000 Letten und 50 000 Litauer waren in militärischen und polizeilichen Einheiten organisiert. Hinzu kam die zivile Kollaborationsverwaltung, die allein im »Generalbezirk Litauen« 20 000 Personen zählte. Diese Esten, Letten und Litauer waren mitbeteiligt am Massenmord von über 300 000 Juden sowie eben so vielen sowjetischen Kriegsgefangenen und Angehörigen der Sowjetmacht. Es sollte aber auch nicht vergessen werden, dass 70 000 Esten, 125 000 Letten und 150 000 Litauer an der Zerschlagung des deutschen Faschismus im Großen Vaterländischen Krieg teilnahmen.

* Aus: Neues Deutschland, 26. Juni 2010


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