Krieg im Namen des Islam? 07.02.2004 (Friedensratschlag)
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Sabine Damir-Geilsdorf: Krieg im Namen des Islam?

Aushandlungen und Transformationen religiöser Konzepte am Beispiel der islamischen "Märtyreraktionen" im Palästinakonflikt*

In vielen mit Gewalt ausgetragenen Konflikten im Nahen Osten spielt der Islam offenbar eine zentrale Rolle. Ein eklatanter Anstieg militanter Aktionen im Namen des Islam zeigte sich in vielen Ländern dieser Region besonders Mitte und im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. In Ägypten beispielsweise verübten Islamisten, d.h. Vertreter des politischen Islam, in den 1970er bis -90er Jahren ganze Serien von Anschlägen: auf ägyptische Politiker und Intellektuelle, die in ihren Augen vom "wahren" Glauben abgefallen waren, auf vermeintlich unislamische Einrichtungen wie Bars mit Alkoholausschank, auf Kopten und auch auf Frauen, die sich nicht nach islamischen Kleidervorschriften richteten. In den 1990er Jahren kamen dann noch Anschläge auf Touristen hinzu. Herausragend war das Attentat in Luxor 1997, bei dem 62 Menschen starben. Entsprechende Gruppierungen deklarierten ihr Vorgehen als Dschihad, als "Heiligen Kampf" für Gott, und rechtfertigten es durch eine Reihe von Koranversen und tradierten Aussprüchen des Propheten Muhammad. Nach einer Zeit der relativen Ruhe entwickelte sich Ende der 1990er Jahre eine neue Form des Dschihad, die sich vor allem durch die Herauslösung aus lokalen Kontexten auszeichnet: besonders in Pakistan und Afghanistan, aber auch im Jemen und im Sudan entstanden in Ausbildungslagern transnationale Dschihad-Netzwerke, in denen sich Muslime verschiedener Staatsbürgerschaften losgelöst von nationalen und gesellschaftlichen Zielen ihrer Ursprungsländer in einer Art imaginärer Gemeinschaft der Gläubigen ("umma") von einer Dschihad-Front zur nächsten bewegen, um ein übergeordnetes Ziel zu bekämpfen. Dieses sind für sie die "Feinde" des Islam, oft dezidiert deklariert als die USA oder Israel, so zum Beispiel im Fall der 1998 u.a. von Usama bin Laden gegründeten "Weltweiten islamischen Front für den Dschihad gegen Juden und Kreuzritter". (vgl. SALAH 1999, S. 14; DAMIR-GEILSDORF 2003, S. 268f.) In letzter Zeit scheint bei Islamisten eine neue Form des Dschihad regelrecht in Mode gekommen zu sein: Selbstmordattentate, die die Ausführenden und ihre Sympathisanten als "Märtyreraktionen" und dadurch als besonders ehrwürdige Form des Dschihad bezeichnen. Zunächst traten sie vor allem im Kontext im Jahr 2000 begonnenen zweiten Intifada im israelisch-palästinensischen Konflikt auf, mittlerweile werden sie auch von Islamisten in anderen Regionen als Mittel zum Kampf eingesetzt und propagiert: von Tschetschenen, in Marokko und in jüngster Zeit verstärkt im Irak.

Wenn Zugriffe auf Gewalt und Terror islamisch begründet und autorisiert werden, bestärkt dies Feindbildkonstruktionen gegenüber dem Islam als Religion, der in westlichen Gesellschaften zunehmend auf seine politische Variante, den Islamismus, reduziert wird. Vielfach erscheint der Islam dann als Gewalt fördernde Religion mit einer entsprechend blutigen Geschichte: von "Heiligen Kriegern", die ihn mit "Feuer und Schwert" durchsetzten, bis hin zu so genannten "lebenden Bomben", den heutigen Selbstmordattentätern, die meinen, das Paradies zu erlangen, indem sie durch ihren eigenen Tod möglichst viele Feinde ebenfalls mit in den Tod reißen. Besonders diese letzte Variante erweckt unser Entsetzen, gerade weil sie so unbegreiflich erscheint: zum einen das diesen Akteuren zugrundeliegende Martyriumskonzept, zum anderen die inzwischen hinlänglich bekannte Tatsache, dass die Attentäter keineswegs nur Angehörige einer sozial unterprivilegierten Schicht ohne Bildungszugänge und berufliche Perspektiven oder Psychopathen sind, die sich besonders gut einer Gehirnwäsche unterziehen lassen.

Gewalt und Religion - dynamische Aushandlungen religiöser Konzepte

Entspricht dies dem Märtyrerkonzept des Islam oder, weiter ausgeholt, spricht dies dafür, dass der Islam tendenziell Gewalt fördernde Strukturen aufweist, also "Heilige Krieger" und Selbstmordattentäter quasi zwangsläufig als seine "wahren" Verfechter hervorbringt? Diese Frage evoziert gleichzeitig Samuel Huntingtons These vom Zusammenprall der Kulturen als Ursache künftiger Kriege und seine Aussage, dass der Islam über "bloody borders" verfüge. Sowohl Huntingtons Thesen als auch bereits die Frage, ob "der" Islam Gewalt fördert, basieren jedoch auf einem essentialistischen und überholten Kultur- und Religionsverständnis. Sie setzen voraus, dass Religionen weitgehend homogene, einheitliche und abgeschlossene Einheiten sind, die auf einen unveränderlichen Korpus heiliger Texte gründen, welche von allen Anhängern sowohl innerhalb einer Gesellschaft als auch über den Wandel der Zeiten hinweg mehr oder weniger gleich gedeutet werden und zu mehr oder weniger gleichen Handlungen führen. Inhalte und Bedeutungen einzelner Bestandteile von Religionen werden jedoch zu einem großen Teil kommunikativ ausgehandelt. (vgl. TYRELL/KRECH/KNOBLAUCH 1998) Dies geschieht in institutionalisierten und privaten Zusammentreffen von Gläubigen; einen weiteren großen Einfluss haben Darstellungen der Religion von Experten in Massenmedien, Predigten etc. Auch die feststehenden, vermeintlich unveränderlichen religiösen Texte sind wie Texte generell keine statischen Bedeutungsspeicher und ihre Lektüre ist nicht nur die Reproduktion eines bereits vorgefertigten Sinns. (STRAUB 1992, S 51). Wenn Gläubige religiöse Texte lesen, selektieren sie aus dem Textkorpus, interpretieren und gewichten. Beeinflusst wird dies von einer Vielzahl an Faktoren wie gegenwärtigen Perspektiven, soziopolitischen Rahmenbedingungen, historischen Entwicklungen, kulturellen Einflüssen, kollektiven Praxen, tradierten Wissensbeständen und autobiographischen Erfahrungen. Dadurch kommt es zu unterschiedlichen Perspektivierungen und Verständnissen der "wahren" Religion, hier des "wahren" Islam, in diachroner wie synchroner Hinsicht, innerhalb einer Gesellschaft und über den Wandel der Zeiten hinweg. Hinzu kommt, dass der Islam die vorherrschende Religion in einem sehr weiten geographischen Feld mit jeweils unterschiedlichen Traditionen und historischen Entwicklungen ist: Indonesien, die Arabische Halbinsel, der Nahe Osten, Nordafrika, Staaten ehemalige Sowjetunion etc. Es gibt "den" Islam genauso wenig "das" Christentum. Letzteres ist den westlichen Gesellschaften jedoch bewusster, weil sowohl konfessionelle Unterschiede als auch Unterschiede aufgrund regionaler Ausprägungen bekannter sind. Im Gegensatz zu häufig anzutreffenden kulturalistischen Äußerungen über "den" Islam, "die islamischen Länder" und "die Muslime" kommen nur wenige auf den Gedanken, dass Menschen in "christlichen Ländern" in erster Linie von ihrer Religion geprägt seien und dass das Christentum nicht nur innerhalb einer Gesellschaft relativ gleich interpretiert werde, sondern auch in seinen Ausprägungen in Lateinamerika genau so sei wie das in Sizilien, den USA, Polen oder Lateinamerika.

Adäquater und auch aufschlussreicher als die kulturalistische Frage, ob "der" Islam Gewalt fördert, erscheint also die Frage, wann, wie und vor allem warum Gewalt islamisch legitimiert wird.

Werden die als islamisch deklarierten Selbstmordattentate im Nahen Osten auch vor dem Hintergrund dieser Fragestellung betrachtet, wird man diesem Phänomen gerechter, denn das ihnen zugrunde liegende Martyriumskonzept zeigt deutliche, dass es sich in Abhängigkeit von sozialen und politischen Rahmenbedingungen wandelte. Bevor im Folgenden ein Abriss der historischen Entwicklung islamischer Märtyrerkonzepte im Allgemeinen gegeben wird und eine Erläuterung der islamisch legitimierten Suizidattentate im palästinensisch-israelischen Konflikt im Besonderen erfolgt, noch einige Hintergrundinformationen zum islamischen Recht:

Islamisch legitimierte Selbstmordattentate werden als Form des Dschihad betrachtet, dessen Definition und Details das islamische Recht regelt. Das islamische Recht gibt beispielsweise eine Antwort darauf, wer den Dschihad ausrufen darf, gegen wen er sich richtet, wer sich an ihm beteiligen muss, wie er auszuführen ist, welche ethischen Regulativen der Kriegführung zu beachten sind etc. Im sunnitischen Islam, dem etwa 85% der Muslime angehören, gibt es keine der christlichen Kirche vergleichbare autoritative Instanz, die den Muslimen verbindlich vorschreibt, wie die islamischen Quellen auszulegen und der Glaube zu leben ist. Es entwickelte sich zwar im Laufe der ersten Jahrhunderte des Islam eine ausgefeilte Rechtswissenschaft, die Rechtsgelehrten und Theologen bildeten jedoch anders als im Christentum nie einen religiösen Klerus heraus. Sie bekunden ihre Auffassungen zu bestimmten theologischen Fragestellungen in Form von längeren Abhandlungen oder auch kürzeren Rechtsgutachten (Fatwas). Fatwas sind keineswegs als verbindliche Auslegungsvorgaben zu verstehen, sondern mehr als Stellungnahmen zu begreifen, die sich durchaus widersprechen können und dürfen. Neben den oben genannten zwangsläufigen Perspektivierungen beim Interpretieren religiöser Texte ist dieses Faktum, d.h. kein Vorhandensein eines Klerus bzw. keine verbindliche, autoritative Instanz mit einer alleinigen Deutungshoheit, eine der Ursachen für potentiell recht heterogene Auslegungen des Islam. Eine weitere Ursache für Heterogenität ist, dass das islamische Recht, die Scharia, kein kodifiziertes oder zumindest genau bestimmbares Recht ist, sondern sich aus vier Bestandteilen konstituiert: erstens dem Koran; zweitens dem Hadith, d.h. den tradierten Handlungen und Aussprüchen des Propheten Muhammad, die bis Ende des 9. Jahrhunderts in sogenannten Hadith-Kompendien zusammengestellt wurden. Sechs davon gelten als kanonisch und jede dieser Sammlungen umfasst mehrere Bände. Insgesamt sind es mehrere tausend Überlieferungen, so dass das Hadith einen ausgesprochen großen Textkorpus darstellt, der sehr unterschiedliche Themen berührt, die von Fragen des Ritus wie der Verrichtung des Gebets und anderer religiöser Pflichten über Kleidervorschriften, Kriegführung, steuerlichen Abgaben bis hin zu Fragen der Grußetikette reichen. Dritter konstitutiver Bestandteil des islamischen Rechts ist der Analogieschluss (arab. qiyas), mit dem anhand analoger und syllogistischer Schlussfolgerungen Antworten auf in den islamischen Quellen bisher unbekannte Probleme gegeben werden; vierter Bestandteil ist der Konsens (arab. idschma') der Rechtsgelehrten, auch abgeleitet aus dem Hadith: "Meine Gemeinde wird nie in einem Irrtum übereinstimmen".

Das islamische Recht ist also keine feste Gesetzessammlung, sondern ein zu interpretierendes Recht und ein Produkt verschiedener Mittel der Rechtsfindung. Selbst seine schriftlich fixierten Bestandteile, die Quellen Koran und Hadith, bedürfen einer menschlichen Auslegung, die abhängig von Raum und Zeit ist, also auch von sozialen und politischen Bedingungen. Es ist entscheidend, welche Stellen aus diesem umfangreichen Textkorpus herangezogen, wie sie mit anderen verknüpft werden, welche als weniger wichtiger gewertet und welche sogar "vergessen" werden.

Ein Blick in die Geschichte - historische Entwicklung islamischer Martyriumskonzepte

Der arabische Begriff für Märtyrer lautet schahid und hat im Islam einen Bedeutungswandel erfahren, der genauso verlief wie der entsprechende Begriff im Christentum: von "Zeuge" für den Glauben durch Lebenswandel, Taten und Worte zu "Blutzeuge", d.h. jemand, der seinen Glauben mit seinem Blut, also seinem Tod bezeugt. Im Koran tritt der Begriff schahid vor allem in erster Bedeutung auf, als "Zeuge". Der Koran beschreibt zwar, dass jemand, der im Kampf gegen die Ungläubigen stirbt, von Gott besondere Belohnungen erhält und ins Paradies gelangt, die Bezeichnung schahid im Sinne von Blutzeuge als terminus technicus erhält diese Person aber erst in der Hadith-Literatur. Das Hadith beschreibt auch die Vorzüge, die den Märtyrer im Paradies erwarten (vgl. zum Folgenden KOHLBERG 1995, S. 203-207): Von den verschiedenen Rängen im Paradies erhält der Märtyrer den höchsten, direkt nach den Propheten. Durch seinen Opfertod entgeht er dem Verhör im Grab durch die beiden Frageengel Munkar und Nakir und braucht auch nicht das islamische Fegefeuer zu passieren. Der Märtyrer ist nicht nur von seinen Sünden befreit, er kann auch als Fürsprecher für bis zu 70 Angehörige auftreten. Von den Insassen des Paradieses haben nach dem Hadith allein die Märtyrer den Wunsch, noch einmal auf die Erde zurückzukehren, denn wegen der hohen Ehren, die sie im Paradies genießen, sind sie bereit, noch zehnmal das Martyrium zu erleiden. Die Wunden, die der Märtyrer im Dschihad erhielt, sollen am Jüngsten Tag rot wie Blut leuchten und nach Moschus duften. Da sie seinen Märtyrerstatus bezeugen, soll er ohne die übliche Totenwäsche mit seiner blutigen Kleidung begraben werden. Aufgrund unterschiedlicher Überlieferungen entwickelten sich unter den muslimischen Rechtsgelehrten Kontroversen darüber, ob das Totengebete über dem Grab eines Märtyrers ausgesprochen werden soll. Ausschlaggebend für das Martyrium ist die Intention (niya) des Märtyrers, d.h. sein Wille, den Tod um der Sache Gottes willen zu erleiden. Hadithe berichten, dass jemand, der die Interessen des Gotteskämpfers wahrgenommen hat, vor Gott so gilt, als habe er mit ihm zusammen gekämpft. Daraus leitet sich auch heute die finanzielle Unterstützung von Dschihad-Kämpfern sowie deren Hinterbliebenen ab.

Dieses frühe Märtyrerkonzept, das der so genannten "Schlachtfeldmärtyrer" (shuhada al-ma'raka), wurde bereits in den ersten Jahrhunderten des Islam bedeutend ausgeweitet. Unter muslimischen Theologen entstanden Diskussionen darüber, ob Personen, die getötet wurden, während sie sich selbst, ihre Familie oder ihr Eigentum verteidigten, zu einer zweiten Kategorie von Märtyrern gehören, den so genannten "Märtyrern des Jenseits" (shuhada al-akhira), und ob für diese zweite Kategorie von Märtyrern im Gegensatz zu denen der ersten Kategorie "normale" muslimische Bestattungsriten gelten. Die Erweiterung des Konzepts Martyrium um eine zweite Kategorie umfasste dann auch Personen, die von einem Herrscher getötet werden, weil sie diesem "das Rechte gebieten und Verwerfliche verbieten" (al-amr bil-ma'ruf wan-nhy 'an al-munkar), eine Tätigkeit, die nach verschiedenen Koranversen Kennzeichen der Gläubigen ist. Nach einigen Hadithen ist nahezu jeder, der eines gewaltsamen Todes oder an einer Krankheit stirbt, ein Märtyrer. Dazu zählen Muslime, die an einer Seuche sterben, ertrinken, an einer Bauchverletzung sterben, unter einem Steinschutt umkommen, in einem Feuer verbrennen und Frauen, die während des Gebärens sterben. Schließlich wurde dieser Personenkreis auch auf Muslime ausgeweitet, die eines natürlichen Todes starben, wenn sie bestimmte Bedingungen erfüllten. So bezeichnete man jemanden als Märtyrer, der bei der Verrichtung der religiösen Pflichten wie der Pilgerfahrt starb, und genauso jemanden, der auf einer Reise zur "Erlangung von Wissen" verschied. Eine Überlieferung spricht sogar von den "Liebesmärtyrern", d.h. Personen, die obwohl sie liebten, keusch blieben, ihr Geheimnis bewahrten und starben. Unter den Sufis, den islamischen Mystikern, entstand die Auffassung, dass der "wahre" Märtyrer nicht derjenige sei, der im Kampf auf dem Schlachtfeld stirbt, sondern der Muslim, der sein Leben im Kampf gegen die eigene Triebseele, den "großen Dschihad", verbrachte.

Die Gründe für die Erweiterungen des Märtyrerkonzepts sind vielschichtig und nur schwerlich im Nachhinein zu eruieren. Zu ihnen zählt vermutlich der Wunsch, einen göttlichen Ausgleich für menschliches Leiden zu schaffen. Vielleicht entstanden sie auch, weil nach den ersten großen Eroberungen die Kämpfer an Bedeutung verloren oder entspringen einem - vorislamischen - Verlangen nach Heiligenverehrung. Möglicherweise sollten sie auch dazu dienen, dass aus der Ausschließlichkeit, das gepriesene Martyrium nur auf dem Schlachtfeld erlangen zu können, dort keine blinde Selbstopferung entsteht.

Eine Martyriumssehnsucht (talab ash-shahada) ist auch aus den ersten Jahrhunderten des Christentums bekannt, wurde jedoch sowohl im Christentum als auch im Islam von der Orthodoxie stets abgelehnt. Das Argument lautete in beiden Religionen gleich: Das Martyrium wäre dann ein Selbstmord, den Gott verbietet. Das Selbstmordverbot ist vor allem im Hadith völlig eindeutiger Weise und mehrfach ausgesprochen. (vgl. KRAWIETZ 1991, S. 91-108) Nach einem Ausspruch des Propheten ist es auch verboten, sich eine Begegnung mit dem Feind zu wünschen und nicht lobenswert, sich in Gefahr zu geben; muslimische Rechtsgelehrte divergierten darüber, ob ein einzelner Krieger überhaupt eine feindliche Übermacht angreifen dürfe. Nach einer Ansicht aus dem 8. Jahrhundert, auf die sich heutige Selbstmordattentäter berufen könnten, darf dies nur sein, wenn der einzelne Krieger davon ausgehen kann, entweder zu überleben, oder dem Feind doch wenigstens einigen Schaden zufügen zu können. (SEIDENSTICKER 2002, S. 144f.)

Dass die Aussicht auf das Martyrium und die damit verbundenen paradiesischen Ehren eine Rolle im Kampfverhalten der Muslime spielten, ist in der islamischen Geschichte jedoch nur im Zusammenhang mit Sekten bekannt. Nach Überlieferungen entwickelten sich im 7. und 8. Jh. entwickelten sich unter der islamischen Sekte der Kharijiten, die auf der Arabischen Halbinsel und im heutigen Iran agierten, zum Teil recht ausgeprägte Wünsche, als Märtyrer im Kampf um den Islam zu sterben. Ihre Gegner waren die Umayyaden, die sie nicht als rechtmäßige islamische Herrscher anerkannten und erbittert bekämpften. In den von den Kharijiten überlieferten Gedichten spielt das Paradies eine große Rolle und wird ausführlich beschrieben. Es fehlen jedoch Hinweise auf die den Märtyrer erwartenden Paradiesjungfrauen, (SEIDENSTICKER 2002, S.?????), die in den Medien heute häufig als Motivation der gegenwärtigen Selbstmordattentäter genannt werden. Als angebliches Vorbild der heutigen Selbstmordattentäter wurde in der Presse auch wiederholt die mittelalterliche Sekte der Assassinen hingestellt. Dieser Name wurde der im 11. Jh. entstandenen ismailitischen Sekte der Nizariya gegeben, die von 1090-1256 in Syrien und Persien herrschte und deren Kriegsführung sich durch eine besonders kaltblütige Ermordung ihrer Feinde auszeichnete. Die Nizariya, die zu den Schiiten gehört, ist jedoch noch recht wenig erforscht. Historisch überlieferte Berichte über sie stammen meist von ihren Feinden, entweder von den Kreuzfahrern oder von den sunnitischen Muslimen, die sie als Häretiker bezeichneten und scharf gegen sie polemisierten. Über die Kreuzfahrerstaaten gelangte dann die Kunde von den "Assassinen" und ihrem Oberhaupt, dem "Alten vom Berg", auch ins Abendland. Überlieferungen über sie enthalten verschiedene Versionen und spiegeln verschiedene Entwicklungen wider. Am Ende des Prozesses steht die Vorstellung, dass der Alte vom Berg seine Anhänger durch Betrug zu ihrer Opferbereitschaft veranlasste. In einer Version täuschte ein Garten das Paradies vor, in einer anderen Version setzte er seine Anhänger unter Rauschdrogen. Neuere wissenschaftliche Arbeiten zeigen jedoch, dass die zahlreichen Berichte über diese Sekte, die sowohl im Orient als auch im Okzident entstanden, kaum historisch verifizierbar sind. (vgl. SEIDENSTICKER 1998, S, 67-71) Als kulturelle oder historische Legitimation von Selbstmordattentätern können sie kaum dienen.

Märtyrerkonzepte zur Mobilisierung für den Dschihad

In der islamischen Geschichte spielten das islamische Martyrium und die damit verbundenen Paradiesverheißungen also kaum eine Rolle, um breite Massen für den Dschihad zu mobilisieren. Dies ist ein modernes Phänomen. Seine Anfänge hatte es im Ersten Golfkrieg. Ganze Scharen iranischer Soldaten, darunter zahlreiche Kinder und Jugendliche, liefen "freiwillig" in die irakischen Minen und wurden als Märtyrer gefeiert. Sie beriefen sich dabei auf Hussein, dem schiitischen "König der Märtyrer". Die Schiiten, denen etwa 15% der Muslime angehören und die vor allem im Iran angesiedelt sind, trennten sich schon im frühen Islam von den Sunniten, weil sie als legitime Nachfolger (Kalifen) für die Leitung der Muslime nur Ali b. Abi Talib (gest. 661) und dessen Nachkommen aus seiner Ehe mit Fatima, der Tochter des Propheten, anerkannten, dieser jedoch erst vierter Kalif wurde und nach ihm die Umayyaden die Herrschaft übernahmen. Unmittelbar nach Alis Tod starb Hussein, Alis Sohn und Enkel des Propheten, in der Ebene von Kerbela in einer aussichtlosen Schlacht gegen die Truppen des umayyadischen Kalifen Yazid. Husseins Tod ist eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste historische Ereignis für die Schiiten und wird als Opfer gedeutet. Im Laufe der Zeit bildeten sich bei den Schitten im Monat Muharram zum alljährlichen Gedenken an Husseins Leiden in Kerbela Trauerzeremonien heraus, die auch mit einer Art Passionsspiel und Selbstgeißelungen verbunden sind. Parallel dazu entwickelte sich unter den Schiiten eine regelrechte Märtyrertheologie und ein ausgeprägter Märtyrerkult, der den Sunniten fremd ist.

Dieser Märtyrerkult erleichterte sicherlich die Mobilisierung für den Krieg gegen den Irak, aber auch bei den Schiiten sind Suizidattentate, d.h. der Gedanke, das islamische Martyrium zu erlangen, indem durch den eigenen Tod möglichst viele Feinde mit in den Tod gerissen werden, neu. Als das erste islamisch legitimierte Selbstmordattentat 1983 durch ein Mitglied der libanesischen schiitischen Hizbollah verübt wurde, kritisierten es nahezu alle schiitischen Autoritäten mit dem Hinweis auf das Selbstmordverbot im Islam. Selbstmordattentate waren in der islamischen Welt bislang aus anderen, nicht islamischen Kontexten bekannt. Die "atheistischen" Kommunisten und die libanesische Syrische Nationalistische Partei, die zu einem großen Teil aus Christen bestand, hatten sie bereits vorher im Südlibanon als Terrormittel eingesetzt. Dass Suizidattentate keine spezifisch islamische Form der Kriegführung und des Widerstands sind, die sich durch religiösen Fanatismus erklären lassen, zeigen auch die japanischen Kamikaze, die Japanische Rote Armee, die tamilische LTTE mit ihren Black Tigers sowie die Selbstmordattentate der kurdischen Arbeiterpartei PKK. Dennoch etablierte sich in Hizbollah-Kreisen allmählich der Gedanke, dass diese Form der Attentate kein Selbstmord, sondern "Märtyreraktionen" seien. Eine der Ursachen dafür ist sicherlich ihre Wirkung: Ein US Marine-Corps, Un-Friedenstruppen und schließlich auch Israel zogen nicht zuletzt wegen dieser Attentate aus dem Libanon ab. Es dauerte jedoch noch über ein Jahrzehnt, bis auch sunnitische Gruppierungen begannen, Selbstmordattentate in ihre Ideologie aufzunehmen. 1994, 40 Tage, nachdem ein Israeli 29 Palästinenser in der Moschee in Hebron erschossen hatte, verübte ein sunnitischer Palästinenser ein Selbstmordattentat, durch das neun Israelis getötet wurden. In der zweiten, so genannten Al-Aqsa-Intifada, setzte dann unter palästinensischen Sunniten eine regelrechte Welle von Selbstmordattentaten ein. Seitdem preisen militante Islamisten sie nicht nur als legitime, sondern als "die" Form des Dschihad gegen Israel. Die Gründe dafür sind vielschichtig und komplex. Außer ihrer oben erwähnten "Effektivität" als Terrormittel bereitet den Boden für ihre wachsende soziale Akzeptanz auch die Bedeutung, die das Konzept des Martyriums bzw. seine politische Instrumentalisierung in der palästinensischen Gesellschaft infolge der Auseinandersetzung mit dem britischen Mandat, insbesondere aber nach der Staatsgründung Israels erlangt hatte.

Von palästinensischen "Freiheitskämpfern" zu "Märtyrern" und schließlich "istishhadiyun"

Die Kämpfer gegen die jüdischen Einwanderer und die britischen Truppen wurden "Fida'iyun" genannt, d.h. sinngemäß "Freiheitskämpfer", der arabische Begriff enmthält aber auch die Bedeutung "jemand, der sich opfert". Zu den Freiheitskämpfern, die ein hohes soziales Prestige genossen, weil sie als furchtlose Verteidiger ihres Landes und Volkes galten, gehörten nicht nur Muslime, die gegen eine Besatzung muslimischen Lands durch Ungläubige kämpften, sondern auch Christen und Angehörige säkularer, nationalistischer Gruppierungen. Im Laufe des Jahrzehnte andauernden und scheinbar unlösbaren Nahost-Konflikts verbanden sich nationalistische Slogans und Motive immer mehr mit religiösen bzw. wurden durch sie ersetzt. Die getöteten Fida'iyun wurden zu Märtyrern, die im Dschihad gegen die Feinde ihr Leben ließen. Eine solche Verschiebung von säkularen nationalistischen hin zu religiös untermauerten Argumentationen betrifft politische Diskurse in vielen Ländern des Nahen Ostens. Nachdem heute herrschende korrupte Regime in weiten Kreisen der Bevölkerung unter einem Legitimationsverlust leiden, die "großen" Ideologien wie der arabische Nationalismus und der Kommunismus von vielen als gescheitert betrachtet werden und westliche Ideologien und Werte wie Menschenrechte und Demokratie in Anbetracht westlicher Außenpolitik als Farce erscheinen, werden politische Ziele und Aktionen eher mit religiösen Argumenten untermauert, was auch als Abgrenzung zu einem wie auch immer konstruierten "Anderen" und Rückzug auf das kulturell "Eigene" zu verstehen ist. Religiöse Vorstellungen amalgamieren dabei mit der Rhetorik so genannter Dritte-Welt-Bewegungen, Kapitalismuskritik sowie Forderungen nach politischer, wirtschaftlicher und kultureller Autonomie.

In den zunehmend islamisch legitimierten Widerstandsdiskurse wurden sämtliche Palästinenser, auch Frauen und Kinder, die bei Zusammenstößen mit israelischen Sicherheitskräften oder Siedlern getötet wurden, zu Märtyrern. Dies erfüllte mehrere Funktionen: Ihrem Tod wird Sinn verliehen. Die Kämpfer wurden heroisiert und als diejenigen ausgewiesen, die sich auch mit Hilfe sakraler Autorität auf der "richtigen" Seite befinden. Entsprechende palästinensische Gruppierungen können sich aber auch durch vielfältig inszenierte Erinnerungen an diese Märtyrer als Opfer israelischer Gewalt präsentieren. Der Opferstatus ist ein konstitutives Merkmal palästinensischer kollektiver Identität. (vgl. EL-MANEIE 1998; JOGGERST 2002) Im Laufe des Konflikts versuchten militante Gruppierungen jedoch immer mehr, ihn zu überwinden und das Bild von dem ohnmächtiger Objekte hin zu dem mächtiger Handelnder zu wandeln. Dazu nutzten und nutzen sie wiederum auch das Märtyrerkonzept. Hamas und die Izz ad-Din al-Qassam-Brigaden, ihr militärischer Flügel, unterzeichnen ihre Pamphlete mit dem Slogan "Für den Dschihad gibt es entweder Sieg oder Martyrium". In den letzten Jahren haben palästinensische islamistische Gruppen einen regelrechten Märtyrerkult entwickelt, der sich auch im Internet zeigt. Viele Gruppen haben auf ihren Websites eine Rubrik "Märtyrer", in der an Palästinenser erinnern, die von Israelis getötet wurden, oft in die Kategorien "Kinder", "Frauen" und "Männer" unterteilt. Solche Seiten zeigen Fotos der Märtyrer mit einem meist kurzen, sie heroisierenden Lebenslauf, manchmal auch Stellungnahmen der Hinterbliebenen. Dies sind häufig Mütter, die ihre Freude über die Heldentat ihres Märtyrersohns zum Ausdruck bringen. Manchmal sind diese Webseiten auch interaktiv. Besucher werden aufgefordert, Ergänzungen und eigene Materialien einzufügen. Das ist auch nötig für einen solchen Kult. Nur wenn der Tod des Märtyrers öffentlich gemacht wird und eine Botschaft transportiert, ist er ein Märtyrer. Denn der Märtyrer stirbt einen exemplarischen Tod und transportiert die Botschaft der Gruppe, aus der er kommt bzw. die ihn zum Märtyrer "gemacht" hat. Öffentlich gemacht wurde und wird das Martyrium auch durch so genannte "Megaposter", Portraits der Märtyrer, die nicht nur in Pamphleten und Internetseiten immer wieder auftauchen, sondern ähnlich wie die gigantischen Portraits schiitischer Märtyrer im Iran (vgl. MARZOLPH 1998, S. 311) besonders im Gazastreifen und der Westbank ganze Mauern oder Hauswände ausfüllen. Einige Personen haben mittlerweile einen besonderen Erinnerungswert erlangt. Sie werden in islamistischen Erinnerungsdiskursen zum Exempel, beispielsweise Yahya 'Ayyash, in Insiderkreisen "al-Muhandis" ("der Ingenieur") genannt. 'Ayyash gilt als einer der erfolgreichsten "Bombenbauer" der Hamas und wurde 1996 im Alter von dreißig Jahren durch ein explodierendes Mobilfunkgerät getötet. Sowohl sein Name als auch Plakate mit seinem Portrait - wie die meisten Märtyrerportraits häufig mit einer Aureole umgeben und nationaler Symbolik angereichert - sind in der palästinensischen Gesellschaft hinlänglich bekannt. Zum Gedenken an seinen sechsten Todestag gab Hamas eine Stellungnahme heraus, in der es heißt: "Al-Muhandis ist der Name der wahren palästinensischen Legende, die die Hoffnung erneuerte, die Verzweiflung tötete und das Leben in Palästina zurückbrachte zum Geist des Dschihad und des Widerstands." (THE PALESTINIAN INFORMATION CENTER 2003) Die Legendenbildung und das Exempel, das aus seiner Person konstruiert wird, geht dabei über den palästinensischen Kontext heraus. Hamas konstruiert aus seiner Person einen Widerstandskämpfer, der bei aller Art von Ungerechtigkeit nicht nur von den Palästinensern, sondern von "hundert Millionen Arabern und Muslimen" (EBD.) erinnert wird. Auf der Homepage von Hamas finden sich unter dieser Gedenkrede Informationen über 'Ayyash und über die mittlerweile entstandenen Bücher, Kassetten und Filme zu ihm Überschrieben ist dies mit "Die kulturelle Akte des Märtyrers Yahya 'Ayyash" überschrieben sind. ('ATIYA 2003) Aufschlussreich ist vor allem der Untertitel: "Gedicht der Heimat und Hymne der umma", der eine Verschmelzung von religiösen und nationalistischen Motiven deutlich widerspiegelt. Indem 'Ayyash zum Exempel gemacht wird, wird einerseits seine Einzigartigkeit als Person hervorgehoben, andererseits wird er aber gerade dadurch, d.h. durch seine gänzliche Vereinnahmung für diese Gruppe und ihre Ideologie, auch wieder entpersonalisiert. Dies gilt generell für die schematisierten, nach ähnlichen Topoi ausgerichteten Lebensläufe von Märtyrern und Stellungnahmen ihrer Hinterbliebenen auf islamistischen Websites.

Märtyrer hatten also - als eine Art Nationalhelden gefeiert - bereits vor der zweiten Intifada, in der die Selbstmordattentate explosionsartig als neue Form des Terrors auftraten, einen bedeutenden Stellenwert in der palästinensischen Gesellschaft. Als die ersten Selbstmordattentate verübt wurden, riefen sie jedoch zunächst bei sunnitischen Theologen - sowohl innerhalb der palästinensischen Gesellschaft als auch aus dem arabischen Ausland - heftige Kritik hervor. Ihre Argumente dagegen zielten auf das Selbstmordverbot und auf die Unzulässigkeit eines Angriffs gegen Zivilisten. Sehr schnell zeigte sich dann jedoch ein rapider Wandel in ihrer theologischen Bewertung und auch in ihrer sozialen Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft. Mittlerweile werden diese Attentate nicht nur von fast allen - radikalen wie moderaten und nicht nur palästinensischen - Islamisten als besonders ehrenhafte Form des Dschihad ausgegeben. Selbst in der säkularen arabischen Presse werden die Akteure als Märtyrer und ihre Aktionen als Märtyreraktionen bezeichnet; der Begriff Selbstmord (intihar) fällt in diesem Zusammenhang kaum mehr. Für sie hat sich eine neue Ableitung des arabischen Begriffs Schahid ("Zeuge") etabliert: das Derivat istishhadi, das sowohl von Islamisten als auch von der Presse gebraucht wird. Ausschlaggebend für den in den letzten drei Jahren zu verzeichnenden raschen Wandel in der Bewertung von Selbstmordattentaten trat zu der bereits erwähnten "Effektivität" dieser Attentate, der Verschiebung von nationalen zu religiösen Legitimationen politischer Diskurse und der Heroisierung von Märtyrern in der Gesellschaft seit der zweiten Intifada noch hinzu, dass der Nahost-Konflikt aus der Perspektive vieler Palästinenser noch unlösbarer als zuvor erschien. Oslo sowie verschiedene bilaterale und multilaterale Verhandlungen schienen keine wirkliche Verbesserung ihrer Situation in Aussicht zu stellen, geschweige denn gebracht zu haben. Im Gegenteil: Von Beginn des Oslo-Prozesses bis zum Jahr 2000 hatte sich die Zahl der israelischen Siedler in der Westbank und im Gazastreifen verdoppelt. Diese Siedlungen fragmentieren das ohnehin unzusammenhängende palästinensische Gebiet zusätzlich. Es besteht nicht nur aus den beiden isolierten Blöcken Westbank und Gazastreifen, sondern ist weiter segmentiert durch so genannte A-, B- und C-Zonen mit jeweils unterschiedlichen palästinensischen bzw. israelischen Hoheiten. Zur Verteidigung der israelischen Siedlungen in der Westbank und ihrer Verbindung untereinander sowie mit dem israelischen Kernland wurden eine aufwendige und kostspielige Infrastruktur und ein System von Sicherheitszonen und Checkpoints errichtet, in deren Folge ähnlich wie beim Sicherheitszaun zusätzlich palästinensisches Gebiet konfisziert und in weitere isolierte Enklaven eingeteilt wurde. Diese Segmentierung ist auch dreidimensional, vertikal zu denken, denn die von Palästinensern oder Israelis zu nutzenden Straßen verlaufen z.T. auch ober- und unterirdisch, Israelis haben die Nutzungsrechte für die unterirdischen Wasserreservoirs und den oberirdischen Luftraum. Der israelische Architekt Eyal Weizman spricht hier von einem "Escher-like space". (WEIZMAN 2003, S. 65) Israelische Angriffs- und Vergeltungsschläge sowie Kollektivstrafen im Laufe der zweiten Intifa führten bis September 2003 zum Tod von fast 3000 Palästinensern, meist Zivilisten, und über 40 000 Verletzten (vgl. PCBS 2003; WHO 2003; FLAMENT 2003); zahlreiche andere verloren durch Sprengungen oder Bulldozer ihre Häuser. Im Zusammenhang mit häufigen Abriegelungen und Ausgangssperren, die nicht nur zu einer Isolation, sondern auch zu einer drastischen Verschlechterung der ökonomischen Situation und einem eklatanten Anstieg der Arbeitslosigkeit führten, hat dies einen deutlich radikalisierenden Effekt und verstärkt bei Palästinensern das Gefühl, mit diplomatischen Mitteln nichts erreichen zu können. Hinzu kommt, dass die palästinensischen Behörden seit dem Oslo-Prozess durch Korruptionsaffären und Klientelismus, aber auch israelischen Druck in weiten Kreisen der Bevölkerung drastisch an Legitimation als ihre Interessensvertreter verloren und auch aus dem Ausland offenbar kaum Unterstützung zu erwarten war. Westliche Außenpolitik scheint aus der Perspektive vieler Palästinenser mehr denn je "double standards" zu verfolgen, indem sie israelische Verstöße gegen das Völkerrecht und die Genfer Konventionen offenbar toleriert. Besonders seit der Zeit nach dem 11. September, dem Afghanistan- und dem Irakkrieg und den Anti-Terrormaßnahmen konstruieren islamistische Gruppierungen ohnehin das Bild eines feindlichen Westens, der darauf aus sei, die Muslime aufgrund ihrer Religion zu schädigen und einen Rundumschlag gegen die arabischen Länder zu starten.

Militanten Gruppierungen propagieren es als einzig erfolgversprechend, ihre Ziele mit Terror durchzusetzen. Suizidattentate lagen aus den oben erwähnten Gründen nahe. Um sie islamisch zu legitimieren, holten islamistische Gruppierungen z.T. recht weit aus und entwickleten eine regelrechte sunnitische Märyrertheologie. Hamas bietet auf ihren Websites zum Download eine theologische Rechtsabhandlung, die die Suizidattentate nicht nur durch höchst bedenklich selektive Beispiele aus dem Hadith und der islamischen Geschichte als authentisch "islamisch" und Weiterführung islamischer Tradition deklariert, sondern geradezu zu deren Vollzug auffordert. Überhaupt ist das Internet zu einem breiten Diskussionsforum für die religiöse Legitimität dieser Attentate avanciert. Es gibt zahlreiche Online-Fatwadienste, in denen Details der Selbstmordattentate erörtert werden, beispielsweise Islam-Online, eine der meist besuchten islamischen Seiten im Netz, gegründet in Qatar. Die Site umfasst ein breites Spektrum: Neben Nachrichten, Essays und Informationen zu verschiedenen gegenwartsbezogenen Themen, Diskussionsforen, islamischen "Diensten" wie etwa einen Zeitumrechner können Besucher ausgewiesenen islamischen Autoritäten aus verschiedenen Ländern Fragen stellen, die diese in Form eines Rechtsgutachtens (Fatwa) beantworten. Viele davon thematisieren die Suizidattentate. Es werden Details der Ausübung debattiert wie die Fragen, ob Frauen, die sich für ein Selbstmordattentat zur Verfügung stellen, vor ihrer Fahrt zum Ort des Attentats erst die - nach islamischem Recht sonst notwendige - Reiseerlaubnis ihres Ehemanns einholen müssen oder ob dies hinfällig wird, weil sie eine heilige Pflicht ausüben. (vgl. QARADAWI 2002a)

Fast alle Rechtsgutachten heben mittlerweile hervor, dass "Märtyreraktionen" deutlich von Selbstmord zu trennen seien, weil der Selbstmörder dem Leben und sozialen Problemen entfliehe, der Märtyrer hingegen sein Leben opfere, um eine religiöse Pflicht auszuüben. In diesen Fatwas ist aber auch die Verschmelzung von Religion und Nation bzw. Gott und Heimat augenfällig. Oft sucht man sogar vergeblich nach religiösen Erläuterungen. Sehr häufig werden Gräueltaten der Israelis aufgeführt und als Argument, dass deren Verletzungen des Völkerrechts und der Menschenrechte vom Rest der Welt geduldet würden. Es heißt dann, dass die Palästinenser mit diplomatischen Mitteln ihre Rechte schon gar nicht erlangen konnten und könnten, aber auch der "normale" Dschihad aufgrund ihrer militärischen Unterlegenheit zum Scheitern verurteilt sei. Faysal Mawlawi, Vizepräsident des European Council for Fatwa and Research, erklärt beispielsweise:
"I believe that in such conditions [der Besatzung, militärischer Unterlegenheit, Tötung palästinensischer Frauen und Kinder] those missions are a sacred duty on every capable man, and whoever is killed in such missions is a martyr, may Allah bless him with high esteem. I call on every Palestinian not to hesitate in carrying out such operations as long as they are the only way of making Jihad and are made with the intention of sacrificing one's life for the sake of one's religion and nation." (MAULAWI 2002) Die Akteure dieser Selbstmordattentate werden von entsprechenden Gruppierungen als besondere Art von Helden propagiert, als Helden, die sogar ihr eigenes Leben für "die Sache" opfern, ausgewiesen als Verteidigung der Ehre der Nation sowie der Religion.

Die nach Hadithen und vielen Rechtsabhandlungen zur Kriegführung verbotene Tötung von Zivilisten, Frauen und Kindern bei diesen Attentaten wird in solchen Diskursen oft mit wenig stichhaltigen theologischen Argumentationen gerechtfertigt. Es heißt dann, dass die israelische Gesellschaft als ganze militärisch sei, manchmal wird auch darauf hingewiesen, dass Selbstmordattentäter als Reaktion auf die Niedermetzelung unschuldiger Palästinenser, inklusive Frauen und Kindern, lediglich Gleiches mit Gleichem vergelten würden. (MAULAWI 2002 b). Faisal Maulawi zieht dazu den ersten Teil von Sure 16, Vers 126 als Legitimation heran, in dem er diesen totalisiert und ein "Prinzip" aus ihm ableitet. Dort steht: "Und wenn ihr (für eine Untat, die gegen euch verübt worden ist) eine Strafe verhängt, dann tut das nach Maßgabe dessen, was euch (von der Gegenseite) angetan worden ist!" (MAULAWI 2003). Dabei lässt er aber freilich nicht nur eine ganze Reih dem entgegenstehender Koranverse und Hadithe aus, sondern auch den zweiten Satz desselben Verses; dieser besagt nämlich: "Aber wenn ihr geduldig seid (und auf eine Bestarfung verzichtet), ist das besser für euch."

Ausweitung der Selbstmordattentate auf andere Kontexte und Regionen

Während Selbstmordattentate zunächst nur im Rahmen des palästinensisch-israelischen Konflikts von Theologen als legitime Form des Dschihad gerechtfertigt wurden, sieht es in Anbetracht der jüngsten politischen Entwicklungen so aus, als würde dies zunehmend auch auf andere Konflikte ausgeweitet werden. Während die Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon vom 11. September von der überwältigenden Mehheit der muslimischen Theologen und islamischen Institutionen scharf verurteilt wurden, geraten Selbstmordattentate als Abwehr gegen eine als Besatzung oder neo-imperialistisch wahrgenommene Macht immer mehr in den Blick als legitimes Mittel der Verteidigung und Teil eines nationalen Befreiungskampfs. Der Rat für Islamisches Recht, Islamic Fiqh Council, eine Art Komitee für islamische Rechtsgutachten, das an die Organisation Islamische Konferenz (OIC) angegliedert ist, gab nach seiner Sitzung im Januar 2003 eine Resolution heraus, in der es heißt: "Dschihad und Märtyreroperationen, die verübt werden, um den islamischen Glauben, die Würde, die Freiheit und die Souveränität von Staaten zu verteidigen, sind nicht als Terrorismus zu betrachten, sondern eine grundlegende Form der notwendigen Verteidigung legitimer Rechte. Die unterdrückten Völker, die einer Besatzung ausgesetzt sind, haben das Recht, mit allen möglichen Mitteln ihre Freiheit zu erstreben." (ISLAMONLINE FATWA EDITING DESK 2003) Weiterhin betonte der Rat, dass solche Operationen nicht nur eine legitime Form des Dschihad sind, sondern auch obligatorisch werden, wenn dies die einzige Möglichkeit ist, den Feind zu stoppen.

Solche Erklärungen gehen einher mit einer in diesen Regionen zunehmenden Feindbildkonstruktion vom Westen. Auf die an Islamonline im März 2003 gestellte Frage, ob Muslime, die bei einem Angriff auf US-Militärbasen in der Golfregion sterben, Märtyrer seien, antwortet die Site mit einer Zusammenstellung von Fatwas von Theologen verschiedener Länder, die die Rühmlichkeit solcher Angriffe hervorheben, weil die USA die Muslime angreifen und ihre Länder besetzen würden. So heißt es beispielsweise: So heißt es beispielweise: "I cannot hesitate to say that the Jihad afgainst the aggressive American troops is fard 'ayn (an individual duty). Those troops with al their war planes, tanks and rockets are no more than imperialist troops whose aims is to occupy our lands". (ISLMONLINE 2003) Vor dem Hintergrund der heutigen westlichen, insbesondere amerikanischen, Politik gegenüber Afghanistan, Israel und den Irak entfalten alte Verschwörungstheorien der Islamisten eine neue Wirkungskraft.

Die Ursachen für islamisch legitimierte Gewalt sind äußerst vielschichtig und von Fall zu Fall unterschiedlich, sicherlich liegen sie aber nicht in einer Gewalt fördernden Beschaffenheit des Islam. Die Ideologisierung und Instrumentalisierung des Islam und auch eines islamischen Märtyrerkonzepts für politische Zwecke entstehen nicht aus dem luftleeren Raum und aus islamischen religiösen Quellen als Texte "an sich", sondern in Zusammenhang mit gegenwärtigen Problemlagen wie der Verweigerung grundlegender Rechte und gravierender sozialer Ungleichheiten, aber auch gewachsenen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern sowie dichotomischen Feindbildkonstruktionen.

Literatur
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* Beim vorliegenden Text handelt es sich um das unkorrigierte Manuskript eines Vortrags, den die Autorin beim Friedenspolitischen Ratschlag am 6./7. Dezember in Kassel gehalten hat. Sabine Damir-Geilsdorf ist Wissenschaftlerin am Institut für Orientalistik der Universität Gießen.


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