Susan George zum World Economic Forum (Wef), 04.02.2008 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Susan George: "Ich will nicht Mutter Teresa sein!"

Die Grand Old Lady der Globalisierungskritik findet das Wef gefährlich, geisselt die Kreativität der Finanzwelt und findet, dass AktivistInnen nicht eitel sind.

Sie ist eine Dame. Und eine erboste Dame. Susan George ist angereist, um am Public-Eye-Forum in Davos zu sprechen, das zum Auftakttag des World Economic Forum (Wef) von der Erklärung von Bern und Pro Natura organisiert wurde. Ihre Garderobe ist belegt vom Hip-Hopper Stress und seiner Freundin, der gerade kränkelnden Ex-Miss-Schweiz Melanie Winiger, die den Anlass hätte moderieren sollen. «Hip-Hopper! Ich hoffe nur, sie klauen meinen Computer nicht! Lasst uns das Beste hoffen.»

WOZ: Susan George, hat das Wef an Einfluss verloren oder gewonnen?

Susan George: Das Wef ist ein gesellschaftlicher Anlass. Der Wef-Gründer Klaus Schwab startete vor ein paar Jahrzehnten mit einer Handvoll telefonierender Sekretärinnen.

Aber welchen Einfluss hat es heute?

Klar hat das Wef Macht. Doch es ist in ers­ter Linie wohl eine Selbstlegitimation.

Wirklich?

Diese Leute haben noch nie etwas vor­ausgesehen. Ich hoffe, dass die Journalisten sehen, dass das Wef ein bisschen lächerlich ist. Dass der diesjährige Slogan «The Power of Collaborative Innovation» (Die Kraft gemeinschaftlicher Innovation) lächerlich ist. Wir sind mitten in einer riesigen Finanzkrise! Die Wef-Leute haben in den vergangenen Jahren neue Finanzinstrumente erfunden, und heute sehen wir die Resultate.

Die gegenwärtige Krise, bei der die Banken mindestens hundert Milliarden Dollar abgeschrieben haben ...

... nichts haben diese Leute vorausgesehen! Es sind die NGOs, die die Dinge voraussehen! Die Regulationen und Steuern fordern! Die sagen, wie müssen diese Finanzwirtschaft verlangsamen. Die Finanzwelt kennt keine Grenzen. Sie hat enorme Profite gemacht! Hat eine noch nie da gewesene Ungleichheit geschaffen! Hat die Umwelt verwüstet!

Ist das Wef daran schuld? Oder ist es nur die Siegesparty der Gewinner?

Nein, es hat die Welt schlechter gemacht, indem diese Leute die Ideologie des Neo­liberalismus bekräftigen. Und die ganze Weltpresse kommt und feiert sie.

Geben Sie der Wirtschaft oder der Politik die Schuld?

An den meisten Orten gibt es nichts mehr, was man «Gesellschaft» nennen könnte. Also etwas, das einen gewissen Wohlstand braucht. Aber auch Erziehung. Witz. Verantwortungsbewusstsein. Die Davos-Leute haben die Gesellschaft ersetzt. Sie versichern sich gegenseitig, dass sie jetzt den Gipfel erreicht haben. Es sind Leute, die meine Grossmutter nicht in ihrem Salon empfangen hätte.

Haben sich die Politiker und Politikerinnen vom Wef zurückgezogen?

Sie kommen schon ans Wef. Aber sie haben den Wirtschaftsführern erlaubt, die Macht zu übernehmen. Nehmen wir die aktuelle Krise: Die Banken sollten beaufsichtigt werden, aber die Politiker haben praktisch auf die Beaufsichtigung verzichtet. Es gibt Hunderte von Milliarden Dollars, die die Banken in ihren Bilanzen nicht ausweisen. Man rechnet mit bis zu 45 Billionen Dollar - also 45 000 Milliar­den - Schulden da draussen. Niemand weiss, wie viel davon je zurückbezahlt wird. Das ist dreimal das Bruttosozialprodukt der USA! Und die Aufsichtsbehörden haben nichts unternommen.

Wohin wurde die Verantwortung verschoben?

An die grossen Ratingagenturen. Und die haben unsichere Finanzprodukte, die die Banker aus dem Nichts geschaffen haben, mit der besten Bewertung, einem Triple A, ausgezeichnet.

Was sind die Folgen?

Ich gebe Ihnen ein einfaches Beispiel. Wenn Sie früher ein Haus kaufen wollten, erhielten Sie von der Bank einen Kredit. Die Bank hat diesen Kredit in ihren Büchern behalten. Heute nimmt die Bank Ihre Hypothek, Ihre Kreditkartenschulden, Ihre Kredite und schnürt damit ein Paket. Dieses verkauft sie weiter. ­Niemand weiss genau, wie diese Produkte - CDOs oder SIVs, oder wie sie alle heissen - funktionieren. Niemand kennt die wirklichen Preise, weil es keinen offenen Markt gibt. Nun kaufen nicht nur Spekulanten, sondern durchaus ehrenwerte Firmen oder auch staatliche Unternehmen Produkte mit dem ausgezeichneten Triple-A-Rating. Und plötzlich stellt sich heraus, dass es sich um ein enorm unsicheres Produkt handelt! Das ist vollkommen unverantwortlich!

Ist die gegenwärtige Krise eine Chance für die Kritik? Oder sind die Türen jetzt erst recht verschlossen?

Ich weiss es nicht. Es ist wie beim verheerenden Hurrikan Katrina in New Orleans: Nachdem die Dämme gebrochen sind, versucht man sie zu flicken, damit die Flut nicht weiter hereinbricht. Ich bezweifle, dass die Davos-Leute sich wirklich ändern und alternative Sichtweisen akzeptieren werden, denn das bedeutet das Eingeständnis ihres Versagens, das Eingeständnis, dass der Neoliberalismus versagt hat. Werden sie so weit gehen? Würde der Papst sagen: «Nein, ich glaube nicht, dass Jesus wirklich existiert hat»?

Die Finanzkrise hat Millionen von US-Amerikanerinnen und Amerikanern in den Ruin getrieben. Wird der Protest nun von neuen Kreisen getragen werden?

Ich weiss nicht, ob sie sich auflehnen werden oder nicht.

Weshalb wehren sie sich nicht?

Die Armen verlangen nicht sehr viel. Bei Katrina wurden zehn- bis fünfzehntausend Arme einfach beiseite gestellt, viele starben. Die Leute haben sich nicht einmal dann aufgelehnt. Wie sollen sie also in einem viel grösseren geografischen Rahmen aufbegehren? Ich denke, dass zumindest am Anfang die Opposition von Organisationen wie Attac kommen muss.

Sie haben einmal gesagt, dass das Zentrum der Kritik Europa sein sollte. Weshalb?

Europa hat eine wichtige Rolle. Die USA sind so neoliberal, dass ich denke, es wird ewig dauern, bis sie zu einem zumindest philosophischen oder sozialen Keynesianismus zurückkehren werden. Leider ist die Europäische Union momentan ebenfalls extrem neoliberal. Immerhin hat die EU neulich etwas ziemlich Gutes getan: Sie hat härtere Emissionsgrenzen einführen wollen. Sofort haben die Erdöl- und Autolobbyisten ihre Macht in den einzelnen Ländern spielen lassen, weil sie dort mehr Einfluss haben als in Brüssel. Wir werden sehen, ob Brüssel sagt: «Nein, verflucht, wir behalten dieses Gesetz, und ihr werdet gehorchen!»

Wogegen richtet sich die Globalisierungskritik heute? Blickt man zurück, waren das in einer ersten Phase Regierungen, dann weltweite Institutionen, nun die Grosskonzerne. Wie das Beispiel UBS zeigt, stecken heute aber in den Konzernen Milliarden von Dollars aus staatlichen Fonds von autoritären Regimes, etwa von Singapur oder Saudi-Arabien. Wo also setzt man bei der Kritik an?

Die Probleme sind enorm. Sie wissen ja, die NGO-Welt besteht zum grössten Teil aus Freiwilligen, die daneben noch einen Job haben. Wir haben eine enorme Aufgabe vor uns, ich hoffe, wir werden das schaffen.

Sind die Globalisierungskritiker und -kritikerinnen kompetent genug?

Es braucht erst mal viel Ausbildung. Wir haben konkrete, machbare Vorschläge, etwa zu Besteuerungssystemen und zu Steueroasen. Diese müssen wir kommunizieren, deshalb spreche ich sehr gerne mit den Medien. Aber ich bin schon so lange in diesem Spiel, ich weiss, es braucht sehr viel Zeit, bis etwas auf die politische Agenda gesetzt wird.

Attac, die Sie mitbegründet haben, ist eine dezentrale Organisation. Müsste der Protest nicht abgesprochen werden?

Ein bisschen machen wir das schon. Aber leider sind wir keine Davos-Leute, unsere Budgets sind begrenzt. Zudem ist die Basis uneinheitlich, in den USA geht es oft um indigene Rechte, in Europa um einen anti-neoliberalen Kurs. Die Bewegung ist noch nicht bereit, sich auf Ziele zu einigen, das muss ich leider sagen.

Was fehlt der Bewegung noch?

Ich denke, wir sollten uns mehr lustig machen über diese Leute. Sie sind wirklich in vielerlei Hinsicht lächerlich.

Was zeichnet Aktivisten und Aktivistinnen aus?

Sie sind interessantere Leute als diejenigen auf der Gegenseite. Freunde meiner Eltern waren Unternehmensbosse, und ich sage Ihnen, das sind sehr langweilige Menschen.

Wird man eitel, wenn man immer zu den Guten gehört?

Nein. Es dauert so lange, bis man Themen auf die politische Agenda kriegt. Das ist harte Arbeit.

Woher haben Menschen einen Sinn für Gerechtigkeit?

Ach, kommen Sie! Wollen Sie eine ­philosophische Dissertation schreiben? - Sankt Augustin hat gesagt, Gerechtigkeit unterscheidet eine Gesellschaft von einer Bande von Dieben. Jetzt haben wir die Bande von Dieben an der Macht, und viele davon sind in Davos.

Nicht nur Bosse bereichern sich.

Ich glaube, man kann nicht rein sein in einer kapitalistischen Gesellschaft. Jeder nimmt sich etwas - ich auch, auf jeden Fall. Ich habe keine heilige Beschäftigung. Sie können Mutter Teresa sein, wenn Sie wollen, aber ich bin es bestimmt nicht und will es auch nicht sein. Ich will kein Leben, in dem es kein gutes Essen gibt, keinen guten Wein, keine guten Freunde, keine gute Musik.

Wie bleibt man über eine so lange Zeit motiviert wie Sie?

Ich stelle mir diese Frage nicht. Ich frage nur, was gibt es noch zu tun? Und ich glaube nicht, dass ich mich mit 73 Jahren noch gross ändern werde.

Muss man Optimistin sein?

Um Optimismus oder Pessimismus geht es nicht. Es gibt das wissenschaftliche Konzept von Kritikalität. Das bedeutet, ein System wird durch einen äusseren Einfluss in ein neues System verwandelt. Man kann nicht vorhersagen, wann das passiert. Selbst wenn man entmutigt ist, wenn man denkt, die Leute sind so dumm, und man dann etwas Sarkasmus braucht: Man muss auf den Moment hinarbeiten, in dem das System sich ändert. Ich werde das vielleicht nicht mehr erleben. Die Geschichte der menschlichen Emanzipation ist eine sehr lange Geschichte.

Susan George erhebt sich, eine elegan­te, stolze und strenge Dame, und be­tont, dass sie gerne einen Verweis auf ihr neues Buch möchte. Sie fragt nochmals nach, in welcher Zeitung das Inter­view er­scheinen werde und wie gross denn die Leserschaft sei, «knapp 100 000, das ist gut!» Dann zieht sich Frau ­George zurück, um für ihren Auftritt einen schwarzen Anzug und ein handteller­grosses goldenes Amulett anzulegen, in ihrer Garderobe, die von einem Hip-Hop-Star und einer Ex-Miss-Schweiz belegt ist. Der Computer ist nicht geklaut worden. Auf der Bühne wird sie einiges wörtlich wiederholen, was sie bereits im Interview gesagt hat.

Nach der Pause, als die lokale Prominenz - Stress, Winiger, Greis und Patrick Frey - die Negative Awards an den französischen Atomkonzern Areva und die Schweizer Rohstofffirma Glencore sowie den Positive Award an Hess Natur verteilt, taucht Frau George nicht mehr auf.


Das neue Buch von Susan George:
«La Pensée Enchaînée. Comment les droites laïque et religieuse se sont emparées de l'Amérique». Fayard. Paris 2007. 336 Seiten. Zirka 35 Franken.

Susan George

Die 1934 in den USA geborene Susan George ist eine der Leitfiguren der globalisierungskritischen Bewegung. Die Politologin und Publizistin beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Armut, Unterentwicklung und Verschuldung der Dritten Welt sowie Umweltfragen. Von 1989 bis 1995 sass George im Vorstand von Greenpeace International, zwischen 1999 und 2006 war sie Vizepräsidentin von Attac Frankreich, heute sitzt sie im Vorstand des Transnational Institute in Amsterdam. Sie wohnt in Paris, ist französische Staatsbürgerin, verwitwet, hat drei Kinder und vier Enkel.



Interview: Rachel Vogt

* Aus: Schweizer Wochenzeitung WOZ, 31. Januar 2008


Zurück zur Globalisierungs-Seite

Zur Seite "Neue Weltordnung"

Zurück zur Homepage