Schwellenländer im globalen Wirtschafts- und Finanzsystem, 21.06.2009 (Friedensratschlag)
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Rütteln am Käfig

Weg vom angeschlagenen US-Dollar: Große Schwellenländer wollen mehr Einfluß und neue Regeln im globalen Wirtschafts- und Finanzsystem. Ein Balanceakt ohne Netz

Von Tomasz Konicz *

Nichts Geringeres als die Neuordnung des globalen Währungs- und Finanzsystems stand diese Woche auf der Tagesordnung. Es war die Agenda des Doppelgipfels der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) und der BRIC-Staaten im russischen Jekaterinburg. »Historisch« nannte ihn Dmitri Medwedjew. Vermutlich zu Recht. Die SCO, der Rußland, China, Kasachstan, Kirgisien, Usbekistan und Tadschikistan angehören, ist ein eurasisches Sicherheitsbündnis, das als ein Gegengewicht zur NATO fungieren soll und insbesondere gegen die Präsenz der USA in Zentralasien gerichtet ist. Während die US-Streitkräfte damit begannen, ihre letzte Luftwaffenbasis im kirgisischen Manas zu räumen, begrüßte Medwedjew auch die Regierungsvertreter der Staaten, die inzwischen einen Beobachterstatus bei der SCO einnehmen. Hierzu gehören u.a. der Iran, Pakistan und Indien.

Historisch wurde der Gipfels am Dienstag (16. Juni) nachmittag. Da stellten die Staats- und Regierungschefs Brasiliens, Rußlands, Indiens und Chinas die Rolle des US-Dollar als Weltleitwährung infrage. Die nach den Anfangsbuchstaben ihrer Mitgliedsländer bezeichnete Allianz von Schwellenländern strebe den Aufbau einer »neuen Finanzarchitektur« an, sagte Medwedjew: »Zu diesem Zweck werden wir unsere Finanzminister und Notenbankchefs sowie Vertreter anderer interessierter Strukturen beauftragen, sich zu treffen, um Vorschläge zu unterbreiten.«

An konkreten Vorschlägen fehlte es bereits im Vorfeld des Gipfels nicht. So erwägen die BRIC-Staaten, gegenseitig Staatsanleihen zu erwerben und Währungen auszutauschen. Sie diskutierten, einen Teil ihrer Devisenreserven in Yuan oder Rubel zu konvertieren und so im bilateralen Handel den Dollar als Zahlungsmittel langsam zu ersetzen. Angestrebt wird eine »geordnete« Ablösung des Greenback. »Keiner will den Dollar zum Sturz bringen«, man sei an »Erschütterungen der Währungsmärkte« nicht interessiert, so der Wirtschaftsberater des russischen Präsidenten, Arkadi Dworkowitsch. Dies ist auch nicht verwunderlich, China und Rußland haben Unmengen von Dollar als Devisenreserven gebunkert. Pekings sitzt auf etwa 1950 Milliarden, Rußlands Staatsbank immerhin auf gut 130 Milliarden. Insgesamt halten die BRIC-Staaten mit 2,8 Billionen wohl fast die Hälfte der globalen Dollarreserven.

Dieser Geldberg soll auch durch einen Umstieg auf die Sonderziehungsrechte (Special Drawing Rights – SDR) des Internationalen Währungsfonds (IWF) abgebaut werden – eine künstliche, IWF-interne, Verrechnungseinheit. Diese basiert auf einem Währungskorb, an dem der Dollar »nur« noch mit 45 Prozent beteiligt ist. Der Anteil des Greenback an den internationalen Währungsreserven hingegen liegt aktuell bei etwa 65 Prozent. Der IWF will im Rahmen der Krisenbekämpfung Anleihen begeben, um frisches Kapital zu erlangen. Etliche Schwellenländer drängen darauf, daß diese auf SDR lauten. Zudem verlangen sie, daß Rubel und Yuan in den SDR-Währungskorb aufgenommen werden. China hat angekündigt, umgerechnet 50 Milliarden US-Dollar in solche IWF-Anleihen zu investieren, Rußland und Brasilien würden solche Papiere im Umfang von jeweils 20 Milliarden Dollar zeichnen. Experten des niederländischen Finanzkonzerns ING gehen davon aus, daß dadurch ein gewaltiger Abwertungsdruck auf die US-Währung entstünde.

Im Vorfeld des Gipfels in der Stadt am Ural hatten russische Spitzenpolitiker den Dollar wiederholt infrage gestellt – um wenig später diese Äußerungen zu relativieren. Die so »weichgekochte« Devise begab sich daraufhin auf eine Achterbahnfahrt an den Währungsmärkten, das Vertrauen in die Leitwährung wurde weiter unterhöhlt. Substantielle Umschichtungen der russischen Reserven – Richtung China, Brasilien und Indien – hatte die russische Zentralbank ebenfalls bereits im Vorfeld des Gipfels angekündigt. China wiederum gelang es in jüngster Zeit, mit Argentinien, Brasilien und Malaysia zu verabreden, den bilateralen Handel künftig in Yuan abzuwickeln. Auch in Moskau scheint man den Wechsel zur IWF-Kunstwährung nur als Zwischenlösung zu betrachten. Finanzminister Alexej Kudrin erklärte jüngst, daß der chinesische Yuan die Rolle des Dollar »innerhalb der nächsten zehn Jahre« übernehmen könnte.

Das wird ein heikler Balanceakt, der wohl kaum bruchlos und in geordneter Weise vollzogen werden kann. Der Dollar fungiert nicht nur als währungspolitisches Rückgrat der US-Hegemonie. Ohne die extrem ausufernde Verschuldung in den USA hätte auch China seine kapitalistische Industrialisierung nicht vollziehen können, wären Rußlands Deviseneinnahmen aus Rohstoffexporten nicht so hoch ausgefallen. Die Dollarberge in den Tresoren der BRIC-Staaten haben ihren Ursprung zum Großteil in der schuldenfinanzierten Aufnahmefähigkeit des US-Binnenmarktes. Dafür zahlten die USA mit Papiergeld (Dollar) und »Wertpapieren« (US-Staatsanleihen). Das führte zu einer Symbiose zwischen China und den USA, die historisch ihresgleichen sucht. Jede ernsthafte Abkehr Pekings vom US-Dollar würde automatisch zur Abwertung der eigenen Devisenreserven führen. Für China wären diese Verluste wohl nur dann verschmerzbar, wenn die USA von der chinesischen Wirtschaftspolitik nicht mehr als zentraler Exportmarkt betrachtet würden.

* Aus: junge Welt, 20. Juni 2009


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