Märchen von Davos

Beim Weltwirtschaftsforum wurde ein neuer Star des globalen Kapitals gekürt. Doch Lateinamerika bleibt trotz des Jubels abhängig wie nie zuvor

Von Benjamin Beutler *

Wenn sich die (vermeintliche) Crème de la Crème von Wirtschaftsbossen, globaler Politelite und Mainstreamintellektuellen im schweizerischen Luxusurlaubsort Davos trifft geht es gewohnt selbstlos zu. Diesmal stand nichts weniger als die »Verbesserung des Zustands der Welt« auf der Agenda des Weltwirtschaftsforums (WEF). Gemeint war ihre Welt, die jener »gemeinnützigen Organisation« WEF, mit den obligatorischen Luxuspartys der Milliarden-Dollar-Multis von Google über Deutsche Bank bis PricewaterhouseCoopers. Dabei wurde zugleich Lateinamerika als einer der neuen Stars des kommenden Booms ausgemacht.

Träume vom Aufbruch

Als dann am vergangenen Sonntag (30. Jan.) das diesjährige Weltwirtschaftsforum zu Ende ging, war die Stimmung unter den geladenen 2500 Gästen denkbar gut. »The boom is back«, hieß es erleichtert, nicht nur beim »Power Lunch« der US-Meinungsführerpostille Washington Post. Gab sich die Führungselite des modernen Kapitalismus nach dem Schreck des selbstverschuldeten Finanz- und Bankencrashs 2008/2009 und seiner verheerenden Folgen für öffentliche und private Haushalte rund um den Globus nach außen auch zurückhaltend, im inneren Kreis der Investmentbanker, Medienmogule und Hedgefonds-Manager wurde in alter Manier »optimistisch« auf das »Ende der Weltwirtschaftskrise« angestoßen.

Schon beim Arbeitsteil des mehrtägigen und angeblich unpolitischen 41. WEF-Treffens (die Rechnung für das Ganze wird komplett von den 1000 Global-Player-Mitgliedunternehmen übernommen) wurde vom Aufbruch geträumt. Angesichts »stagnierender Märkte« daheim projiziert die nach der Weltwirtschaftskrise 2010 gebeutelte Unternehmerschaft wiedererwachte Profithoffnungen auf die »Emerging Markets« (aufkommende Märkte). Kurz, man will wieder Neuland erobern. Das WEF-Motto »Gemeinsame Regeln für eine neue Realität« suggeriert dabei eine Art Kuschelkurs. In den Ohren der aufstrebenden Ex-Kolonien in Übersee klingt das eher wie eine Drohung. Denn in den Führungsetagen von Politik und Wirtschaft der Industrienationen geht neben Inflationssorgen und Abschwungs-Alpträumen vor allem ein Gespenst um: Die Angst vor knapper und teurer werdenden Ressourcen.

Es wundert daher nicht, daß neben Asien auch Lateinamerika zu einen bevorzugten Ort für das Stelldichein der Bosse auserkoren wurde. Der rohstoffreiche Kontinent (pünktlich zum Davos-Treffen hatte der Internationale Währungsfonds IWF die Wachstums­prognose 2011 für Lateinamerika von 4,0 auf 4,3 Prozent nach oben korrigiert) hat einiges zu bieten. Öl in Venezuela, Erdgas in Bolivien, chilenisches Kupfer, Kohle aus Kolumbien, Li­thium im Dreiländereck Chile, Bolivien, Argentinien für Millionen von Akkus künftiger E-Autos, Agrarprodukte wie Soja und Fleisch aus Brasilien. Diese schier unerschöpfliche Quelle bringt auch über 500 Jahre nach »El Dorado« und europäischer Eroberung der »Neuen Welt« die Augen von Investoren zum leuchten.

Doch darüber wurde in Davos nicht gerne geredet. Statt dessen schmierte man den angereisten Präsidenten aus Mexiko und Kolumbien, beides treue US-Verbündete, Honig ums Maul. Der Kontinent vom Rio Grande bis nach Feuerland mit seinen 500 Millionen Einwohnern sei ganz auf der Bühne der neuen Weltordnung angekommen, lobte Martin Sorrell, Chef des weltweit zweitgrößten Marketingkonzerns WPP, im »Lateinamerika-Panel« den neuen »Motor« der globalen Wirtschaft«. Daß der Wirtschaftsraum in seiner regionalen Verschiedenheit nicht einfach über einen Kamm geschoren werden kann, stört die Wachstumspropheten wenig. »Das ist die Dekade Lateinamerikas«, jubelte Sorrell das Zukunftspotential des wiederentdeckten Kontinents hoch.

Rohstofflieferant

»Brasilien organisiert die Fußballweltmeisterschaft und die Olympischen Spiele«, so der britische Marketing-Künstler und stellt damit die Großereignisse von 2014 und 2016 als Meßlatte für Wohlstand und Entwicklung hin. Ins selbe Horn stieß beim WEF William Rhodes. Der Boom in Lateinamerikas sei einer »ohne Zweifel«, so der Chef des US-Finanzkonzerns Citigroup. Auch Enrique Pescarmoza vom argentinischen Energieriesen IMPSA freute sich: »Wir haben zehn sehr gute Jahre vor uns, die wir ausnutzen werden«.

Kritische Stimmen gehen in dieser Flut toller Prognosen leicht unter. Ein in Davos wenig beachteter Bericht der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) warnt hingegen vor einem »Rückfall in die Primärgüterproduktion«. Grund der raschen Erholung von der »großen Rezession« sei nicht gestiegene Leistungsfähigkeit von Industrie und Dienstleistungen. Das momentane Wachstum beruhe vor allem auf den »Exporteinnahmen verkaufter Rohstoffe in die Schwellenländer Asiens«. Zahlen der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) belegen die strukturelle Vertiefung der Abhängigkeit. Im Dezember 2010 stiegen die entsprechenden Einnahmen um 29 Prozent auf ein historisches Hoch von umgerechnet 853 Milliarden US-Dollar. Chile, das unter den Vertretern der »freien Marktwirtschaft« als Musterland gilt, bestreitet 75 Prozent seiner Exporteinnahmen mit Kupfer. Will Lateinamerika, das eine noch größere soziale Ungleichheit aufweist als Afrika, nicht weiter Rohstofflieferant für die Entwicklung anderer sein, so müssen neue Rezepte her. Dem Märchen von Davos sollte kein Gehör geschenkt werden.

* Aus: junge Welt, 7. Februar 2011


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