"Die reden. Wir sterben": Ehemaliger Berufsoffizier entlarvt ein verlogenes System

Sabine Schiffer rezensiert das Buch von Andreas Timmermann-Levanas und Andrea Richter über Auslandseinsätze der Bundeswehr

Oberstleutnant a.D. Andreas Timmermann-Levanas ist enttäuscht und wütend und empört sich zu Recht. Er schreibt sich mithilfe von Co-Autorin Andrea Richter seine Desillusionierung von der Seele – in einem 235-Seiten starken Buch mit dem Titel "Die reden. Wir sterben." Nach 24 Dienstjahren bei der Bundeswehr entlarvt er ein verlogenes System, das Vaterlandsdienst und Solidarität einfordert und Fürsorge vorgaukelt, aber im entscheidenden Moment seiner Fürsorgepflicht den geschädigten Soldaten gegenüber nicht nachkommt. Seine faktengestützten, sachlichen und nur sehr selten ins Zynische abgleitenden Schilderungen zeigen eine Bundeswehr, die nicht mehr die Parlamentsarmee ist, als die sie einst gegründet wurde, sondern die zum Spielball der Politik geworden ist. Eine seiner zentralen Aussagen ist: „Ein wenig mehr Gradlinigkeit, gerade in Fragen, die zwischen Leben und Tod entscheiden können, wäre daher ebenso zu wünschen, wie ein größerer Konsens in der Politik, unabhängig von parteitaktischen Überlegungen“ (S. 55).

Timmermann-Levanas übernimmt Verantwortung für sich und seine Kollegen, indem er Fakten zusammenträgt, die in dieser Form bisher nicht gebündelt vorlagen: Er liefert eine historische Rückschau über die Betrachtung und Bewertung psychischer Kriegsfolgen und verschafft Außenstehenden einen Einblick in die aktuellen Verwaltungswege zwischen Bundeswehr und Ministerium. Mittlerweile hat er die Deutsche Kriegsopferfürsorge gegründet, die das leistet, was der Dienstherr versprochen hatte zu leisten: Ernstnehmen der Schicksale, Beratung und Betreuung. Timmermann-Levanas setzt die Solidarität fort, die unter den Diensttuenden gelebt wurde und wird. Aber sie kann kein Überleben sichern in einem Krieg, für den die Bundeswehr nicht ausgerüstet ist, sie kann auch nicht das Wieder-Ankommen oder Überleben nach dem Krieg sichern. Im Laufe der Lektüre wird deutlich: So wie mit dem Leben der Soldaten gespielt wird, so auch mit denen, die die Einsätze – trotzdem – überleben.

Insofern hat der Titel unbedingt recht – die Politik schickt die Soldaten in den Krieg und lässt sie dabei gleichzeitig im Stich – vereinnahmt sogar noch Selbsthilfeinitiativen wie das online-Projekt www.angriff-auf-die-seele.de und mittlerweile auch die Arbeit von Timmermann-Levanas – als Leistung der Bundeswehr.

Dabei übersieht der Autor allerdings einen Teil des Diskurses, wenn er beklagt, dass erst unter Minister zu Guttenberg der Krieg auch als solches bezeichnet werden dürfe und dass man zuvor durch die Leugnung des Kriegszustandes den Soldaten ihre Rechte vorenthalten habe. Letzteres stimmt zweifelsohne, aber während die offiziellen Staatsparolen vom „Kampf für Demokratie und Menschenrechte“ und dem „notwendigen Krieg gegen den Terror“ breiten Raum in den Medien einnahmen - um aus der passiven Mehrheit der Bevölkerung, die die Auslandseinsätze ablehnt, keine Aktiven zu machen - erhält die Friedensbewegung in der Öffentlichkeit allenfalls einen Bruchteil der Aufmerksamkeit. Sonst hätte Timmermann-Levanas wie viele Kollegen leichter bemerken können, dass der Terminus „Krieg“ bei denjenigen, die ihn ablehnen, bereits lange im Gebrauch ist und man für diese realistische Benennung nicht wenig gescholten wurde (siehe u.a. die Ostermarschreden der Autorin, sowie etliche Publikationen zum Thema, u.a. auf www.ag-friedensforschung.de).

Der Soldat Timmermann-Levanas jedoch stellt die Rechtmäßigkeit der Einsätze nach wie vor ausnahmslos nicht in Frage. Vom Parlament beauftragt, wähnt er sich im Dienste Deutschlands. Er scheint in gewisser Weise gar im toten Winkel seiner Dienstauffassung zu weilen, hat er doch die Urteile des Bundesverfassungsgerichts wahrgenommen, die diversen Auslandseinsätzen Grundgesetzkonformität bescheinigten, ignoriert aber die Urteile der Verwaltungsgerichte im Falle des Majors Florian Pfaff, die in Richtung Rechtsbruch des Völkerrechts weisen. So ist der Autor - wie viele Soldaten auch - in der Rückschau und mit Abstand zu den Einsätzen von der vermittelten Vorstellung des Helfens vereinnahmt. Das ist ihr hehres Ziel gewesen, dafür haben sie sich eingesetzt, dafür haben sie gelitten. Und wer beispielsweise das Buch von Florian Pfaff „Totschlag im Amt“ liest, bekommt ein Gespür dafür, wie schwer es ist, sich den Widersprüchen in den Vorgaben kritisch zu stellen. Etwa, wenn Timmermann-Levanas zur Friedensbewegung in den 1980er Jahren schreibt „Wir alle können uns damals den Luxus erlauben, im funktionierenden Frieden zu diskutieren […].“ (S. 112), dann übersieht er das Faktum, dass seit dem zweiten Weltkrieg kontinuierlich Kriege außerhalb Deutschlands geführt wurden und es immer auch darum ging, in dieses System nicht wieder einzusteigen.

Ein Geschmäckle der Kriegspropaganda und der publizistischen Unterstützung des Ministers Guttenberg hat zum Beispiel das Buch von Julian Reichelt und Jan Meyer „Ruhet in Frieden, Soldaten!“, das mir weniger von einem echten Mitgefühl für unsere Soldaten als von dem Geist der Kriegslegitimierung und sogar -eskalation getragen scheint. Dazu wird sowohl die Frage der Ausrüstung als auch die Beschreibung des Konflikts mit dem geschassten Generalinspekteur Schneiderhan benutzt: quasi en passant erfährt der Leser etwas Wesentliches: Schneiderhan hatte sich dem Einsatz der Artilleriewaffe PAH 2000 entgegengestellt, da er sie als Eskalationssignal eingeschätzt hatte. Seit Mai 2010 wird sie in Afghanistan eingesetzt. Zudem neigen die beiden BILD-Reporter dazu, die alte Mär vom Versagen der „Heimatfront“ noch einmal aufzuwärmen. Die Ablehnung des Afghanistankrieges durch breite Kreise der Bevölkerung der Bundesrepublik kann so zum kollektiven Schuldgefühl umgemünzt werden, was diejenigen nicht verwundern dürfte, die Reichelts Texte und Feindbilder aus der Bildzeitung kennen.

Von ganz anderer Qualität ist der hier besprochene und äußerst informative Bericht von Andreas Timmermann-Levanas. Jedem Aktiven in der Friedensbewegung kann nur zugeraten werden, sich mit dieser Perspektive auseinandersetzen – wie man dieses Buch jedem empfehlen kann, die/der überlegt, zur Bundeswehr zu gehen. Und ihm auch darüber hinaus ein breites Lesepublikum wünscht.

Angesichts der neuen Lebensrealität, mit der SoldatInnen und Ex-SoldatInnen konfrontiert sind, ist ein Infragestellen dessen, für was man meinte Dienst zu tun, eine besonders schwierige Aufgabe, die gar nicht im Zentrum des Interesses der direkt Betroffenen stehen dürfte: nämlich dann, wenn eine Posttraumatische Belastungsstörung PTBS jeden Tag ihren Tribut fordert. Wer darunter leidet, hat kein Leben mehr. Die lange unterschätzte und dann totgeschwiegene Krankheit ist schwer therapierbar, dafür aber umso unberechenbarer, wie der Autor an einigen Beispielen eindrücklich schildert. Diese Erkrankung, wie weitere psychische Störungen und die Zunahme von Gewalt im Alltag nach dem Einsatz, wird nach wie vor heruntergespielt. Und an dieser Stelle wird der Verrat an den Soldaten am deutlichsten, denn die Beweislast für einen Zusammenhang des jeweiligen Krankheitsbildes mit konkreten Einsatzsituationen liegt beim Betroffenen. Die Mehrzahl der Fälle wird – trotz klarer Voten der zuständigen Militärpsychiater – unter fadenscheinigsten Begründungen abgeschmettert und das größtenteils durch eigens beauftragte externe Gutachten von zivilen Ärzten. So wird beispielsweise der Antrag des Autors mit der Begründung abgelehnt, dass er auf Grund seiner Tätigkeit als Presseoffizier ja die Kampfhandlungen „nicht persönlich erlebt“ hätte. Das spart Kosten und die Einsicht, wie die Kriegseinsätze unsere Gesellschaft verändern werden. Die Leser können nun erahnen, was sich hinter den geschönten und beschönigenden Statistiken für Schicksale verbergen. Freilich ist es kein Trost, dass die Bundeswehr keine Ausnahme darin bildet, dass körperliche Verletzungen leichter erkannt und anerkannt werden als psychische.

Während der Autor die Versäumnisse auch mit historischen Fakten belegt – etwa das lange Ignorieren von Strahlenschäden bei Soldaten, die an Radaren Dienst taten – so muss man seiner Interpretation, warum die Bundeswehr oder das Verteidigungsministerium ihre Diskursstrategie oder auch die Anerkennungspraxis von Versehrtheit jeweils änderte, nicht immer folgen. Während er – auch in weiteren Interviews – durchaus darauf hinweist, dass die Situation der SoldatInnen Thema der Politik ist, erkennt er dies bei der Bewertung von Einzelentscheidungen nicht. In Bezug auf die späte Anerkennung der Radarstrahlung als Grund für die Gesundheitsschädigung etlicher Bundeswehrsoldaten – was übrigens bis heute nicht zu einer auch nur ansatzweise angemessenen Entschädigung geführt hat – übersieht Timmermann-Levanas den politischen Kontext, in dem diese Schäden schließlich anerkannt wurden. Im Jahre 2001 ging es nämlich um das Verharmlosen der Gefahren, die von urangehärteten Geschossen ausgingen, was damals noch Medienthema war. Durch die – instrumentelle – Aktualisierung des Radarthemas in diesem Kontext, beispielsweise in der sog. Sommer-Studie (von Zeit-Herausgeber Theo Sommer, sic!), wurde das neu aufgekommene Problemthema zu einem unter vielen erklärt und somit erfolgreich heruntergespielt. Und diese Instrumentalisierung kann wieder passieren, etwa wenn das Schicksal der Soldaten von politischer Seite nun anerkannt wird, um es schließlich als Votum für den Krieg zu nutzen – im Sinne der weiter oben beschriebenen Diskursstrategie der Bildzeitungsautoren. Frei nach dem Motto: Das Leid unserer Soldaten muss doch einen Sinn gehabt haben!

Ob es den Opfern dieser menschenverachtenden Politik – wie Timmermann-Levanas und vielen anderen (und wozu auch die im Buch nicht erwähnten Zivilisten vor Ort gehören!) – zuzumuten ist, heute ihre Mission in Frage zu stellen, kann ich nicht beurteilen. Ich stelle mir das besonders schwer vor angesichts der Folgen, mit denen sie nun leben müssen. Der Verrat an ihnen war doppelt: Man hat den Soldaten weder die Mittel noch die Anerkennung und Fürsorge zu teil werden lassen, mit den Folgen ihrer Verletzungen einigermaßen angemessen zu leben. Und man hat ihnen nicht ehrlich gesagt, wofür sie wirklich kämpften, damit sie über die Rechtmäßigkeit dessen dann hätten nachdenken und sich entscheiden können. Nicht wenige UNO-Mandate haben sich als von anderen Interessen als Menschenrechten und Völkerrecht getragen entpuppt.

Und somit sucht man im Buch eine Forderung wie die folgende vergeblich: Mit Jean Ziegler und Joseph Stiglitz sollte einmal durchgerechnet werden, ob es rein ökonomisch – denn das scheint der einzige Maßstab für politische Entscheidungen zu sein – nicht sinnvoller wäre, Rohstoffe fair zu bezahlen anstatt die Entrechteten und Ausgehungerten dafür bekämpfen zu lassen.

Andreas Timmermann-Levanas, Andrea Richter: Die reden. Wir sterben. Wie unsere Soldaten Opfer der deutschen Politik werden. Campus Verlag: Frankfurt u.a. 2010, 265 Seiten, 18,90 EUR, ISBN: 978-3-593-39342-1

Die Autoren:

Oberstleutnant a. D. Andreas Timmermann-Levanas ist Staats- und Sozialwissenschaftler und ehemaliger Berufsoffizier mit 24 Dienstjahren. Er war als Pressesprecher der ISAF-Mission in Afghanistan und davor in Bosnien im Einsatz und hatte Kontakt zu Außen- und Verteidigungsministern. Er überlebte mehrere Anschläge, 2009 musste er die Bundeswehr aus gesundheitlichen Gründen verlassen und gründete die Deutsche Kriegsopferfürsorge, die Wehrdienstbeschädigten und ihren Angehörigen hilft.
Andrea Richter ist Historikerin, Journalistin und Autorin. Sie ist Trägerin des Deutschen Biographiepreises 2010.




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