Von Waschbrettköpfen und Kettenhunden

Bundeswehr fühlt sich beleidigt - Fast eine Realsatire

Vor einem Jahr erfand der Berliner Satiriker Wiglaf Droste ein neues Wort: "Waschbrettkopf". So bezeichnete er anlässlich eines Rekrutengelöbnisses am 20. Juli 1999 in Berlin in einem Kommentar für die taz den Idealtypus eines Feldjägers. Nun soll er dafür, so will es die Berliner Staatsanwaltschaft und so verfügte eine Berliner Richterin, eine Strafe von 2.100 DM bezahlen. Dass sich Wiglaf Droste dagegen zur Wehr setzt, ist klar, ist die Gerichtsverhandlung für ihn doch ein gefundenes Fressen, seinen Hang zur Satire weiter auszuleben.

Feldjäger, so hieß es damals in Drostes Glosse, "erkennt man an ihrem Waschbrettkopf. Man fragt sich, was passiert sein muss, dass einer, der doch wahrscheinlich als Mensch geboren wurde, so etwas werden kann: ein Kettenhund." Ein Kommandeur eines Leipziger Feldjägerbataillons fühlte sich durch diese Beschreibung derart beleidigt, dass er Anzeige gegen Droste erstattete. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage.

Drostes Anwalt, Albrecht Götz von Olenhusen, hat bei der Duden-Sprachberatung nachgefragt, was es mit den beiden Begriffen "Waschbrettkopf" und "Kettenhund" auf sich habe. Das Gutachten des Duden kam zu folgendem Ergebnis: Das Wort "Kettenhund" ist eine im Ersten Weltkrieg entstandene Bezeichnung für Angehörige der Feldgendarmerie. Der Gebrauch des Begriffs habe zwar etwas Abwertendes, beleidigend sei der Begriff aber nicht. Zum "Waschbrettkopf" fiel dem Duden keine Bewertung ein, weil es sich hier um eine "brandneue" Wortschöpfung des Autors handle, die in der Duden-Sprachkartei mit mehreren Millionen Einträgen nicht zu finden sei.

Zum Prozess, der am 19. September 2000 in Berlin stattfindet, hat sich eine Reihe prominenter Schriftsteller, Satiriker, Karikaturisten und sonstiger Künstler angemeldet. Viele sind von der Verteidigung gebeten worden, als "sachverständige Zeugen" mit Prosa-, Lyrik-, Ton- und Zeichen-Gutachten bei der Wahrheitsfindung zu helfen. Friedrich Küppersbusch zum Beispiel assoziierte bei den inkriminierten Begriffen spontan seinen "schlesischstämmigen", das heißt "ebenso schlesischen wie stämmigen" Metzgermeister, der mit Vorliebe Landjäger verkauft. Vielleicht, meint die Frankfurter Rundschau (18.09.00), "wird das Gericht ja statt eines Strafbefehls eine Urkunde für die schönste Interpretation ausstellen". Schön wär's! Doch ehrlich gesagt trauen wir zur Zeit keinem Berliner Gericht so viel Souveränität im Umgang mit scharfzüngiger Satire zu, die sich noch dazu an einem der heiligsten deutschen Kulturgüter, dem Militär, vergreift.

Im Folgenden geben wir eine kleine Kostprobe der erstellten "Zeugenaussagen". Vieles davon und noch mehr wird zu gegebener Zeit in der taz, in der "Titanic" und wohl auch in anderen demokratischen Blättern veröffentlicht werden. Viel Vergnügen beim Lesen!

Mörder wollen keine Waschbrettköpfe sein

von RALF SOTSCHECK
Hohes Gericht! Ich bin an allem schuld. An jenem Sonnentag im Juli 1999 wollte Wiglaf Droste eigentlich an die Krumme Lanke zum Baden fahren, als ihn unvorbereitet mein Anruf ereilte. In meiner damaligen Eigenschaft als Leiter der Berlin-Redaktion der taz beschwor ich ihn, mir einen kleinen, fiesen Kommentar zum Gelöbnisbrimborium zu schreiben. Droste zierte sich zunächst, schob andere Verpflichtungen vor, gab aber alsbald seinen Widerstand auf und fügte sich in sein Schicksal, weil er wusste, dass ich im Autorenauswringen geübt bin.

Der Text kam erstaunlich früh, hatte die richtige Länge und musste nicht redigiert werden. Oha, dachte ich. Kollege Droste, der von den Nürnberger Nachrichten einmal als "die Nilpferdpeitsche unter den deutschen Kolumnisten" bezeichnet wurde, geht aber sanft mit Soldaten um. Kettenhunde und Waschbrettköpfe? Das klingt ja wie Fischers Fritzen. Oder Scharpings Schnuckelchen. Da wären mir ganz andere Substantive eingefallen. Die behalte ich jedoch besser für mich.

Umso erstaunter war ich, als ich hörte, dass sich ein Major aus einer ostdeutschen Großstadt beleidigt fühlte und Klage eingereicht hatte. Mörder wollen keine Waschbrettköpfe sein? Das ist so ähnlich, als wenn ein verurteilter Kinderschänder sich darüber beschwert, dass ihm in der Presse schmutzige Fingernägel unterstellt worden sind.

Aber ist "Waschbrettkopf" überhaupt eine Beleidigung? Ich fragte den wahren Waschbrettkopf Jack Clarke, der waschbrettköpfiger ist, als es ein Major je sein könnte. Er betreibt eine Wäscherei in Süd-Dublin. Der Laden heißt "The Wash Board", das Waschbrett, und als Chef ist er der "Head of the Wash Board", also der Waschbrettkopf.

Ob er es als Beleidigung empfinde, wenn ich ihn so nenne, fragte ich ihn. "Aber nein, ich habe kein Problem damit", antwortete er, "denn ich bin ja der Waschbrettkopf." Ich klärte ihn darüber auf, dass es in Deutschland sehr wohl als Beleidigung angesehen werde. Clarke hätte beinahe aufgelegt, weil er dachte, ich wollte einen Schabernack mit ihm treiben. Alberne Anrufe ist er gewohnt, die meisten Witzbolde erkundigen sich, ob er einen Waschbrettbauch habe. Die Frage nach einem Waschbrettkopf war ihm neu, und deshalb legte er nicht gleich auf, sondern ließ sich von der Ernsthaftigkeit meiner Anfrage überzeugen. Clarke war empört: Head of the Wash Board - das sei ein ehrenwerter Beruf. Von wem denn der Major seine dreckigen Socken waschen lasse? Von seinen Kettenhunden vielleicht? "Ich empfinde es als Beleidigung, dass der Herr Major dieses Wort beleidigend findet", ärgerte sich Jack Clarke. Er hat Recht. Wenn mich jemand als Major bezeichnete, und ich fühlte mich deshalb beleidigt, würden sich dann nicht alle Majore der Welt beleidigt fühlen, weil ich ihren Titel als Beleidigung empfinde? Können Sie mir folgen, hohes Gericht? Wollen Sie nicht lieber den Major wegen Beleidigung von Herrn Jack Clarke und allen anderen ehrlichen Waschbrettköpfen anklagen?

Der Gutachter ist diplomierter Wirtschaftspädagoge (34 Semester) Aus: taz-Berlin, 18.09.2000

Christian Y. Schmidt

Seitdem sich Waschmaschinen durchgesetzt haben, werden Waschbretter nicht mehr zu ihrem ursprünglichen Zweck gebraucht, sondern hauptsächlich von so genannten Skiffle-Bands als Rhythmusinstrument verwendet. Die Beatles z. B. spielten in ihrer Frühzeit Skiffle. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist also ein Waschbrettkopf jemand, der nichts als Waschbrettmusik im Kopf hat. Da es sich aber bei den Beatles um die berühmteste Skiffle-Band aller Zeiten handelt, muss davon ausgegangen werden, dass es sich bei Waschbrettköpfen um entweder sehr große Beatles-Fans handelt oder aber um Angehörige der Beatles selbst. Bei den Feldjägern ist Letzteres zu unterstellen. Jeder Feldjäger trägt z. B. einen Schlag- (zeug)stock mit sich, um damit den Beat zu schlagen. Droste behauptet also nichts anderes, als dass ein Feldjäger ein ehemaliges Mitglied der Beatles ist, wahrscheinlich der Schlagzeuger der Gruppe, Ringo Starr. Da es sich bei Herrn Starr um den sympathischsten Exbeatle handelt, kann bei der Bezeichnung "Waschbrettkopf" von einer Beleidigung nicht die Rede sein.
Der Gutachter ist Literaturwissenschaftler (M.A.) und Versorgungsoffizier a. D.

Fritz Eckenga

Der Soldat trägt auf dem Kopf
zum Schutz vor Schmutz nen Übertopf.
Immer muss er Obacht geben,
dass das Töpfchen richtig sitzt,
weils im Feld bei Wind und Regen
öfter auch mal tüchtig spritzt.
Sauber bleibt des Söldners Birne
aber nur, wenn er sie stur,
von der Haarspitz bis zur Stirne
gut betopft rund um die Uhr.
Kugel, Schlamm und Bajonett
wehrt der Kopftopf eisern ab,
wie auch nachts im Unterbett
Oberschläfers nasses Schwapp.
Wehe aber dem Soldaten,
der sich topflos Feindgranaten
oder den Ejakulaten
seiner Stubenkameraten
aussetzt und dem Oberst zeigt!
Wie der dem die Meinung geigt:
"Der Soldat trägt auf dem Kopf,
zum Schutz vor Schmutz nen Übertopf!
Andernfalls schrubbt er den Dreck
mit den eignen Griffeln weg!
Ab in `n Waschraum! Los! Ratzfatz!
Hochdruckdüse, Fräsaufsatz,
Bürste, Spachtel, Akopads!
Alles runter bis zur Platte,
darauf die Armierungsmatte,
heiß verklebt, danach grundiert,
schließlich buchenholzfurniert,
Nut und Feder müssen sitzen,
wehe, ich seh nachher Ritzen!
Los, poliern Sie sich die Fresse,
wehe ich mich selbst vergesse!"
Die Moral von der Geschicht,
Soldaten sind per se nicht dicht,
doch die Ärmsten aus dem Haufen
sind schon gänzlich leck gelaufen.
Man erkennt sie obenrum,
entscheidendes Kriterium:
Sie tragen keinen Übertopf
auf dem harten Waschbrettkopf.
Der Gutachter ist vereidigter Endreimprozessbeschleuniger am Landgedicht Dortmund

Fritz Tietz

Waschbrettkopf kommt von Waschbrettbauch, und wegen dem ist doch wohl niemand, auch kein Feldjäger, beleidigt. Im Gegenteil. Viele, auch Feldjäger, trainieren sogar extra dafür, weil nun mal viele Frauen (vor allem in Feldjägerkreisen) auf heizkörperrippenförmige Muckis stehen. Ganz anders ist das jedoch bei dem bislang viel zu wenig bedachten Pendant zum Waschbrettbauch, dem Waschmaschinenbauch, so wie zum Beispiel Herr Droste selber einen hat und übrigens auch ich und einige andere mehr hierzulande: einen Bauch nämlich mit Platz für mindestens ein bis zwei Trommeln (ich) zzg. einem Betongewicht gegen das Hoppeln beim Schleudern (Droste). Mit solchem Wanst im Gepäck würde man nicht nur bei der Bundeswehr kein Land sehen, so ein Waschmaschinenbauch gilt auch sonst (Werbung, Medien, Außenministerium) als ziemlich out. Demnach wäre die wirkliche Feldjäger-Beleidigung gewesen: Waschmaschinenkopf. Aber doch nicht das alles in allem schmeichelhafte Waschbrettkopf. Deshalb, Euer Ehren, mein Vorschlag zur Güte: Free Wiglaf!
Der Gutachter absolvierte ein abgebrochenes Theologiestudium (ev.) und ist dennoch Autobahnpfarrer

Gabriele Rittig

Ein Waschbrettkopf ist selbstverständlich der Kopf eines Mannes, der mit dem Waschbrettbauch denkt und ein Brett vor dem Kopfe haben mag wegen eines zu intensiven Trainings der eher körperlichen Fähigkeiten. (...) Dies zeichnet insbesondere den Feldjäger aus, ist er doch einer, der wie ein Hund die Hasen jagt und sie dann seinem Herrchen apportiert, weshalb es ja reicht, wenn der Herr denkt und nicht der Hund.
Die Gutachterin ist Rechtsanwältin und Justiziarin der Satirezeitschrift Titanic

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