Klare: Die Hunger-Kriege der Zukunft, 14.08.2012 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Die Hunger-Kriege in unserer Zukunft:

Hitze, Dürre, steigende Nahrungsmittelpreise und globale Aufstände

Von Michael T. Klare *

Die „Große Dürre“ (d.h. in den USA, E.F.) von 2012 muss erst noch enden, aber wir wissen bereits, dass ihre Folgen sehr ernst sein werden. Bei über der Hälfte der Bezirke in den USA als offiziell erklärte Dürre-Katastrophengebieten werden die Mais- und Sojaernten, sowie die anderer Grundnahrungsmittel garantiert weit unterhalb der Erwartungen ausfallen. Dies wiederum wird die Nahrungsmittelpreise in den USA und weltweit in die Höhe treiben, mit der Folge von wachsendem Elend für Farmer und den unteren Einkommensgruppen in den USA und noch viel größeren Entbehrungen für die Armen in den Ländern, die auf Getreideimporte aus den USA angewiesen sind. Dies ist aber nur der Beginn der vermutlichen Folgewirkungen : wenn man die Geschichte als Lehrmeister nimmt, werden steigende Nahrungsmittelpreise auch zu verbreiteten sozialen Unruhen und gewaltsamen Konflikten führen.

Nahrungsmittel, jedenfalls solche die erschwinglich sind, sind essentiell für das menschliche Überleben und Wohlbefinden. Wenn es an ihnen mangelt, werden Menschen verängstigt, verzweifelt und wütend. In den USA, wo die Nahrungsmittel nur den verhältnismäßig kleinen Anteil von ca. 13% des durchschnittlichen Familien-Budgets ausmachen, wird der Anstieg der Nahrungsmittelpreise in 2013 für die meisten mittleren und oberen Einkommensgruppen wohl nicht besonders spürbar sein. Er könnte aber beträchtliche Entbehrungen für die ärmeren und arbeitslosen Amerikaner mit begrenzten finanziellen Mitteln zur Folge haben. „Wir sprechen hier über einen beträchtlichen Happen aus den Familien-Budgets,“ kommentierte Ernie Gross, ein Agrarwissenschaftler an der Creighton University in Omaha. Dies könnte die bereits vorhandene Unzufriedenheit in den von Wirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit betroffenen Gebieten noch erhöhen, und eventuell eine starke Gegenreaktion für politische Amtsinhaber und andere Formen von Streit und Unruhen auslösen.

Es ist aber wohl die internationale Arena, in der die Große Dürre vermutlich die verheerendsten Auswirkungen zeitigen wird. Da so viele Nationen von Getreideimporten aus den USA zur Ergänzung ihrer eigenen Ernten abhängen, und weil starke Dürren und Überflutungen auch andernorts die Ernten beschädigen, ist zu erwarten, dass die Nahrungsmittelvorräte schwinden und die Preise weltweit steigen. „Alles was die Versorgungslage in den USA beeinflusst, hat enorme Auswirkungen in der ganzen Welt,“ so der Nahrungsmittel-Experte vom Chicago Council on Global Affairs, Robert Thompson. Sobald die am meisten von der Dürre betroffenen Ernten, Mais und Soja, vom Weltmarkt verschwinden, so stellte er fest, werden die Preise für alle Getreidesorten, einschließlich Weizen, voraussichtlich in die Höhe schießen und damit denjenigen immense Entbehrungen verursachen, die ohne hin bereits Probleme haben, ihre Familien ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

Die Hunger-Spiele, 2007-2011

Natürlich ist es unmöglich vorherzusagen, was genau als nächstes passieren wird. Aber wenn die unmittelbare Vergangenheit als Lehrbeispiel genommen wird, dann könnte es sehr hässlich werden. In den Jahren 2007-2008, als Reis, Mais und Weizen Preissprünge von 100% und mehr erfuhren, lösten starke Preisanstiege, besonders bei Brot, „Nahrungsmittel-Aufstände“ in über zwei Dutzend Ländern aus, so in Bangladesch, Kamerun, Ägypten, Haiti, Indonesien, Senegal und Jemen. In Haiti wurden die Aufstände so gewaltsam, und das öffentliche Vertrauen in die Fähigkeit der Regierung, das Problem zu lösen schwand so stark, dass der Haitische Senat mit einer Abstimmung den Präsidenten, Jacques-Édouard Alexis, seines Amtes enthob. In anderen Ländern lieferten sich die Protestierenden Kämpfe mit Polizeikräften mit anschließend dutzenden von Toten.

Diese Preisanstiege von 2007-2008 wurden größtenteils den in die Höhe schießenden Kosten für Öl zugeschrieben, die die Nahrungsmittelherstellung verteuerten. ( Der Einsatz von Öl ist weitverbreitet in der landwirtschaftlichen Produktion, bei Bewässerung, Nahrungsmittelverteilung und der Herstellung von Pestiziden.) Zur gleichen Zeit wurde weltweit in wachsendem Ausmaß anbaufähiges Land von Nahrungsmittelherstellung auf den Anbau von Pflanzen für Biokraftstoffe umgestellt.

Der nächste Preissprung von 2010-2011 wurde eng mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht. Während des Sommers 2010 wurde ein großer Teil von Russlands Osten von einer starken Dürre erfasst, die die Weizenernte dieser Brotkorb-Region um ein Fünftel reduzierte und Moskau veranlasste, alle Weizenexporte zu verbieten. Die Dürre traf auch Chinas Getreideernte, während weite Überschwemmungen einen Großteil von Australiens Weizenernte zerstörten. Zusammen mit anderen von Extrem-Wetterlagen verursachten Auswirkungen ließen diese Katastrophen die Weizenpreise um über 50 % und die Preise für andere Grundnahrungsmittel um 32 % in die Höhe schießen.

Einmal mehr führte ein scharfer Anstieg von Nahrungsmittelpreisen zu verbreiteten sozialen Unruhen, die sich dieses Mal auf Nordafrika und den Nahen/Mittleren Osten konzentrierten. Die ersten Proteste entstanden über die Kosten der Grundnahrungsmittel in Algerien und dann in Tunesien, wo – nicht zufällig – die Selbstverbrennung eines jungen Nahrungsmittelhändlers, Mohamed Bouzizi, aus Protest gegen regierungsamtliches Schikanieren das auslösende Ereignis bildete. Ärger über steigende Nahrungsmittel- und Kraftstoffpreise in Verbindung mit lang schwelendem Groll über Korruption und Repressionen seitens der Regierung entfachten, was als Arabischer Frühling bekannt geworden ist. Steigende Preise für Grundnahrungsmittel, insbesondere der Preis für einen Laib Brot, waren auch Auslöser von Unruhen in Ägypten, Jordanien und dem Sudan. Andere Faktoren, so vor allem die Verärgerung über fest etablierte autokratische Regime, waren wohl noch wirksamer in jenen Fällen, aber, wie Christian Parenti, Autor von „Tropic of Chaos“ schrieb, „ Das auslösende Problem konnte, zumindest teilweise, zu jenem Laib Brot zurückverfolgt werden.“

Was die gegenwärtige Dürre betrifft, so warnen Analysten bereits vor Instabilität in Afrika, wo Mais ein Grundnahrungsmittel ist und vor wachsenden Unruhen in China, wo Nahrungsmittelpreise vermutlich steigen werden bei sich verschärfenden Entbehrungen für die große Masse der niedrig entlohnten Wanderarbeiter und armer Bauern des Landes. Höhere Nahrungsmittelpreise in den USA und China könnten auch zu verringerten Ausgaben der Verbraucher für andere Waren führen und somit zu einer Konjunkturabschwächung in der Weltwirtschaftbeitragen, die weltweit noch mehr Not produzieren würde, mit unvorhersehbaren gesellschaftlichen Folgen.

Die „Hunger-Spiele“, 2012?

Wenn dies lediglich nur eine schlechte Ernte in nur einem einzigen Land wäre, könnte die Welt zweifellos die daraus resultierenden Entbehrungen absorbieren und in den folgenden Jahren wieder auf die Füße kommen. Unglücklicherweise wird es zunehmend evident, dass die Große Dürre von 2012 nicht ein einmaliges Vorkommnis in einem einzigen Kernland darstellt, sondern eher eine unvermeidliche Folge der globalen Erwärmung, die sich zudem noch intensivieren wird. Als Folge können wir nicht einfach nur schlimme Jahre mit extremer Hitze erwarten, sondern noch schlimmere Jahre, heißer und häufiger, und das nicht bloß in den USA, sondern weltweit und auf unbestimmte Zeit.

Bis vor kurzem zögerten die meisten Wissenschaftler, bestimmte einzelne Stürme oder Dürren auf die globale Erwärmung zurückzuführen. Nun aber glaubt eine wachsende Anzahl von Wissenschaftlern, dass eine derartige Verbindung in einzelnen Fällen nachgewiesen werden kann. In einer kürzlich erschienenen Studie über extreme Wetterereignisse in 2011 z.B. schlussfolgerten Klimaspezialisten am National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) und Groß-Britanniens National Weather Service, dass menschengemachter Klimawandel die intensiven Hitzeperioden , wie sie Texas 2011 erlebte, wahrscheinlicher als je zuvor gemacht hat. Veröffentlicht im „Bulletin of the American Meteorological Society“, berichteten sie, dass die globale Erwärmung dafür gesorgt habe, dass diese texanische Hitzeperiode um zwanzig Mal wahrscheinlicher angefallen sei als es 1960 der Fall gewesen wäre; und ungewöhnlich warme Temperaturen, wie sie Groß-Britannien im November letzten Jahres erlebte, sollten aufgrund der globalen Erwärmung 62 mal wahrscheinlicher sein.

Es ist noch zu früh, die von diesen Wissenschaftlern angewandte Methode zum Errechnen der Auswirkungen von globaler Erwärmung auf Hitzeperioden des Jahres 2012 zu verwenden, die sich als weit ernsthafter erweisen, aber wir können davon ausgehen, dass eine hohe Korrelation bestehen wird. Und was können wir für die Zukunft erwarten, wenn die Erwärmung weiter an Stärke gewinnt?

Wenn wir über den Klimawandel nachdenken (falls wir überhaupt darüber nachdenken), dann sehen wir in unserer Vorstellung steigende Temperaturen, außergewöhnliche Stürme, schreckliche Waldbrände und steigende Meeresspiegel. Neben anderen Dingen wird dies zu Beschädigungen in der Infrastruktur und verminderter Nahrungsmittelversorgung führen. All dies sind natürlich Manifestationen in der physischen Welt, nicht in der sozialen, die wir bewohnen und von der wir in vielfältiger Weise für unser Überleben und Wohlbefinden abhängen. Die rein physischen Auswirkungen des Klimawandels werden sich zweifelsfrei als katastrophal erweisen. Aber die sozialen Auswirkungen bis hin zu, irgendwo in der Kette, Lebensmittelaufständen, Massenhungersnöten, Staatszusammenbrüchen, Massenmigrationen und Konflikten jeglicher Art einschließlich bis hin zu ausgewachsenen Kriegen, könnten sich als noch zerstörerischer und tödlicher erweisen.

In ihrem enorm erfolgreichen Jugend-Roman „Die Hunger Kriege“ (The Hunger Wars) und dem ihm folgenden Film fesselte Suzanne Collins Millionen mit ihrem Portrait einer dystopischen, Ressourcen-knappen, post-apokalyptischen Zukunft , in der ehemals „rebellische“ Bezirke in einem verarmten Nord-Amerika jedes Jahr zwei Teenager bereitstellen müssen für eine Folge TV-übertragener Gladiatorenkämpfe, die mit dem Tod aller außer einem der jugendlichen Teilnehmer enden. Diese „Hunger Spiele“ dienen als Rückerstattung für die Schäden, die der siegreichen Hauptstadt von Panem durch die rebellischen Bezirke während eines Aufstands zugefügt wurden. Ohne speziell auf die globale Erwärmung Bezug zu nehmen, macht Collins doch klar, dass der Klimawandel signifikant verantwortlich war für den Hunger, der den nordamerikanischen Kontinent in dieser zukünftigen Ära überschattet. So erwähnt der Bürgermeister der Hauptstadt des Bezirks 12 bei der Auswahl der Wettkämpfer „ die Katastrophen, Dürren, Stürme, Feuer, den ansteigenden Meeresspiegel, der so viel Land verschlang und den brutalen Krieg um die geringe verbleibende Nahrung.“

Hier war Collins vorhersehend, selbst wenn ihre spezifische Vision der Gewalt, durch die eine derartige Welt geprägt sein würde, ein Fantasieprodukt bleibt. Während wir wohl nie ihre Version dieser Hunger-Kriege erleben werden, besteht kein Zweifel, dass irgendeine andere Version von ihnen entstehen wird – dass, in der Tat, Hunger-Kriege unterschiedlichster Art unsere Zukunft ausfüllen werden. Diese könnten alle Kombinationsvarianten der tödlichen Unruhen, die zum Zusammenbruch der Regierung Haitis 2008 führten beinhalten : die gewaltsamen Konfrontationen zwischen protestierenden Massen und Sicherheitskräften, die Kairo durchzogen, als der Arabische Frühling seinen Ausgang nahm, die ethnischen Kämpfe über umstrittenes Ackerland und Wasserstellen, die Darfur wiederholt in die Schlagzeilen über den Horror in unserer Welt brachten, oder die ungerechte Verteilung des Bodens, die den Aufstand der maoistisch inspirierten Naxaliten in Indien nährt.

Man kombiniere mal derartige Konflikte mit einer anderen Wahrscheinlichkeit, nämlich dass Dürre und Hunger Millionen von Menschen zwingen werden, ihre traditionelles Ländereien zu aufzugeben und in den Schmutz der Elendssiedlungen und ausufernden Slums in der Umgebung großer Städte zu fliehen, nur um dort Feindseligkeiten mit der dort bereits lebenden Bevölkerung auszulösen. Einer solcher Ausbrüche mit grausigen Folgen ereignete sich 2008 in den Elendsvierteln von Johannesburg , als verzweifelte arme und verhungerte Migranten aus Malawi und Simbabwe von armen Südafrikanern attackiert, geschlagen und in einigen Fällen lebendig verbrannt wurden. Eine verängstigte Frau aus Simbabwe, die vor dem tobenden Mob in eine Polizeistation geflüchtet war, sagte, sie sei aus ihrem Land geflohen weil „es dort keine Arbeit und kein Essen gibt“. Man rechne auch mal mit noch anderen Dingen : weiteren Millionen in den kommenden Jahrzehnten, die, getrieben durch Katastrophen, von Dürre und Überschwemmungen bis zu steigendem Meeresspiegel, versuchen werden, in andere Länder zu gelangen und dabei noch mehr Feindseligkeiten hervorrufen. Und all dies erschöpft noch lange nicht die Möglichkeiten, die uns unsere Zukunft der Hunger-Spiele bereithält.

An dieser Stelle liegt der Fokus des Interesses verständlicherweise auf den unmittelbaren Folgen der noch andauernden Großen Dürre: vertrocknete Felder, verminderte Ernten und steigende Nahrungsmittelpreise. Man sollte aber ein Auge haben auf die sozialen und politischen Folgen, die zweifellos noch nicht hier ( d.h. in den USA ,E.F. ) oder global bis zum Ende dieses Jahres oder 2013 auftreten werden. Besser als jede wissenschaftliche Studie werden sie uns eine Ahnung geben auf das, was wir in den kommenden Jahrzehnten erwarten können von einer Welt der Hunger-Spiele, mit steigenden Temperaturen, beständigen Dürren, wiederholten Nahrungsverknappungen und Milliarden hungernder verzweifelter Menschen.

[Übersetzung aus dem Englischen:Eckart Fooken]

Originaltext: "The Hunger Wars in Our Future. Heat, Drought, Rising Food Costs, and Global Unrest"; veröffentlicht auf www.tomdispatch.com, August 7, 2012.

Michael Klare ist Professor für Friedens- und Weltsicherheitsforschung am Hampshire College. Ein Dokumentarfilm, der auf seinem Buch "Blood and Oil" beruht, kann hier bestellt werden: www.bloodandoilmovie.com.



Zurück zur Seite "Armut, Hunger, Elend"

Zur Globalisierungs-Seite

Zur Klima-Seite

Zurück zur Homepage