US-Raketenabwehr und Bundesregierung (Friedensratschlag)
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Der ewige Traum von der Unverwundbarkeit

Die Raketenabwehrpläne der USA und die Reaktionen der deutschen Bundesregierung

Von Eric Chauvistré

Im Folgenden dokumentieren wir einen Text aus einem Buch, das dieser Tage erscheinen wird: "Das atomare Dilemma. Die Raketenabwehrpläne der USA". Der Verfasser Eric Chauvistré ist Politologe und Journalist und verfolgt seit Jahren die Außen- und Sicherheitspolitik der Vereinigten Staaten mit großer Sachkunde und kritischem Verstand. Der folgende Textauszug war am 28. März 2001 ebenfalls in der Frankfurter Rundschau dokumentiert. Wir haben einige Kürzungen vorgenommen.

"Um unsere Truppen und Verbündeten und unser eigenes Land vor der Bedrohung durch einen Raketenangriff zu schützen, müssen wir ein Raketenabwehrsystem entwickeln." Bei einem seiner ersten öffentlichen Auftritte nach dem Wahlsieg machte Präsident George W. Bush klar, dass er es ernst meint: Die umstrittenen Pläne werden umgesetzt. ... "Amerika muss eine effektive Raketenabwehr aufbauen", erklärte Bush schon im Wahlkampf - und fügte hinzu: "zum frühestmöglichen Zeitpunkt".
An die Spitze des Pentagon setzte Bush einen Mann, der wie kein anderer für die Renaissance der Raketenabwehr in den USA steht. Donald Rumsfeld gab den Forderungen konservativer Politiker den entscheidenden Schub, als er 1998 als Vorsitzender einer von der republikanischen Kongressmehrheit eingesetzten Kommission die Bedrohung der USA durch Raketen sehr viel dramatischer zeichnete als alle US-Geheimdienste. Sein Bericht schaffte eine Atmosphäre in Washington, die schließlich zu einer breiten Unterstützung für ein Raketenabwehrsystem zum Schutz des US-Territoriums führte. Rumsfelds Ernennung zum Verteidigungsminister war deshalb das deutlichste Anzeichen für die Entschlossenheit Bushs, den Aufbau dieser Raketenabwehr zu einem Hauptziel seiner Außen- und Militärpolitik zu machen. ...

Die Motive

... es gibt mindestens vier Motive für die Durchsetzung der Pläne. Das offensichtlichste Motiv ist innenpolitisch begründet: Es soll versucht werden, das Territorium der USA wieder unverwundbar zu machen und ein atomares Pearl Harbor für alle Zeiten unmöglich zu machen. Die Zuversicht der militärpolitischen Elite der USA, diese Einschränkung der Souveränität irgendwann durch eine technische Neuerung überwinden zu können, hat sich über Jahrzehnte gehalten. Der Glaube an die Unbegrenztheit der technischen Mittel ist ungebrochen, die Folgen der atomaren Revolution wurden nie akzeptiert. Unter den europäischen Militärplanern mag die Technikgläubigkeit nicht so ausgeprägt sein und die Rhetorik zurückhaltender. Doch innerhalb der Nato gibt es keine grundsätzlichen Differenzen über den Wunsch nach einem technischen Schutz gegen die Wirkung der Atombombe. Sowohl die Strategie der Counterproliferation als auch die Forderung nach dem Aufbau einer Raketenabwehr gehören zur Nato-Politik und sind im "Strategischen Konzept" der Allianz vom April 1999 verankert.

... Auch ein zweites, weniger ideologisch anmutendes Motiv spielt bei den Raketenabwehrplänen der USA eine wichtige Rolle. Es bedarf keines Zynikers, um darauf zu verweisen, dass natürlich auch bei der Raketenabwehr - wie bei jedem großen Rüstungsprojekt - die Arbeit von Lobbyisten nicht ohne Bedeutung ist. Immerhin handelt es sich allein bei den noch unter Clinton verabschiedeten Plänen um ein Projekt, das Aufträge im Wert von mindestens sechzig Milliarden Dollar einbringen wird. Nach Schätzungen einiger unabhängiger Institute werden die Ausgaben für das System sogar bei deutlich über zweihundert Milliarden Dollar liegen. Die Vertreter in den Washingtoner Büros der beteiligten Unternehmen wären ihr Gehalt nicht wert, würden sie nicht alles tun, um die Mitglieder der entsprechenden Kongress-Ausschüsse auch durch finanzielle Zuwendungen zu beeinflussen. ...

Das dritte Motiv stand zur Zeit der Clinton-Regentschaft noch im Hintergrund, unter Bush könnte es langfristig an Bedeutung gewinnen. Eine vom Kongress eingesetzte Kommission warnte im Januar 2001 vor einem "Pearl Harbor im Weltraum" und forderte, die USA müssten "Waffensysteme entwickeln, die im Weltraum eingesetzt werden können, um Satelliten zu verteidigen und Luft-, Land- und Seestreitkräfte zu unterstützen". Der Vorsitzende der Kommission konnte den Bericht nicht selbst der Presse vorstellen. Er musste zur selben Zeit im Senat seine Kompetenz für das Amt des Verteidigungsministers unter Beweis stellen - sein Name: Donald Rumsfeld. Auch die Anhörung nutzte der neue Pentagon-Chef, um auf die Notwendigkeit einer Aufrüstung im All hinzuweisen.

Es ist kein Zufall, dass Bushs Pentagon-Chef nicht nur ein Verfechter der Raketenabwehr ist, sondern auch für die Bewaffnung des Weltraums eintritt. Denn beides hängt eng zusammen: Systeme gegen Interkontinentalraketen und Anti-Satellitensysteme sind nahezu identisch. Satelliten sind in der Regel sogar leichter zu zerstören, da sie sich in vorbestimmten Umlaufbahnen bewegen. Zudem verstärkt die Bush-Regierung, zeitgleich mit dem Aufbau der Raketenabwehr, auch die Förderung für speziell gegen Satelliten gerichtete Waffensysteme. Selbst wenn die anderen Motive für die Raketenabwehr an Bedeutung verlieren sollten, das langfristig angelegte Bestreben, den Weltraum militärisch zu dominieren, wird bestehen bleiben. Da Satelliten für die militärische Navigation und Kommunikation immer wichtiger werden, ist die Kontrolle des Weltraums auch für die Führung kleiner Interventionskriege entscheidend. ...

Das Hauptmotiv für die Raketenabwehrpläne dürfte aber weder in den ideologischen und wirtschaftliche Gründen, noch in dem Bestreben liegen, die Nutzung des Weltraums zu kontrollieren. Zumindest kurzfristig steht die Aufrechterhaltung der weltweiten militärischen Handlungsfähigkeit der USA an erster Stelle. Wer die militärische Kontrolle über die weltweiten Ressourcen als legitime Verteidigung definiert, der muss konsequenterweise sicherstellen, dass seine Interventionstruppen auch dann noch eingreifen können, wenn der jeweilige militärische Gegner über Atomwaffen und Raketen verfügt. Deshalb sind die Raketenabwehrpläne der USA in erster Linie auf den Schutz der eigenen Eingreiftruppen ausgerichtet. Ein System zum Schutz der eigenen Streitkräfte führt aber konsequenterweise auch zu der Forderung nach einem System zum Schutz der eigenen Bevölkerung. Die Befürworter der NMD-Pläne in den USA können zu Recht argumentieren, dass die eigene Bevölkerung mindestens den gleichen Anspruch hat, geschützt zu werden, wie die Bevölkerung alliierter Länder oder die eigenen Truppen. ...

Interventionskriege

Während des Kalten Krieges gab es relativ klar definierte Einflusssphären der beiden Hauptmilitärmächte USA und Sowjetunion. ... Erst als die USA zur einzigen globalen Militärmacht wurden und nicht mehr bei einem Überschreiten ihrer Einflussgrenzen einen Atomschlag der Sowjetunion fürchten mussten, wurde den US-Militärplanern die Bedeutung der Atomwaffen in den Händen potenzieller Kriegsgegner bewusst: Diese Waffen könnten die einzigen militärischen Mittel sein, welche die High-Tech-Macht USA vom Gebrauch ihrer alles überragenden militärischen Mittel abzuhalten in der Lage sind. Wer sich Atomwaffen zulegt, würde die Hemmschwelle für militärische Interventionen der USA zumindest deutlich heraufsetzen.

Nachdem die Möglichkeiten militärischen Eingreifens nicht mehr durch eine andere militärische Großmacht eingeschränkt werden, rücken für das US-Militär die Einschränkungen der Interventionspolitik durch die Verbreitung von Atomwaffen in den Vordergrund. Die Proliferation von Raketen und Atomwaffen erfährt also nicht deshalb mehr Aufmerksamkeit, weil sich die Technologie schneller verbreitet als zuvor, sondern weil sich das US-Militär durch diese Waffen jetzt mehr in seinen Interventionsmöglichkeiten eingeschränkt fühlt als während der Blockkonfrontation.

Dies sind nicht bloß theoretische Erwägungen. Vor 1990 hätten es die USA nicht gewagt, offene Kriege gegen Irak und Jugoslawien zu führen. Das heißt nicht, dass sie nicht mit subtileren Mitteln versucht hätten, gegen die jeweiligen Staatsführungen vorzugehen. Aber Luftangriffe wären wohl nicht denkbar gewesen. Zwar lagen beide Länder nicht im engeren Einflussbereich der Sowjetunion, aber sie lagen eben auch außerhalb des Gebiets, das die Sowjetunion als Einflusszone der USA akzeptiert hatte. US-Luftangriffe auf diese Staaten hätten zur Zeit der Ost-West-Konfrontation zu gefährlichen Spannungen und möglicherweise zu einem Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion geführt. Die USA hätten für diese Interventionen mit Sicherheit nicht riskiert, an den Rand eines Atomkrieges mit der Sowjetunion zu gelangen. Nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation waren diese Kriege möglich, ohne eine unmittelbare Gefahr für das US-Territorium. ...

Kurzsichtige Kritik

Im Streit um die Raketenabwehr lassen die Kritiker oft den Eindruck entstehen, es ginge in erster Linie um den formalen Erhalt des ABM-Vertrages 1972 (der die Zahl der Abwehrsysteme in Russland und in den USA begrenzt). Die Befürworter der US-Pläne halten diesen Kritikern nicht ganz zu Unrecht vor, an dem starren Weltbild der Ost-West-Konfrontation festzuhalten. Auch die Bundesregierung macht sich vor allem Sorgen um den Bestand dieses Abkommens. Bundeskanzler Schröder mahnte bei der Münchner Wehrkundetagung im Februar 2001 die US-Regierung, "den rüstungspolitischen Acquis zu erhalten", und forderte deshalb einen "intensiven Meinungsaustausch" über NMD. Nach Einschätzung von Bundesaußenminister Joschka Fischer hätte das NMD-Programm "weitreichende Konsequenzen für das internationale Rüstungskontrollregime und für das Verhältnis der USA zu wichtigen Staaten wie Russland und China". Karsten Voigt, der Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit mit Büro im Außenamt, betonte im Januar 2001, für Deutschland komme es "vor allem darauf an, dass die NMD-Politik nicht zu für Europa negativen Spannungen mit Russland führt". Kann eine Aufkündigung des Vertrages durch eine Übereinkunft mit Moskau abgewendet werden, so der Umkehrschluss, hätte die Bundesregierung offenbar kein Problem mehr mit den Raketenabwehrplänen.

Die Bundesregierung ist dabei nicht so weit von der Position der US-Regierung entfernt, wie sie gerne vorgibt. Denn auch die Bush-Regierung tritt für eine einvernehmliche Lösung ein - wenn diese einem NMD-System nicht im Weg steht. Die Konzentration auf den formalen Weiterbestand des ABM-Vertrages wird zur Folge haben, dass die Bundesregierung bei einer Einigung der Vertragsstaaten USA und Russland kaum noch gegen das NMD-System argumentieren kann. Eine solche Einigung ist nicht unwahrscheinlich. Zum einen könnte die russische Führung zu dem Schluss kommen, dass es besser ist, mit einem Gentlemen's Agreement - von Atommacht zu Atommacht - ihr Gesicht zu wahren, als von den USA mit einer einseitigen Vertragskündigung als nicht mehr ernst zu nehmende Mittelmacht lächerlich gemacht zu werden. Außerdem ist natürlich auch die russische Bürokratie kein einheitlicher Block. Es gibt durchaus Kräfte, die sich ein US-Raketenabwehrsystem erhoffen. Entweder, weil sie nur auf eine Gelegenheit warten, um gegen radikale Abrüstungsschritte beim russischen Atomwaffenarsenal und gegen eine Herabstufung der Alarmbereitschaft wettern zu können, oder aber weil sie sich selbst eine Teilnahme an den Entwicklungsarbeiten für eine Raketenabwehr erhoffen. ...

Wer sich Sorgen um die Zukunft des ABM-Vertrages macht, weil er dadurch - wie die Bundesregierung erklärt - das "internationale Rüstungskontrollregime" bedroht sieht, kann damit zwei ganz unterschiedliche Dinge meinen. Es kann darum gehen, den ABM-Vertrag formal zu erhalten, um so die Hoffnungen aufrechtzuerhalten, man könne durch Abkommen die Atomrüstung unter Kontrolle bringen oder gar zurückdrängen. Wer dieses Ziel im Auge hat, dem wird es genügen, wenn alles getan wird, um die einseitige Aufkündigung des Abkommens durch eine der beiden Vertragsparteien zu verhindern. Jede offene oder stillschweigende Nebenabrede, welche die Rüstungsbeschränkungen des ABM-Vertrages aushöhlt, wäre demnach genehm, solange nur der Vertrag weiterexistiert. Solange sich Russland nicht düpiert fühlt, so scheint es, könnte die Bundesregierung möglicherweise sogar mit der Kündigung des Abkommens leben. Bei einer einvernehmlichen Regelung mit Moskau, so Bundesaußenminister Fischer schon im Mai 2000, wären die Raketenabwehrpläne der USA "eine völlig andere Sache". Mit dieser von den NMD-Befürwortern leicht angreifbaren Argumentation steht die Bundesregierung nicht allein. Auch unabhängige Raketenabwehrkritiker stellen die NMD-Pläne zuweilen als isoliertes Projekt dar und konzentrieren sich ganz auf den Erhalt des ABM-Vertrages. Doch wer sich in erster Linie besorgt zeigt, die Aufkündigung des Abkommens könne die "strategische Stabilität" gefährden, setzt sich unweigerlich dem Verdacht aus, an dem Dogma der atomaren Abschreckung festhalten zu wollen. Die Befürworter der Raketenabwehr beiderseits des Atlantiks kann dies nur freuen: Während sie die Kritiker der Raketenabwehr als Nostalgiker diskreditieren können, die an alten Strukturen festhalten wollen, präsentieren sie sich selbst als Wegbereiter einer Welt, in der die atomare Abschreckung durch den Aufbau von Defensivsystemen überwunden wird.

Zudem gibt es Befürworter der Raketenabwehr, die darauf verweisen, dass der ABM-Vertrag - und die mit ihm verbundenen Rüstungskontrollverhandlungen - nicht bedeutend zur Abrüstung beigetragen habe: Die Reduzierung in den Atomwaffen-Arsenalen der USA und Russlands basiere vor allem auf wechselseitigen einseitigen Schritten, sie sei nicht das Ergebnis langjähriger Verhandlungen und vertraglicher Regelungen. In diesem Punkt haben die NMD-Befürworter Recht. Die Fixierung auf den ABM-Vertrag kann deshalb zu einem Fiasko für die Kritiker der Raketenabwehr und der radikalen Abrüstung werden. Denn auch wenn das faktische Ende des Vertrages einvernehmlich zwischen den USA und Russland vereinbart wird, wird dies die Abrüstung behindern - und damit einem erklärten außenpolitischen Ziel der Bundesregierung widersprechen. Eine einvernehmlich Aufweichung des ABM-Vertrages muss auf Staaten, die durch ihren Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag zugesagt haben, keine Atomwaffen zu entwickeln, als Affront empfunden werden. Eine Einigung zwischen Washington und Moskau würde nur bedeuten, dass die großen Atommächte den einzigen Vertrag, der auch ihnen Beschränkungen in der Rüstung auferlegt, beliebig uminterpretieren können. Eine Einigung, welche die Raketenabwehrpläne der USA legalisiert, ist außerdem schon deshalb Besorgnis erregend, weil sie ein Zeichen dafür wäre, dass nicht nur ein Atomwaffenstaat, sondern gleich zwei glauben, eine effektive Verteidigung gegen Atomwaffen sei möglich.

Europäische Projekte

Ein weiteres Argument der Bundesregierung gegen die US-Pläne basiert auf dem Einwand, im Falle einer Stationierung des NMD-Systems könnten "Zonen unterschiedlicher Sicherheit" innerhalb der Nato entstehen. Die Argumentation erinnert an die Auseinandersetzung über die Atomwaffenstrategie der USA während der Ost-West-Konfrontation, als es immer wieder darum ging, ob die gerade in Washington verkündete Einsatzdoktrin zu einer Abkopplung oder eher zu einer Anbindung Europas an die Vereinigten Staaten beitragen würde. Mit dieser Art der Kritik werten die europäischen Nato-Staaten die US-Pläne unnötig auf. Denn wer befürchtet, dass das NMD-System die USA besser schützen wird als die europäischen Verbündeten, der geht davon aus, dass die Raketenabwehr auch tatsächlich funktioniert.

Der Einwand, es könnten "Zonen unterschiedlicher Sicherheit" entstehen, ist kurzsichtig und wurde von George W. Bush geschickt entkräftet. Mit der Erklärung des Präsidenten, das neue Raketenabwehrsystem nicht auf das Territorium der USA zu beschränken, sondern auf verbündete Staaten und Invasionstruppen auszuweiten, gab Bush die Antwort auf die von den europäischen Außenministern vorgebrachten Bedenken. Doch diese vermeintliche Ausweitung der Pläne ist mehr als ein taktischer Schachzug gegenüber den Kritikern in Paris, Brüssel und Berlin. Denn die Ankündigung Bushs entspricht nur dem, was im Pentagon tatsächlich schon seit langem geplant wird. Durch die von der Clinton-Regierung 1993 initiierte Strategie der Counterproliferation hatte der Schutz von Invasionstruppen und verbündeten Ländern lange sogar Priorität vor dem Schutz des US-Territoriums.

Um seinen Plan umzusetzen, braucht Bush deshalb nicht einmal neue Programme. Will er den Europäern diplomatisch entgegenkommen, könnte er die lange Liste der Bezeichnungen für Raketenabwehrprojekte der letzten vier Jahrzehnte um einen weiteren Begriff erweitern und damit die unter Clinton verkündete Trennung zwischen den Systemen zur Nationalen Verteidigung (NMD) des US-Territoriums und denen zur Gefechtsfeld-Abwehr (TMD) rückgängig machen. Technisch macht die Trennung ohnehin keinen Sinn, weil alle Systeme die gleiche Infrastruktur nutzen und von den gleichen Sensoren im Weltraum abhängig sind. Militärisch macht die Trennung keinen Sinn, weil die Systeme so gekoppelt werden sollen, dass sie sich gegenseitig ergänzen. Auf Grund der geringen Trefferquote wird das US-Militär sie als Gesamtsystem einsetzen müssen, um so die geringen Aussichten auf einen Abschuss zu erhöhen. ...

Bushs vermeintliches Angebot ist eher eine Aufforderung an die europäischen Kritiker, sich doch bitte gemeinsam mit den USA am Aufbau eines Raketenabwehrsystems zu beteiligen - wenn sie denn tatsächlich denken, dass sich die USA selbst besser schützen wollen als ihre Nato-Partner. Im Übrigen hat natürlich auch die US-Regierung ein Interesse an einem Abwehrsystem für Europa. Denn ein militärischer Gegner der USA, der mit Raketen eine militärische US-Intervention verhindern will, "könnte einfach Paris oder Berlin statt Washington bedrohen", so der Raketenabwehrbefürworter Michael O'Hanlon von der renommierten Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution. Wenn das NMD-Programm in die nächste Runde geht, werden sich die Regierungen der europäischen Nato-Staaten deshalb entscheiden müssen, ob sie das Angebot Bushs annehmen und im großen Stil ein eigenes Raketenabwehrsystem aufbauen oder ob sie zu einer grundsätzlichen Kritik der US-Pläne übergehen.

Die europäischen Regierungen werden wohl die erste Option wählen, denn die Vorplanungen für ein Abwehrsystem für Europa sind längst im Gange. Die deutsche Bundesregierung kritisiert zwar die Raketenabwehrpläne der USA, doch diese Anstrengungen werden von den eigenen Rüstungsplanern konterkariert. Die Beteiligung der Bundeswehr an dem Abwehrsystem MEADS ist nur ein erster Schritt zur Entwicklung einer europäischen Raketenabwehr. Denn gleichzeitig beteiligt sich Berlin an Planungen der Nato für ein Raketenabwehrsystem, das auch ganz Europa vor Raketenangriffen schützen soll. Im Januar 2001 legte das Bundesverteidigungsministerium dem zuständigen Bundestagsausschuss ein Papier vor, in dem bemängelt wird, die Bundeswehr habe keine Mittel gegen Raketen mit Reichweiten von bis zu dreitausend Kilometern. Gefordert werden deshalb "Abwehrfähigkeiten insbesondere in der oberen Abfangschicht auf der Grundlage der Bewertung der Bedrohungsentwicklung". Im Klartext bedeutet dies, dass das Verteidigungsministerium aktiv ein System zur großflächigen europäischen Raketenabwehr anstrebt. ...

Es scheint eine Arbeitsteilung zu geben: Die Außenpolitiker dürfen sich mit dem Plänen der USA zum Schutz ihres eigenen Territoriums befassen, dagegen scharf protestieren und sich um den Erhalt des ABM-Vertrages bemühen. Die Kollegen im Verteidigungsministerium beschäftigen sich unterdessen mit konkreten Plänen zum Schutz der eigenen Interventionstruppen und mit langfristigen Überlegungen für eine europäische Raketenabwehr....

... Die Bundesregierung begibt sich in immer größere Widersprüche: Sie argumentiert gegen das NMD-System der USA, während sie sich in Europa an Plänen für ähnliche Systeme beteiligt. Den USA legt die Bundesregierung nahe, die Entwicklung eines Schutzes für die Zivilbevölkerung der USA einzustellen, während die Bundeswehr gemeinsam mit dem US-Militär an einem System zum Schutz der eigenen Truppen arbeitet. ...

Selbstbeschränkung

Je besser die USA und ihre Alliierten für Interventionskriege gerüstet sind, desto größer die Anreize für potenzielle Kriegsgegner, sich Atomwaffen und Raketen zu beschaffen. Je größer in der öffentlichen Meinung der USA und ihrer Verbündeten die Erwartung ist, dass ein Interventionskrieg mit wenig oder gar keinen eigenen Opfern enden muss, desto geringer muss der befürchtete Schaden sein, um die USA oder die Nato von einem Interventionskrieg abschrecken zu können. Da die Verletzbarkeit der industriellen Gesellschaften immer weiter zunimmt, wird sich das Spektrum der möglichen asymmetrischen Antworten auf die mit High-Tech-Waffen ausgerüsteten Interventionstruppen der USA und der Nato ständig erweitern. Dennoch bleiben atomar bestückte Raketen das wirksamste Mittel, um militärische Interventionen zu verhindern.

Da die USA die einzige Macht sind, die eine weltweite Infrastruktur für militärische Interventionen besitzen, ist es nicht erstaunlich, dass hier auch der Wunsch nach Raketenabwehrsystemen am größten ist. Je weiter die Pläne für eine europäische Interventionsstreitmacht fortschreiten, desto größer wird aber auch bei den europäischen Militärs und Entscheidungsträgern der Wunsch nach einer Abwehr feindlicher Raketen zum Schutz der eigenen Truppen und des eigenen Territoriums. Alternative Strategien zu den US-Plänen stoßen deshalb schnell an ihre Grenzen, wenn sie nicht bei dem Zusammenhang zwischen Raketenabwehrsystemen und dem Ausbau der militärischen Interventionsfähigkeiten ansetzen. Die Rüstungskontroll- und Entspannungspolitik während der Ost-West-Konfrontation hatte den gegenseitigen Gewaltverzicht zur Voraussetzung. Wenn diplomatische Bemühungen zur Eindämmung der Proliferation von Atomwaffen und Raketen Erfolg haben sollen, müssen auch sie mit einem Gewaltverzicht verbunden werden - und nicht mit einer Verbesserung der militärischen Interventionsfähigkeit.

Auszug aus:
Eric Chauvistré: Das atomare Dilemma. Die Raketenabwehrpläne der USA. Espresso Verlag: Berlin 2001

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