Universität Tübingen muss "Zivilklausel" umsetzen, 21.04.2010 (Friedensratschlag)
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Militarisierung durch die Hintertür

Seit Dezember hat die Universität Tübingen eine "Zivilklausel". Jetzt muß deren Einhaltung erzwungen werden

Von Thomas Eipeldauer *

Am 12. November 2009 stürmte die Polizei den von Studierenden besetzten Kupferbau der Universität Tübingen. Mehrere hundert Besetzer zogen ab, zeigten sich aber unbeeindruckt und kamen wenige Tage später wieder. Rektor Bernd Engler mußte einsehen, daß der Besetzung allein mit polizeilichen Mitteln nicht beizukommen war, und sah sich gezwungen, Zugeständnisse zu machen. Eines davon war die sogenannte Zivilklausel, die wenig später vom Senat der Universität der Grundordnung als Präambel vorangestellt wurde: »Lehre, Forschung und Studium an der Universität sollen friedlichen Zwecken dienen, das Zusammenleben der Völker bereichern und im Bewußtsein der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen.«

Seit Semesterbeginn steht allerdings fest, in welcher Weise die Universitätsleitung diesen Beitrag zum Zusammenleben der Völker zu leisten gedenkt. In einem der renommiertesten Säle der Uni durfte der Reservistenverband mit offizieller Unterstützung der Universität eine Konferenz veranstalten, zu der auch der Organisator der Münchener Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger geladen war. Studierende und Aktivisten aus verschiedenen linken Gruppen verhinderten Ischingers Vortrag und stellten den Rektor zur Rede.

Doch die Veranstaltung der Reservisten ist erst der Anfang des universitären Säbelrasselns im Sommersemester. Den Gipfel der kreativen Auslegung der Zivilklausel markiert eine am Freitag beginnende Lehrveranstaltung am Institut für Ethnologie. Dort will Dr. Monika Lanik den angehenden Völkerkundlern Berufsperspektiven bei der Bundeswehr näherbringen. Unter dem Titel »Angewandte Ethnologie und Militär« will Lanik »ein informiertes Bild über die Methoden- und Ethikdiskussion des aktuellen Einsatzes von Ethnologen im Militär erarbeiten«. Daß diese Formulierung die Brisanz der Veranstaltung verschleiern soll, zeigt ein kurzer Blick auf Laniks bisherige Vita: Publikationen zu Ethik- und Methodenfragen kommen darin nicht vor - dafür Einsatz-Briefings für Soldaten auf dem Weg zum Hindukusch. Monika Lanik war nämlich zunächst beim quasi-geheimdienstlichen Zentrum für Nachrichtenwesen der Bundeswehr angestellt und wechselte nach dessen Schließung zum Amt für Geoinformationswesen. Dort »erforscht« sie vor allem, wie verschiedene Stammesbeziehung und Verwandtschaftsloyalitäten für die Soldaten im Einsatz nutzbar gemacht werden können. Ein weiterer Schwerpunkt ihres ethnologischen Interesses liegt bei der Erstellung sogenannter »Ethnienkarten« für das Militär. Zu eben diesem Themenbereich durfte sie denn auch vor knapp einem Jahr im Rahmen des Forums Kultur und Sicherheit referieren. Das Forum wurde von dem an der Schwelle zwischen Konservativismus und rechtem Rand gratwandernden Bayreuther Ethnologen Thomas Bargatzk, Autor der Rechtspostille Junge Freiheit, veranstaltet. Ob Lanik so offen wie ihr Bayreuther Kollege für den Eintritt in die Bundeswehr werben wird, ist zu bezweifeln. Daß sie sich am Ende einer vermeintlichen »Ethikdebatte« für mehr Ethnologen bei der Bundeswehr aussprechen wird, daran lassen ihre bisherigen Statements keinen Zweifel - es sei denn, es gelingt, die Veranstaltung unmöglich zu machen.

* Aus: junge Welt, 20. April 2010


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