Weizsäcker: Atomforschung und Politik, 02.05.2007 (Friedensratschlag)
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Atomforschung und Politik

Zum Tode des Universalgelehrten Carl Friedrich von Weizsäcker

Von Martin Koch *

Am Samstag (28. April 2007) starb nach langer Krankheit der Physiker, Philosoph und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker in seinem Haus bei Starnberg. Der ältere Bruder des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker galt als einer der letzten Universalgelehrten. Er wurde 94 Jahre alt.

Carl Friedrich von Weizsäcker entstammte einer deutschen Diplomatenfamilie. Mit 15 Jahren lernte er in Kopenhagen, wo sein Vater Gesandtschaftsrat war, Werner Heisenberg kennen, der kurz zuvor die Quantenmechanik begründet hatte. Die beiden wurden Freunde und Heisenberg bedrängte Weizsäcker, der sich eigentlich mehr für philosophische Fragen interessierte, Physik zu studieren: »Wenn du Philosophie verstehen willst, dann musst du zuerst die konkreten Wissenschaften verstehen.«

Weizsäcker befolgte diesen Rat und wurde Physiker. Intensiv beschäftigte er sich mit der Erforschung des Atomkerns und fand heraus, wie Sterne Energie erzeugen: durch Kernfusion. Am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin traf er 1936 Otto Hahn, der ihm drei Jahre später in einem nächtlichen Telefongespräch mitteilte, den Urankern gespalten zu haben. Obwohl Weizsäcker befürchtete, dass dies der erste Schritt auf dem Weg zu einer Atombombe sei, ließ er sich 1939 für das deutsche Kernforschungsprogramm rekrutieren und meldete im Sommer 1941 sogar eine Plutoniumbombe zum Patent an. Später bedauerte er seine Mitarbeit am Uranprojekt der Nazis und sprach von der »göttlichen Gnade«, die verhindert habe, dass Hitler in den Besitz von Atomwaffen gelangt sei.

Nach dem Krieg wurde Weizsäcker zusammen mit anderen deutschen Atomforschern für einige Monate in England interniert. Hier erreichte ihn die Nachricht von der nuklearen Zerstörung der japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki, die ihn tief erschütterte. Nach Deutschland zurückgekehrt, trat er in das Max-Planck-Institut für Physik in Göttingen ein – mit dem festen Vorsatz, sich nie mehr in die Rolle des unpolitischen Wissenschaftlers drängen zu lassen.

»Ich habe Physik studiert aus philosophischem Interesse und Philosophie betrieben als Konsequenz des Nachdenkens über Physik«, urteilte Weizsäcker rückblickend, »dagegen rührt mein Interesse an Politik eigentlich aus einer Art Pflichtgefühl.« Dass dies keine leeren Worte waren, bewies der Physiker bereits Mitte der 50er Jahre, als Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) darauf hinarbeitete, die Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen aufzurüsten. Gemeinsam mit Hahn und Heisenberg brachte Weizsäcker die »Göttinger Erklärung« auf den Weg, in der 18 namhafte deutsche Atomforscher jedwede Beteiligung an der Herstellung und Erprobung von Atomwaffen ablehnten. Am 10. Mai 1957 kam es darüber zu einer kontroversen Debatte im Bundestag, die für die Anti-Atomwaffenbewegung in der Bundesrepublik wie eine Initialzündung wirkte.

Im selben Jahr wurde Weizsäcker als Philosophieprofessor an die Universität Hamburg berufen. Seine Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie (Platon, Aristoteles, Kant etc.) zogen Studenten aus der ganzen Bundesrepublik an und erreichten Kultstatus. 1970 übernahm er mit Jürgen Habermas die Leitung des Starnberger Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der technisch-wissenschaftlichen Welt. Zu den Schwerpunkten der Institutsarbeit gehörten die Friedensfrage, das Problem der Umweltzerstörung sowie der Nord-Süd-Konflikt.

Einer breiten Öffentlichkeit wurde Weizsäcker 1979 bekannt, als Willy Brandt und die Spitzen der sozialliberalen Koalition ihn baten, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren. Doch Weizsäcker lehnte ab. Er wolle kein »Ersatzkandidat« gegen Karl Carstens (CDU) sein, dessen Wahl seinerzeit als sicher galt.

Zu politischen Fragen nahm der philosophierende Physiker jedoch weiterhin Stellung und dabei kein Blatt vor den Mund. So kritisierte er 1983 die NATO-Strategie der Vorwärtsverteidigung, forderte 1985 ein »Friedenskonzil der Kirchen« und appellierte 1995 an den französischen Präsidenten Jacques Chirac, keine Atomtests in der Südsee mehr durchzuführen. Zuletzt äußerte er sich zu Folgen der Terroranschläge vom 11. September 2001 und nannte insbesondere die Militäraktion des Westens gegen Afghanistan eine Fehlentscheidung. Für sein wissenschaftliches und politisches Wirken wurde Weizsäcker vielfach ausgezeichnet, so 1947 mit der Max-Planck-Medaille und 1963 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Vergeblich wartete er hingegen auf einen Preis, den er sich nach Meinung vieler Kollegen durchaus verdient hatte: den Nobelpreis für Physik.

* Aus: Neues Deutschland, 30. April 2007


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