Vilmar: Herrschaftskritik und solidarisches Leben, 03.12.2005 (Friedensratschlag)
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Herrschaftskritik und solidarisches Leben

"Beiträge zur Kritischen Friedensforschung" nennt Fritz Vilmar sein neues Buch - Sonderedition für den "Friedensratschlag 2005"

Der Sozialwissenschaftler Fritz Vilmar, der vor 40 Jahren mit dem viel beachteten und in der gerade entstehenden linken Studentenbewegungen viel gelesenen Buch "Rüstung und Abrüstung im Spätkapitalismus" auf sich aufmerksam gemacht hatte, hat nun eine aktuelles Buch vorgelegt zum Stand der Friedensforschung hier zu Lande. Das Schöne daran: Fritz Vilmar bietet das Buch auf dem Friedenspolitischen Ratschlag (beginnt heute, 3. Dezember, an der Uni Kassel) zum ermäßigten Preis von 7 EUR (statt 10 EUR) an.
Im Folgenden stellt der Autor das Buch selbst vor.



FRITZ VILMAR: HERRSCHAFTSKRITIK UND SOLIDARISCHES LEBEN. Beiträge zur Kritischen Friedensforschung. Herausgegeben vom Arbeitskreis für Friedenspolitik Berlin 2005
Bestellungen über AKF, c/o Brigitte Runge, Hohensteiner Weg 3, 14345 Klosterdorf, Tel. 03341-3593925.

Inhalt
  1. Zur Aktualität dieser Beiträge
  2. Kritische Friedensforschung
  3. Rüstungsinteressen des Kapitalismus
  4. Der moderne Imperialismus
  5. Ethnische Kriegsursachen – Jugoslawien als exemplarischer Fall
  6. Eine Alternative zur imperialistischen „Antiterrorismuspolitik“ der USA
  7. Strikt defensive Verteidigung: Eine Alternative zur atomaren Rüstung
  8. Solidarisches Leben. Schwerpunktaufgaben sozialer Friedenserziehung
  9. Das Konzept eines Weltfriedensdienstes
1. Zur Aktualität dieser Beiträge

Zur Veröffentlichung einiger meiner wichtigsten Untersuchungen und Konzeptionen zur Friedenswissenschaft in einem Sammelband habe ich mich entschlossen, weil sie notwendige sozialkritische Zusammenhänge in der Friedenforschung zur Sprache bringen, die in deren akademischen Produktionen eher vernachlässigt worden sind. Was Dieter Senghaas und ich – neben einigen wenigen anderen - dann Kritische Friedensforschung genannt haben, ist der anhaltende Versuch, die enge Verflochtenheit von gesellschaftlichen, vor allem: sozio-ökonomischen Herrschaftsinteressen und „organisiertem Unfrieden“: Militarisierung, Rüstung(swirt-schaft), Krieg, Kolonialisierung herauszuarbeiten.

Ich habe diesen Zusammenhang immer wieder im systematischen Konzept wie in speziellen Analysen herauszuarbeiten versucht, seinerzeit beginnend mit der grundlegenden Analyse (1965, 6. Aufl. 1972) „Rüstung und Abrüstung im Spätkapitalismus“, die angesichts der durch nichts gerechtfertigten Hochrüstungspolitik Bushs seit 2002 wieder sehr aktuell zu werden scheint. Angesichts der inflatorischen Tendenzen in der ersten „Konjunkturphase“ der Friedensforschung (durch die Förderung seitens der sozialliberalen Koalition seit 1970), alles und jedes als Friedensforschung darzubieten, insbesondere auch psychologisierende und rein außenpolitisch-deskriptive Studien, habe ich mich 1970 entschlossen, einen „Systematischen Entwurf zur Kritischen Friedenforschung“ auszuarbeiten, der Dieter Senghaas anregte, die ganze von ihm wesentlich mitbestimmte Richtung einer sozialkritisch fundierten Friedensforschung auf diesen Begriff zu bringen. „Kritische Friedenforschung“ wurde seitdem der Name einer ganzen friedenswissenschaftlichen Richtung.

Das grundlegende systematische Konzept, bis heute nur partiell durch eine Bearbeitung der darin entworfenen Forschungsdimensionen eingelöst, steht daher am Anfang der folgenden Beiträge. Dem folgen meine wichtigsten Texte zur Verflochtenheit von ökonomischen Herrschaftsinteressen und Militarisierung (3 - 5):
  • die Herausarbeitung der strukturellen, mit ihren vitalen Absatznöten verbundenen Rüstungsinteressen der kapitalistischen Wirtschaft;
  • die Darstellung des neuen – seit einiger Zeit auf die Beherrschung der überlebensnotwendigen Ölreserven sich konzentrierenden - Imperialismus der USA, der in den Kriegen in Afghanistan und Irak nun wieder unmittelbar in Militäraktionen sein brutales Herrschaftsgesicht zeigt – fast wie der Imperialismus der Kolonialkriege im 19 Jahrhundert, nur nicht ganz so unverhohlen;
  • die Darstellung der sozio-ökonomischen Herrschaftsinteressen der „warlords“ nicht nur in Jugoslawien, die nach dem Zweiten Weltkrieg in eine endlose Kette von ethnischen Konflikten (vor allem dann in Afrika und Asien) mündeten.
Im zweiten Teil dieses Bandes geht es um friedenspolitische Alternativen (Kap. 6 – 9):
  • Ein detailliertes Memorandum, das ich 2002 für den (und gemeinsam mit den Aktiven des) AKF ausarbeitete, stellt den emphatischen Versuch dar, der irrationalen und zugleich verführerischen Irreleitung Bushs, die Terroraktion des 11. Sept. 01 als „Krieg“ umzudeuten (um selbst Krieg vorbereiten und führen zu können!) ein mehrdimensionales Konzept nicht-militärischer politischer Strategien entgegenzustellen, die geeignet sein könnten, allmählich die terroristischen Kräfte zu überwinden;
  • Die Zusammenfassung jahrelanger strategi-scher Studien, die seit Ende der siebziger Jahre die Zwangsläufigkeit einer nuklearen „Verteidigung“ durch die Entwicklung verschiedener Konzepte einer nicht-atomaren „Defensiv-Verteidigung“ systematisch in Frage zu stellen versuchten. Mein Beitrag dazu (mit Michael Roick) versuchte, die umstrittenen Konzepte auf einen konsensfähigen Punkt zu bringen (7). Angesichts der bedrohlichen Verallgemeinerung atomarer Drohpotentiale erscheint mir auch dieser Beitrag Kritischer Friedensforschung zu Unrecht in den Hintergrund getreten zu sein.
  • Dasselbe gilt für eine schon in den fünfziger Jahren von Eugen Rosenstock-Huessy in die Diskussion gebrachte, 1959 von mir systematisch dargestellte Alternative zur herrschenden Militarisierung der Politik durch einen internationalen Friedensdienst (9), von dem in den folgenden Jahrzehnten - trotz einer beachtlichen Initiative Kennedys mit seinen „peace corps“ - nur völlig unzulängliche Ansätze verwirklicht worden sind.
Alle diejenigen, die als Alternative zur – überfälligen – Abschaffung der Wehrpflicht nicht einfach den Rückzug der jungen Generation in die totale Privatheit für erstrebenswert halten, sondern einen gesellschaftspolitisch und ethisch aufzuwertenden Zivildienst in die Diskussion zu bringen versuchen, kann die Rosenstocksche Idee des Weltfriedensdienstes nur dringend zur Lektüre empfohlen werden. Auch eine sozialkritisch ernster zu nehmende Friedenserziehung (8) zielt in diese Richtung.

Fritz Vilmar


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