Bundeswehr, Tradition (Friedensratschlag)
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Die Traditionslüge

Ein neues Buch von Ralph Giordano über den Kriegerkult in der Bundeswehr - Eine Rezension von Ulrich Sander

Ralph Giordano: Die Traditionslüge. Vom Kriegerkult in der Bundeswehr, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000, 400 S., 45 DM

Der dritte Krieg der Deutschen gegen die Serben hat alle bösen deutsche Militärtraditionen reaktiviert. Mit dem Krieg auf dem Balkan sehen die rechtesten Militärkreise auch den Zeitpunkt gekommen, um die Distanz zwischen Wehrmacht und Bundeswehr, die von Verteidigungsministern seit 1982 per Traditionserlass verordnet wurde, wieder zu beseitigen.

Der «Vergangenheitsbewältigung» nach dem Muster der Wehrmachtsausstellung soll ein Ende bereitet werden, fordert in der weit verbreiteten Zeitschrift Der Deutsche Fallschirmjäger Nr. 4/99 der Brigadegeneral a.D. Dr. Günter Roth, der bis 1995 Leiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes war: Er stellt die rhetorische Frage, «ob eine Einsatzarmee - ohne auf die zeitgemäße Umsetzung der militärischen Erfahrungen der Wehrmacht im Sinne kritisch auswählenden Traditionsverständnisses zurückzugreifen - ihre Kampfaufträge erfüllen kann.»

Zu einem «ganzheitlichen Bild von der Wehrmacht» zu kommen, fordert Oberst Friedhelm Klein, derzeitiger Amtschef des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. Dazu gehöre, die «herrschenden Denkmuster» zu verlassen. (So in Information für die Truppe vom September/Oktober 1999). Denn es grenze ans «Pathologische», die Wehrmacht und ihre «moralische Verkommenheit» und ihr «Verbrechertum» als weltweit einmalig anzuklagen, wie es besonders mit der Wehrmachtsausstellung des Herrn Reemtsma geschehe. Daher wird den von der Wehrmacht mit Krieg überzogenen Ländern die Mitschuld am zweiten Weltkrieg gegeben.

Als eine Ursache des Krieges wird nämlich genannt: «Vor allem das Verschweigen der verheerenden Folgen des Versailler Diktats und dessen Mitursächlichkeit für 1933 und 1939, ferner die anhaltende Tabuisierung der seinerzeit höchst aggressiven Interessen- und Machtpolitik vor allem Frankreichs, Polens und der Tschechoslowakei einschließlich der von ihnen begangenen oder unterstützten massiven Verletzungen völker- und menschenrechtlicher Normen gegenüber Deutschland, zumal des Selbstbestimmungsrechts». Revanche für die Niederlage von 1918 stellt für die Bundeswehr also eine zulässige Begründung für 1933 und für den Überfall auf Polen 1939 dar! Auch die Besetzung der «aggressiven» Länder Frankreich und Tschechoslowakei sind nur Antworten auf die «Menschenrechtsverletzungen» gegenüber Deutschen!

Eine derartige profaschistische Geschichtsrevision ist selten zu finden außerhalb der Neonazipublikationen. Die «Bundeswehr im Einsatz» unter SPD-Minister Rudolf Scharping macht es möglich. Die Verbrechen des deutschen Faschismus hat es von 1933 bis 1941 eigentlich nicht gegeben, folgt man der Information für die Truppe vom Sept./Okt. 99. Die Wehrmachtssoldaten hätten sich gegen die Folgen von Versailles und gegen den «Täter» der bis dahin «größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte» gestellt. Denn «nicht Auschwitz, sondern vor allem diese Tatsachen waren 1939/1941 der Erfahrungshintergrund der Wehrmachtsgeneration». Der Überfall auf die Sowjetunion des Täters Stalin hat demnach zumindest zu Beginn seine Berechtigung gehabt! Auschwitz als Antwort auf das jüdisch-bolschewistische System.

Und dann kommt noch die ganze Litanei von den Soldaten der Wehrmacht, die nicht nur viel geleistet, sondern auch gelitten haben. In der Besprechung einer Bundeswehrzeitschrift über das Buch einer Bundeswehreinrichtung, des Militärgeschichtlichen For-schungsamtes. «Die Wehrmacht. Mythos und Realität» heißt es. Sein Mitherausgeber Rolf-Dieter Müller wird zitiert: Man müsse wegkommen von der «Betroffenheitspflege und Opferperspektive». Das Buch und die Rezension in der in großer Auflage verbreiteten Bundeswehrzeitschrift sind ein neuer Beleg für die Tatsache, dass die Wehrmacht - entgegen den gültigen Traditionserlassen - traditionsstiftend und identitätsstiftend ist für die Bundeswehr. In seinem Buch nennt Giordano die in der Bundeswehr beliebten Einschränkungen zum gültigen Apelschen Traditionserlass: Es gäbe die ewigen Werte des Soldatentums, die trotz Hitler auch von der Wehrmacht überliefert seien. Es gäbe den sauberen Soldaten inmitten der Verstrickungen der Truppe. Während die Auschwitzlüge, die den Holocaust leugnet, allgemein als verpönt und verboten gilt, wird die Traditionslüge, mit der die Teilnahme der Wehrmacht am Holocaust und am Völkermord geleugnet wird, aufrecht erhalten. Giordano macht dagegen Front.

Der nunmehr 77-jährige politische Publizist legt nach «Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein» und «Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte» sein drittes Buch zur radikalen Absage an alle beschönigenden Legenden über Kriegs- und Nachkriegszeit vor. Defizite im Umgang mit Faschismus und Militarismus werden in bisher einmaliger Deutlichkeit benannt. Giordanos Fazit hinsichtlich der Streitkräftetradition: «Von Widerstand und Ungehorsam abgesehen, kann es aus der Geschichte des Deutschen Reiches bis 1945 keinerlei Militärtraditionen geben, die von den Streitkräften des demokratischen Deutschlands übernommen werden dürften. Dass die Bundeswehr sie dennoch auf vielfache Weise in ihr Traditionsverständnis und ihre Traditionspflege einbezogen hat, nenne ich: die Traditionslüge.»

Bei der Vorstellung seines Buches in einer Dortmunder Buchhandlung rekapitulierte der Holocaustüberlebende Giordano seine Gedanken als Jugendlicher im Hamburger Versteck: «Wir wussten, das Schicksal der Wehrmacht würde das Schicksal Hitlers entscheiden - und das unsrige.» Das Hauptverbrechen der Nazis war nicht Auschwitz, sondern der Krieg, der den Holocaust, die Verbrechen im Vernichtungskrieg im Osten erst möglich machte. Nach einem Sieg der Wehrmacht hätte es kein Überleben für die Verfolgten in Deutschland wie für die von Ausrottung bedrohten Völker des Ostens gegeben. Der Schriftsteller schildert durchaus Gefühle der Trauer, die ihn mit denjenigen verbinden, die aus seiner Generation als Kanonenfutter verheizt wurden. Doch er wiederholt auch seinen Satz, den er auf einem deutschen Soldatenfriedhof sprach: «Wer versucht, ihrem Kampf Glorie oder einen Sinn zu geben, vergeht sich zum zweiten Mal an ihnen.»

Dieses Vergehen ist mit Händen zu greifen. Zu den Vorbildern der Bundeswehr, zur «deutschen Militärtradition» gehören nun einmal preußische Blutgeneräle, Wehrmachtsoffiziere mit Massenmorderfahrungen, Antisemiten, Durchhaltestrategen, blutige Wehrmachtsrichter. Sie alle begründen nach Giordano noch immer die Tradition der Bundeswehr. Er legt dazu eine Fülle von Material vor, das den Friedensinitiativen und Antifagruppen vor Ort Anregungen zu aufklärerischen Aktionen bietet.

Eine solche Aufklärungsarbeit wird von Antifaschisten und Antimilitaristen als Beitrag zur Überwindung von Militarismus und Krieg betrieben. Hier wird der Dissens zwischen der Friedensbewegung und dem aufklärerischen Autor sichtbar. Zwar lässt es Giordano keine Ruhe, dass die Bundeswehr sich immer noch mit Wehrmachtsahnen schmückt. Er hält jedoch die Traditionslüge für überwindbar. Er hatte bekanntlich - um es verhalten auszudrücken - keine Einwände gegen die Teilnahme der Bundeswehr am NATO-Krieg gegen Jugoslawien. Seine Hoffnung gilt einer Bundeswehr, die als ersten vor allen anderen Reformschritten endlich alles abstreift und aus dem Leben der Truppe verbannt, was sie mit der Hitlerwehrmacht verbindet. Um so mehr ist er entsetzt, dass der höchste Personalchef der Bundeswehr, Heeresamtschef Generalmajor Jürgen Reichardt, verkündete: Die sittliche Grundlage der «out-of-area»-Rolle der Bundeswehr könne sich im wesentlichen «auf ungebrochene deutsche Militärtraditionen stützen.»

In der Holocaustforschung hat sich in den letzten Jahren immer mehr eine Abtrennung des Völkermords an den europäischen Juden von dem Verbrechen Zweiter Weltkrieg, der von deutschem Boden ausging, ergeben. Ja, es gibt - wir sahen es an der Aggression gegen die Serben - sogar schon neue Arten der Auschwitzlüge, die einen Krieg zulassen, weil es einen neuen Hitler in Belgrad oder Bagdad zu stoppen gelte. Daniel Goldhagen hat den Zweck des Krieges Adolf Hitlers in der Vernichtung der Juden in Europa gesehen, im Holocaust an sechs Millionen Juden. Folglich bescheinigte er den Deutschen von heute, den Deutschen, die sich gegen die Auschwitzlüge wenden, dass von ihnen keine Gefahr mehr ausgehe. Die Wehrmachtsausstellung in ihrer bisherigen Version - die neue kennen wir noch nicht - wertet die Wehrmacht als Instrument nicht allein der Judenvernichtung, sondern des umfassenden, in seiner verbrecherischen Qualität und Quantität einmaligen Vernichtungskrieges gegen Slawen, Juden, Roma und Sinti, Kommunisten. Aber auch die Macher der Wehrmachtsausstellung stellen der Bundeswehr von heute ein gutes Zeugnis aus; sie haben den Bundeswehroffizieren gern bescheinigt, dass sie als Teil der NATO geläutert sind.

Giordano lenkt dagegen den Blick auf alle zig Millionen Opfer des deutschen Faschismus - und auf den Militarismus der Deutschen von heute. Der «verbrecherischste Krieg der Geschichte», das war der Krieg Hitlers und seiner Generäle. «Dass der militärische Eingriff Hitlerdeutschlands in das Leben Hunderter von Millionen Menschen Großkiller und Rahmen aller anderen Untaten, das Hauptverbrechen Hitlerdeutschlands war - diesen Gedanken hat keiner von ihnen je geäußert», wirft Giordano den Rommel-Fans von heute wie jenen vor, die dann gemeinsam mit Speidel, Heusinger und vielen anderen Wehrmachtsoffizieren die Bundeswehr begründeten und bis heute prägten. Die Frage «Wie hältst du es mit der Wehrmacht?» sei keine andere als «Welche Einstellung hast du zur Geschichte des Dritten Reiches?» Ohne restlose Überwindung der Traditionslüge und bei Beibehaltung des «Kriegerkults» könne und werde es keinen Neuanfang geben, schreibt Giordano.

Die Radikalität seines Schriftstellerkollegen Gerhard Zwerenz besitzt Giordano leider nicht. Der scheidende PDS-Abgeordnete Gerhard Zwerenz hatte angesichts der schon vor der Bundestagswahl 1998 erkennbaren drohenden Aggression gegen Jugoslawien an den scheidenden Minister Volker Rühe (CDU) telegraphiert: «Ich schließe mich der Aufforderung an, der SPD-Verteidigungsminister möge den Kasernenskandal nach Amtsübernahme endlich unverzüglich abstellen.» Zugleich wurde der Noch-Verteidigungsminister Rühe gefragt, «wie er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, Jugo-slawien mit Bomben zu bedrohen und eigene Wehrmachtskriegsverbrecher als Vorbilder der Bundeswehr ehren zu lassen». Auch die Grünen wandten sich im Herbst '98 ein letztes Mal kritisch an die Hardthöhe. Noch von der alten Regierung wollte Winfried Nachtwei, bündnisgrüner Bundestagsabgeordneter aus Münster, wissen, warum das unverkennbar den Holocaust ehrende «Bandenkampfabzeichen» der SS und der Wehrmacht noch immer als Kriegs- und Tapferkeitsauszeichnung getragen werden darf. Nachtwei fragte: «Wie begründet die Bundesregierung vor dem Hintergrund der Goldhagen-Debatte oder der Auseinandersetzung um die Traditionswürdigkeit der Wehrmacht für die Bundeswehr die Beibehaltung dieses Ordenszeichens?» Leider haben wir von Herrn Nachtwei nicht erfahren, wie die Anfrage ausging. Inzwischen war er auch mit Kriegführen beschäftigt.

Nun dürfen wir gespannt sein, wie die Bundesregierung mit der «Traditionslüge» umgeht und wie die Truppe auf die scharfe Kritik Ralph Giordanos reagiert. Dem Verbot der Auschwitzlüge sollte die Ächtung der Traditionslüge folgen.
Ulrich Sander
Aus: Marxistische Blätter, Heft 6/2000 (erscheint Anfang/Mitte November)

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