"Interventionen" zum 75. von Klaus Meschkat, 01.12.2010 (Friedensratschlag)
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Bilanz eines 58ers

Gesammelte "Interventionen" zum 75. Geburtstag von Klaus Meschkat

Von Dieter Boris *

Auch linke Intellektuelle präsentieren sich der Öffentlichkeit in ganz unterschiedlicher Weise: Da gibt es den Typus des ubiquitären, das heißt überall präsenten, les- , hör- und sehbaren Experten für (fast) alles, der zugleich sein eigener PR-Manager, Lautsprecher und notorischer »Mehrfachverwerter« seiner schriftlichen Äußerungen ist. Und es gibt den »leisen« Intellektuellen, der sich für bestimmte Themen nur als halbwegs kompetent bezeichnet, seine Publikationen an entlegenen Stellen und nur einmal unterbringt, in Arbeitsgruppen langwierige und unsichtbare Kärrnerarbeit leistet und der die Bedeutung seiner Beiträge und Kenntnisse ständig relativiert oder in den Hintergrund schiebt.

Der emeritierte Hannoveraner Soziologieprofessor Klaus Meschkat gehört eindeutig zum zweiten Typus. Anläßlich seines 75. Geburtstags am 29. Oktober ist eine Festschrift der besonderen Art erschienen: unter dem Titel »Konfrontationen« enthält sie ine Sammlung von »Streitschriften und Analysen« von Meschkat selbst, die zwischen 1958 und 2010 veröffentlicht wurden – allerdings häufig an kaum mehr zugänglichen oder leicht übersehbaren Orten.

Vom SDS zu Allende

Klaus Meschkat ist aus heutiger Sicht ein »Alt-Linker« und – wenn man so will – ein 1958er (ja, auch die gibt es). Seine politische Arbeit begann, als die spätere Studentenbewegung noch die Schulbank drückte. 1954 trat der junge Student der Soziologie und der osteuropäischen Geschichte dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) bei und wurde Redakteur von dessen Theoriezeitschrift Standpunkt. Der AStA-Vorsitz an der Freien Universität Berlin und beim Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) in Bonn deuten das hohe Engagement dieser Minderheit linker Studenten an, die wichtige Vorarbeit für das leistete, was dann unter der Chiffre 68er in die Geschichte einging: Kritische Analyse der autoritär-undemokratischen Strukturen im Hochschulbereich und im politischen System der BRD generell sowie Kritik des damals grassierenden extremen Antikommunismus. 1965 wurde er mit einer Arbeit über die Rezeption der Pariser Kommune in der sowjetischen Geschichtsschreibung promoviert. Seine nach der heutigen akademischen Zeitrechnung kaum vorstellbare Studiendauer müßte jeden durch die Mühle des Bologneser Kurzstudiums (»Bachelor«) gepreßten Studierenden mit Neid erfüllen. Den Höhepunkt der Studentenbewegung erlebte Meschkat als Assistent und Vorsitzender des 1967 gegründeten »Republikanischen Clubs« in Westberlin, der viele wichtige Aktionen der Außerparlamentarischen Opposition, der APO, z. B. die »Enteignet Springer-Kampagne«, anstieß.

Zwischen 1968 und 1973 folgten Gastprofessuren in New York, Kolumbien und Chile. Als dort am 11. September 1973 das Militär den Sozialisten Salvador Allende aus dem Amt putschte und auch die Universitäten von Linken »gesäubert« wurden, traf es auch Meschkat. Er kam für einige Wochen in Haft und mußte wie so viele das Land verlassen.

Seitenwechsel von Linken

Lateinamerika blieb sein Forschungsschwerpunkt: Während seiner Zeit als Professor für Soziologie an der Universität von Hannover (1975 bis 2001) widmete er sich der Analyse der Herrschaftsverhältnisse und der sozialen Bewegungen in Kolumbien, Chile, Nicaragua, Bolivien, Venezuela, Mexiko und Kuba, zum Teil in umfangreichen Forschungsprojekten. Die Untersuchung der Umweltbewegung in Kolumbien oder die der Weltbankpolitik gegenüber den Kleinbauern dieses Landes Anfang der 1980er Jahre waren z. B. in der westdeutschen Lateinamerikaforschung ebenso innovativ und originell wie seine Studien zur Arbeiterbewegung in Chile und Kolumbien. Zwischen 1999 und 2007 war er mitverantwortlich für ein russisch-deutsches Forschungsprojekt zur Erarbeitung eines biographischen Handbuchs der Kommunistischen Internationale in Kooperation mit dem Moskauer Komintern-Archiv. Das schon früher von ihm bearbeitete Thema der Stalinisierung der kommunistischen Parteien in Lateinamerika seit Ende der 20er Jahre wurde hier auf der Basis neuer Quellen bedeutend vertieft.

Wenngleich viele der in die »Konfrontationen« aufgenommenen Beiträge einen klaren Lateinamerikabezug aufweisen, enthält der Band auch zahlreiche andere interessante Artikel. Darunter finden sich Arbeiten über die Studentenbewegung, zum Verstehen und Mißverstehen seines Freundes Rudi Dutschke, über internationale Solidarität und Intellektuelle und ihre Tendenz zum »Seitenwechsel« in zugespitzten politischen Situationen – so zum Beispiel die Verwandlung bisheriger Kriegsgegner in Kriegsbefürworter anläßlich des Golfkriegs (1991) und des NATO-Kriegs gegen Jugoslawien (1999). Die politischen und institutionellen Mechanismen, die manche Intellektuelle aus dem »rot-grünen« Milieu dazu brachten, nach Ende des Kalten Kriegs doch noch einmal auf der Seite der Sieger stehen zu wollen, werden hier scharfsinnig und ohne diplomatische Rücksichten analysiert.

Drei typische Elemente seines Denkens ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Arbeiten. Das Vorhandensein eines theoretischen Rahmens, der sich aber nie in reine Abstraktionen verflüchtigt. Eine reiche empirische Basis, ohne daß dabei die theoretisch entfaltete Problematik aus dem Blickfeld gerät. Und schließlich geschieht Analyse nie zum Selbstzweck, sondern ist immer geleitet vom Ziel politischer Intervention und der Identifizierung von Punkten, von denen aus die Realität verändert werden kann. Der Bezug zu Marx war immer zentral. Gleichwohl scheute Meschkat sich nicht, bürokratisch-autoritäre und zentralistische Deformationen im offiziellen »Sowjetmarxismus« sowie demokratiefeindliche, verselbständigte Parteiapparate innerhalb der Arbeiterbewegung und der sozialistischen und kommunistischen Linken zu kritisieren.

An dieser Position über fast sechs Jahrzehnte hinweg – jenseits vieler politischer Konjunkturen, ungeachtet vieler Anfeindungen, zahlreicher Enttäuschungen und Fehlurteile im einzelnen – festgehalten zu haben, verweist auf eine Charakterstärke, Unbeirrtheit und Einsicht, die die Leser zweifellos beeindrucken wird.

Klaus Meschkat: Konfrontationen - Streitschriften und Analysen 1958 bis 2010. Offizin-Verlag, Hannover 2010, 487 Seiten, 34 Euro

* Aus: junge Welt, 29. November 2010


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