Kriegstheorie (Friedensratschlag)
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Gewalt als Lebensform

Ein unguter Paradigmenwechsel in der Kriegstheorie

Von Andreas Herberg-Rothe

Tschetschenien, Kosovo genauso wie die zahlreichen Kriege in Afrika signalisieren einen Wandel in der Kriegführung im Übergang zum neuen Jahrhundert. Diese unbestrittene Veränderung geht mit einem fragwürdigen, aber tiefgründigen Paradigmenwechsel in der Theorie von Krieg und Gewalt einher. Die dadurch grundlegende veränderte Wahrnehmung dieser Phänomene läßt sich als Wandel von Clausewitz zu Nietzsche umschreiben. Carl von Clausewitz, bisher als bedeutendster Theoretiker des Krieges angesehen, wird gegenwärtig primär nur noch einer vergangenen Epoche der Kriegführung und des internationalen Staatensystems zugerechnet - der vom Westfälischen Frieden 1648 bis heute.

Die aktuellen Veränderungen in Bezug auf die Formen der Kriegführung sowie die Verlagerung vom zwischenstaatlichen auf den zwar globalisierten, aber im wesentlichen innerstaatlichen Krieg, scheinen mit einem Clausewitz-Diskurs nicht mehr angemessen begriffen zu werden . Insbesondere die weltberühmte Formel vom "Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln", wird heute vielfach als überholt angesehen. Zwar ist die Attraktivität Clausewitz' so groß, dass seine Ausführungen zur Theorie des Krieges immer noch als Steinbruch für die jeweiligen theoretischen Ansätze herangezogen werden . Auch scheint sein Ansatz so eingängig, dass selbst die scheinbar überalterte 'Formel' in anderem Gewand zu neuen Ehren kommt. Krieg wird zum Teil bestätigend oder kritisch-polemisch als Fortsetzung der Moral mit anderen Mitteln aufgefasst. Trotz dieses partiellen Rückbezugs auf Clausewitz ist die Absatzbewegung ihm gegenüber wesentlicher.

Pur Nietzsche

Und so sieht der Paradigmenwechsel aus: es findet eine Verlagerung statt vom Primat der Politik und der zivilen Gesellschaft über das Militärwesen zu einem Primat des gewaltsamen Kampfes und der Autonomie der Kämpfenden von der Gesellschaft. Auf der rein semantischen Ebene vollzieht sich ein untergründigen Wechsel vom soldier zum warrior, vom Soldaten in einer demokratisch verfassten Gesellschaft zum aristokratisch bestimmten Krieger.

Clausewitz' vielfach umstrittene Formel vom Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln bedeutet primär nicht eine Legitimation von Kriegen - wie sie meistens missverstanden wird - sondern einen Primat der zivilen Gesellschaft und der ihr zugehörigen Politik vor dem Militärwesen. Genau diese Anbindung des Militärwesens an die Prämissen, Werte und Zielvorstellungen einer zivilen Gesellschaft und ihrer politischen Führung wird gegenwärtig nachhaltig in Frage gestellt .

Am deutlichsten drückt dies einer der entschiedensten Kritiker Clausewitz' und gleichzeitig der Militärhistoriker, mit dem größten politischen Einfluss aus, Martin van Creveld. Er versucht explizit, eine Nicht-Clausewitz'sche Theorie des Krieges zu entwickeln. Seine Position, die "Schwachen" gewönnen die zukünftigen Kriege gegen die "Starken", hat er dahingehend erläutert, dies sei "natürlich pur Nietzsche". Sätze wie derjenige, dass erst der gewaltsame Kampf dem menschlichen Leben einen Sinn geben würde, sind keine fragwürdige Begleitmusik einer an sich richtigen Analyse der gegenwärtigen Veränderungen, sondern enthüllen die grundlegenden Voraussetzungen dieses Gegenprogramms zu Clausewitz.

Der Kern dieses Programms besteht darin, den Primat der (zivil gedachten) Politik vor dem Militärwesen wie der Kriegführung durch einen Primat des gewaltsamen Kampfes zu ersetzen. Dies schließt eine weitgehende Autonomie der Spezialisten der Gewaltanwendung, der "Krieger", von der zivilen Gesellschaft mit ein. Im Gefolge von Nietzsche brachte Foucault diese Position auf den Punkt: hier ist nunmehr in explizitem Gegensatz zu Clausewitz die Politik Fortsetzung des Krieges und der Gewalt mit anderen Mitteln. Vor allem in der aktuellen Bürgerkriegsdiskussion ist diese Tendenz zu Nietzsche, zum Primat des Kampfes, festzustellen. So prognostiziert etwa Trutz von Trotha für Europa eine Entwicklung in Bezug auf Bürgerkriege, wie sie gegenwärtig in Schwarzafrika festzustellen ist. Weltgeschichtlich könne man die Vorstellung vom Primat des Allgemeinen im staatlichen und öffentlichen Raum, dieses Erbe der griechischen Polis, nur als "exotisch" betrachten. Auch die westliche Welt kehre langsam zur geschichtlichen Normalität zurück, wie sie in Afrika immer Wirklichkeit gewesen sei: zur konzentrischen Ordnung, in der der Vorrang der primären Beziehung gelte, die Verpflichtung für den, der uns am nächsten stehe.

Insofern sei Schwarzafrika ein Symbol für die Zukunft auch der westlichen Welt. Dies beinhaltet eine Mahnung vor der Gewalt in scheinbar endlosen Kriegen und selbst im Genozid, was insgesamt nicht auf Schwarzafrika beschränkt sei. Afrika sei aber auch dort "Zukunft", wo es verwirkliche, was im Selbstverständnis des Westens immer zur Moderne dazugehörte: die Erfindung neuer Formen politischer Herrschaft sowie ein Individualismus des Wagnisses und der Macht. Wenn selbst die Grauen von Krieg und Gewalt in Afrika durch den Hinweis auf einen damit verbundenen Individualismus des Wagnisses und der Macht relativiert werden, zeigt sich, welche untergründigen Konsequenzen aus einem solchen Nietzsche-Diskurs zu ziehen sind.

Für Martin van Creveld ist Clausewitz deshalb überholt, weil er eine zweckrationale und damit per definitionem begrenzte Kriegführung propagiert habe. Mit einer solchen Konzeption könnten Kriege in der Zukunft gegen Gegner, die um ihre Existenz oder ihre Identität kämpften, nicht mehr gewonnen werden. Auch wenn es Tendenzen innerhalb der gegenwärtigen Weltgesellschaft gibt, die Krieg nicht mehr in einer Zweck-Ziel-Mittel-Relation begreifbar machen lassen, sondern Gewalt als Lebensform (Münkler) ausdrücken, bedeutet dies jedoch keineswegs, dass sich die zivilen Staaten an dieses Paradigma anpassen und ebenfalls eine unbegrenzte Kriegführung anwenden müssten. Dies wäre nur mit einer Zusatzannahme der Fall.

Martin van Crevelds Position scheint von einer Maxime Napoleons bestimmt zu sein, die Carl Schmitt aufgegriffen hat: gegen Partisanen helfen nur Partisanen. Anders formuliert: damit die Staaten, Nationen oder Gemeinschaften in den zukünftigen Interventionskriegen außerhalb wie innerhalb ihres Staatsgebietes erfolgreich bestehen und sich als solche erhalten könnten, sei es notwendig, sich der irregulären Kampfweise ihrer Gegner anzunähern und insbesondere die Trennung von Kombattanten und Nicht-Kombattanten aufzugeben. In Bezug auf den Vietnam-Krieg argumentiert van Creveld explizit, dass die amerikanische Armee sich zunehmend selbst aufgelöst und deshalb diesen Krieg verloren habe, weil sie an einem Dilemma zerbrochen sei: dem moralischen Anspruch, die Unterscheidung von Kombattanten und Nicht-Kombattanten einzuhalten und der praktischen Unmöglichkeit im Guerillakrieg, die entsprechenden Konventionen wirklich und effektiv einzuhalten.

Auch wenn die se Unterscheidung in den künftigen Interventionskriegen und den nicht auszuschließenden zwischenstaatlichen Kriegen, besonders schwierig sein wird, kann dies jedoch nicht bedeuten, sie von vornherein hinter sich zu lassen. Eine zivile Gesellschaft und ein ihr zugehöriger Staat kann diese Unterscheidung prinzipiell nicht aufgeben, ohne sich selbst in Frage zu stellen. Die Unterscheidung von "zivil" und "militärisch" sowie damit zusammenhängend von legitimer und illegitimer Gewaltanwendung, so umstritten und umkämpft diese Problematik auch bleibt, ist Grundlage jeder zivilen Gesellschaft, ja von Gesellschaft überhaupt. Die Aufhebung dieser Trennung mag kurzfristig zu militärischen Erfolgen führen, mittelfristig ist die hiermit verbundene Entgrenzung der Gewalt jedoch kontraproduktiv.

Clausewitz ist hier der entscheidende Gegenpol zu van Creveld. Zwar war der frühe Clausewitz Anhänger von Napoleons Strategie der Vernichtung des Gegners und der Entgrenzung der Gewalt, bedingt durch dessen überwältigende militärische Erfolge in der Schlacht bei Jena. Die endgültige Niederlage Napoleons bei Waterloo bewog ihn jedoch zu einer grundlegende Revision seine Theorie - die gleiche Strategie, die früher die Erfolge Napoleons begründete, führte aus Clausewitz' Sicht nun zu dessen Untergang. Clausewitz folgerte, dass der Primat des Kampfes und die Entfesselung der Gewalt im Krieg zwar kurzfristig militärisch erfolgreich sind, langfristig jedoch nicht nur zu einer Niederlage, sondern zum vollständigen Niedergang führen, wenn sie nicht an den Primat der Politik rückgebunden bleiben. Diese Analyse von Waterloo nimmt die von Stalingrad vorweg.

Clausewitz hat zum Schluss seines Lebens die Lehren aus seinen gegensätzlichen Kriegserfahrungen, vor allem aus Erfolg und Scheitern Napoleons, gezogen. In seinem Resultat für die Theorie begreift er Krieg als "wunderliche Dreifaltigkeit", als Chamäleon, das zusammengesetzt ist aus drei gegensätzlichen Tendenzen, der "ursprünglichen Gewaltsamkeit" des Krieges, aus der Eigendynamik des Kampfes sowie der untergeordneten Natur des Krieges als eines politischen Werkzeuges. An dieser "wunderlichen Dreifaltigkeit" fällt eins unmittelbar auf: Clausewitz wiederholt in ihr zwar den Primat der Politik explizit - zugleich ist dieser Primat jedoch nur einer von drei prinzipiell gleichberechtigten Tendenzen, aus denen jeder Krieg zusammengesetzt sei.

Wandlungen der Weltgesellschaft

In den bisherigen Interpretationen wurde nahezu immer nur eine Seite aus diesem Spannungsverhältnis, durch die Clausewitz jeden Krieg gekennzeichnet sah, verabsolutiert - sei es der Primat der Politik, die Gewalt oder die Eigendynamik des Kampfes. Dieses Spannungsverhältnis von gegensätzlichen Tendenzen innerhalb des Krieges wird gegenwärtig nach einer Seite aufzulösen versucht - zugunsten des Kampfes. Ist der "Kampf" als Paradigma jedoch analytisch durchaus angemessen zur Kennzeichnung einiger aktueller Entwicklungen und müssen hierauf neue Antworten gefunden werden, so taugt er jedoch nicht als Anleitung zum Handeln von Staaten. Wie auch immer die neuen Verhältnisse von Krieg und Gewalt auf den Begriff gebracht werden, die Theorie Clausewitz' bleibt der Bezugspunkt für das Handeln von Staaten und zivilen Gesellschaften. Dies allerdings unter der Voraussetzung einer Rekonstruktion, die sich nicht auf das Rezitieren von Schlagworten beschränkt. Clausewitz' Ansatz muss als Diskurs gegensätzlicher Tendenzen aufgefasst werden, innerhalb dessen sich auch die gegenwärtigen Wandlungen in der Weltgesellschaft wie die notwendigen Antworten darauf bewegen.

Aus: Frankfurter Rundschau, 26. Oktober 2000 (Feuilleton)

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