Eric Hobsbawm über Brodas "Wissenschaftsspione", 08.12.2011 (Friedensratschlag)
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Alle verhielten sich einwandfrei

Essay. Zu Paul Brodas Buch "Wissenschaftsspione: Eine Erinnerung an meine drei Eltern und die Atombombe"

Von Eric Hobsbawm *

Paul Brodas Buch (»Scientist Spies: A Memoir of My Three Parents and the Atom Bomb«, Leicester 2011) ist ein ungewöhnlicher und zugleich erhellender Beitrag zu der Literatur über die sowjetische Spionage, die Eingang in die angelsächsische Folklore gefunden hat. Dies umso mehr, als er eher aus der Sicht der Spione als aus der ihrer Jäger verfaßt wurde. Er handelt von vier Menschen: dem Autor, einem bedeutenden Biochemiker im Ruhestand sowie den »drei Eltern«, die sein Leben prägten. Es geht um Hilde, also Hildegard Pauline Ruth Gerwing sowie die beiden Physiker, die sie nacheinander heiratete, die zwischen 1942 und 1945 Informationen über das Atombombenprojekt an die Sowjets weitergaben: Berti, oder Engelbert Egon August Ernst Broda, und Alan Nunn May, der hierfür zu einer Haftstrafe von zehn Jahren verurteilt wurde. Broda, der wahrscheinlich über weitaus intensivere Verbindungen nach Moskau verfügte, wurde hingegen nie belangt, wenngleich er von den britischen Geheimdiensten als äußerst verdächtig eingestuft worden war.

In erster Linie Wissenschaftler

Tatsächlich waren mir alle drei sowie ein hoher Anteil der Hauptpersonen dieses Buches aus der Phase bekannt, als Mitteleuropa Cambridge traf, in diesem kuriosen Milieu der österreichischen Emigration nach Großbritannien, in der Vor- und Kriegszeit. Es ist nur eines der Verdienste von Paul Brodas Buch, daß er diesen oft vernachlässigten, aber nicht unbedeutenden Aspekt der Geschichte Großbritanniens in der Ära des Antifaschismus beleuchtet.

Brodas Protagonisten gehören nicht der Schattenwelt von John le Carrés Geheimdienstlern oder Agenten an oder gar dem Milieu der Vollzeitfunktionäre der Kommunistischen Partei oder der Komintern, ganz zu schweigen von den auf völlige Identifikation mit Moskau getrimmten Parteikadern wie etwa jenen der Lenin-Schule. Ihr Leben bestand hauptsächlich aus Wissenschaft – die Physik dessen, was Ernest Rutherford [1] das »heroische Zeitalter« nannte, selbst wenn dies von ihrem Kommunismus nicht zu trennen war. Berti Broda (dessen Bruder später in seinen post-kommunistischen Jahren ein namhafter österreichischer Justizminister werden sollte) kam dem le-Carré-Stereotyp wohl am nächsten und verfügte sicherlich über Verbindungen zur Komintern, aber er selbst sah sich weniger als einen von Lenins Berufsrevolutionären denn als Wissenschaftler.

In gewisser Weise kann der Unterschied am besten anhand des Falles von Alex Tudor-Hart und seiner einstigen Frau Edith Suschitzky illustriert werden. Beide waren gleichermaßen revolutionär, aber er diente der Sache als Arzt in den Tälern von Süd-Wales, in die er nach einer Zeit als Mediziner im Spanischen Bürgerkrieg zurückkehrte. Seine Ambitionen waren ziviler Natur. Sie, obgleich eine erfolgreiche Berufsfotografin, stand seit 1926 mit den sowjetischen Diensten in Kontakt und schien eine aktive Agentenrekrutiererin gewesen zu sein, beginnend mit Kim Philby [2] und, wie es scheint, auch Broda, den einen ihrer Liebhaber. Wie stark auch immer ihre politischen Überzeugungen und ihre Hoffnungen ausgeprägt waren, mit Hilfe ihrer Berufe der Sache der Menschheit dienen zu können, Broda und Nunn May wollten ihre Arbeitsleben als Physiker und Hilde ihres als praktizierende Ärztin fortsetzen.

Alle verfügten über einen etablierten bürgerlichen und sogar Busineßhintergrund, obwohl man die ungewöhnlich gut vernetzten Brodas, eine jüdisch-katholische Kombination aus den multikulturellen Habsburger-Gebieten, kaum konservativ oder »respektabel« in der Art von Nunn Mays Armaturenproduktionshintergrund in Birmingham nennen konnte. Ebenso wenig ähnelten sie den westdeutschen Salomons und Eichengrüns [3], die Hilde, Kind einer jüdisch-katholische Ehe, aus ihrer zerstörten und dysfunktionalen Fami­liensituation heraushalfen.

Bis zu ihrer Heirat war Bertis Mutter eine durchaus erfolgreiche Wiener Schauspielerin gewesen, sein Onkel Willi ist besser bekannt als der Filmregisseur G.W. Pabst [4]. Radikale Politik war bereits vor 1914 Bestandteil des Familienmilieus gewesen. Alle drei wurden in den Jahren 1910 und 1911 geboren. Berti schien bereits im Alter von 18 Jahren oder sogar davor Kommunist gewesen zu sein, Parteimitglied wurde er 1930. Im selben Jahr trat die um ein Jahr jüngere Hilde der Partei bei. Berti war ihr Studentenführer. Beide befanden sich im Augenblick von Hitlers Triumph in Deutschland, obwohl Berti auch in Österreich und später in Großbritannien immer wieder inhaftiert oder interniert war. Alan, der in der UdSSR die Hoffnung für die Welt sah, zögerte seinen Parteibeitritt bis 1936 hinaus, als er sich seines Doktortitels sicher war.

Die Aktivitäten von Broda und Nunn May sind kein Geheimnis, beide schrieben ausführlich darüber. Beide waren Physiker, genauer gesagt, Mitglieder einer kleinen verschworenen Wissenschaftlergemeinschaft, Hüter unverständlicher Geheimnisse, von denen, wie es schien, das Schicksal der Welt abhing. Tatsächlich machte der Zweite Weltkrieg dieses einzigartige Wissen praktisch wertvoll. Ohne die britische Entscheidung, die UdSSR hinsichtlich der Pläne über den Atombombenbau im dunkeln zu halten, waren weder Broda noch Nunn May für die sowjetischen Geheimdienste von Interesse. Tatsächlich lieferten sie nach 1942 lediglich Informationen.

Im Dienst der Vernunft

Es ist nur schwer vorstellbar, wie klein, wie international und zugleich intim die Welt der Physik zwischen den Weltkriegen war. Sie war klein genug, daß man sich untereinander kannte oder zumindest von allen anderen Notiz nahm. Als junge Studenten hatten Berti Broda und Hans von Halban [5] (der ihn 1941 für das Atombombenprojekt rekrutieren sollte) gemeinsam einen alpinen Gipfel bestiegen. Die meisten der jüngeren Wissenschaftsstudenten kannten die Nobelpreiskandidaten oder -träger persönlich und hielten die Hoffnung aufrecht, es ihnen einstmals gleichzutun, auch wenn sie vielleicht nicht bei ihnen lernten. In der Rückschau fasziniert das gegenseitige Vertrauen innerhalb dieser seltsamen großen Familie, die durch die gemeinsame Aufregung angesichts der Überzeugung, wundervolle Dinge im Namen der Wahrheit zu erreichen, zusammengehalten wurde und die von außen zu stören als inakzeptabel galt, und wenn nur, weil man sie nicht richtig verstehen konnte. Angesichts der Situation in den 1930ern, insbesondere nachdem der Erzfeind der Vernunft in Deutschland die Macht übernommen hatte, ist es nicht überraschend, daß sich junge Wissenschaftler zu der radikalen und revolutionären Linken hingezogen fühlten. Der innerhalb dieses Milieus sich bewegende Roman »The Search« von C. P. Snow [6] spiegelt ihre Stimmung in der damaligen Zeit wider, insbesondere die leichte Verachtung gegenüber rein literarisch orientierten Intellektuellen, wie sie etwa F. R. Leavis [7] Schaum vor den Mund zauberte. Die politisch alles andere als subversiven Granden des Cavendish Laboratory waren über diese Verbindungen nicht wirklich schockiert.

Als ein unbekannter Flüchtling erhielt Broda 1938 Unterstützung vom Präsidenten der Royal Society, Sir William Bragg [8], aufgrund der Tatsache, daß er einst als Assistent eines Wiener Physikers und Chemikers gearbeitet hatte, von dem Bragg viel hielt. 1942 rekrutierte James Chadwick [9] Nunn May, obwohl er über dessen Kommunismus bestens Bescheid wußte und trotz allem Zögern auf seiten der Sicherheitsleute, für das »Tube Alloys« (Atombomben)-Projekt. Er war somit ein herausragendes britisches Mitglied von Halbans und Kowarskis »Schwerwasser«-Team, das ansonsten aus geflüchteten Wissenschaftlern bestand, die sich 1940 nach Frankreich abgesetzt hatten. Dies war, wie Nunn May später reflektierte, eine normale und unausweichliche Entscheidung für all jene, die an einem Atombombenprojekt arbeiteten und nicht an der Vorbereitung eines Kalten Krieges.

Auf jeden Fall kannte die Welt der Physiker keine Grenzen. Sie war nicht durch nationale Patriotismen und militärische Kalkulationen begrenzt, wie enthusiastisch ihre Mitglieder auch immer an der Herstellung der nuklearen Zerstörung gearbeitet haben mochten. Während des Krieges sympathisierten selbst solche Physiker, die es sich vorher nicht hatten träumen lassen, Informationen an unautorisierte Empfänger weiterzugeben, mit der Sichtweise, man solle den russischen Verbündeten nicht völlig im dunkeln tappen lassen.

Nach dem Krieg erinnerte sich Tam Dalyell [10] in einer für ihn typisch freimütigen Einleitung zu diesem Buch, er habe Chadwick wegen Nunn May befragt, und dieser habe ihm geantwortet: »Ich kannte Alan sehr gut. Ich kann nicht gut heißen, was er getan hat. Aber er tat es aus guten Gründen. Und vielleicht wird eure Generation gerade wegen dem, was er getan hat, dem Atomkrieg entgehen. Das kann niemand von uns wissen.«

Überraschenderweise teilten die Sicherheitsdienste die positive Beurteilung von Nunn May, wenngleich er gegenüber den Schmeicheleien von William Skardon [11],immun blieb dem großen Vernehmungsbeamten, der bei Klaus Fuchs Erfolg hatte, der grundsätzlich jegliche Zusammenarbeit jenseits dessen ablehnte, was er später vor Gericht zugegeben hatte. Er beteuerte, kein Spitzel gewesen zu sein. Und in der Tat, als er Ende 1952 nach sechs Jahren aus dem Gefängnis freikam, taten die Geheimdienste ihr Bestes, ihm trotz der gerade auf dem Höhepunkt befindlichen antikommunistischen Hexenjagd sowie drohender wütender amerikanischer Reaktionen einen ordentlichen Wissenschaftsjob zu verschaffen.

Als sich dies als nicht möglich herausstellte, wurde seine Überführung durch das Angebot eines »anonymen Gönners« (über den Vizekanzler von Cambridge) für ein zweijähriges Unterstützungsdarlehen erleichtert. Tatsächlich hatte seine Inhaftierung das beendet, was einstmals als vielversprechende akademische Karriere als Physiker, wenngleich wahrscheinlich unterhalb der Nobelpreisträgerriege, begonnen hatte. Erst 1961 erhielt Nunn May eine dauerhafte Stellung, als J.D. Bernal [12] den Präsidenten des gerade neugeborenen entkolonialisierten Staates Ghana, ­Kwame Nkrumah, überzeugte, ihm einen Lehrstuhl an seiner neuen Universität unter dem ebenfalls unerwartet vom Vizekanzler benannten Conor Cruise O’Brien anzubieten. Dort blieb er dann mit Hilde bis zu seiner Pensionierung.

Berichte an die UdSSR

Broda, der über eine lange Zeit vom MI5 verdächtigt wurde, konnte nie irgend etwas nachgewiesen werden. Seit 1990 wissen wir, daß er tatsächlich Berichte an die UdSSR lieferte. Daß er dennoch Nunn May rekrutiert haben soll, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch. Dennoch hielt sich Broda nach seiner Rückkehr nach Österreich im Jahr 1947 – abgesehen von einem Kurzbesuch 1948 – von Großbritannien fern, unterhielt aber gleichwohl ein enges Verhältnis zu seinem Sohn Paul. Er nahm seine Universitätskarriere in Wien wieder auf – wenngleich mit einigen Schwierigkeiten, denn seine offen geäußerte kommunistische Einstellung verwehrte ihm bis 1968 einen offiziellen Lehrstuhl. Zudem war das Nachkriegs-Wien wissenschaftlich gesehen nahezu bedeutungslos geworden. Langsam verschoben sich seine Interessen in Richtung der Biochemie, der Bioenergetik und der Geschichte der österreichischen Wissenschaften. Eine Ehrendoktorwürde in der Deutschen Demokratischen Republik reflektierte eher seine politischen Loyalitäten als seine wissenschaftliche Exzellenz; zu vielfältig waren seine Interessensgebiete, als daß er in einem von ihnen tatsächliche Durchbrüche erzielt hätte. Er widerstand dem Reformismus anderer österreichischer kommunistischer Intellektueller, teilte aber deren Liebe zur freien Natur. Während eines Spazierganges durch ein Feuchtgebiet bricht er zusammen und stirbt, in seiner Tasche die Gedichte eines anderen ausgewanderten Österreichers, Erich Fried [13].

Ärztin und Revolutionärin

Um Paul Brodas drittes Elternteil zu verstehen, muß man ein wahres Puzzle zusammensetzen. Einerseits wählte sie sich ihr eigenes Leben. Gegen bitterste Widerstände aus ihrer Familie engagierte sie sich sowohl für die Medizin als auch für die soziale Revolution. Andererseits tauchte ihre Bindung zu Berti sie ab 1932 in das gefährliche Leben des politischen Aktivismus, der Illegalität, getrennter Paare und verarmter Emigranten, das ihr nicht gut zu Gesicht stand, aus dem sie aber nicht zu entfliehen vermochte. Die Partnerschaft, die durch die Heirat formalisiert wurde und ihr den österreichischen Ausweis bescherte, sollte nicht von Dauer sein. Es war eher Bertis strenge und unverwässerte politische Bindung als sein Ringen um eine ihm eigene tiefe Liebe, die es ihr angetan und ihrem aufgewühlten und von schlechter Gesundheit geprägten Leben ein Mindestmaß an emotionaler Stabilität vermittelt hatte. Als sie 1938 endlich Ärztin geworden war und beide ihr Leben in der Emigration begannen, war sie schon eher bereit, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie widersetzte sich der Forderung ihres Mannes nach einer weiteren Abtreibung (wie es die Parteidisziplin von jedem echten Revolutionär erforderte) und gebar den Autor dieses Buches. Keiner von den beiden hätte als Eltern Preise gewonnen. Paul Broda berichtet ohne jede Kommentierung, wie schockiert die Gastfamilie angesichts des körperlichen und seelischen Zustandes des Kleinkindes reagierte, das ihr von den Brodas gebracht wurde, nachdem diese 1941 ausgebombt worden waren. Zum Glück konnten sie das Ganze wieder geradebiegen.

Die Brodas hörten auf, sich selbst als Paar zu sehen, nachdem Berti, ein wenig überraschend angesichts seiner gelegentlichen Untreue, sich über eine Affäre von Hilde während seiner Internierung 1940 empörte. Sie ließen sich zwar erst 1946 scheiden, lebten aber schon zuvor getrennte Leben, hielten losen Kontakt über den gemeinsamen Sohn, den Berti sehen wollte und der bei der Mutter aufwuchs. Da er erst 1942 zum Atombombenprojekt stieß, konnte man ihr nicht nachsagen, mit einem Wissenschaftsspion verheiratet zu sein, wenngleich sie wahrscheinlich von seinen Aktivitäten nicht sonderlich überrascht gewesen wäre. Beruflich gesehen waren dies Bertis beste Jahre, während der Krieg es Hilde erlaubte, ihre Karriere als Ärztin zu verfolgen. Mutter und Kind lebten in London und Inverness, bevor sie 1945 nach Cambridge umzogen, von wo aus sich der Kontakt zu Berti einfacher gestaltete. Ich glaube nicht, daß sie eine genaue Vorstellung davon hatte, wohin sie die Zukunft treiben oder daß sie fortan ein Leben ohne dauerhafte emotionale Verankerung akzeptieren sollte.

Ich glaube, dies war immer noch der Fall, als ich 1950 nach Cambridge zog und wir Freunde wurden, zwei vertriebene linke, kulturelle Zentraleuropäer, die beide auf dasselbe Milieu des »österreichischen Zentrums« und der österreichischen kommunistischen Kriegsemigration zurückblickten. Ihre Situation blieb weiterhin unstet, obwohl ihr Leben nunmehr stärker in Großbritannien verankert zu sein schien, nicht zuletzt aufgrund der Bedürfnisse und Wünsche ihres zu einem Teenager heranwachsenden Sohnes, zu dem ihre Beziehung weniger intensiv war als Bertis. Als Sekretärin beim Cambridge Peace Council war sie sowohl politisch als auch kulturell vom Mainstream des Lebens in Cambridge isoliert, dem – trotz des anerzogenen Liberalismus und der Toleranz – die kommunistische Linke niemals suspekter war als während des Koreakrieges. Obwohl sie keine Schwierigkeiten hatte, Männer für sich zu interessieren, schienen ihre Beziehungen niemals eine echte Zukunft zu haben, weshalb sie sich selbst nach der ernüchternden Erfahrung der Ehe mit Berti nach der emotionalen Stabilität traditioneller Lebenspartnerschaften sehnte. Und dennoch heiratete sie zur allgemeinen Überraschung Alan Nunn May nur wenige Monate nach dessen Freilassung aus dem Gefängnis von Wakefield. Dieses Mal hatte sie tatsächlich und sehenden Auges einen Wissenschaftsspion geheiratet. Innerhalb eines Jahres hatten sie ein neugeborenes Baby adoptiert – wohl auch, um die Stabilität und das Glück der jungen Ehe zu demonstrieren.

Hexenjagd

Wie und warum? Paul Brodas Buch ist seltsam ungenau, wenn es um diese entscheidende Frage geht, wahrscheinlich, weil es hierfür keine adäquaten Quellen gibt – Hilde war keine begnadete Erzählerin, und außerdem erschien alles so unerklärlich. Die beiden könnten sich zwischen 1945 und 1946 – nach ihrer Rückkehr aus Schottland und vor Alans Verhaftung – in den gesellschaftlichen Kreisen von Cambridge begegnet sein. Es gibt aber keine stichhaltigen Hinweise dafür, daß sie sich bereits kannten, bevor sie einander in einem Haus von gemeinsamen Bekannten nach seiner Freilassung begegneten. Weder schien es sich bei ihr noch sicherlich bei ihm um Liebe auf den ersten Blick gehandelt zu haben, selbst wenn Hilde warm, attraktiv und voller unzerstörbarer Lebenslust war. Dennoch muß sie sich sehr schnell darüber klar geworden sein, daß dieser Mann der Mann für sie sei, selbst wenn sie wohl kaum davon ausgehen konnte, noch 49 glückliche Ehejahre zu erwarten.

Auf derartige Fragen gibt es nur selten eindeutige Antworten. Verstanden werden können sie aber überhaupt nur, wenn wir uns in die Situation der Kommunisten und Kommunistenfreunde in den Jahren des Koreakrieges hineinversetzen, in die Zeit ihrer vielleicht bittersten Isolation. Fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stand die Welt in Korea am Rande eines neuen, in dem die unsrige Seite die des offiziellen Feindes war. Dementsprechend angespannt war die Stimmung. Selbst mir, einem jungen ­Fellow eines College, blieb es trotz der zahlreichen Höflichkeitskonventionen des Universitätslebens nicht verborgen, daß manche, wenn nicht sogar die meisten derer, mit denen ich zum Abendessen an einem Tisch saß, mich als potentiellen oder tatsächlichen Verräter betrachteten.

Ich erinnere mich daran, daß ich mich fragte, wo wohl Leute wie ich interniert würden, wie es 1940 den »feindlichen Fremden« ergangen war – auf der Isle of Man oder woanders in Übersee? In Großbritannien hielt sich die Hysterie aufgrund der Tradition der Fairneß und Zurückhaltung noch in Grenzen: Der Versuch eines Ratsherren von Cambridge, Hilde aufgrund ihrer Ehe ihres Postens als Schulärztin zu entheben, wurde kurzerhand und mit überwältigender Mehrheit vom County Council abgeschmettert. Außerhalb der Zonen des guten Geschmacks und der Toleranz sah es jedoch ganz anders aus. Die Angst vor Verrätern war nahezu grenzenlos in den USA, wo die Rosenbergs, ein angehendes Ehepaar, von dessen Unschuld wir überzeugt waren – und tatsächlich war einer von beiden unschuldig –, Wochen vor ihrer Trauung wegen des Verdachtes auf Atomspionage hingerichtet worden waren. Wie das Buch von Paul Broda aufzeigt, konnten sich die britischen Autoritäten dem Druck, der von der amerikanischen Hexenjagd ausging und der durch Kampagnen der Lokalpresse noch verstärkt wurde, nicht entziehen. Nichts provozierte mit höherer Wahrscheinlichkeit eine manische öffentliche Reaktion als die Freilassung eines geständigen sowjetischen Spions.

Wie in kriegsbombardierten Städten, so bestärkte auch hier die Kombination aus realer Gefahr und der öffentlich behaupteten Grausamkeit des Feindes die Entschlossenheit der umzingelten Einheiten aus Kommunisten und Kommunistenfreunden. In Großbritannien verhinderte dies mit Sicherheit bis zu den Ungarn-Aufständen im Jahre 1956, daß Intellektuelle scharenweise die Partei verließen. Die Wahl, vor die wir uns gestellt sahen – offiziell den eigenen Loyalitäten und Überzeugungen abschwören, Namen nennen –, war nicht tolerabel. Die Verlockung, die rote Fahne demonstrativ zu schwenken (wie es im britischen Arbeiterlied heißt), war weniger eine rationale als vielmehr eine Gefühlsreaktion. Ich wußte, daß es ein provokativer Akt war, Alan Nunn May zu einem Bankett am King’s ­College, an dem ich zu der Zeit lehrte, einzuladen. Ich wußte aber auch, daß niemand im King’s, nicht einmal die verknöchertsten Reaktionäre, das Wort erheben würden. Alle verhielten sich einwandfrei.

Ich glaube, daß Hildes Eroberung von Alan ein ähnliches Element öffentlicher Mißachtung innewohnte. Das Leben voller revolutionärem Engagement mit Berti hatte ihr nicht viel Glück gebracht, aber sie hatte es geteilt, wie auch dessen Wertvorstellungen. Sie hätte niemals abgeschworen. Wahrscheinlich hätte sie den inhaftierten Alan nicht als einen zu Recht überführten Angreifer, sondern als ein heldenhaftes Opfer im antifaschistischen Krieg gesehen. Natürlich erklärt das nicht die Heirat der beiden, aber es hilft dabei, sie zu verstehen. Es überraschte mich damals nicht, daß sie ihn attraktiv fand und zugleich hilfsbedürftig. Ich erinnere ihn, kurz nach seiner Freilassung, als einen großen, abgemagerten, freundlichen, schüchternen gefühllos erscheinenden Mann, geprägt von einer großen Unsicherheit, wie ihm der Weg zurück in die Welt gelingen solle. Bis zu seiner Ehe schien er nur in der Musik seine Ruhe zu finden. Wenn er von seinem Leben erzählte, wozu er gerne bereit war, strahlte er Melancholie aus, wenn auch nicht resignierende Ehrlichkeit. Er wußte, daß er den kürzeren gezogen hatte. Er, und mit ihm die gesamte britische Atomoperation, waren durch das amerikanische Insistieren, daß die Bombe auf seiten der USA zu bleiben habe, auf das kanadische Abstellgleis gestellt worden. Dies berichtete er auch den Russen. Sechs Jahre Gefängnis und, wie sich nun herausstellte, das Ende aller Hoffnungen auf eine Karriere als Physiker, waren für ihn ein hoher Preis, den er allerdings als legitime Strafe für sein Vergehen ansah. Er bedauerte nicht, den Russen Informationen weitergeleitet zu haben. Was ihn schmerzte, war die wachsende Überzeugung, er hätte stark genug sein müssen, um grundsätzlich die Teilnahme an dem Projekt, das das Ziel verfolgte, die Atombombe zu entwickeln, abzulehnen, wie es der bewundernswerte Joseph Rotblat [14] getan hatte. Er war das einzige Mitglied des britischen, aber auch aller anderen Wissenschaftlerteams, das dies getan hatte. Doch Alan wußte, daß er sich seinen Respekt gegenüber sich selbst bewahrt hatte, anders als Anthony Blunt [15], den er mißbilligte.

Mit großer Aufrichtigkeit

Paul Brodas Buch basiert im wesentlichen auf Alans umfassenden Memoiren über seine Aktivitäten als Wissenschaftler sowie auf unzähligen Briefen seines Vaters Berti. Hilde sprach und schrieb wenig – Berti beklagte sich fortwährend über die Stille ihrerseits. Dennoch waren die zentralen Quellen mit Sicherheit die umfangreichen Sicherheitsakten über die drei. Broda hat diese mit großer Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit benutzt, um ein Buch zu schreiben, das es den Lesern ermöglicht, die weltverändernden und enttäuschten Überzeugungen seiner Elterngeneration zu verstehen. Damals zwar noch zu jung, um sie zu teilen, so erlebte er doch genügend Aspekte ihres Lebens mit, um zu verstehen, was sie bedeuteten und daß ihnen mehr als kindlicher Respekt gebührt. Das Buch sollte gelesen werden, und wahrscheinlich wird es auch die kommenden Generationen des 21. Jahrhunderts faszinieren und bilden.

Anmerkungen des Übersetzers
  1. Ernest Rutherford (1871–1937), Atomphysiker, 1908 Nobelpreisträger für Chemie.
  2. Harold Adrian Russell »Kim« Philby (1912–1988), britischer Geheimagent und sowjetischer Spion, Mitglied der Cambridge Five
  3. Die jüdischen Familien der Gebrüder Eichengrün und Josef Salomon wohnten in Dülmen und wurden Opfer des »Dritten Reiches«
  4. Georg Wilhelm Pabst (1885–1967), österreichischer Filmregisseur
  5. Hans von Halban (1908–1964), französischer Kernphysiker österreichischer Herkunft. Nach 1940 zusammen mit Lew Kowarski Flucht nach Großbritannien. 1942 in Montreal am Manhattan-Projekt beteiligt
  6. Charles Percy Snow (1905–1980), englischer Wissenschaftler und Schriftsteller
  7. Frank Raymond »F.R.« Leavis (1895–1978), einflußreicher britischer Literaturkritiker
  8. William Henry Bragg (1862–1942), britischer Physiker und Physik-Nobelpreisträger
  9. James Chadwick (1891–1974), britischer Physiker, 1935 Nobelpreisträger für Physik, ab 1940 Mitglied der MAUD-Kommission (Military Application of Uranium Deto­nation), ab 1943 Mitarbeiter am Manhattan-Projekt in den USA
  10. Thomas Dalyell Loch, (*1932), britischer Politiker der Labour-Partei, Mitglied des Unterhauses von 1962–2005, seine Autobiographie »The Importance of Being Akward« erschien 2011
  11. William James (Jim) Skardon (1904–1987), Verhörbeamter des MI5, der Klaus Fuchs das Geständnis abrang
  12. John Desmond Bernal (1901–1971), britischer Physiker, Bahnbrecher und Wegbereiter der Kristallographie und der modernen Biowissenschaften, 1937 Lehrstuhlinhaber für Physik am Birkbeck College in London, zahlreiche internationale Ehrungen, bis 1965 Vorsitzender des Präsidiums des Weltfriedensrates, Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Ungarns, Polens, Rumäniens, Bulgariens, der CSSR, der DDR und Norwegens. Ehrenprofessor an der Universität Moskau und Ehrendoktor der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Société Française de Mineralogie, 1953 Träger des Lenin-Friedenspreises der UdSSR, 1959 Preisträger der Internationalen Grotius-Stiftung zur Verbreitung des Völkerrechts
  13. Erich Fried (1921–1988), österreichischer Lyriker, Übersetzer und Essayist, 1938 Emigration nach London, britische Staatsbürgerschaft 1949, Wiedererlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft 1982
  14. Joseph Rotblat (1908–2005), polnisch-britischer Physiker; als Kernphysiker anfänglich an der Entwicklung der ersten Atombombe beteiligt, verließ wegen ethischer Bedenken 1944 das Projekt; Mitbegründer der Pugwash-Konferenzen, kämpfte ein Leben lang für die Abschaffung aller Atomwaffen, stellvertretend für die Pugwash-Konferenzen 1995 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet
  15. Anthony Frederick Blunt (1907–1983), englischer Kunsthistoriker und Doppelagent im Dienst des britischen Geheimdienstes MI5 und des sowjetischen NKWD
Der Text erschien zuerst in: London Review of Books, Vol. 33, 16, 25. August 2011, S. 17–18 (www.lrb.co. k); die vom Verfasser autorisierte Übersetzung besorgte Friedrich-Martin Balzer

* Aus: junge Welt, 2. Dezember 2011



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