ÖSFK: "Die Wiedergeburt Europas", 23.02.2005 (Friedensratschlag)
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"Die Wiedergeburt Europas"

Von den Geburtswehen eines emanzipierten Europas und seinen Beziehungen zur "einsamen Supermacht". Ein neues Buch von der ÖSFK

Die Sommerakademie der ÖSFK 2004 in Stadtschlaining (Burgenland, Österreich) war wieder einmal ein Glanzlicht der österreichischen Friedenswissenschaft. Die Ergebnisse liegen nun in Form eines Buches vor, das jedem Friedenswissenschaftler und jeder Friedensbewegten wärmstens zu empfehlen ist. Dass auch Mitglieder der AG Friedensforschung (Uni Kassel) darin schreiben, gehört seit einiger Zeit ebenfalls zur Tradition dieser viel beachteten Veranstaltungen.
Wir dokumentieren im Folgenden das Vorwort des Redakteurs des Bandes, Thomas Roithner sowie die Inhaltsangabe und - die Bestelladresse!


Inhalt

  • Vorwort: Thomas Roithner (ÖSFK Schlaining, Außenstelle Wien)
  • Einleitung: Gerald Mader (Präsident des ÖSFK Schlaining)
Die Wiedergeburt Europas
  • Die Wiedergeburt Europas – aber aus welchem Geiste? Ekkehart Krippendorff (Friedensforscher, Freie Uni Berlin)
  • Sicherheit und Sicherheitspolitik Europas
  • Ernst-Otto Czempiel (Friedensforscher, HSFK Frankfurt)
Die Emanzipation des erweiterten Europas und die USA als einsame Weltmacht
  • Europa zurück zum Selbstbewusstsein. Dolores M. Bauer (Journalistin)
  • Auf dem Weg zu einer neuen Weltordnung. Amerikanische Antworten und europäische Antwortversuche. Otfried Nassauer (Infozentrum Transatlantische Sicherheit)
  • Streit um Europa. Peter Strutynski (Politikwissenschafter, Universität Kassel)
Die Verfassung der EU und die europäische Friedenspolitik
  • Die Finalität Europas –Ende des Traums von der Zivilmacht? Werner Ruf (Professor für Internationale Politik, Uni Kassel)
  • Die EU im Lichte der Verfassung und Sicherheitsdoktrin. Corinna Hauswedell (Int. Konversionszentrum, Bonn, BICC)
  • Die Reform des Bundesheers im Trend der EU-Entwicklungen. Thomas Roithner (Friedensforschungszentrum Schlaining)
Der transatlantische Streit um die globale Vormachtstellung
  • Eine Strategie für Europa. Jürgen Rose (Oberstleutnant der dt. Bundeswehr, München)
  • EU: Kooperative Sicherheit oder/und globale Hegemonie? Claudia Haydt (Informationsstelle Militarisierung, Tübingen)
Zukunft des Multilateralismus im "permanenten Krieg"
  • Herausforderungen der UNO im Lichte des US-Unilateralismus. Hans-Joachim Heintze (Völkerrechtler, Universität Bochum)
  • Neugeburt der NATO – Von der Verteidigung zur Weltordnung. Norman Paech (Völkerrechtler, Universität Hamburg)
Strukturen gegen die militärische Globalisierung
  • Globalisierungskritische Bewegung und die Gewerkschaften. Josef Wall-Strasser (ÖGB und ATTAC)
  • US Policy and the Quest for Nuclear Disarmament. David Krieger (Nuclear Age Peace Foundation, USA)
  • Medien zwischen Krieg und Frieden. Nadine Bilke (Journalistin, ZDF)
  • Pazifismus in und für Europa. "Zukunftsfähiger Frieden". Knut Krusewitz (TU Berlin, Friedensaktivist)
  • Ungehörte Friedensrufe und warum sie ungehört blieben. Karl-Heinz Koppe (Int. Peace Research Association, IPRA)

Österreichisches Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (Hrsg.), Projektleitung und Redaktion: Roithner Thomas: "Die Wiedergeburt Europas". Von den Geburtswehen eines emanzipierten Europas und seinen Beziehungen zur "einsamen Supermacht", 306 Seiten, Dialog 47 – Beiträge zur Friedensforschung, ISBN 3-89688-238-4, Agenda Verlag, Münster 2005, € 24,80 zuzüglich Porto.

Bestellungen: ÖSFK Wien, Thomas Roithner, Tel. 0043–1–7969959,
e-mail: aspr.vie@aspr.ac.at

Vorwort

Der vorliegende Band „’Die Wiedergeburt Europas’. Von den Geburtswehen eines emanzipierten Europas und seinen Beziehungen zur einsamen Supermacht“ beschäftigt sich mit dem außen- und sicherheitspolitischen Weg Europas und erarbeitet die Optionen des Kontinents im transatlantischen Verhältnis.

Im Zuge der transatlantischen Debatten und der Positionsfindung Europas zum US-geführten Irak-Krieg stießen Jürgen Habermas und Jacques Derrida unter dem Titel „Die Wiedergeburt Europas“ eine breite Diskussion zur Identität und Finalität Europas an. Die weitweiten Friedensdemonstrationen bezeichneten die beiden Philosophen aus europäischer Perspektive als die „Geburt einer europäischen Öffentlichkeit“.

Einleitend wirft Ekkehart Krippendorff einen Blick auf die mythologischen Zusammenhänge. Er stellt fest, dass Europa ein Produkt der „künstlerischen Phantasie, des ‚Geistes’ (...) und nicht der Geographie, der Ökonomie und der Eroberungskriege“ sei. Mehrere Beiträge stellen den „amerikanischen Antworten“ auf die Herausforderungen einer gegenwärtigen Weltordnung die „europäischen Antwortversuche“ (Otfried Nassauer) gegenüber. Diskutiert werden dabei die Bedingungen, Widersprüche und Ziele einer sicherheitspolitischen Emanzipation der EU und die künftige Bedeutung der Beziehungen zu den USA. Hier spielen sowohl die zivilen und die militärischen Aspekte der Außen- und Sicherheitspolitik der EU als auch die EU-Verfassung und die EU-Sicherheitsstrategie eine bedeutende Rolle. Dabei werden in unterschiedlichen Beiträgen die Möglichkeiten Europas abseits einer „zweiten Weltpolizei“ und auch mit dem Verzicht auf den militärischen „big stick“ (Werner Ruf) dargelegt.

Nicht nur der Irak-Krieg der von den USA angeführten „Allianz der Willigen“ ist ein Indiz für einen transatlantischen Streit um die globale Vormachtstellung. Es liege im existenziellen Interesse Europas, sicherheitspolitische Alternativen zu der imperialen Außenpolitik der USA zu entwickeln. Der Ökonomie kommt dabei eine ganz zentrale Rolle zu. Wichtig sei aber auch, die EU-Sicherheitspolitik „ständig kritisch, fast möchte man sagen: misstrauisch zu begleiten“ (Jürgen Rose). Ernst-Otto Czempiel kommt bei der Analyse des transatlantischen Spannungsverhältnisses u.a. zu folgendem Schluss: „Und wenn man nicht davon ausgehen muss, dass es im atlantischen Verhältnis einen Krieg geben wird, so wird es doch eine Auseinandersetzung bis kurz vor dem Messer geben. Wir können sicher sein, dass die USA jeden Zentimeter ihrer Machtfülle verteidigen werden.“

Die US-Regierung hat nach den traurigen Terroranschlägen vom 11.9.2001 den auf Unilateralismus basierenden „permanenten Krieg gegen den Terror“ begonnen. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach der Zukunft der Vereinten Nationen und dem Militärpakt NATO. Die Analyse der Herausforderungen und Zukunft beider Institutionen wird aus völkerrechtlicher Perspektive erarbeitet.

Die von Habermas und Derrida hervorgehobene und von der New York Times als „zweite Weltmacht Öffentlichkeit“ dargestellten zivilgesellschaftlichen (im Prozess der sozialen Foren erarbeiteten) Proteste gegen den Irak-Krieg werden in diesem Band aus globalisierungskritischer, gewerkschaftlicher und friedensbewegter Sicht beleuchtet.

18 ExpertInnen aus den Bereichen Friedens- und Militärwissenschaft, Völkerrecht, Gewerkschafts- und Friedensbewegung, religiösen Zusammenhängen und Journalismus stellen in diesem Band ihre Analysen, Schlussfolgerungen, Empfehlungen und Lösungsansätze vor, die sie während der 21. Internationalen Sommerakademie von 4. – 10. Juli 2004 am Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung auf der Burg Schlaining vorgestellt haben. Noch nie zuvor haben so viele aktive ZuhörerInnen und MitdiskutantInnen den Weg in die südburgenländische Ritterburg zu einer Sommerakademie gefunden, um sich am aktuellen politischen und wissenschaftlichen Diskurs über Krieg und Frieden zu beteiligen. Dies ist für uns ein großer Ansporn und Auftrag, die Debatte und die Ergebnisse der Akademie einer breiteren Öffentlichkeit durch dieses Buch zugänglich zu machen und damit einen konstruktiven Beitrag zum sicherheitspolitischen Weg Europas und den transatlantischen Beziehungen zu leisten.

Wien, August 2004
Thomas Roithner, Projektleiter


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