Marokko macht die Westsahara dicht!

Interview mit der Journalistin Kristina Berasain, der die Einreise in das Land verweigert wurde

Von Ralf Streck*

Nach der Berichterstatterin der baskischen Zeitung Berria, die sich ein Bild über die Situation in der von Marokko besetzten Westsahara machen wollte, wurden nun diverse Delegationen abgewiesen, die zum Teil sogar mit Parlamentariern der in Spanien regierenden Sozialisten besetzt war. Seit Wochen kommt es in der dort zu Übergriffen gegen die Saharaouis. Inzwischen wird von einer "Intifada" gesprochen.
Wir sprachen mit Kristina Berasain, die erste Journalistin, welcher der Zutritt ins Land verweigert wurde.

Welches Ziel hatte Ihre Reise?

Bei uns kamen einige Berichte an, die auf die bedenkliche Lage in den von Marokko seit 1975 besetzten Gebieten aufmerksam machten. Berria hat deshalb entschieden, mich in das Gebiet zu schicken, um zu überprüfen, ob sie der Wahrheit entsprechen. Es ging darum, einige Recherchen zu machen und einige Reportagen über die reale Lage dort zu schreiben, weil wenig darüber berichtet wird.

Die wollten aber nicht in die Wüstenlager, in denen die Saharaouis seit fast 30 Jahren unter schwierigsten Bedingungen leben?

Geplant war, nach El Aiun zu fliegen, der Verwaltungshauptstadt der von Marokko besetzten Gebiete. Dorthin hatten wir einige Kontakte geknüpft und dort wollten wir sehen, wie sich die Lage nach den Protesten und Repressionsmaßnahmen darstellt, von denen wir gehört hatten. Es ging auch um die allgemeine Lage und die Situation der marokkanischen Bevölkerung, die zur Kolonisierung in das Gebiet gebracht wurden. Letztlich konnten wir nichts davon umsetzen.

Warum?

Als ich Ende letzter Woche in El Aiun über die kanarischen Inseln ankam, wurde ich überprüft und ausgesiebt. Marokko hat derzeit seinen Blick darauf gerichtet, dass möglichst keine Journalisten oder Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen einreisen. Es war sofort klar, dass die Einreise schwer werden würde. Im Vorfeld wurde mir gesagt, ich solle mich deshalb nicht als Journalistin zu erkennen geben. Als sie dann den Laptop, die Kamera und die Dokumente fanden, die ich als Material brauchte, war für sie die Sache klar. Wegen der diplomatischen Schritte, die unser Zeitungsdirektor über die spanische Botschaft sofort einleitete, verzögerte sich die Ausweisung um etwa drei Stunden. Geplant war die Sache in zehn Minuten zu erledigen. Schlussendlich schleppten mich zwei Polizeibeamte unter Protest in einen Flieger nach Agadir, weil ich nicht freiwillig gegangen bin. Der Flieger wartete die ganze Zeit auf mich.

Hatten Sie Angst, es ist bekannt, dass die marokkanischen Sicherheitskräfte nicht zimperlich sind und die Proteste der Saharaouis in den letzten Wochen haben sich an der Folter und Verlegung eines politischen Gefangenen entzündet hatte. Mohamed Hadi war zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden, weil er ein Bild des marokkanischen Monarchen zerrissen hatte?

Ich fühlte mich sicher. Mein Telefon klingelte ständig, weshalb ich Kontakt hatte und wusste, welche Schritte gerade unternommen werden.

Was war die Begründung für die Ausweisung?

Sie behaupteten, man bräuchte eine Sondergenehmigung als Journalist, um in die besetzten Gebiete zu gehen. Doch alle die bisher dort waren, wissen davon nichts. Das ist eine Ausrede. Schließlich wurden nach mir auch eine Delegation aus Madrid und eine weitere aus Katalonien abgewiesen, an der sich auch Stadträte und Parlamentarier der Vereinten Linken und der Sozialisten (PSOE) beteiligt hatten. Interessant war auch die Begründung, meine Dokumente, zuvor veröffentlichte Zeitungsberichte, brächten die Einheit von Marokko in Gefahr, weil dort über die Lage in der Westsahara gesprochen wurde.

Was alles soll verborgen werden?

Genau darüber muss gesprochen werden. Nicht darüber, dass Leute wie ich nicht einreisen durften. Es ist traurig, dass darüber nur wenig gesprochen wird. Schließlich hatte die Saharaouis.30 Jahre gekämpft und warten nun seit der Waffenruhe 1991 darauf, dass Marokko die eingegangenen Verpflichtungen erfüllt und das Referendum über die Unabhängigkeit durchgeführt wird, dass die UNO seit Jahren eigentlich überwachen soll.

Sie haben weiter Kontakt in die besetzten Gebiete, wie ist die Situation?

Wichtig ist zu sagen, dass nur wenige Leute dort reden können, weil sie international als Menschenrechtsaktivisten bekannt sind und deshalb einen gewissen Schutz genießen, vor Repressionsmaßnahmen der Polizei genießen. Die haben mir gestern am Telefon erzählt, die Unterdrückung ist so heftig wie viele Jahre nicht mehr. Seit dem Beginn der Proteste am 21. Mai, sind etliche Menschen verschwunden, viele verhaftet und gefoltert worden. Ihre Häuser werden zum Teil geplündert.

Welche Bedeutung hat daran die marokkanische Zivilbevölkerung? Es wird behauptet, sie sei an der Repression gegen die Saharaouis beteiligt?

Es ist schwer zu sagen, weil die Sicherheitskräfte auch in Zivil vorgehen. Es gibt aber auch deutliche Hinweise, dass viele Marokkaner unzufrieden sind, weil sie mit großen Versprechungen angelockt wurden und ihre Situation auch prekär ist. Marokko muss wohl gar befürchten, dass einige für die Unabhängigkeit beim Referendum stimmen würden.

Was muss passieren?

Die internationale Gemeinschaft muss reagieren Marokko auf fordern, die Vereinbarungen einzuhalten, die es bisher völlig ignoriert, obwohl sich die Saharaouis an alle Vorgaben gehalten haben. Nicht mal den verwässerten Baker-Plan, der das Referendum weiter um Jahre verschiebt akzeptiert Marokko. http://de.indymedia.org//2004/01/72433.shtml Viele sprechen sich aus Hoffnungslosigkeit, auch weil die UNO nichts unternimmt, für die Rückkehr zum bewaffneten Kampf aus.

Was steckt hinter dem Verhalten Marokkos?

Klar ist, dass es in der ehemaligen spanischen Kolonie viele Bodenschätze gibt: Öl, Gas, Eisen, Phosphat. Zudem wurden Rechte zur Ausbeutung schon an französische und US-amerikanische Firmen vergeben. Von der Seite ist also auch kaum Unterstützung zu erwarten.

* Ralf Streck, Donostia-San Sebastián den 09.06.2005

Quelle: Indymedia: http://de.indymedia.org



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