Frente setzt auf Geduld

Wie kann der Weg in eine Unabhängigkeit der Westsahara beschleunigt werden? Kontroversen auf dem 12. Kongreß der Polisario

Von Gerd Schumann, Tifaritis (DARS) *

Der Tagungsort besitzt nicht nur einen großen Symbolwert, weil die marokkanische Luftwaffe hier vor 31 Jahren schwere Angriffe auf sahrauische Flüchtlingszüge flog. Er repräsentiert zudem eine Botschaft von Bedeutung an die »internationale Gemeinschaft«: Die Frente Polisario führt ihren vielleicht historischen 12. Kongreß inmitten der »befreiten Gebiete« durch. Tifaritis heißt der kleine Ort in der ansonsten zu zwei Dritteln ab November 1975 von Marokko besetzten Westsahara. Seit Freitag berät die »Frente«, wie sie hier genannt wird, unter anderem ein Nationalprogramm zur Befreiung der »Demokratischen Arabischen Republik Sahara« - so der offizielle Name des von 80 Ländern anerkannten und in der UN vertretenen Staates.

Etwa 200 Kilometer von der algerischen Grenze und 60 von der über 2000 Kilometer langen mauerartigen Befestigungslinie, die das Königshaus in Rabat zur Sicherung seiner Herrschaft über die »letzte Kolonie Afrikas« quer durch die Wüste ziehen ließ, demonstriert die Befreiungsbewegung Selbstbewußtsein. Im Zentrum der auf fünf Tage angesetzten Beratungen von 1700 Delegierten, die von 200 Gästen aus aller Welt verfolgt werden, steht die Schicksalsfrage: Welche Möglichkeiten bleiben der Volksorganisation, um Bewegung in den festgefahrenen Unabhängigkeitsprozeß zu bringen? Und: Muß nicht doch wieder der »bewaffnete Kampf« zu einem Mittel der Politik werden, nachdem Marokko das unter UN-Kontrolle bereits für 1991 geplante Referendum über den zukünftigen Status des an Bodenschätzen reichen Landes immer wieder erfolgreich verhindert hat?

Verzögert, in Frage gestellt, Termine gecancelt, Verträge gebrochen - Rabats Vorgehen war vom Einsatz diplomatischer Winkelzüge geprägt und wurde zweifelsohne befördert durch das Schweigen der »Weltgemeinschaft« über den - neben der Palästina-Frage - langwierigsten Bruch des Völkerrechts. Insbesondere die USA sowie Spanien und Frankreich als ehemalige Kolonialmächte der Region stützten bisher Marokkos Okkupationspolitik in der Westsahara - und es existieren keinerlei Anzeichen für eine Veränderung dieser Position.

Folglich war der zu Kongreßbeginn von Polisario-Generalsekretär Mohamed Abdelaziz vorgetragene Bericht des Nationalen Sekretariats der Befreiungsbewegung mit einiger Spannung erwartet worden. Seine Tendenz: Alle Kräfte sollen mobilisiert werden, um »Souveränität und volle Unabhängigkeit« durchzustetzen. Konkret bedeutet dies, daß Polisario sowohl in den Flüchtlingscamps nahe Tindouf auf algerischem Gebiet, wo etwa 165 000 Menschen leben, als auch in den befreiten Gebieten ihre Infrastruktur auf allen Ebenen konsolidieren und ausbauen will: Sozialpolitisch ebenso wie kulturell, vor allem jedoch militärisch. Die Stärkung der Volksbefreiungsarmee dient als unmißverständliches Signal an die Besatzer, daß Polisario den bewaffneten Kampf jederzeit wiederaufnehmen kann.

Zugleich bemühte sich die Frente-Führung in Tifaritis dem Anschein nach weiter in Geduld und verläßt den Verhandlungstisch nicht: Zur nächsten Runde unter UN-Moderation treten die Konfliktparteien am 5. Januar nahe New York an. Polisario hat den Termin bestätigt, allerdings ohne sich Illusionen über die marokkanische Hartleibigkeit zu machen. Und gerade diese führte bereits am Samstag in geschlossener Sitzung zu kontroversen Debatten über Wege zur Unabhängigkeit und die Rolle des »lucha armada«. Ende offen. Zuvordest die sahrauische Jugend, das hatten die Basisversammlungen im Vorfeld verdeutlicht, will auch durch den Einsatz militärischer Mittel Fortschritte auf diplomatischer Ebene erreichen. Die Unzufriedenheit über die unverändert harten, nur schwer ertragbaren Lebensbedingungen fernab der DARS wächst, und wie sich die Kongreßdelegierten letztlich entscheiden werden, war auch am Sonntag vormittag noch offen.

Die Entschlossenheit indes, alle Ebenen des Widerstands zu stärken, ist unstrittig. Dabei wird Polisario versuchen, den »Aufstand« in den besetzten Gebieten mit Intifada-Mitteln zu verstärken. Ein per Satellitentelefon in den Kongreß übertragene Beitrag einer jungen Demonstrantin, die bei Polizeiübergiffen in einer von Marokko okkupierten Stadt ihr Augenlicht verloren hatte, wirkte als Mahnung und Aufruf zugleich: Polisario sei »die einzige legitime Vertreterin des sahrauschen Volkes«, stellte die Frau fest und forderte die weltweite Anerkennung der DARS. Solidarität hierfür hatten zuvor Dutzende Vertreter von linken und solidarischen Organsationen aus Afrika, Lateinamerika und Europa zugesagt, zuvorderst Algerien, Südafrika und Kuba.

Noch bis Dienstag (18. Dez.) soll der Kongreß beraten und beschließen. Wenn bis dahin keine klaren Entscheidungen vorliegen, kann gegebenenfalls auch verlängert werden. Indes war Generalsekretär Abdelaziz in der Vergangenheit der Garant für einen politischen Kurs des Ausgleichs zwischen auch zugespitzt kontroversen Positionen. Er kandidiert wieder für die Position. Es werden ihm die besten Aussichten gegeben. Und daß es am Samstag in Tifaritis stark zu regnen begann, wird insgesamt als Zeichen für Hoffnung und Zuversicht gewertet.

* Aus: junge Welt, 17. Dezember 2007


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