"Die Lage ist sehr hart für die Saharaouis"

Einem baskischen Journalisten gelang eine "Undercover"-Recherche in der von Marokko besetzten Westsahara. Interview mit Joseba Perez

Joseba Perez ist Journalist der baskischen Zeitung Berria. Ihm gelang es, die besetzte Westsahara zu besuchen, obwohl Marokko seit Beginn der "Intifada" der Saharaouis Journalisten und Politikern jeden Besuch verweigert.
Mit Joseba Perez sprach Ralf Streck.*



Frage: Bislang hat kaum ein Journalist Zutritt zu der von Marokko besetzten Westsahara erhalten. Wie sind denn Sie dort hingekommen?

Perez: Im Juni hatten wir zunächst die Kollegin Kristina Berasain nach El Aiun geschickt. Sie sollte sich ein Bild darüber machen, ob die Berichte über die Repression durch die marokkanischen Sicherheitskräfte stimmen. Marokko bezeichnete ihren Versuch als Verletzung der »nationalen Ehre« und warf sie hinaus.

Ich selbst bin vor kurzem als Tourist nach Casablanca geflogen und mit dem Bus in Richtung Süden weitergereist. Ich hatte nichts dabei, was Hinweise auf meine journalistische Arbeit hätte geben können. Auf den letzten zwölf Stunden Busfahrt wurden wir zehnmal kontrolliert, als Beruf gab ich immer Barmann an. In El Aiun verhörte mich dann ein Zivilpolizist, dem der Fahrer wohl mitgeteilt hatte, ich sei Ausländer. Außer der den Vertretern der UNO-Mission zur Überwachung des Referendums über die Unabhängigkeit gibt es dort keine Ausländer. Ich wurde vernommen, konnte aber ins Hotel gehen.

F: Konnten Sie denn so recherchieren, wie Sie es sich vorgenommen hatten?

Unmittelbar nachdem ich geduscht hatte, traf ich erst einmal meine Kontaktperson. Ich wollte in kürzester Zeit möglichst viele Berichte hören, bevor mich die Behörden rauswerfen. In den zehn Stunden, die ich in meinem Zimmer war, kamen dann diverse Leute vorbei, mit denen ich reden konnte: Vertreter von Menschenrechtsgruppen, Sprecher der Befreiungsfront POLISARIO, Angehörige von Gefangenen oder von »verschwundenen« Gefangenen. Am Morgen standen dann zwei Geheimdienstbeamte in der Hoteltür, um mich erneut zu vernehmen und zur Abfahrt aufzufordern.

F: Was sind »verschwundene« Gefangene?

Das ist eine marokkanische Spezialität, wie mir der Exgefangene Siri Mohammed Dadash erklärte, der 25 Jahre in Gefängnissen verbracht hat. Viele Jahre hatten ihn die Behörden nach seiner Verhaftung an einem geheimen Ort festgehalten, nicht einmal er selbst wußte, wo er war. Erst eine Intervention des Präsidenten von Amnesty International beendete die Situation.

Die Lage für die Ureinwohner, die Saharaouis, ist unglaublich hart. Seit Beginn ihrer friedlichen Proteste, mit denen sie die Einlösung internationalen Rechts fordern, werden alle politischen Regungen mit Gewalt unterdrückt. Mir wurden Bilder gezeigt, wie die Polizei auf Frauen und alte Leute einprügelt. In den Stadtteilen, in denen Saharaouis in einer Art Ghetto leben, ist Tag und Nacht Militär anwesend. In ein Flüchtlingslager vor der Stadt kam ich gar nicht erst hinein, es ist abgeriegelt.

F: Worum geht es bei den Protesten?

Darum, daß die Beschlüsse der UNO respektiert werden und die Volksabstimmung über die Unabhängigkeit stattfindet. Dieses Versprechen war 1991 die Basis für die Waffenruhe mit der POLISARIO. Seither verhindert Marokko diese Abstimmung.

F: Wird es eine Rückkehr zum bewaffneten Kampf geben? Sie konnten nach Ihrer Rückkehr mit dem Generalsekretär der POLISARIO sprechen, der die Regionalregierung im Baskenland besucht hatte.

Es ist eine Schande, daß andere Staaten mit Gewalt zur Umsetzung von UNO-Beschlüssen gezwungen werden, Marokko in der Westsahara aber machen kann, was es will. Spanien hat sein nach dem Ende der Franco-Diktatur gegebenes Versprechen nicht eingelöst, die Unabhängigkeit seiner früheren Kolonie Westsahara zu garantieren. Der damalige sozialistische Regierungschef Spaniens, Felipe Gonzalez, hatte das noch in den 80ern versprochen – heute ist er Lobbyist für Marokko. Der jetzige sozialistische Außenminister meint, ein Referendum in der Westsahara würde in Marokko ein politisches Erdbeben auslösen, es müßten daher andere Formeln gesucht werden.

F: Gibt es Aussichten auf eine Lösung?

Nein, die Lage wird sich um den 14. November vielmehr zuspitzen. Denn dann steht der 30. Jahrestag der Besetzung durch Marokko nach dem Abzug der spanischen Truppen an.

* Aus: junge Welt, 1. November 2005


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