Massaker in der Wüste

Marokkanische Truppen zerstören Protestcamp in der besetzten Westsahara *

Mit brutaler Gewalt haben marokkanische Truppen am Montag morgen (8. Nov.) begonnen, ein Protestcamp von 20000 Menschen in der besetzten Westsahara zu räumen. Seit Anfang Oktober hatten die Saharauis im Lager Gdaim Izik ausgeharrt, um auf diese Weise gegen Menschenrechtsverletzungen durch die Besatzungstruppen zu protestieren. Die marokkanische Armee riegelte das Camp daraufhin ab und versuchte, Lebensmittellieferungen für die Eingeschlossenen zu verhindern. Dabei wurde am 24. Oktober ein 14jähriger Junge von marokkanischen Soldaten erschossen.

Auch bei der Besetzung und Zerstörung des Camps durch die schwerbewaffneten Besatzungstruppen am Montag wurden offenbar zahlreiche Menschen getötet. Ein Sprecher der saharauischen Befreiungsbewegung Frente Polisario sprach gegenüber spanischen Medien von mindestens zwölf Todesopfern. Die marokkanischen Soldaten hatten offenbar rücksichtslos Tränengasgranaten auf die im Lager versammelten Menschen, darunter Kinder, Frauen und alte Menschen, gefeuert. Auch von Hubschraubern aus war in die Menge geschossen worden, meldete die amtliche Presseagentur der Westsahara, SPS. Die 18 Kilometer lange Verbindungsstraße zwischen dem Camp und der Stadt Laayoune wurde von den Soldaten abgesperrt.

In Laayoune selbst, das als Hauptstadt der besetzten Westsahara gilt und aus der die meisten der in dem Protestcamp ausharrenden Menschen stammen, kam es nach Bekanntwerden des Angriffs zu spontanen Protesten. Die marokkanische Armee ging auch gegen diese Demonstrationen gewaltsam vor und tötete dabei Augenzeugenberichten zufolge einen Menschen. »Das ist Massenmord«, sagte der Menschenrechtsaktivist Ahmed Moussawi gegenüber SPS. »Man hört Schüsse und Zusammenstöße zwischen den Besatzungstruppen und hilflosen Zivilisten im Osten der Stadt.«

Die Westsahara an der nordafrikanischen Atlantikküste war bis 1975 spanische Kolonie. Als Spanien nach dem Ende der Franco-Diktatur aus dem Gebiet abzog, hofften die Saharauis auf die Unabhängigkeit ihres Landes. Doch während die Frente Polisario die Demokratische Arabische Republik Sahara ausrief, besetzten 350000 marokkanische Soldaten das Land und annektierten es. Rund 100000 Menschen flohen nach Algerien und leben dort bis heute in Flüchtlingslagern mitten in der Wüste.

* Aus: junge Welt, 9. November 2010

Pressemitteilung der Partei Die Linke zu den marokkanischen Übergriffen

Der König von Marokko feiert den 35. Jahrestag des „Grünen Marsches“. Nach einer aktuellen Mitteilung des saharauischen Informationsministeriums hat dies bereits elf Menschen das Leben gekostet, 723 wurden verletzt und 159 sind „verschwunden“. Vor dem Hintergrund dieser Eskalation hat die Sprecherin für Internationale Beziehungen und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss Sevim Dagdelen (MdB DIE LINKE) am 9. November die folgende Erklärung abgegeben:

Brutales Vorgehen Marokkos in der Westsahara muss Konsequenzen haben

„Mit ihrem gewaltsamen Vorgehen gegen die Bewohner eines Protest-Zeltlagers torpediert die marokkanische Regierung die neue Westsahara-Gesprächsrunde unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen. Ihr scheint jedes Mittel recht zu sein, um das längst überfällige Referendum über den Status der Westsahara und damit das Recht der Sahrauis auf Selbstbestimmung zu sabotieren", erklärt Sevim Dagdelen zum marokkanischen Angriff auf ein Protest-Camp in der Westsahara, bei dem mehrere Menschen getötet wurden. Deutschland und der EU wirft die Sprecherin der Fraktion DIE LINKE vor, den massiven Menschenrechtsverletzungen in der Westsahara tatenlos zuzusehen und die marokkanische Regierung damit in ihrem Vorgehen zu bestärken. Dagdelen weiter:

„Das brutale und menschenverachtende Vorgehen der marokkanischen Regierung gegen die Sahrauis, die aus Protest gegen die völkerrechtswidrige Besetzung der Westsahara seit Wochen in Zeltstädten ausharren, muss politische Konsequenzen haben. Die Bundesregierung muss neben unverzüglicher humanitärer Hilfe für die sahrauischen Flüchtlinge die permanente Verletzung von Menschenrechten sowie die Diskriminierung der sahrauischen Bevölkerung verurteilen. Die Bundesregierung muss sich in der EU dafür einsetzen, dass das Assoziationsabkommen zwischen der EU und Marokko angesichts der mörderischen Eskalation des Konflikts ausgesetzt wird. Marokko, das in der Westsahara seit Jahren Völker- und Menschenrechte massiv verletzt, darf auch keinen fortgeschrittenen Status der Beziehungen zur EU behalten. Auch das EU-Fischereiabkommen darf nicht verlängert werden."




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