Junge Sahrauis verlieren die Hoffnung

Jugend der besetzten Westsahara drängt zum bewaffneten Widerstandskampf *


Omar Hassena Ahreyem (29) vertrat auf dem jüngsten Kongress der sahrauischen Befreiungsbewegung Frente Polisario die Jugendorganisation UJSARIO. Der Kongress beschloss nach langer Debatte, weiter über eine friedliche Lösung des Konflikts um die marokkanisch besetzte Westsahara zu verhandeln. Militante Vertreter der Jugendbewegung hatten dagegen die Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes gefordert. Über deren Beweggründe sprach Martin Lejeune für das "neue deutschland" (nd) mit Omar Hassena Ahreyem.


nd: Der Großteil der ehemaligen spanischen Kolonie Westsahara ist marokkanisch besetzt, viele Sahrauis leben seit 20 Jahren in Flüchtlingslagern im kleinen befreiten Teil des Landes oder in Algerien. Wie kann das Flüchtlingsproblem gelöst werden?

Ahreyem: Als junger Mann aus der Westsahara, der im Ausland studiert hat, weiß ich, dass Krieg nicht der beste Weg ist, um das Problem zu lösen. Aber leider verlieren wir mit der Zeit das Vertrauen in die Welt und insbesondere in die Vereinten Nationen als höchste Instanz für die Lösung unserer Probleme. Die Jahre ziehen ins Land, doch es passiert nichts.

Glauben Sie nicht mehr an eine friedliche Lösung des Flüchtlingsproblems durch die UNO?

Die UNO hat 1991 einen Waffenstillstand vermittelt mit dem Versprechen, 1992 ein Referendum abzuhalten. Jetzt haben wir das Jahr 2011. Viel Zeit ist vergangen. Entweder handelt die UNO unverantwortlich oder sie ist unfähig, dieses Problem zu lösen. Unserer Erfahrung nach funktioniert die UNO nur, wenn es darum geht, die Schwachen noch mehr zu unterdrücken und zu Kompromissen zu zwingen. Aber wenn die Schwachen sich gegen die Mächtigen zur Wehr setzen, dann erweist sie sich als unfähig. In unserem Falle kommt noch der ökonomische Faktor hinzu. Unsere Bodenschätze werden trotz ungeklärter Situation geplündert.

Wie würden Sie das Leben im Flüchtlingslager beschreiben?

Die Lagerbewohner leiden jeden Tag unter ihrer Heimatlosigkeit. Die Sonne ist sehr stark, Sandstürme wehen ständig, es gibt wenig von allem. Ich kann hier nicht tatenlos sitzen und warten, was passiert. Viele meiner Kameraden können den Beruf, für den sie ausgebildet wurden, nicht ausüben, weil es nicht genügend Arbeitsplätze in den Lagern gibt. So verlieren sie mit der Zeit ihre Qualifikation. Daher sind viele junge Leute nicht mehr motiviert, ein Studium aufzunehmen oder ihre Ausbildung zu beenden, denn sie sehen, dass auch gut ausgebildete Fachkräfte mit ihrem Studium nichts anfangen können. Daher eint gebildete und nicht gebildete Sahrauis die Überzeugung, dass wir für unser Land mit der Waffe kämpfen müssen, damit wir in unsere Heimat zurückkehren und uns eine Zukunft aufbauen können. Wir müssen unser Schicksal in die eigenen Hände nehmen, wenn niemand anderes dies für uns tut.

Wie äußert sich der Wille der Jugend zum bewaffneten Kampf?

Ich habe noch nie im Fernsehen oder in der Zeitung einen Bericht über junge Leute gesehen, die auf die Straße gehen und Krieg fordern. Aber genau das passiert hier in den Lagern. Die jungen Leute demonstrieren und rufen: »Lasst uns zurück zum bewaffneten Kampf! Wir sterben lieber für die Sache, für die unsere Eltern schon gekämpft haben, als hier in der Wüste wartend zu sterben.

Ich weiß, dass das sehr schwer zu verstehen ist. Aber wir Sahrauis sehen keine andere Möglichkeit. Unser Volk ist getrennt durch eine 2000 Kilometer lange Mauer - und die Welt sieht sie nicht.

Dennoch wirkt der Wunsch, in den Krieg zu ziehen, befremdlich.

Ich weiß. Normalerweise plant ein junger Mensch seine Zukunft, seine Karriere, seine Reisen, sucht den Erfolg, hat Wünsche, Träume, Ziele, Visionen. Aber das alles kann man nur haben, wenn man selbst einen Ort hat im Leben, ein Land, in dem man leben kann. Wir haben das nicht.

Ich hätte niemals gedacht, dass ich meine Großeltern in dieser Wüste begraben würde. Sie haben mir immer von dem Land erzählt, in dem sie geboren und aufgewachsen sind. Ich hatte den Traum, dieses Land einmal gemeinsam mit meinen Großeltern kennenzulernen. Dieser Traum ist mit der Bestattung meiner Großeltern gestorben.

Wir sind neidisch auf unsere Großeltern, weil sie ein kleines Stück unseres Landes, auf dem wir gerade sitzen, befreit haben. Sie konnten sagen: Hier waren einmal die Besatzer und wir haben dieses Land befreit. Und was können wir sagen? Was haben wir gemacht? Wir fühlen uns nutzlos und ohnmächtig, das ist ein unerträgliches Gefühl. Wir wollen unsere Freiheit und unsere würdevolle Existenz als Nation, für diese Ziele sind wir bereit zu sterben.

Und wenn die Führung der Frente Polisario die Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes ablehnt?

Dann verlieren wir das Vertrauen in die politische Führung, dann wird die Jugend die Führung der Frente Polisario dazu zwingen, unserer Forderung zuzustimmen.

* Aus: neues deutschland, 28. Dezember 2011


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