Verschleppung und Folter

Trotz Repression: Informelle Gespräche zwischen Polisario und Marokko

Von Raoul Wilsterer *

Erneut – zum vierten Mal in diesem Jahr – bittet die UNO zum Gespräch über die Westsahara. Christopher Ross, persönlicher Gesandter von Generalsekretär Ban Ki Moon, will sich von Donnerstag bis Samstag mit den Vertretern Marokkos und der westsaharauischen Befreiungsbewegung Frente Polisario in Manhasset bei New York zu »informellen Gesprächen« treffen. Dabei soll es – »gemäß den Vorgaben des Hohen UN-Flüchtlingskommissariats« – auch um »vertrauensbildende Maßnahmen« wie gegenseitigen Besuchen getrennter Familienmitglieder gehen.

Die Ausgangssituation für irgendwelche Fortschritte indes, die wenigstens zu menschlichen Erleichterungen in den von Marokko seit 1975 besetzten Gebieten der Westsahara führen könnten, macht wenig Hoffnung. Einerseits habe man in der Vergangenheit »nur schlechte Erfahrungen« gemacht, so Jamal Zakari, Polisario-Sprecher in Deutschland, gegenüber jW. Andererseits hält das nordafrikanische Königreich weiter an seiner Unterdrückungspolitik fest: »Verschleppung und Folter« gehörten seit dem 8. November dieses Jahres zum Alltag der Einwohner von Al Aiún, der besetzten Hauptstadt Westsaharas, erklärte am Dienstag Mohamed Abdelaziz, Präsident der sahauraischen Demokratischen Arabischen Republik (DARS).

An jenem tragischen Novembermorgen vor über fünf Wochen hatten marokkanische »Sicherheitskräfte« aus Militär und Polizei die Protestcamps vor den Toren der Hafenmetropole überfallen, Zehntausende dort versammelte Menschen gewaltsam vertrieben und dabei mehrere hundert von ihnen zum Teil schwer verletzt. Abdelaziz forderte von den königlichen Behörden erneut, endlich internationalen Beobachtern und Journalisten den Zugang zu der von Marokko abgeriegelten Region zu gestatten – ein Anliegen, dem sich Rabat seit Beginn der Camp-Proteste Anfang Oktober strikt verweigert. Dieses alles sei »leider kein gutes Zeichen«, meinte Zakari am Dienstag.

Trotzdem werde die westsaharauische Delegation in Manhasset »ehrlichen Willens und mit zum Frieden ausgestreckter Hand« teilnehmen, so Abdelaziz während einer internationalen Konferenz am Dienstag in Algier zum 50. Jahrestag der UN-Resolution 1514 zur Dekolonisierung vom 14. Dezember 1960. Er hoffe im übrigen, daß die Versammlung in den Unabhängigkeitsbewegung der Erde »neuen Elan« bringen werde, meinte Abdelaziz in Anwesenheit von Veteranen des antikolonialen Freiheitskampfs wie dem Algerier Ahmed Ben Bella, Südafrikas Thabo Mbeki, Kenneth Kaunda aus Sambia und Ngyen Thi Binh, ehemals Vizepräsidentin der Sozialistischen Republik Vietnam. Einhellig solidarisierten sich die Teilnehmer mit dem Kampf der Palästinenser und der Saharauis.

* Aus: junge Welt, 15. Dezember 2010


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