Wohlfahrt – aber nur für eine Minderheit

Die Vereinigten Arabischen Emirate feiern ihren Turm von Dubai, dessen Erbauer kommen dabei jedoch höchst selten vor

Von Hannes Hofbauer *

Der Flughafen von Dubai liegt mitten im verbauten Gebiet. Von hier geht es 45 Kilometer entlang eines breiten Highways dahin, bis die Stadt an ihren westlichen Ausläufern langsam ein Ende findet. Die Hafenanlagen der Freihandelszone von Jebel Ali beschließen – vorläufig – eine Form von Agglomeration, die nirgendwo sonst auf der Welt eine Entsprechung hat. Zwei Mal vier Fahrspuren plus je eine Standspur bilden die Verkehrsarterie der größten Ansiedlung in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Alle paar Kilometer buchen digitale Mautstellen automatisch die Benutzungsgebühr ab, ohne dass der Besucher den Eindruck hätte, diese Maßnahme würde zur Eindämmung des Autoverkehrs beitragen.

Tankstellen fungieren als Plätze der schnellen Kommunikation, an denen nahe lebende BewohnerInnen und Transitreisende auch ihren Hunger stillen können. Neben Kentucky Fried Chicken, McDonald's und Subway wird auch arabisches Fastfood angeboten: Lammkotelett mit Reis oder Lobster mit Pommes. Der das gesamte gesellschaftliche Leben prägende Synkretismus macht bei der Nahrungsaufnahme nur vor Schweinefleisch und Alkohol halt.

Gegenüber den monströsen Wolkenkratzern des Finanzzentrums in Downtown Burj Dubai und der himmelwärts strebenden Skyline nahe der künstlich aufgeschütteten Sandinsel Palm Jumeirah wirkt der Potsdamer Platz in Berlin heimelig kleinstädtisch. Kaum vorstellbar, dass hier am Golf vor 40 Jahren nicht mehr als ein paar Basthütten aus Dattelpalmwedeln für die Beduinen, ein Bezirk aus Lehmhäusern für großteils persische Händler und die Burg des lokalen Emirs gestanden haben.

Privilegierte und Nichtintegrierte

Auf dem Weg ins 120 Kilometer entfernte Abu Dhabi, der Hauptstadt der Emirate, wird die Autobahn nur an wenigen Stellen schmaler. Wie alle Asphaltbänder in den 83 000 Quadratkilometer großen VAE ist sie des Nachts durchgängig beleuchtet, eine offensichtliche Demonstration scheinbar endlos und kostenlos zur Verfügung stehender Energie. Die Palmen am Straßenrand werden über Plastikschläuche täglich mit entsalztem Meereswasser bzw. energieaufwendig gereinigten Abwässern am Leben erhalten. Die natürliche Umgebung würde ihnen hier in der Wüste keine zwei Wochen Lebenszeit einräumen.

Sieben sehr ungleiche Monarchien bilden die Grundlage der Föderation am Golf. Abu Dhabi mit einem territorialen Anteil von 87 Prozent und den weitaus wichtigster Erdölvorkommen (90 Prozent der VAE) sowie einem Anteil am Gesamtbudget von 75 Prozent ist Regierungssitz eines Staates, der in vielerlei Hinsicht eine Sonderrolle einnimmt. Die augenscheinlichste ist demographischer Natur. Von den insgesamt 4,5 Millionen EinwohnerInnen sind nur 700 000 Einheimische. Sie allein haben das Privileg der emiratischen Staatsbürgerschaft, während 85 Prozent der Bevölkerung als sogenannte Expatriates auf zeitlich beschränkte Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen angewiesen sind. In Abu Dhabi zum Beispiel stehen 250 000 Emiratis 1,4 Millionen Ausländern gegenüber. Bei einem solchen Missverhältnis von lokalen Bewohnern und Migranten ist von Integrationskonzepten keine Rede mehr. Die Gesellschaft ist extrem segmentiert, wobei sich Herkunft und Klassenlage der einzelnen Communities großteils decken.

Unzufriedenheit unter den Einheimischen ist trotz fürstlicher Allmacht und absoluter Budgethoheit des Herrscherhauses nicht zu bemerken. Einer solchen wurde mittels ausgefeilter Wohlfahrtsprogramme vorgebeugt. Dies war (und ist) auch deswegen leistbar, weil sich die staatliche Fürsorge auf die 15 Prozent einheimische Bevölkerung beschränkt. Bildung, Gesundheitswesen, Gas, Wasser, Strom – alles Dinge, für die ein Bürger der Emirate nicht persönlich aufkommen muss. Großzügige Unterstützung von Witwen, alten Menschen, Behinderten, unverheirateten Frauen sowie Zuschüsse zu Heiratsfeiern, die im arabischen Raum traditionell teuer sind, werden ebenso aus der Schatulle des Emirs bezahlt wie Wohnungsbeihilfen für jene, die es im jüngst aufgelegten Programm »One villa, one family« nicht geschafft haben, sich ein eigenes Heim aufzubauen. Dass es in diesem Wunderland der Prosperität keinerlei Steuern gibt, versteht sich dabei fast schon von selbst.

Ausgeschlossen von all der Wohlfahrtspolitik sind sämtliche Nicht-Emiratis, also 85 Prozent der Bevölkerung. Diese unterteilen sich in hochbezahlte Spezialisten, die entweder für die emiratischen Behörden bzw. lokale Betriebe arbeiten oder Angestellte von ausländischen Konzernen sind, und in schlechtbezahlte Arbeiter und Hilfskräfte, die eigentliche Triebkraft der Wunderwelt am Golf.

Zwei- oder Dreijahresverträge bringen sie in die Emirate, wo manche für Spezialistenjobs mächtig Geld scheffeln, die überwiegende Mehrheit jedoch ums Überleben kämpft. Mehr als 3,5 Millionen solcher Expatriates bevölkern – allesamt mit Zeitverträgen – die sieben Emirate. Die meisten kommen allein, denn ein eigenes Gesetz macht den Familienzuzug von der Höhe des Einkommens und der Bewilligung durch den Unternehmer abhängig. Bereits geringe Verfehlungen wie mehrmalige Geschwindigkeitsüberschreitung im Straßenverkehr können zur Abschiebung führen.

Kalafa – oder die Sklaverei der Moderne

Am Bausektor herrscht besondere Arbeitsintensität. Schätzungsweise 40 Prozent aller ausländischen Arbeitskräfte finden hier ihre Verwendung. Sie leben meist in eigens neben dem Arbeitsplatz errichteten Containersiedlungen, haben kaum Kontakt zu anderen Arbeitern und schützen sich mühsam mit Kappen und Tüchern vor der Hitze, die besonders im Hochhausbau extrem ist.

Jedes Arbeitsverhältnis ist durch einen Kontrakt mit Agenturen bestimmt, die ihren Sitz auf fernen Arbeitsmärkten in Indien, Pakistan oder auf den Philippinen haben. Sie vermitteln sogenannte Sponsorverträge, ohne die eine Einreiseerlaubnis in die Emirate nicht erteilt wird. Das Sponsoring- oder Kalafa-System beruht auf der Vorstellung, dass Einreise- und Arbeitsgenehmigungen für ausländische Werktätige nur über Einheimische erfolgen können. Damit kann nicht nur deren Ein- und Ausreise kontrolliert werden, sondern der Arbeiter ist auch einem ganz bestimmten Unternehmer zugewiesen. Ein Wechsel des Arbeitsplatzes kann nur mit dessen Zustimmung erfolgen. Beschwerden und Unzufriedenheit sind an der Tagesordnung. An die Öffentlichkeit dringen sie indes kaum.

Einzig die Taxibranche ist in den vergangenen Wochen von einer Unruhe erfasst worden, die auch in den Medien ihren Niederschlag gefunden hat. So ist z.B. in der südafrikanischen Presse der Fall von Kontraktarbeitern diskutiert worden, denen eine Ausreise aus den Emiraten mit der Begründung verweigert wurde, sie hätten die Kosten ihrer Anstellung, die bei der Agentur und dem emiratischen Sponsor angefallen wären, noch nicht abgearbeitet. Umgerechnet 1200 Euro hätte jeder von ihnen bezahlen müssen, um die Ausreise bewilligt zu bekommen.

Bei der Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften wird oft ein übertrieben rosiges Bild von Arbeitsbedingungen und Löhnen gezeichnet, das der Wirklichkeit in keiner Weise standhält. Taxifahrer beispielsweise werden grundsätzlich ohne Gehaltsfixum in die Autos gesetzt. Es ist ein reines Kommissionsgeschäft, bei dem sie einen bestimmten Prozentsatz vom Umsatz erhalten. »Wenn ich für weniger als 200 Dirham (40 Euro) am Tag Kunden transportiere, erzählt Samba aus dem Lahore in Pakistan, »dann muss ich noch eine Strafe von 50 Dirham bezahlen. Meine Kommission beträgt 35 Prozent vom Umsatz, wenn dieser über 350 Dirham liegt. Wenn ich weniger Geschäft mache, sinkt die Kommission auf 20 Prozent.« Die Kilometergebühr für die Taxifahrt beträgt in Dubai 1 Dirham (20 Eurocent). Für das dreijährig gültige Arbeitsvisum hat Samba umgerechnet 4000 Euro bezahlt, ohne dass er angeben kann, für wen genau dieses Geld bestimmt war. Die Mischung aus Sponsoring-System und ausländischen Arbeitsagenturen fördert geradezu Korruption und Vetternwirtschaft.

Ausreise nur mit Erlaubnis des Sponsors

Die offiziellen Stellen aus den Emiraten ziehen sich vor so viel Undurchsichtigkeit elegant aus der Affäre: »Es liegt in der Verantwortung der jeweiligen Herkunftsländer der Arbeiter, deren Rechte zu gewährleisten, wenn diese in den Emiraten um Beschäftigung nachsuchen«, meinte ein Sprecher des Arbeitsministeriums in Abu Dhabi auf Beschwerden der südafrikanischen Arbeiter, die hohe Summen an die Vermittlungsagentur hätten bezahlen müssen, um vorzeitig aus ihrem Arbeitskontrakt aussteigen und damit aus den VAE abreisen zu können.

Kontraktarbeitern, die nicht auf Kommissionsbasis tätig sind, geht es um keinen Deut besser. Durchschnittliche monatliche Arbeitslöhne von 500 bis 1000 Dirham (100 bis 200 Euro) reichen in einem Land, in dem die Preise außer denen für Energie deutsches Niveau haben, nur dann zum Überleben, wenn man sich nicht aus dem Arbeitsghetto entfernt, das als Ess- und Schlafstatt dient.

Wie solche Container-Schlafplätze gestaltet sind, kann man allerorts beobachten. Beispielsweise auch wenige Meter neben dem gerade in der Fertigstellung befindlichen Bau der Zayed-Moschee in Abu Dhabi. Tausende Arbeiter haben hier in kürzester Zeit der Welt drittgrößtes muslimisches Gotteshaus hochgezogen, jede Säule mit keramischen Einlegearbeiten geschmückt, den angeblich weltgrößten Teppich verlegt, Marmor, Gold und Glas verbaut. Keine 100 Meter neben dem strahlend weißen Prachtbauch steht die mit blickdichten Platten versehene Ar- beiter»stadt« auf einer Bauschutthalde. Aus dem trostlosen Areal ragen zwei Lautsprecher heraus. Der kleinere davon, kaum zweieinhalb Meter über der Erde auf einem Mast montiert, dient dem Muezzin als Verstärker für den Gebetsruf; was darauf hindeutet, dass es wohl billige pakistanische, muslimische Arbeitskräfte waren, die der großen Moschee ihre Form gegeben haben. Daran, dass diese Arbeiter direkt an ihrem Arbeitsplatz in der von ihnen errichten Prunkmoschee ihre Gebete verrichten, ist offensichtlich nicht gedacht.

* Aus: Neues Deutschland, 5. März 2010


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