Machtbeben im Fergana-Tal

Usbekistan: Präsident Islam Karimow will die "kirgisische Lektion" gelernt haben

Von Ulrich Heyden und Lutz Herden*

Es ist der russische Fernsehkanal ORT, dem es trotz der verhängten Nachrichtensperre bis zuletzt gelingt, Bilder aus Andischan im Osten Usbekistans nach Moskau zu überspielen. Man sieht und hört in Kopftücher gehüllte, weinende Frauen und wütende Männer, die dem Korrespondenten ins Mikrophon schreien, die Soldaten hätten unschuldige Zivilisten getötet. Aber sie wüssten nicht, wie viele Menschen starben, sie wüssten nur, jetzt sei die Lage in der Stadt katastrophal, sie hätten Hunger und keine Ahnung, wie sie die nächsten Tage überstehen sollten - auf jeden Fall müsse Islam Karimow zurücktreten.

Usbekistans Präsident soll in der Nacht zum Sonntag mit Wladimir Putin telefoniert haben. Die Angst vor einer Destabilisierung der Region Fergana-Tal, das mit seinen südwestlichen Ausläufern Tadschikistan und mit seinen nordöstlichen Kirgistan streift, lässt ihn dort nach Beistand suchen, wo dieser gewährleistet scheint. Ein möglicher Sturz des usbekischen Präsidenten dürfte auch das Regime des Emomali Rachmonow im benachbarten Tadschikistan erschütterten, der - in Not geraten - sich der in seinem Land stationierten russischen Truppen erinnern könnte. Wladimir Putin freilich wird sich hüten, in einen solchen Konflikt verstrickt zu werden. Ausgerechnet an der Grenze zu Afghanistan.

Wer sich an die russische Nachrichtenagentur Interfax hält, die wiederum "Sprecher russischer Sicherheitsstrukturen" zitiert, der kann den Aufruhr von Andischan wie folgt erklären: radikale Islamisten und eingesickerte Taleban aus Nordafghanistan sind angetreten, die Macht im Fergana-Tal an sich zu reißen und danach die Regierung in Taschkent zu stürzen. Auch ein sichtlich angeschlagener Islam Karimow schwört auf einer Pressekonferenz seine Zuhörer auf diese Version ein. Er habe den Armee-Einheiten in Andischan niemals einen Schießbefehl erteilt, versichert er und wirkt dabei nicht eben überzeugend, weil wenig später der Satz fällt: "Die Aufständischen hofften offenbar, dass die Macht keine Festigkeit zeigt, wie das in Kirgistan der Fall war". In Bischkek hatten Militär und Polizei Ende März - trotz gegenteiliger Ankündigungen - aufgebrachte Demonstranten nicht daran gehindert, das Parlamentsgebäude zu stürmen und Präsident Akajew in die Flucht zu schlagen.

Wunsch nach einem Kalifat

Eigentlicher Katalysator der Unruhen in Andischan war zweifellos der Prozess gegen 23 Geschäftsleute, denen eine Mitgliedschaft in der Gruppe Akromija vorgeworfen wird, einem radikalislamischen Ableger der Hizb-ut Tahrir (Islamische Freiheitspartei), die 1995 von dem Geschäftsmann Arkamschon Juldaschew - er stammt aus Andischan - gegründet wurde. Juldaschew war seit 1980 Mitglied der damals noch im Untergrund operierenden Hizb-ut Tahrir und setzt sich inzwischen vehement dafür ein, die zentralasiatischen Staaten auf friedlichem Wege in einem Kalifat (Gottesstaat) zu vereinigen. Als historische Vorlage dient ihm das Khanat Kokand, mit dem bis Anfang des 20. Jahrhunderts das Fergana-Tal eine geografische, religiöse und quasi staatliche Einheit war. Erst mit Gründung der Sowjetunion 1922 war die Region unter den drei Republiken Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan aufgeteilt worden.

Heute leben im Fergana-Tal, das etwa 300 Kilometer lang und bis zu 70 Kilometer breit ist, elf Millionen Menschen - 27 Prozent der Einwohner Usbekistans, die Hälfte der Bevölkerung Kirgistans und ein Drittel der Staatsbürger Tadschikistans. Obwohl das Gebiet zu einer der fruchtbarsten Zonen Mittelasiens gehört und bis zu drei Ernten erlaubt, ist die wirtschaftliche Lage angespannt, um nicht zu sagen verheerend, Boden und Wasser sind knapp, die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen liegt in Städten wie Andischan oder Namangan bei mehr als 40 Prozent. Seit 1990 wächst die Bevölkerung um stattliche 2,5 Prozent pro Jahr.

So meint denn auch Professor Sergej Lusjanin vom Moskauer Institut für Internationale Beziehungen, was in Andischan und anderswo geschehe, sei nur zum Teil religiös motiviert. Ausschlaggebend seien vielmehr die soziale Korrosion im Fergana-Tal und der Umsturz in Kirgistan vor kurzem: Schließlich liege die Stadt Osch, in der die Rebellion gegen Präsident Askajew begann, nur 60 Kilometer von Andischan entfernt - und in Osch lebten vorwiegend Usbeken.

Als die Sowjetunion vor 15 Jahren zerfiel, gerieten Städte wie Namangan und Andischan nicht nur in den Sog einer islamischen Erneuerungsbewegung, sondern wurden zugleich Zentren der inneren Opposition gegen die autokratische Ordnung des Islam Karimow. Die Zahl der Moscheen, die allein im Osten Usbekistans wieder eröffnet oder neu erbaut wurden, lag bei über 900. Schon im Dezember 1991 hatte es erstmals Ausschreitungen gegeben, als Mitglieder des islamischen Erweckungsbundes Adolat (Gerechtigkeit) in Namangan Verwaltungsgebäude stürmten und mehrere Polizisten lynchten.

Im Juli 1999 dann war eine etwa 1.000 Mann starke islamistische Guerilla - die meisten waren Usbeken - von Tadschikistan aus in den Süden Kirgistans vorgedrungen, um erstmals ein geschlossenes Gebiet zu besetzen. Ziel war es, von dort in den usbekischen Teil des Fergana-Tals vorzustoßen und einen islamischen Gottesstaat auszurufen.

Präsident Karimow hat stets versucht, diesen Bestrebungen - nicht zuletzt aus Gründen der Selbstlegitimation und Staatsräson - mit einer verordneten Pflege des islamischen Erbes zu begegnen und die Religion als identitätsstiftendes Amalgam der Nation zu nutzen. Wer seinem Glauben folge und loyal sei, hieß es, habe nichts zu befürchten. Gestört wurde die dekretierte Harmonie allerdings, als im Mai 1998 eine Novellierung des Religionsgesetzes alle islamischen und sonstigen Glaubensgemeinschaften zwang, sich neu registrieren zu lassen. Die restriktive Handhabung dieser "Lex Karimow" führte dazu, dass seither von den einst 900 Moscheen im usbekischen Teil des Fergana-Tals über 700 geschlossen wurden.

Schulterschluss mit den USA

Durch seine kompromisslose Politik gegenüber jeglicher Opposition hat Islam Karimow viel dazu beigetragen, dass die Islamisten Zulauf bekamen. Der letzte größere Zwischenfall ereignete sich im Juli 2004, als bei mehreren Terroranschlägen in Taschkent 50 Menschen ums Leben kamen. Laut Human Rights Watch wurden seit den frühen neunziger Jahren, als die Kampagne gegen einen vom Staat unabhängigen Islam begann, etwa 7.000 Menschen zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Präsident Karimow hatte seit Beginn des Afghanistan-Krieges im Oktober 2001 den engen Schulterschluss mit den USA "gegen den gemeinsamen terroristischen Feind" gesucht und einer amerikanischen Militärpräsenz in Usbekistan zugestimmt (auch die Bundeswehr unterhält einen Versorgungsstützpunkt mit 300 Mann). In letzter Zeit jedoch haben sich die Beziehungen zu Washington spürbar abgekühlt, seit dem Sturz von Askar Akajew im benachbarten Kirgistan scheint ein Tiefpunkt erreicht. Kaum überraschend verließ Islam Karimow denn auch Anfang des Monats den Staatenbund GUAM, dem die von den USA hofierten "jungen Demokratien" Georgien und die Ukraine angehören.

Usbekistans Präsident Karimow

Seit Mitte der siebziger Jahre gehört Karimow zur technokratischen Elite der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik - nachdem er bis 1983 zunächst die staatliche Gasgesellschaft Usbekistans geführt hat, übernimmt er danach das Finanzministerium, wird 1986 Vizepremier der Republik und 1989 schließlich Vorsitzender der Usbekischen KP. Als sich die Staatskrise in der UdSSR 1990 zuspitzt, beruft ihn Michail Gorbatschow für kurze Zeit als Vollmitglied in das Politbüro der KPdSU.

Nach dem gescheiterten Moskauer Umsturzversuch vom August 1991 erklärt auch die Republik Usbekistan ihre Unabhängigkeit, deren erster und bislang einziger Präsident Islam Karimow heißt. Im folgenden Jahrzehnt folgt er als Staatschef einem autoritären Stabilisierungskurs und kann sich dabei mit der zur Demokratischen Volkspartei Usbekistans (PDPU) mutierten KP zunächst weiter auf eine Art Staatspartei stützen. Als Gegenpol zu allen islamistisch zentrifugalen Tendenzen proklamiert Karimow einen konformistischen "Staatsislam" und verbietet 1996 per Gesetz die Gründung von Parteien auf religiöser oder ethnischer Basis. Ihm wird zuweilen nachgesagt, er träume von der Vereinigung der turkstämmigen Republiken Turkmenistan, Kirgistan und Kasachstan unter dem Patronat Usbekistans zum "Gemeinsamen Haus Turkestan", wofür das Fergana-Tal mit seinen Ausläufern und usbekischen Minderheiten in Tadschikistan und Kirgistan als eine Art Kernland gilt. Derartige Ambitionen stießen in der russischen Führung nie auf Beifall. Doch lässt Karimow erst davon ab, als mit der US-Intervention in Afghanistan Ende 2001 im usbekischen Qarshi Hanabad eine amerikanische Luftwaffenbasis errichtet wird.

Seit 1991 bereits zweimal per Direktwahl als Staatschef in seinem Amt bestätigt, lässt sich Karimow im Januar 2002 per Plebiszit seine Amtszeit von fünf auf sieben Jahre und damit bis 2006 verlängern.


* Aus: Freitag 20, 20. Mai 2005


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