Usbekistan: Aufstand mit islamistischem Hintergrund?

Über 500 Tote und Tausende Flüchtlinge - Regierung veranlasst Massenverhaftungen

So undurchsichtig die Hintergründe des Aufruhrs in Usbekistan Mitte Mai 2005 auch noch sind, mit der folgenden Zusammenstellung einiger Meldungen aus dem Krisengebiet wollen wir wenigstens einige Informationen aus Agenturmeldungen und der Presse dokumentieren. Die Chronologie umfasst die Tage vom 13. bis 16. Mai 2005. Weitere Hintergründe bringen zwei Artikel, die am 14. Mai im "Neuen Deutschland" sowie in der "Frankfurter Rundschau" erschienen. Den Abschluss bildet ein erster Kommentar, den Karl Grobe für die Frankfurter Rundschau schrieb und der bereits am 14. Mai erschien.

Chronologie

Freitag, 13. Mai:

Ein Terrorprozess gegen mutmaßliche Islamisten hat im Osten Usbekistans blutige Unruhen mit zahlreichen Toten ausgelöst. Eine aufgebrachte Menge stürmte am Freitag ein Gefängnis in Andidschan und befreite vermutlich mehr als 2.000 Häftlinge, darunter 23 wegen verfassungsfeindlicher Aktivitäten angeklagte Geschäftsleute. Soldaten schossen auf die Demonstranten, deren Zahl auf rund 4.000 angewachsen war. Dabei wurden nach Angaben des Führers der Aufständischen, Kabuldschon Parpijew, etwa 50 Menschen getötet.
Das Büro von Präsident Islam Karimow erklärte, neun Menschen seien getötet und 34 weitere verletzt worden. Parpijew bestritt diese Zahl und erklärte, unter den Todesopfern seien auch Kinder. Bewaffnete Aktivisten hielten 30 Soldaten als Geiseln, die auf Demonstranten geschossen haben sollen. Andere stürmten ein Verwaltungsgebäude und verschanzten sich dort. Ein Theater und ein Kino wurden in Brand gesteckt, auf dem Platz davor waren Leichen zu sehen.
"Das Volk hat sich erhoben", sagte Walijon Atachondschonow, der Bruder eines der angeklagten Geschäftsleute. Die Menge fordere mehr Arbeitsplätze und eine allgemeine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage. Ein Sturz der Regierung sei nicht das Ziel. Gegen Abend zerstreute sich die Menge weitgehend.
Den 23 islamischen Geschäftsleuten wird Mitgliedschaft in der Gruppe Akramija vorgeworfen, der Kontakte zur verbotenen Islamistenpartei Hisb-ut-Tahrir nachgesagt werden. Diese wird für Terroranschläge im vergangenen Jahr mit mehr als 50 Todesopfern verantwortlich gemacht. Die islamische Bewegung in Usbekistan soll Kontakte zum Terrornetzwerk Al Kaida sowie zu den gestürzten Taliban in Afghanistan unterhalten.
Präsident Karimow und andere Spitzenpolitiker reisten nach Andidschan im Fergana-Tal. Zugleich betonte die Regierung aber, sie habe die Lage unter Kontrolle. Sie verhängte eine Nachrichtensperre und nahm ausländische Sender aus dem Fernsehprogramm. Sicherheitskräfte riegelten die Stadt ab und errichteten Kontrollpunkte an den Ausfallstraßen. Am Abend kehrte Karimow nach amtlichen Angaben nach Taschkent zurück.

(AP 13. Mai 2005)

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Usbekische Sicherheitskräfte haben einen Aufstand in der Stadt Andidschan nahe der Grenze zu Kirgisien blutig niedergeschlagen. Nach Regierungsangaben ist das von Aufständischen eingenommene Gebäude der Regionalverwaltung am Abend wieder unter Kontrolle der Behörden. Mindestens zehn Menschen wurden getötet, doch angesichts der zunächst weiter andauernden Schießereien wurde mit einer höheren Opferzahl gerechnet. Gerüchten zufolge wurden bis zu 50 Menschen getötet und hunderte verletzt.
In der 300.000-Einwohner-Stadt gab es den ganzen Tag über Schießereien zwischen Sicherheitskräften und Aufständischen, die öffentliche Gebäude besetzten und Häftlinge aus dem örtlichen Hochsicherheitsgefängnis befreiten. Besonders heftig waren die Kämpfe rund um das Verwaltungsgebäude.
Auf dem Platz davor und in den umliegenden Parks löste die Armee eine Demonstration gewaltsam auf. Soldaten schossen auf eine Gruppe von mehreren tausend Demonstranten, die sich dort zur Unterstützung der Besetzer eingefunden hatten. Dabei kam mindestens ein Mensch ums Leben, fünf weitere wurden verletzt, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP beobachtete. Die Demonstranten forderten bessere Lebensbedingungen, mehr Demokratie und den Rücktritt des autoritär regierenden Staatspräsidneten Islam Karimow.
Der Zugang zum Zentrum der Stadt wurde abgeriegelt. Lediglich die staatlich kontrollierten Medien berichteten über die Ereignisse. Erst vor zwei Monaten hatte ein Aufstand in Kirgisien zum Sturz der dortigen Regierung geführt.

(AFP, 13. Mai 2005)

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Das Militär der zentralasiatischen Republik Usbekistan hat einen Aufstand gegen die autoritäre Staatsführung blutig niedergeschlagen. In dem islamistisch geprägten und dicht besiedelten Fergana-Tal im Osten des Landes schossen Soldaten in der Stadt Andischan am Freitagabend (Ortszeit) nach Augenzeugenberichten wahllos auf Menschen.
Es seien hunderte Tote und Verletzte zu befürchten, berichtete der Anwalt Saidschachon Sainabitdinow. «Sowohl die Demonstranten als auch die Aufständischen, die sich in der Gebietsverwaltung verschanzt hatten, wurden aus gepanzerten Fahrzeugen, automatischen Waffen und Gewehren beschossen», sagte er. Nach übereinstimmenden Berichten trafen die Schüsse viele Frauen und Kinder.
Der Angriff des Militärs richtete sich vor allem gegen das von bewaffneten Aufständischen besetzte Gebäude der Gebietsverwaltung. Zehntausende Demonstranten auf dem zentralen Platz von Andischan protestierten gegen einen umstrittenen Extremismus-Strafprozess und forderten den Rücktritt des autoritären Staatschefs Islam Karimow.

(dpa, 13. Mai 2005)

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Die USA und Großbritannien haben die Konfliktparteien in Usbekistan zur Ruhe aufgerufen. Die US-Regierung fordere die usbekische Staatsführung und die Demonstranten zur Zurückhaltung auf, sagte der Sprecher von US-Präsident George W. Bush, Scott McClellan am Freitag. Die Menschen in Usbekistan wollten eine demokratischere Regierung, aber der Wandel müsse friedlich vollzogen werden und nicht durch Gewalt.

(AFP, 13. Mai 2005)

Samstag, 14. Mai

Bei den schwersten Unruhen in Usbekistan seit der Machtübernahme durch Präsident Islam Karimow 1991 sind offenbar mehrere hundert Menschen getötet worden. Eine örtliche Menschenrechtsorganisation sprach von mindestens 300 Toten, die aus der Stadt Andischan gebracht worden seien. Karimow gab die Zahl der bisher getöteten Menschen dagegen mit rund 30 an. Er bestritt, Schießbefehl gegeben zu haben und machte Islamisten für die Unruhen verantwortlich. Mehr als 3000 Menschen flohen nach Angaben kirgisischer Grenztruppen an die geschlossene Grenze zum Nachbarland Kirgisien.
Die Sicherheitskräfte hätten am Freitagabend das Feuer auf die im Stadtzentrum demonstrierenden Zivilisten eröffnet und hunderte Menschen getötet, berichtete der Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation Apeljazija, Saidschahon Sainobidinow, der Nachrichtenagentur Interfax. Apelzjazija-Mitglied Lutfulla Schamssutdinow sagte, unter den im Morgengrauen mit Lkw und Bussen abtransportierten Leichen seien auch zahlreiche Frauen gewesen.
Ein Augenzeuge sprach von "300 oder 400" Leichen, die in der Nähe des Rathauses lägen. Ein AFP-Korrespondent sah etwa 50 Leichen, die meisten mit Schusswunden. Präsident Karimow wies Berichte zurück, wonach die Regierung die blutige Niederschlagung der Demonstration angeordnet habe. Es gelte die strikte Anweisung, keine Gewalt anzuwenden. Im Laufe des Tages versammelten sich erneut hunderte Menschen auf dem Platz vor dem Sitz der Regionalvertretung. Sie riefen Slogans wie: "Nieder mit Karimow, der auf sein eigenes Volk schießen lässt." Karimow regiert die ehemalige Sowjetrepublik seit 1991 mit harter Hand.

(AFP, 14. Mai 2005)

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Einen Tag nach den schweren Unruhen in der usbekischen Stadt Andischan mit vielen Toten ist es zu weiteren Ausschreitungen gekommen. In Karassu steckten Demonstranten unter anderem eine Polizeistation sowie ein Zollamt in Brand, wie Interfax meldete. In der Stadt herrsche große Sorge, dass das Militär die versammelten Menschen unter Einsatz von Schusswaffen auseinander treibt.

(dpa, 14. Mai 2005)

Sonntag, 15. Mai 2005

Nach der blutigen Niederwerfung von Protesten im Osten Usbekistans hat eine Ärztin am Sonntag von rund 500 Todesopfern berichtet. Die Leichen würden in einer Schule in Andidschan aufgebahrt, sagte sie. Das Gebäude werde von Soldaten bewacht, Angehörige identifizierten die Toten. Die Zahl der Verletzten schätzte die Ärztin auf 2.000. In anderen Augenzeugenberichten war die Zahl der Toten zuvor mit 200 bis 300 angegeben worden.
Die Ärztin berichtete telefonisch aus Andidschan weiter, Mitarbeiter der Stadtverwaltung versuchten, einen nahe gelegenen Flughafen zu erreichen, um dem Aufstand zu entkommen. Einige Organisatoren hätten unterdessen versucht, über die Grenze nach Kirgisien zu fliehen. Weitere Proteste gab es nach ihren Angaben in Andidschan nicht. Der usbekische Menschenrechtsaktivist Abdugapur Dadabojew sagte, er habe getötete Polizisten und Soldaten auf den Straßen liegen sehen. Die Leichen von Zivilpersonen seien dagegen schnell geborgen worden. Einwohner von Andidschan berichteten von einer weitgehend ruhigen Nacht.

(AP, 15. Mai 2005)

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Der britische Außenminister Jack Straw hat die Niederschlagung der Unruhen in Usbekistan durch die Sicherheitskräfte verurteilt. "Die Situation ist sehr ernst, die Menschenrechte sind ganz klar verletzt worden, es gibt einen Mangel an Demokratie und Offenheit", sagte Straw am Sonntag der BBC. Der britische Botschafter in Taschkent, David Moran, werde Vertreter der Regierung von Präsident Islam Karimow treffen, um Offenheit über die Vorgänge in Usbekistan anzumahnen. Das Rote Kreuz und ausländische Beobachter müssten die Erlaubnis bekommen, vor Ort zu arbeiten.

(AFP, 15. Mai 2005)

Montag, 16. Mai 2005

Nach der blutigen Niederschlagung des Aufstands in Andischan hat die usbekische Polizei nach eigenen Angaben etwa 70 mutmaßliche Aufrührer festgenommen. Die Lage in der Stadt im Fergana-Tal normalisiere sich langsam
Das sagte der usbekische Innenminister Sakir Almatow nach russischen Medienberichten vom Montag. Ein Teil der befreiten Untersuchungshäftlinge sei freiwillig ins Gefängnis zurückgekehrt, erklärte der Minister am Sonntagabend in Andischan.

(dpa, 16. Mai 2005)

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Die Bundesregierung hat freien Zugang für das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen zu den Unruhegebieten in Usbekistan verlangt. In einer am Montag in Berlin veröffentlichten Erklärung äußerte Außenminister Joschka Fischer ernste Besorgnis über die «nach wie vor angespannte» Situation in dem zentralasiatischen Land, in dem am Wochenende 500 Menschen bei Unruhen ums Leben gekommen sein sollen.

(AP, 16. Mai 2005)

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Bei der blutigen Niederschlagung der Unruhen in der usbekischen Stadt Andischan sind nach Angaben der usbekischen Nichtregierungsorganisation Animokur mindestens 600 Menschen getötet worden. In einer Schule in Andischan habe sie am Samstag 500 Leichen gezählt, weitere hundert Leichen in einer benachbarten Baufachschule, sagte die Animokur-Vorsitzende Gulbahor Turdijewa am Sonntagabend im usbekischen Namangan der Nachrichtenagentur AFP.

(AFP, 16. Mai 2005

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Drei Tage nach dem Blutbad im Osten von Usbekistan dauern die Unruhen weiter an. In der Stadt Andidschan, wo am Freitag bis zu 500 Menschen erschossen wurden, flammten am Montag sporadische Schießereien auf. Soldaten gingen nach Berichten von Einwohnern gezielt gegen militante Anhänger der Opposition vor.
Mit Schützenpanzern riegelten die Truppen das Stadtzentrum ab. Soldaten verschanzten sich in den Straßen hinter Sandsäcken. Am Sonntagabend wurde erneut das Gebäude der Stadtverwaltung beschossen, das bereits am Freitag im Zentrum der Unruhen stand.
Auf dem Friedhof wurde unter den Augen von Sicherheitskräften ein Gemeinschaftsgrab für die Opfer der Unruhen ausgehoben. Dort sollten die meisten Toten beigesetzt werden, die in einer Schule aufgebahrt wurden und deren Zahl eine Ärztin auf etwa 500 schätzte. «Das ist Völkermord», sagte der Leiter der Menschenrechtsgruppe Appell in Andidschan, Saiddschahon Sajnabitdinow. Nach seinen Angaben wurden in der 30 Kilometer nordöstlich gelegenen Stadt Pachtabad am Samstag 200 Demonstranten von Soldaten erschossen.
Sollten die Schätzungen von insgesamt mehr als 700 Toten zutreffen und die Verantwortung dafür wirklich bei den Streitkräften liegen, wäre dies das folgenschwerste Blutvergießen staatlicher Kräfte im eigenen Lande seit dem Tiananmen-Massaker vom Juni 1989 in Peking. Auslöser der Unruhen in Usbekistan war ein Prozess gegen 23 Personen, denen Kontakte zu einer verbotenen islamischen Partei zur Last gelegt wurden. Demonstranten stürmten am Freitag das Gefängnis von Andidschan und befreiten rund 2.000 Häftlinge, unter ihnen auch die Angeklagten. Daraufhin schossen Soldaten in die Menschenmenge.
Der usbekische Präsident Islam Karimow machte die Demonstranten für das Blutbad verantwortlich und warf dem Nachbarland Kirgisien vor, die Unruhen geschürt zu haben. Dort war die Regierung von Präsident Askar Akajew am 24. März von Anhängern der Opposition gestürzt worden.
Der Generalstaatsanwalt in Taschkent leitete Ermittlungen wegen der Anzettelung von Unruhen in Andidschan ein, wie dessen Sprecherin Swetlana Artikowa am Montag mitteilte. Angaben zur Zahl der bisher verhafteten Personen wollte sie nicht machen. Der Menschenrechtler Sajnabitdinow erklärte, dass die Demonstranten nicht die Regierung stürzen, sondern nur ihren Ärger über die schlechte soziale und wirtschaftliche Lage zum Ausdruck bringen wollten.
Die Unruhen griffen von Andidschan auf weitere Städte im Grenzgebiet zu Kirgisien über. Bei Zusammenstößen in Teschiktosch wurden am Sonntag acht Soldaten und drei Einwohner getötet. Mehrere hundert Usbeken flohen nach Berichten von Augenzeugen nach Kirgisien. An anderen Grenzübergängen hinderte die kirgisische Polizei die Flüchtlinge am Verlassen des Landes.
In Korasuw gingen am Samstag rund 5.000 Einwohner auf die Straße, griffen Polizei und Verwaltungsgebäude an und erzwangen die Erneuerung einer seit Anfang 2003 gesperrten Flussbrücke in die kirgisische Nachbarstadt.

(AP vom 16. Mai 2005)



Schwere Unruhen in Usbekistan

Soldaten schossen auf Demonstranten in Andishan / Offenbar viele Todesopfer

Das usbekische Militär hat laut Augenzeugen in der Stadt Andishan am Freitagabend einen Aufstand blutig niedergeschlagen. Viele Menschen sollen getötet worden sein.

Taschkent (Agenturen/ND). Aus gepanzerten Fahrzeugen hätten Soldaten in die Menge gefeuert, berichtete die usbekische Kriegsreporterin Galima Bucharbajewa aus Andishan, 300 Kilometer östlich der Hauptstadt Taschkent. Ihrer Schätzung nach seien bis zu 50 Menschen ums Leben gekommen. Auch der Reporter Alexej Wolosewitsch bestätigte der Internetagentur Fergana.ru Schüsse auf die Menge. »In der Stadt brennen Autos. Nachdem das Militär das Feuer eröffnete, floh die Menge vom Platz«, berichtete er. Andere Schätzungen von Augenzeugen gingen gar von Hunderten Toten aus.

Am Abend hatte das Militär nach Polizeiangaben das bisher von Aufständischen besetzte Verwaltungsgebäude der Stadt Andishan vollständig unter seine Kontrolle gebracht. »In der Stadt ist es jetzt ruhig, das Gebäude ist befreit, alle Geiseln sind freigelassen worden«, sagte ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur Interfax. Zum Schicksal der Aufständischen machte er keine Angaben.

Während des eine Stunde lang dauernden Angriffs seien aus dem Gebäude mehrere Explosionen zu hören gewesen, meldete Fergana.ru. Danach habe heftiger Regen begonnen. Bis auf einzelne Schüsse sei es ruhig geworden. Das Zentrum von Andishan sei menschenleer.

Die Unruhen hatten sich an einem Prozess gegen 23 örtliche Geschäftsleute entzündet. Ihnen wurde Mitgliedschaft in einer islamistischen Gruppierung zur Last gelegt.

Präsident Islam Karimow, dessen Rücktritt die Demonstranten gefordert hatten, hielt sich nach Angaben seines Verwaltungsapparates in Andishan auf. Er trat aber nicht an die Öffentlichkeit.

Andishan zählt mit 320000 Einwohnern zu den größten Städten im verarmten Fergana-Tal, das zunehmend unter den Einfluss islamistischer Extremisten gerät. Die Behörden ließen unterdessen die einzige Verbindungsstraße vom Fergana-Tal zur Hauptstadt sperren. In der Nacht zum Freitag hatten bewaffnete Banden Waffen aus einer Kaserne in Andishan geraubt und damit die Freilassung Tausender Häftlinge aus einem Gefängnis erzwungen. Auch 23 als muslimische Extremisten angeklagten Männer sollen befreit worden sein. Am Morgen besetzten die Aufständischen die Gebietsverwaltung in Andishan.

Nach Berichten von Augenzeugen hielten sich bis zum Abend etwa 100 Aufständische mit Schnellfeuerwaffen und Handgranaten in der Gebietsverwaltung verschanzt.

Im Tagesverlauf hätten Polizei und Armee keine Versuche unternommen, Kontakt zu den Demonstranten aufzunehmen, berichteten Bürger in Andishan. »Wir sind keine Extremisten. Wir wollen Demokratie und Arbeit«, riefen die Kundgebungsteilnehmer im Zentrum. Die Aufständischen teilten mit, sie hätten 15 Soldaten in ihrer Gewalt. Vor der israelischen Botschaft in Taschkent erschossen Wachleute einen Verdächtigen, der mit einer Bombenattrappe auf das Botschaftsgelände gelangen wollte.

Die usbekische Führung kooperiert eng mit den USA im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. In der früheren Sowjetrepublik sind unter anderen Soldaten aus den USA und Deutschland stationiert. Die etwa 300 Bundeswehrangehörigen versorgen von der südusbekischen Stadt Termes aus die Truppen im benachbarten Nordafghanistan.

Aus: Neues Deutschland, 14. Mai 2005

Putin soll zwischen Rebellen und Regierung vermitteln

Präsident Usbekistans macht neben islamistischen Gruppen offenbar auch die USA für die Krise in Andischan verantwortlich

VON KARL GROBE

Frankfurt a. M. · 13. Mai · Usbekistans Präsident Islam Karimow macht offenbar außer islamistischen Gruppen auch die USA für die Krise verantwortlich und befürchtet eine Entwicklung ähnlich der in Georgien und der Ukraine. Vor einer Woche ließ er den Austritt Usbekistans aus der lockeren Staatengruppe Guuam (Georgien, Ukraine, Usbekistan, Aserbaidschan, Moldawien) verkünden, weil sie "die ursprünglichen Ziele und Aufgaben deutlich verändert" habe.

Unbestätigten Berichten der russischen Internet-Agentur Grani.ru zufolge soll er auch Schritte zur Schließung des US-Stützpunktes Khanabad bei Karschi eingeleitet haben. Die Basis war zur Unterstützung des Krieges gegen die Taliban in Afghanistan 2002 eingerichtet worden. Die USA hatten Usbekistan aus diesem Anlass umfassende Hilfen für die Wirtschaftsentwicklung und die Modernisierung der Polizei gewährt.

Mitarbeiter von US-Hilfsorganisationen berichteten im Internet über steigenden politischen Druck. So würden Visa entweder nur sehr zögerlich oder gar nicht erteilt. Arbeitsgenehmigungen würden zurückgehalten und die Tätigkeiten von Nichtregierungsorganisationen wie Peace Corps, das in Usbekistan zahlreiche Projekte betreut, würden "durchgeprüft". Karimow betrachtet die von solchen NGO's unternommenen Hilfsmaßnahmen für den Aufbau einer Zivilgesellschaft offenbar als gefährlich.

Die Taschkenter Regierung hält islamistische Bewegungen für die Auslöser der Proteste. Ein Verfahren gegen 23 Händler und Unternehmer, denen die Anklage Mitgliedschaft in der Akramija-Bewegung vorwirft, war der Anlass zum Aufstand in Andischan. Die Angeklagten bestreiten den Vorwurf. Die Akramija ist 1996 von dem aus Andischan stammenden Akram Juldoschew gegründet worden, der mit der bis dahin gewaltfreien Strategie der international tätigen Organisation Hisb at-Tahrir (Befreiungspartei) unzufrieden war.

Tausende Islamisten in Haft

Hisb at-Tahrir ist 1953 von einem Richter am obersten Islam-Gerichtshof in Jerusalem gegründet worden und strebt die Errichtung eines Kalifats auf marktwirtschaftlicher Grundlage an. Dieses Ziel soll durch Propaganda erreicht werden.

In Usbekistan sind nach verschiedenen Angaben zwischen 2000 und 7000 Mitglieder in Haft. In Veröffentlichungen von US-Geheimdiensten wird der Hisb at-Tahrir Zusammenarbeit mit der gewaltbereiten Islamischen Bewegung Usbekistans (IMU) nachgesagt. Die IMU hatte 1999 und 2000 einen bewaffneten Aufstand am Südrand des Fergana-Tals versucht. Chinesische Dienststellen glauben über Material zu verfügen, das eine Zusammenarbeit der IMU mit islamischen und angeblich separatistischen Gruppen in der Autonomen Region Xinjiang beweise.

Das Fergana-Tal, das durch eine unübersichtliche Grenzziehung seit 70 Jahren zwischen den damaligen Sowjetrepubliken Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisien aufgeteilt wurde, ist ein Zentrum islamischer Traditionen.

In der armen, dicht besiedelten Region hatte sich der Widerstand gegen die Expansion des zaristischen Russland am längsten gehalten, und der Aufstand der so genannten Baßmatschen gegen die Sowjetmacht dauerte hier und in den Bergen Tadschikistans bis Mitte der 30er Jahre an. Die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung des Talbeckens wird durch die verwirrenden Grenzverläufe stark behindert.

Aus: Frankfurter Rundschau, 14. Mai 2005


Kommentar

Rebellion mit grüner Fahne

VON KARL GROBE

Dem usbekischen Präsidenten ist alles klar: Hinter jedem Protest stecken Islamisten, hilfsweise auch die Amerikaner. Wer sonst schon sollte in seiner zentralasiatischen Despotie auf demokratische Gedanken kommen, und wer sonst schon sollte einem anderen Islam anhängen als dem Mann, dessen Vorname so lautet - Islam Karimow. Der Gedanke, es dürfte andere Wege geben als seinen, ist verboten. Zuwiderhandelnde werden bestraft. Gründe finden sich dann schon.

Karimow hat eines mit einigen seiner Nachbarn gemeinsam: Er ist ohne Pause und ohne Umwege vom KP-Sekretär zum postsowjetischen Diktator geworden. Er hat Strukturen, Intoleranz, Bürokratie und Korruption bruchlos übernommen. Die materielle Not ist in den 15 Jahren des unabhängigen Usbekistans gewachsen, besonders im Fergana-Tal. Widersinnige Grenzen zwischen Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisien haben den alten Zusammenhang zerstört und Not verursacht. Das ist der tiefere Hintergrund des Aufruhrs.

Die Rebellen greifen auf islamische Traditionen zurück, da andere Ideologien versagt haben. Sowjetmacht war für sie Repression, Demokratie blieb ein griechisches Fremdwort (mit amerikanischem Akzent; wegen der darauf hoffenden US-Hilfsdienste). Dass die Rebellion statt der roten Flagge oder des Sternenbanners die grüne Fahne des Propheten hisst, ist also erklärlich. Der Grund für den Aufstand ist aber Karimow und nicht, wie er in despotischer Naivität annimmt, irgendeine Unterwanderung.

Aus: Frankfurter Rundschau, 14. Mai 2005


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